www.online-roman.de



  Lust am Lesen     Lust am Schreiben  




LiebesZeilen

Von Anne Chlosta


Eine Träne löste sich von der schimmernden Oberfläche des grün-blauen Auges, um langsam, fast majestätisch an der glattrasierten Wange herabzugleiten. Bakunin weinte. Er tat es nicht oft, eigentlich höchst selten, und wenn es denn gar nicht mehr anders ging, dann reichten ihm ein bis zwei Tränen. Was sollte man auch anderes erwarten von einem beinahe zwei Meter großen Mann, mit Händen, rau und rissig vom Schleppen antiquarischer Möbel und einem Kreuz, so breit, dass man ihm durchaus zutraute, einen Elefanten stemmen zu können. Bakunin war Möbelpacker von Beruf, allerdings im Moment ziemlich arbeitslos; auch ihn hatte die Entlassungswelle erwischt als die Firma, bei der er angestellt war, pleite gegangen war.
Nun ergriff er jede Gelegenheit, die sich ihm bot, um über die Runden zu kommen, schließlich wollte man ja weiterleben. Aus diesem Grund hatte er sofort zugesagt als ein Bekannter ihn angerufen und von einem Auftrag erzählt hatte, für den er noch jemand suchte. Bakunin hatte nicht lange gefackelt, sich die Adresse notiert und war losgezogen. Das Haus, in dem er einige alte Möbel abholen sollte, um sie zu seinem Bekannten, der ein Antiquariat besaß, zu bringen, lag ziemlich abgelegen außerhalb der Stadt.
Als der Möbelpacker dort in seinem staubig rostroten Lieferwagen ankam, war es gerade Mittag, eigentlich keine günstige Zeit zum Arbeiten, sondern eher für eine gute Mittagspause. Doch Bakunin hatte keine Zeit zu verlieren, er musste die Möbel schließlich noch ausfindig machen, einladen und zu seinem Bekannten transportieren. Das alles würde ihn sicher ein, zwei Stunden kosten und der Weg zurück in die Stadt war weit. Also stieg er aus dem Wagen, Kies knirschte unter seinen braunen Cowboystiefeln, und unterzog das Anwesen einer gründlichen Musterung. Es war eine hoheitsvolle Villa, in einem sanften Gelb gestrichen, zu der ein breiter Kiesweg führte, den auf beiden Seiten vier steinerne Löwen bewachten. Eine vielstufige Treppe ließ Bakunin aufstöhnen, er sah sich schon mitsamt einer zentnerschweren Kommode herunterstürzen. Doch der Glanz der Villa war mit den Jahren von ihr abgefallen, das sanfte Sonnengelb an den meisten Stellen mit einem Grünstich überzogen. Dachpfannen lagen vereinzelt im Gras des wild wuchernden Gartens. Auch waren viele der hohen Fenster blind vor Schmutz, manche Scheiben eingeschlagen und wenn Bakunin sich nicht täuschte, diente zumindest die heruntergekommene Veranda als Taubenschlag.
"Na, dann wolln wir mal!" Der Möbelpacker schnippte die halb zuende gerauchte Zigarette auf den Boden, zertrat sie nachlässig mit der Fußspitze und machte sich mit den Arbeitshandschuhen in der Gesäßtasche seiner Jeans auf den Weg. Sein Bekannter hatte ihm, was die Möbel betraf, genaue Anweisungen gegeben, da sollte es keine größeren Schwierigkeiten geben. "Ich hoffe nur", murmelte Bakunin, während er die vielen Stufen heraufstieg, "dass ich alles alleine schleppen kann, ansonsten sehe ich hier ziemlich alt aus."
Am dunklen Eingangsportal angekommen, wollte er schon die Hand nach dem eisernen Löwenkopf ausstrecken, der als Klingel zu dienen schien, als ihm einfiel, was sein Bekannter über die letzte Bewohnerin der Villa erzählt hatte. Die alte Dame war vor einigen Monaten gestorben, von ihrer Verwandtschaft vergessen, ohne Freunde oder Bekannte. Ihre Villa, die sie alleine nicht hatte unterhalten können, war mit ihr gealtert, ohne dass es jemand gestört hatte. Doch nach dem Ableben der Besitzerin war der Staat endlich auch auf das Anwesen aufmerksam geworden, ein Testament war nicht gefunden worden. So kam es, dass Bakunins Bekannter seinerseits von einem Bekannten, der an geeigneter Stelle beschäftigt war, den Tipp bekam, es gebe in der Villa noch etwas zu holen. Bald schon würde von dem Anwesen nichts mehr übrig sein, das weitläufige Grundstück sollte anderen Zwecken dienen.
Vorsichtig versuchte Bakunin, die rechte Türhälfte aufzudrücken, sie gab seinen kräftigen Händen nach und schwang auf, den Blick auf eine große Eingangshalle freigebend, die so verstaubt aussah wie sie roch. Um sich schauend, sah Bakunin fein gewebte Spinnweben, lange von ihren Erbauerinnen verlassen und nun wie grazile Leichen in den Ecken schwebend. Die einstmals weißen Wänden waren von einer schmutzig grauen Schicht bedeckt, auf dem Marmorboden liefen Risse wie ein riesiges Spinnennetz auseinander. Als Bakunin nach einem Lichtschalter tastete, man konnte ja nie wissen, scheuchte er ungewollt einige Ohrenkneifer auf, die schwarz und glänzend in ihren Schlupflöchern verschwanden. "Sehr anheimelnd", bemerkte der erschrocken Zurückgetretene, "jetzt verstehe ich auch, warum ausgerechnet ich den Job übernehmen sollte: Er hat einfach niemanden gefunden, der es machen wollte. Kann ich gut verstehen!" Ohne sich noch weiter umzusehen, beschloss Bakunin, so schnell wie möglich die Möbel und damit auch sich selbst aus der Villa herauszubefördern, länger als nötig wollte er hier nicht bleiben.
Laut den Auskünften seines Bekannten standen die Möbel im Salon des Anwesens und Bakunin hatte doch so viel Ahnung von alten Häusern, dass er diesen auf Anhieb fand. Er stieg eine breite Treppe herauf, deren samtige Stufen vor Dreck strotzten, öffnete eine nur angelehnte Tür an der linken Seite des Ganges und stand in einem stockdusteren Raum. Vermutlich waren hier schwere Vorhänge zugezogen worden, man sah die Hand vor Augen nicht. Da er nicht viel Wert darauf legte, beim Durchqueren des Zimmers gegen die kostbaren Möbel zu stoßen, versuchte er sein Glück doch noch einmal an der Wand. Und tatsächlich, sein Tasten wurde belohnt, ein leises Klicken ertönte und drei scheibenrunde Glaslampen verströmten seltsam goldenes Licht. Bakunin pfiff unwillkürlich durch die Zähne, als er den Salon sehen konnte, so etwas begegnete ihm nicht alle Tage. Der Salon hatte keine Fenster, daher war es so dunkel gewesen. Stattdessen brach sich das Licht in einigen mannshohen Spiegeln von wahrhaft gigantischem Ausmaß, die paarweise an den vier Wänden hingen. Nur der rissige Marmorboden schickte Bakunin kein Spiegelbild entgegen. Er fühlte sich unwohl in dem Raum, die Spiegel waren auf eine Weise, die er nicht ergründen konnte, so angeordnet, dass der Blick seiner eigenen Augen ihn nie loszulassen schien. Die alte Dame musste nicht nur wahnsinnig reich, sondern auch sehr exzentrisch gewesen sein, anders konnte er sich einen derartigen Spiegelsaal nicht erklären. In der Mitte des Salons standen unter einem riesigen Kronleuchter, auf einem Häuflein zusammengepfercht, die gesuchten Möbel. Sie wirkten wie schutzlose Elemente in einer Umgebung, zu der sie nicht gehörten. Aufatmend konnte Bakunin jedoch erkennen, dass es sich tatsächlich nur um kleinere Stücke handelte, die er leicht allein würde tragen können. Nur eine größere Kommode machte ihm Sorgen, sie sah einigermaßen schwer aus. Na, er würde das schon hinkriegen, dachte sich der Möbelpacker, holte die Handschuhe hervor und machte sich an die Arbeit.
Eine Stunde später verlor Bakunin, der gerade mit seinem letzten Möbelstück, der Kommode, unterwegs war, den Halt und stürzte die Treppe in die Eingangshalle herunter. Fluchend rieb er sich das schmerzende Steißbein, auch sein linker Arm hatte beim Aufprall an der steinernen Wand einiges abbekommen, fühlte sich taub an. Doch das alles war weniger schlimm. Was Bakunin frustriert aufschreien ließ, war der Anblick der Kommode. Sie lag wenige Meter neben ihm, beziehungsweise das, was noch von ihr übrig war. Der Sturz hatte ihr nicht gut getan, ihr altes Holz war zersplittert und nur eine Schublade hatte das Ganze unbeschadet überstanden. Die Kommode war unbrauchbar geworden, Bakunin um einen Lohnanteil ärmer. Wütend auf sich selbst, auf die rutschigen Stufen der Treppe und überhaupt auf diese ganze gottverdammte Ruine versetzte Bakunin den Resten des Möbels einen herzhaften Tritt. Dabei polterte ein weinrotes Kästchen aus einem lang vergessenen Fach, fiel genau vor die Cowboyspitze Bakunins. Erstaunt ging er in die Hocke, fasste das zugegebenermaßen schöne Kästchen mit beiden Händen und begutachtete es. In der verfallenen Villa wirkte es wie ein wertvolles Kleinod, glänzend und unversehrt. Früher mochte einmal ein Schloss daran gewesen sein, doch die Jahre und der Sturz hatten es vergehen lassen, das Kästchen war offen. Es war so leicht, dass Bakunin glaubte, es sei leer und es unachtsam umdrehte, um den Boden zu betrachten. Da fiel ein mit einem hellgrünen Band zusammengebundener Stapel vergilbter Briefe in den Staub des Bodens, eine graue Wolke verursachend. Bakunin hustete erst, bevor er das Kästchen neben sich stellte und mit den Briefen in der Hand auf der untersten Treppenstufe Platz nahm.
Er hatte sich angewöhnt, seine Neugier zu bezähmen, in seinem Beruf war es nicht unbedingt vorteilhaft, in alten Fächern und Schubladen zu schnüffeln. Doch in diesem Fall lagen die Dinge anders, die vermutliche Verfasserin oder Empfängerin der Briefe war tot und niemand konnte etwas von diesen Briefen ahnen. Daher fühlte sich Bakunin kein bisschen schuldig als er vorsichtig das seidige Band löste und den ersten Brief zur Hand nahm. Der Umschlag war nicht verschlossen, er ließ sich einfach öffnen, einen vom Alter gelblich gewordenen Briefbogen enthüllend. Mühsam entzifferte der Möbelpacker, was in verschwindend zartblauer Schrift auf dem Papier stand. Nachdem er den ersten Brief gelesen hatte, blickten seine Augen einen Moment lang ins Nichts, bevor er den offenen Umschlag noch einmal untersuchte. Er wurde fündig, ein weiterer Briefbogen kam zum Vorschein. Auch dieser war von einer zarten Schrift bedeckt, doch war diese weicher als die erste, geschwungener und kleiner. Der Briefbogen, den sie verzierte, war von einem orangenen Farbton, nach all den Jahren nur mehr pastellfarben glühend. Als Bakunin auch diesen Brief gelesen hatte, er brauchte länger, die Buchstaben waren so verschnörkelt, dass er sie fast nicht lesen konnte, griff er wie gehetzt zum nächsten Umschlag. In diesem fanden sich wieder zwei Briefbögen, der eine gelblich, der andere orangenfarben. Brief und Brief, Frage und Antwort. Wie im Fieber öffnete Bakunin einen Umschlag nach dem anderen, verschlang die blauen Zeilen, Wortfetzen auf seinen Lippen, geschriebene Liebkosungen murmelnd. Draußen wurde der Tag langsam zum Abend, die Sonne ging bereits unter als Bakunin den letzten Briefbogen sinken ließ.
Eine Träne löste sich von der schimmernden Oberfläche des grün-blauen Auges, um langsam, fast majestätisch an der glattrasierten Wange herabzugleiten. Weitere Tränen folgten ihr auf ihrem Weg, nässten die Haut, bis Bakunin sein feuchtes Gesicht am staubigen Ärmel seines Overalls abwischte. Mit einem völlig neuen Blick in den Augen starrte er auf die Briefe auf seinem Schoß. Ein Geheimnis, viele Jahre, ein ganzes Leben lang, verborgen gehalten vor der Außenwelt und nun durch einen dummen Zufall in seine Hände geraten. Was die Worte ihm enthüllt hatten, war die Geschichte unaussprechlicher Gefühle, der Weg zweier Herzen, die nur auf dem Papier zueinander finden konnten. Bakunin hatte nie viel gelesen, wenn er Feierabend hatte, reichte ihm der Stammkrug mit den Kollegen, die Sportschau am Samstag und ab und an mal eine Zeitung. Er hörte viel Radio auf seinen Möbelfahrten, war am Weltgeschehen an sich schon interessiert, doch mit Literatur hatte er nichts am Hut. Was diese Briefe ihm jedoch mitgeteilt hatten, hatte ihn im tiefsten Inneren ergriffen, eine Saite berührt, von der er nicht einmal gewusst hatte, dass sie existierte. Die Worte waren mehr als geschriebene Fakten, in Worte gefasste Ereignisse, wie sie tagtäglich in den Zeitungen standen, mehr als Informationen, gedruckt um Kunden bei Laune zu halten und Geld zu bringen. Aus den blauen Zeilen der Briefbögen sprach so viel Liebe, so viel Zärtlichkeit, dass Bakunin nicht mehr wusste, wohin mit seiner Reaktion. Solche Gefühle kannte er nicht, sie waren ihm völlig fremd, er hatte nicht gewusst, dass diese Liebe zwischen zwei Menschen möglich war.
Die alte Dame, zu früheren Lebzeiten anscheinend ein angesehenes Mitglied der höheren Gesellschaft, hatte die Villa nicht nur mit ihrem Mann, einem älteren Geschäftsmann von Adel, bewohnt. Um das enorme Anwesen zu unterhalten, den Garten zu pflegen und zu zeigen, dass man etwas auf sich hielt, umgab das Ehepaar sich mit einer ganzen Schar Dienstboten. Von der Köchin bis zum Chauffeur war alles vertreten. Der Hausherr machte seinem Namen selten Ehre, er war meistens auf Geschäftsreisen, ein auch damals übliches Phänomen, wie Bakunin grinsend festgestellt hatte. Seine Frau, die ihren Mann weniger aus Liebe, denn aus Pflichtbewusstsein gegenüber ihren Eltern jung geheiratet hatte, war einsam in dem riesigen, nicht unbedingt gemütlichen Haus. Sie langweilte sich zu Tode, da alles von dienstbaren Geistern übernommen wurde, ihr keine Möglichkeit der Zerstreuung bietend. Aus dieser Einsamkeit befreite sie erst der schicksalhafte Tag, an dem die junge Adlige zum ersten Mal die Küche betrat und die Köchin und sie sich in die Augen sahen. Von dem Moment an verbrachte die Frau mehr Zeit in der Küche als sie je mit ihrem Gatten verbringen würde. Es hatte nicht als Freundschaft begonnen, das war undenkbar, allein schon wegen der unterschiedlichen Herkunft. Die beiden Frauen, eine behütet aufgewachsen und, mit überdurchschnittlicher Intelligenz ausgestattet, gefangen im goldenen Käfig der Ehe, die andere etwas älter, mit beiden Beinen im Leben stehend und von Anfang an harte Arbeit gewöhnt, zogen sich an wie zwei Magneten. Bereits bei ihrer ersten Begegnung kam es zu heftigen Küssen in der Vorratskammer, atemlosen Erkundungen des anderen Körpers und im Stoff der Kleider erstickten Schreien. Sie konnten sich nicht voneinander lösen, wie eine entfesselte Naturgewalt brachen ihre Gefühle los, völlig unerwartet, doch mit offenen Armen empfangen.
Bakunin las von der Entwicklung der unerschütterlichen Liebe, die so instinktiv begonnen hatte und doch bald weit über Sex in der Vorratskammer hinausging. Köchin und Hausherrin, eine ungleichere, unglaublichere Konstellation schien es nicht zu geben. Aber die beiden entdeckten in der anderen mehr als nur ein Lustobjekt, begehrenswert allein wegen seines Körpers. Sie waren die jeweilige Ergänzung der anderen, da, wo die eine der Realität oft davon zu fliegen schien, holte die andere sie auf den Boden der Tatsachen zurück, während die Welt der Bücher, der Fantasie, sich erst durch die Gräfin für sie öffnete. Die Beziehung war nicht ohne Gefahren, der Hausherr, ahnungslos und viel zu oft abwesend, hätte nur einer Vermutung, geäußert von einem geldgierigen Bediensteten, Glauben schenken müssen, doch das Schicksal entschied sich zugunsten der beiden Frauen.
Kein Wort von der Affäre drang jemals an die Ohren des Ehemannes, wollte einer reden, gab es immer jemand, der ihm genügend zusteckte, um ihn zum Schweigen zu bringen. Nicht die Entdeckung ihrer Liebe war es, die zur Trennung der Frauen und dem Beginn des Briefwechsels führte, sondern ein ebenso dummer Zufall wie der, der ihr Geheimnis in Bakunins Hände hatte fallen lassen. In Abwesenheit des Gatten entflohen die Geliebten der steifen Atmosphäre der Villa für einen sonnigen Nachmittag, zu einem festlichen Picknick. Zu dieser besonderen Gelegenheit nahm die Köchin zwei Kristallgläser aus dem alten Ebenholzschrank, der Rotwein glitzerte im Sonnenlicht als sie sich auf einer schattigen Wiese zuprosteten. Danach fielen sie einander in die Arme, die seltene ungestörte Zweisamkeit ausnutzend. Beim wegen eines plötzlichen Schauers überstürzten Aufbruch gingen beide Gläser zu Bruch, zerbrochen unter dem Gewicht der hastig auf sie gelegten Teller und Flaschen. Das wäre nicht so schlimm gewesen, hätte der Graf nicht wenige Tage später beschlossen, ein Festessen für einige seiner Geschäftspartner zu veranstalten, mit allem Prunk und Pomp, der dazu gehörte. Als man den Tisch deckte, fielen die fehlenden Gläser unangenehm auf. Sie hatten zum Familienerbe des Grafen gehört, ein Ersatz war unmöglich gewesen. Ein ehrgeiziges Dienstmädchen ergriff die sich bietende Gelegenheit, ihre Rivalin aus dem Haus zu drängen und bezichtigte die Köchin des Diebstahls. Der Gräfin waren die Hände gebunden, sie konnte die Geliebte nicht entlasten ohne den wahren Grund für das Verschwinden der Gläser und damit ihre Liebe preiszugeben. Die Köchin musste die Villa verlassen, denn trotz flehender Bitten seiner Frau ließ der Graf sich nicht erweichen.
Die Tränen glänzten bereits in Bakunins Augen als er in blauzarten Buchstaben von den Szenen des Abschiedes las, die den Beginn des Briefwechsels bedeuteten. Dem Hausherren verweigerte seine Frau sich nun völlig, unfähig, einen anderen Körper als den ihrer Geliebten, die sie in ihren Briefen liebkosend "mein Schmetterling" nannte, zu berühren. Die Köchin wechselte zu einer Herrin am anderen Ende des Landes, dann zu einer Familie in Frankreich. Dort wurde sie erneut versetzt. Nie blieb sie lang an einem Ort, entfernte sich immer weiter von der Gräfin, doch der Briefwechsel riss nie ab. Zärtliche Worte, verlangende, mit zitternder Hand geschriebene Liebkosungen und verzweifelte Liebesschwüre zogen sich von Brief zu Brief, von Jahr zu Jahr, den lesenden Bakunin immer mehr in ihren Bann ziehend. Dann, unvermittelt, es hatte ewig geschienen, gab es keine orangene Antwort mehr. Die von der Gräfin für sich selbst aufs neue verfassten Briefe fanden ihr Echo nicht mehr, blieben einzeln stumm. Bakunin hoffte auf ein Wunder, doch es stellte sich nicht ein. Die Stimme der Köchin war, wie die Gräfin nach mühsamen Nachforschungen herausfand, für immer verstummt, ein Herzschlag hatte die so unverwüstlich Scheinende aus dem Leben gerissen. Die zurückgelassene Geliebte hörte nicht auf, ihrer Freundin zu schreiben, sie verfasste weiterhin bittersüße Zeilen, ließ die Vergangenheit wieder auferstehen und erzählte der Toten von ihrem Leben. Der Hausherr starb, die Scharen der Dienstboten lichteten sich, doch die inzwischen alt gewordene Gräfin konnte sich nicht von dem Haus lösen, mit dem sie so viele Erinnerungen verbanden. Es verfiel vor ihren Augen, unter ihren Füßen, aber sie blieb beharrlich wo sie war. Die Briefe, die sie wie früher in ihrer Kommode versteckte, zeugten von ihrer niemals erlöschenden Geisteskraft, eine Tatsache, die Bakunin einmal mehr heftig schlucken ließ. Die alte Frau hatte sich ihre geistige Frische bewahrt, während ihr Körper fast zeitgleich mit der Villa verfiel. Ihre Briefe quollen über vor sehnsüchtiger Liebe, wissend, dass sie die Geliebte nun nie wieder sehen würde. Schließlich, endlich, war der Körper zu schwach, um dem Tod noch länger entgehen zu können. Der Briefwechsel endete mit einem letzten Brief an die Köchin, noch ein Mal von der Liebe, dem Glück und den großen Gefühlen erzählend, die die beiden Frauen ihr ganzes Leben lang verbunden hatten. Anstatt einer Unterschrift beschloss die Gräfin den Brief, als ahne sie, dass es ihr letzter sein würde, mit einem verschlungenen Monogramm, das Bakunin die Namen der Geliebten, die sie aus Angst vor Entdeckung stets umgangen hatten, endlich enthüllte. Die Flügel eines grazilen Schmetterlings trugen die Schriftzüge der Köchin und der Hausherrin, wie zum Fluge ausgebreitet stand es zartblau auf dem Papier: Andrea und Vivianne.



Wenn Sie einen Kommentar abgeben möchten, benutzen Sie bitte unser Diskussionsforum. Unser Autor / unsere Autorin ist sicherlich genau so gespannt auf Ihre Meinung wie wir und all die anderen Leser.



»»» Kurzgeschichten Liebe Romantik love story «««

»»» Kurzgeschichten: Überblick, Gesamtverzeichnis «««

»»» HOME PAGE «««



Eingereicht am 16. Mai 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.