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An Ben

Von Anne Chlosta


Warst du schon mal einsam? Nicht allein, sondern richtig einsam, ohne eine Seele auf der Welt? Gefangen in einem Kokon aus Leere, Stille und deinem eigenen Atem? Hast du dich schon einmal so gefühlt wie ein Astronaut im luftleeren Raum sich fühlen muss, nur dass da keine Erde beruhigend blau zu dir hinaufstrahlte? Weißt du, wovon ich rede? Es ist still. Nicht nur in dem Zimmer, in dem ich alleine sitze, auf meinem ungemachten Bett, wie so oft in den letzten Tagen. Auch in meinem Kopf - gähnende Leere. Kein Laut ist zu hören, ich habe vorgestern zum letzten Mal mit einem anderen Menschen gesprochen. Es ist anstrengend, ich muss mich konzentrieren auf das, was ich höre, was der andere sagt, aber es scheint so sinnlos. Es hilft nicht gegen die Einsamkeit. Erst habe ich geredet um mich abzulenken, um an etwas anderes zu denken, aber sie war immer da. Wenn ich wieder alleine war, schlug sie zu. Schlimmer als zuvor. Sie schien mir größer zu sein als vorher, die Stille noch stiller. Wenn die Worte nicht da sind, merkt man nicht, wie still es um einen herum ist. Wenn niemand spricht. Erst wenn man sie hört, wenn der Raum sich mit Lauten füllt, dann merkt man, wie still es ist. Nicht leise, sondern still. Und die Einsamkeit, sie macht sich dann um so mehr bemerkbar. Ich spreche lieber nicht. Es sei denn, ich führe Selbstgespräche, das hilft manchmal auch ganz gut. Aber nicht oft. Da sage ich lieber gar nichts mehr. Mein Zimmer wird zum Weltall, zum luftleeren Raum, in dem es nichts zu geben scheint, nichts außer meinem Atem. Und selbst den kann ich manchmal nicht mehr ertragen. Dann höre ich auf zu atmen, einfach so. Nicht zu lange, irgendwann wird der Druck auf den Lungen so groß, dass ich atmen muss. Ich möchte ja auch nicht sterben. Seltsam eigentlich, denn ich habe nichts, für das ich leben könnte, für das es sich lohnen würde, zu leben. Nur diese Einsamkeit.
Weißt du eigentlich, wovon ich rede? Kannst du dir etwas darunter vorstellen oder glaubst du, ich sei verrückt geworden? Das ist wahrscheinlich gar nicht einmal so falsch. Einsamkeit ist auch eine Form der Verrücktheit. Einsame Menschen wissen oft nicht, was sie tun, weil sie so einsam sind. Ich habe das auch schon bemerkt, bei mir selbst. Einmal stand ich mitten auf der Straße, in einer Einkaufsstraße und habe nicht aufgehört zu weinen. Ich konnte nicht mehr aufhören, es war so unwirklich, im Musikladen spielten sie ein Lied, unser Lied, und ich musste an dich denken. Aber ich habe gar nicht gemerkt, dass ich dastand und weinte, es musste mich erst ein besorgter älterer Mann fragen, was los sei. Sonst hätte ich noch heute da gestanden und geweint. Und alles wegen eines Liedes, wegen ein paar Musikfetzen. Aber so etwas versteht nur, wer selbst einsam gewesen ist. Deshalb weiß ich nicht, ob du mich verstehst. Willst du es vielleicht auch gar nicht?
Einsame Menschen sind keine angenehme Gesellschaft, sie lachen nicht, sie schweigen nur und haben diesen starren Blick. Wenn sie einen anschauen, sieht man schnell weg, denn es ist, als könnten sie in den eigenen Augen lesen, dass man insgeheim froh ist, nicht einsam zu sein. Man heuchelt Mitleid, aber ein Teil ist immer erleichtert, dass es einen anderen erwischt hat. Einsamkeit ist schwer zu ertragen, weil sie nicht nach einer Woche verschwinden will. Einsamkeit bleibt. Auch wenn man wieder lacht, nicht mehr schweigt, die Augen sprechen eine andere Sprache. Hörst du es? Ich zitiere dich. Wir saßen zusammen, alle Freunde am großen Eichentisch, wie die Ritter der Tafelrunde, und da war Michael. Er war allein, nicht wie sonst mit Sabine gekommen. Weißt du noch? Wir waren alle zu zweit gekommen, nur Michael saß alleine auf seinem Stuhl, auch noch am Kopfende, ohne Wand hinter sich. Einfach nur Michael, auf diesem Stuhl. Ich werde nie vergessen, wie alle überall hingeschaut haben, nur nicht in Michaels Augen, weil keiner die Einsamkeit darin sehen wollte. Sabine war erst vor zwei Tagen ausgezogen, aber Einsamkeit ist zeitlos. Hinterher, als wir mit den Fahrrädern an der alten Windmühle vorbeigefahren sind, und ich in einen Nagel gefahren bin. Wir mussten laufen, den ganzen Weg zurück. Da hast du das mit den Augen gesagt, die Augen sprechen eine andere Sprache.
Würdest du dasselbe sagen, wenn du mich jetzt sehen würdest? Würdest du dich wegen mir wiederholen, obwohl du Wiederholungen nicht leiden kannst? Habe ich einsame Augen? Wenn ich es wenigstens wüsste, aber ich habe keinen Spiegel mehr, in dem ich es überprüfen könnte. Spiegel sind so sinnlos geworden, seit ich mich nicht mehr schön machen kann, für dich. Natürlich auch für mich, klar, aber ich weiß ja, wie ich aussehe, in allen Lebenslagen. Ich kann mich selber nicht mehr überraschen. Was soll ich da mit einem Spiegel? Wahrscheinlich schüttelst du gerade den Kopf und fragst dich, wie ich auf diesen Unsinn komme. Du hast es ja nie verstanden, wenn ich wieder meine philosophischen Anwandlungen hatte, wie du es nanntest. Was soll ich sagen, so bin ich nun mal. Es war wahrscheinlich sowieso eine bescheuerte Idee, diesen Brief zu schreiben. Du wirst ihn nicht lesen, wenn du den Absender siehst, du wirst ihn mit einer wegwerfenden Handbewegung in den Mülleimer befördern, ich kenn dich doch. Und selbst wenn du ihn lesen solltest, dann wird sich nichts ändern. Ich werde vor dem Telefon sitzen und auf deinen Anruf warten, aber du wirst dich nicht melden. Ich werde auf die Haustür starren und auf deinen Schatten hinter der Milchglasscheibe warten, aber du wirst nicht kommen.
Vielleicht sollte ich keinen Absender auf den Brief schreiben, keinen Namen, nichts. Einfach nur ein weißer Umschlag. Das müsste dich eigentlich neugierig machen, dann hätten meine Worte wenigstens eine Chance. Dabei ist es schon so lange her. Fast drei Wochen. Ich weiß, das klingt nicht lang, eher kurz, aber wenn man einsam ist, dann vergeht die Zeit nur sehr langsam, wie in Zeitlupe. Ich denke ja auch an nichts anderes, das macht es nicht gerade besser. Weißt du, wie anstrengend es ist, immer an ein und dasselbe zu denken? Nein? Es ist gar nicht anstrengend, es geht wie von selbst. Ich denke nicht darüber nach, warum ich an nichts anderes denken kann,
ich denke einfach daran. Einfach so. Und trotzdem bringt es mich keinen Schritt weiter, keinen einzigen. Du fehlst mir. Da, ich habs gesagt. Einfach so. Du mochtest sowas ja nie, das war dir alles viel zu eng. Ich liebe dich, das hast du genau vier Mal zu mir gesagt. Vier Mal in vier Jahren. Warum ich das so genau weiß? Weil ich mir die Tage notiert habe, in meinem Kalender. Das erste Mal war, als wir uns zum ersten Mal geliebt hatten. Es war nicht schön, deine Eltern schliefen ja nebenan und in den neuen Mietwohnungen waren die Wände schon immer zu dünn, aber trotzdem. Es war das erste Mal und wenn es noch so unromantisch ist, das erste Mal bleibt etwas Besonderes. Danach hast du's mir zum ersten Mal gesagt. Ich kann mich auch noch gut an den Morgen danach erinnern, am Frühstückstisch. Deine Mutter konnte mir nicht in die Augen sehen, aber wenn sie dich angeschaut hat, war auf ihrer Stirn plötzlich eine ganz große Falte. Sie sah aus wie ein Sharpei, das hast du mir hinterher gesagt, als wir endlich aus der Wohnung fliehen konnten. Ich wusste nicht, was ein Sharpei ist, da hast du mich zu euren Nachbarn geschleift, die hatten einen. Es war ein Hund, ein faltiger Hund mit einem Ringelschwänzchen. Ich sehe öfter einen Sharpei auf den Straßen, dann muss ich immer an deine Mutter denken. Und an dich, an unser erstes Mal.
Das zweite Mal hast du es gesagt, als ich von einem Auto überfahren worden war, dummerweise. Ich hatte eine rote Ampel übersehen, dann war alles schwarz. Das Erste, was ich im Krankenhaus gesehen habe, waren deine Augen. Du hast geweint. Zum ersten Mal, seit ich dich kannte, hast du geweint. Ich konnte mich nicht bewegen, aber wenn ich es gekonnt hätte, dann hätte ich deine Wangen gestreichelt, um deine Tränen zu fühlen. Du hast nie wieder wegen mir geweint. Aber du hast mir damals gesagt, dass du mich liebst. Zum zweiten Mal. Eigentlich, also, wenn ich es mir genau überlege, hast du es mir nur dann gesagt, wenn es eine ganz besondere Gelegenheit gab. Als du von deinem Einsatz im Kosovo zurückgekommen bist, nach vier Monaten, das dritte Mal. Als du mir einen Heiratsantrag gemacht hast, nachts, vor der alten Windmühle, das vierte Mal. Und da warst du betrunken, also zählt es eigentlich nicht. Aber du hast es gesagt, konntest dich an genau diese drei Worte erinnern in deinem Suff. Ich weiß gar nicht mehr, was ich geantwortet habe, ich weiß ja nicht einmal, wie wir an dem Abend nach Hause gekommen sind.
Wir waren kein romantisches Paar, das stimmt. Das hat Sabine mal zu uns gesagt, erinnerst du dich noch? In der Kneipe, es ging gerade um etwas völlig anderes, da ist Sabine plötzlich aufgestanden, mit ihrem Glas Rotwein in der Hand, und hat gesagt: Miri und Ben, ihr seid kein romantisches Paar. Dann hat sie sich wieder hingesetzt und alle haben weitergeredet, aber ich habe nichts mehr gesagt. Hatte sie Recht? Was ist überhaupt Romantik? Die langstielige Rose am Valentinstag? Der Bootsausflug am Geburtstag? Die Kerzen beim Sex im Schlafzimmer? Das hatten wir nie, das stimmt. Aber das muss man ja auch nicht haben. Eigentlich. Es reicht, wenn man sich liebt. Ich wusste, dass du mich liebst, auch wenn du es mir so selten gesagt hast. Das spürt man, als Frau, ich jedenfalls. Es ist etwas in den Augen, in der Art, wie du mit mir gesprochen, wie du mich berührt hast.
Wo ist es hin? Was ist damit passiert? Kannst du es mir sagen? Was für eine bescheuerte Frage, die nehm ich lieber wieder zurück. Es bringt ja doch nichts, wir haben nichts mehr, das uns verbindet, außer einer Vergangenheit. Außer vier Jahren, vier Mal " ch liebe dich". Das reicht doch. Reicht das? Ich wünschte, du würdest in eine andere Stadt ziehen oder auf einen anderen Kontinent, einen anderen Planeten, egal wohin, nur weg von mir. Du und sie, ihr beide, ich sehe euch zu oft. Fast jeden Tag, entweder beim Einkaufen, beim Friseur oder auf der Straße. Ich gehe jetzt öfter zum Friseur, wusstest du das? Natürlich, wie blöd, sie wird es dir erzählt haben. Du fandest mich ja schon immer ein wenig nachlässig mit meiner Frisur, das hast du oft genug gesagt. Ich wünschte, du könntest mich so sehen. Ach nein, du siehst mich ja so oft und dann schaust du mich gar nicht an, also ist es auch egal. Wenn ich es mir so durch den Kopf gehen lasse, ist es auch egal, ob ich diesen Brief abschicke oder nicht. Wenn du ihn liest, kannst du dich zusammen mit ihr über mich lustig machen, über die dämliche Kuh, die immer noch an dich denkt. Und wenn du ihn gleich in den Müll schmeißt, dann ist es auch egal.
Weißt du was? Ich werde etwas ganz anderes machen. Du wirst es nicht wissen, denn du wirst diesen Brief, in dem ich dir schreibe, was ich tun werde, nie erhalten. Ich werde gleich zur Tankstelle gehen, mir einen Kanister Benzin kaufen oder vielleicht lieber drei, sicher ist sicher. Dann werde ich wieder nach Hause gehen, mir mein Feuerzeug schnappen, oder soll ich deins nehmen, das du hier vergessen hast, da ist noch mehr drin, ja, deins werde ich nehmen und dann werde ich zu eurer Wohnung fahren. Ich werde mich vor dein Fenster stellen, denn meistens bist du um diese Zeit mit ihr da drin, deine Eltern sind ja im Supermarkt, sturmfrei also. Ich werde ganz laut rufen, deinen Namen, bis du ans Fenster kommst und herausschaust. Wenn ich dein Gesicht sehe, vielleicht steht sie ja auch daneben, werde ich mein, nein, dein Feuerzeug anzünden. Ich werde deinen blauen Pulli tragen, den du auch vergessen hast, über meinem Rock, den du immer so sexy gefunden hast. Sie werden gut brennen, wenn ich sie im Benzin getränkt habe, sehr gut. Es wird vermutlich etwas dauern, bevor von mir nichts mehr übrig ist, aber du wirst zuschauen. Du wirst dich nicht von der Stelle rühren können, wenn ich mich vor deinem Fenster in eine lebende Flamme verwandele. Es wird wehtun, aber ich werde es nicht merken, denn ich werde dich anschauen, nur dich. Ich werde brennen, vor deinen Augen und dann, irgendwann, werde ich verkohlt sein, mitsamt deinem Pulli, dem Rock. Dann wirst du Röcke nie mehr sexy finden. Du wirst auf den schwarzen Fleck starren, bis sie mich in einen grauen Plastiksarg geschaufelt haben. Und dann, dann werde ich weg sein.
Und auch wenn es dich nicht gestört hat, wenn du mich vorher wirklich nicht vermisst hast, spätestens dann wirst du mich nicht mehr vergessen können. Ich werde nie mehr aus deinen Gedanken verschwinden, Ben. Das ist es, was ich jetzt tun werde. Ich werde mich für dich verbrennen und du weißt es nicht.



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Eingereicht am 14. Mai 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
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