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Im Inneren des Tornados

Von Anton Eitzinger


An dem Tag, an dem ein Tornado über das Leben hinwegfegte blieb nichts mehr so wie es war. Eine sorgsam aufgebaute Welt mitten im Leben des Albert Ross war plötzlich zerstört und die Last des bevorstehenden Wiederaufbaues war erfüllt von Angst machender Panik über nicht mehr wieder herzustellende Erinnerungen aus dem früheren Leben von Albert. Er hatte alles verloren und doch auch jetzt die Chance beim Wiederaufbau vieles anders zu machen …
Seine Welt war bis zu dieser Zeit in Ordnung. Er lebte in einer Umgebung, in der alles völlig sorglos und unbeschwert zu sein schien. Er lebte dort mit seiner Frau Ann und beide hatten hart gearbeitet, sie hatten sich ihre gemeinsame Welt optimal zurechtgerichtet und dabei eine stabile Basis für ein gemeinsames glückliches Leben geschaffen. Die anderen blickten zu ihnen auf, denn die beiden machten alles richtig und gaben so ein gutes Vorbild. Ann war eine hübsche junge Frau, die überall gern gesehen war. Schon allein durch ihre frohe Lebenseinstellung verbreitete sie Lebensfreude und verstand es, Menschen alleine durch ihre positive Ausstrahlung zu faszinieren. Albert war ein genügsamer, fleißig arbeitender Mensch, der sich vor allem durch sein Geschick in vielfältigen Bereichen einen Namen gemacht hatte, als einer zu dem man mit vielen Anforderungen kommen konnte und dabei zumeist eine Lösung zurückbekam.
Die Umstände ihres Lebens waren für die beiden gut und so wurden auch viele Träume und Pläne für die Zukunft geschmiedet. Doch um diese Pläne zu verwirklichen, bedarf es auch zu arbeiten, etwas voranzubringen und so waren sie beide fleißig mit ihrer Zukunft beschäftigt. Sie dachten dabei immer an etwas Besonderes und wollten sich nie mit dem Einfachen zufrieden geben.
Der blaue Himmel schien endlos wolkenlos zu bleiben, sie liebten den Stimmungswechsel der Jahreszeiten, der immer wieder das Land von neuem erblühen ließ. Freuten sich immer auf ein neues Jahr und darauf, was es wohl wieder bringen wird und wo sie am Ende des Jahres gemeinsam stehen werden. Sie waren für die Zukunft stets positiv eingestellt und bereit, sich den Herausforderungen zu stellen.
Diesem Jahr war ein "Sonnenjahr" vorausgegangen, an dem so viele Sonnentage wie seit vielen Jahren nicht mehr gezählt wurden. Doch heuer war der Himmel anders, er hatte nicht mehr dieses strahlende Blau und die Stimmungen wechselten häufig unverhofft.
Die beiden waren aber so sehr mit ihrem Schaffen beschäftigt und weil sie sich ja so sicher waren, dass auch weiterhin alles gut verlaufen würde, kümmerten sie sich nicht um die "Veränderung" des Himmels. Sie hatten sogar im Verlauf der letzten Zeit begonnen, noch weniger gemeinsame Zeit zu verbringen, weil sie ja beide hart an ihrer gemeinsamen Zukunft arbeiteten. Und so merkten sie auch gar nicht, dass die Entfernung zwischen ihnen etwas größer geworden war, nicht viel größer, aber doch so viel, dass dieses enge Band der Zusammengehörigkeit scheinbar etwas gelockert wurde. Es war nicht durchtrennt, aber doch auch nicht mehr so fest wie früher.
Es war ein Tag wie so viele in der letzten Zeit. Albert arbeitete im weitläufigen Gebiet des Nationalparks in dem er Rancher war und Ann im nahe gelegenen Dorf in ihrer eigenen kleinen Firma, die sie zuletzt gegründet hatte und seither recht erfolgreich weiterführte. Nicht zuletzt auch dank Albert, der ihr mit seinen Fertigkeiten immer wieder zur Hand ging und sie so gut es ging unterstützte.
Es war auch ein schöner Tag, schon früh am Morgen war es angenehm warm und der Himmel war wolkenlos blau, nur am Horizont war ein leichter Dunst zu erkennen, der aber für diese Jahreszeit nichts Außergewöhnliches bedeutete und so kümmerte es die beiden auch wenig.
Irgendetwas war an diesem Tag aber anders, zumindest bemerkte das Albert als er seinen Wagen belud. Wie jeden Morgen räumte er sorgfältig die notwendige Gerätschaft für einen arbeitsreichen Tag auf die Ladefläche seines Jeeps. Er verstaute seine Betäubungspistole, die Peilsender für das Wild, das Notebook mit dem er ständig die Tiere durch die Peilsender orteten konnte, die Spitzhacke und das Werkzeug für notwendige Reparaturen an den Unterständen und Zäunen. Er hatte heute ein komisches Gefühl dabei und als er die Heckklappe seines Jeeps schloss, spürte er einen eigenartigen Luftzug, für einen kurzen Moment wusste er, dass sich etwas verändern würde an diesem Tag. Es war ein fremder Gedanke für ihn und so schenkte er diesem kurzen Gedanken auch keine weitere Bedeutung und erzählte auch während der Fahrt bis zur Wegkreuzung, an der sich die beiden für diesen Tag trennten, nichts seiner Frau.
Ann war zwar aufgefallen, dass Albert während dieser kurzen Fahrt nachdenklicher wirkte als sonst, er war auch ruhiger und konnte sich an dem schönen Tag nicht so erfreuen wie sonst. Er hatte ihr beinahe jeden Tag gesagt, wie sehr er die Natur und das gemeinsame Leben in dieser Welt mit ihr liebte. Ann dachte sich nichts weiter dabei, nur dass sie die letzte Zeit hart geschuftet und wenig Zeit füreinander hatten, doch es trennte sie beide nicht mehr viel vom erträumten Ziel und so blieb auch sie stumm und erwähnte diesen kurzen Gedanken gegenüber Albert nicht weiter.
Auf dem Weg zu seinem für heute geplanten Tagwerk bemerkte Albert nun die Veränderung. Die Landschaft war heute aufgewühlt und unruhig. Plötzliche Windstöße und immer wieder aufwirbelnde Sandkreisel tanzten über die verstaubte Straße. Albert hielt seinen Jeep an einer ungewöhnlichen Stelle. Dort war er noch nie stehen geblieben. Doch heute war alles anders. Er stieg aus und kletterte den nahe gelegenen Hang hinunter. Jetzt fiel ihm zum ersten Mal die Veränderung am Himmel auf. Inzwischen wechselte das Wolkenbild häufiger. Hoch aufgetürmte Wolken zogen rasch in Richtung Westen und zeichneten ein für Albert fremdes Bild am Himmel, das ihn aber faszinierte.
Albert kannte die Umgebung gut, er war fast jeden Tag im Freien und konnte die Natur gut einschätzen. Er erkannte Gefahren rasch und wusste immer einen Ausweg bei gefährlichen Situationen. Doch das plötzlich auftretende Gefühl war ihm fremd, er wusste nicht wie er sich verhalten sollte und bemerkte wie er unruhig wurde. Er spürte eine Gefahr für sich und Ann, konnte diese aber nicht einschätzen. Er wusste nicht wie er sich verhalten sollte um dieser aufkommenden Herausforderung etwas entgegen zu halten.
Ohne es zu bemerken, hatte er sich inzwischen weit von seinem Jeep entfernt. Er spürte einen Drang zur Neugierde, es war ein fremdes Gefühl das ihn anzog. Er spürte zwar die lauernde Gefahr und Mächtigkeit, doch war der sonst so kalkuliert handelnde Albert inzwischen weit von seinem Jeep entfernt und er missachtete eine wichtige Regel - niemals ohne Auto oder Orientierungswerkzeug in der Wildnis zu wandern.
Dann ging alles sehr schnell. Die Wolken türmten sich zu einem unendlich wirkenden Turm auf und der Himmel wurde dunkel. Am Horizont bildete sich ein Tornado von ungeahntem Ausmaß. Tornados hatte es in dieser Gegend noch nie gegeben und so blieb Albert regungslos stehen und sah den saugenden Rüssel direkt auf sich zukommen. Er staunte über die Mächtigkeit dieses Naturschauspiels und bemerkte nicht, dass dieser Tornado eine Gefahr für ihn und seine gemeinsamen Träume mit Ann war. Denn ein Tornado war gnadenlos, er konnte alles mühsam Aufgebaute in Sekundenschnelle zerstören.
Anstatt zu fliehen und wenigstens sein Leben zu retten und Ann vom Jeep aus zu warnen, begann er nun zu laufen. Er rannte direkt auf den Tornado zu. Dieser war allerdings noch weit entfernt und nur durch seine Mächtigkeit schien er ihm so nahe. Auf dem Weg dorthin blickte er nicht mehr zur Seite, er starrte nur mehr auf den Tornado und war wie besessen von diesem neuen Gefühl. Sein Puls war inzwischen am Limit und seine Adern fühlten sich an als würden sie jeden Augenblick platzen. Er war aufgeregt, denn er wusste nicht was ihn an seinem Ziel erwarten werde. Er hatte absolut keine Vorstellung vom Inneren eines Tornados.
Er hatte nicht bemerkt, dass der Tornado genau auf sein Haus zusteuerte und wenn der Tornado nicht abdrehte, könnte dieser seine ganze bisherige kleine Welt zerstören. Er wurde angezogen von einem aufregenden neuen Gefühl und lief so schnell er konnte.
Die letzten hundert Meter, direkt bei der Einfahrt zu ihrem gemeinsamen Grundstück, was Albert aber gar nicht bemerkt hatte, ging es dann schnell. Der Tornado begann bereits alles in seiner Umgebung aufzusaugen. Er zerstörte mit brutaler Gewalt alles was ihm in den Weg kam, darunter auch die Welt von Albert und Ann Ross.
Albert wurde nun hoch geschleudert und in einem gewaltigen Staubstrudel aufgesogen. Noch immer bemerkte er nicht, dass all die Gegenstände die ihm nun um die Ohren flogen seine eigenen waren, sie hatten für ihn zu diesem Zeitpunkt keine Bedeutung. Er sah nach oben und versuchte das zu erblicken, das ihn so magisch angezogen hatte. Doch konnte er nichts erkennen, weil er immer noch im Außenbereich des Tornados war, inmitten von all den Gegenständen seiner Vergangenheit und tonnenweise Staub.
Er hatte Glück, da ein Seil, das er noch zum sicheren Aufstieg über den steilen Hang zurück zu seinem Jeep mitgenommen hatte und sich um den Bauch gewickelt hatte, sich nun mit dem Karabiner an einer Verankerung im Boden verhakt hatte und so schwebte Albert jetzt in einem luftleeren Raum in einer Höhe von cirka 10 Metern über dem Boden. Er war wie in Trance durch die sich überschlagenden Ereignisse. Er hatte nicht bemerkt, dass er durch sein Seil mit der Erde verbunden war und so glaubte er, er könnte fliegen. Er dachte das Innere eines Tornados wäre ein schwereloser Raum und er genoss den Augenblick und ließ sich von seinen Gedanken treiben.
Nach einer kurzen Zeit des inneren Glücks war er nun tatsächlich im Auge des Tornados angekommen. Der Wind hörte abrupt auf und Albert fiel aus 10 Meter Höhe auf den Boden. Es war ruhig. Er war scheinbar an seinem ersehnten Ziel in der Mitte eines Tornados und blickte um sich. Das Auge des Tornados hatte einen gewaltigen Durchmesser und erst jetzt erkannte er das Ausmaß der Zerstörung. Seine schöne heile Welt wurde von diesem Tornado zerstört und er hatte nichts dagegen unternommen. Zumindest versuchen hätte er es können. Aber er war ja zu beschäftigt mit sich selbst und dem Wunsch diesen Tornado von innen zu sehen.
Da lag er nun. Der Rücken schmerzte ihn vom Sturz aus der großen Höhe, dabei hatte er Glück, denn er hätte sich etwas brechen können oder gar diesen Sturz nicht überleben können. Jetzt bemerkte er auch das Seil um seinen Bauch, es hatte ihm das Leben gerettet und er hat auch nichts dazu beigetragen. Es war pures Glück, dass er noch am Leben war.
Ein Schaudern überkam ihn. Erst zu diesem Zeitpunkt wurde ihm klar, dass nichts mehr so wie früher sein konnte. Die Welt von Albert und Ann war zerstört und sie waren wieder am Anfang. Er hatte Angst vor dem was jetzt kommen würde und so hielt er inne im Inneren des Tornados wo er noch einen kurzen Augenblick verweilen konnte bis er zurück zu den Trümmern seiner alten Welt gespuckt wurde.
Albert versuchte in sich hineinzuhorchen und Ruhe zu finden um seinen Weg zu erkennen, doch er konnte seine eigenen Gefühle nicht mehr richtig zuordnen, zu sehr hatte ihn der Tornado in seine Gewalt genommen und er verspürte es sogar als ein gemeinsames Werk der Zerstörung seiner schönen, heilen Welt.
Er hatte jetzt die Wahl! Sollte er die Herausforderung annehmen und seine vertraute Welt, die er gemeinsam mit dem Tornado zerstört hatte zusammen mit Ann wieder aufbauen oder musste er, weil die Zerstörung zu groß war, in einer anderen fremden Welt neu beginnen.
Der Tornado war direkt aus der Richtung des Dorfes gekommen in dem seine Frau an diesem Tag war und so wusste er zu diesem Zeitpunkt auch nicht wie es ihr erging. Er wusste nicht einmal ob sie noch lebte und ob sie überhaupt bereit war von vorne zu beginnen.
Noch für einen kurzen Moment beschäftigten Albert diese Gedanken in der Stille im Inneren von diesem gewaltigen Tornado, er ließ seine Gedanken baumeln, denn nur hier im Auge des Tornados war er in seiner eigenen Welt.
Wenige Augenblicke später wurde Albert Ross mit einem gewaltigen Sog in die Höhe gerissen. Ein zweites Mal spürte er diese unheimliche Mächtigkeit des Tornados der ihm kaum Luft zum Atmen ließ. Dieses Mal war es viel heftiger und Albert wartete auf den Moment an dem er wieder zu Boden geschleudert werden würde.
Doch dieser Augenblick kam nicht.
Als seine Frau zum Grundstück zurückkehrte fand sie die Trümmer einer gewaltigen Verwüstung ihrer gemeinsamen Welt. Sie suchte verzweifelt nach ihrem Mann fand aber nur ein gerissenes Seil verhakt an einer Bodenverankerung ihres Hauses . . .



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Eingereicht am 26. April 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
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