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Die Küste

Von Jana Fridrich


Langsam geht die Sonne unter, während das Meer unablässig an die Steilküste schlägt. Still sitzt sie auf einem Felsvorsprung hoch über dem Wasser. Man kann ihr nicht ansehen, was in ihr vorgeht. Man sieht ihr nicht an, dass sie vor wenigen Stunden ihren Job verloren hat, weshalb sie die Miete nicht mehr zahlen und die Wohnung wahrscheinlich nicht halten kann. Man sieht ihr nicht an, dass ihr Mann sie seit Jahren betrügt und ihr droht, sie und die Kinder sitzen zu lassen, wenn sie sich beschwert. Man sieht ihr nicht an, dass ihr jüngster Sohn gerade die Windpocken hat, ihre Tochter das Schuljahr wiederholen muss und ihr ältester Sohn an solchem Liebeskummer leidet, der ihn beinahe zum Selbstmord getrieben hätte. War das vielleicht gar keine so schlechte Idee? Als sie den Blick hebt, ist die Sonne bereits fast vollständig hinter dem Horizont verschwunden. Sie bewegt ihren eingeschlafenen Fuß und ein paar Steine bröckeln von dem Felsvorsprung ab. Wenn sie sich etwas nach vorn beugen würde, fiele sie die vielen Meter in das tiefe, kalte Wasser. Zuvor würde sie jedoch auf die Felsen aufschlagen. Vor ihr ist das schon vielen Leuten passiert. Niemand hat es überlebt. Sie spielt bereits mit dem Gedanken, doch dann fallen ihr plötzlich ihre Kinder wieder ein. Sie kann sie nicht mit diesem Ungeheuer zurücklassen, das sie vor vielen Jahren einmal geheiratet hat. Aber sie hat ihnen einen Brief auf den Schreibtisch gelegt. Ob sie ihn finden werden? Darin hat sie alles erklärt und um ihr Verständnis gebeten. Ihre Tante hat gesagt, sie können jederzeit zu ihr kommen. Auch das hat sie in den Brief geschrieben. Wenn ihr etwas passierte, zum Beispiel ein Unfall an der Küste, an der sie sich sehr oft aufhielt, fiel das Sorgerecht über ihre Kinder dieser Tante zu. Gerade will sie sich drücken und wieder nach Hause schleichen, als sie oberhalb ihres Felsvorsprunges Schritte hört. Es ist ihr Mann, der wieder einmal nicht mit den Kindern zurechtkommt. Sie solle sich gefälligst darum kümmern, schließlich ist sie ihre Mutter, und nicht er. Dann ist er auch schon wieder weg. Die Sonne verschwindet nun vollständig hinter dem Horizont. Sie kann nicht sagen, ob es ihr Mann oder die Sonne war. Plötzlich wird etwas in ihr ausgelöst. Sie erkennt, dass sie all die Jahre nur auf diesen Augenblick gewartet hat. Aus der Ferne hört sie ihren Mann schon wieder nach ihr rufen. Langsam beugt sie sich nach vorn, als wolle sie die Brandung beobachten...



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Eingereicht am 14. April 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
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