www.online-roman.de



  Lust am Lesen     Lust am Schreiben  




Friends with Benefits

Von Daria


20. August
Die Sommerferien sind morgen zu Ende. Ich werde an den trostlosen Ort zurückkehren müssen um auf den Ernst des Lebens vorbereitet zu werden. Da stellt sich doch die Frage, wozu braucht ein Mensch die trigonometrischen Funktionen oder das hookesche Gesetz? Ich meine, die meisten vergessen diese Dinge, sobald sie aus der Schule weg sind. Also, ich denke meine Ma hat entweder nie etwas davon gehört oder dieses längst vergessen/verdrängt und kommt mit ihrem Leben auch ohne diese unglaublich wichtigen Weisheiten sehr gut klar. Aber vielleicht besteht auch der Ernst des Lebens darin irgendetwas zu lernen, was total sinnlos und langweilig ist. Denn das Leben ist schwer und man muss manchmal etwas tun, was einem nicht gefällt. Dieses Etwas tue ich schon seit zehn Jahren, jeden Tag, außer am Wochenende und wenn ich das Glück habe krank zu sein. Doch trotzdem freue ich mich wieder auf die Schule. Dieses Gefühl wird sich spätestens in einer Woche gelegt haben, aber man muss zugeben es ist schön alle, na ja die meisten, Mitschüler wieder zu sehen, sich über den vergangenen Sommer auszutauschen und den Gong nach der letzten Stunde zu genießen.

21. August
Der erste Schultag war genauso wie ich ihn mir vorgestellt habe: chaotisch, laut, witzig. Wir haben die Stundenpläne gekriegt und lauter organisatorische Dinge regeln müssen. Es ist wohl die letzte Klasse der Mittelstufe. Nächstes Jahr um diese Zeit bin ich (hoffentlich) in der Oberstufe…
Es war so interessant zu sehen, wie sich alle während des Sommers verändert haben. Die Jungs sind alle ziemlich gewachsen, sehen jetzt fast schon männlich aus und allen ist im Sommer natürlich etwas Unglaubliches und Einzigartiges passiert. Jeder hatte eine Story parat.
Pat, eine meiner besten Freundinnen, hatte in den Ferien einen Urlaubsflirt. Sie hat ihn in Frankreich kennen gelernt und hat sich in ihn verliebt und er sich auch in sie. Sie sagte, alle anderen währen neidisch gewesen. Ich muss zugeben das bin ich auch, ein bisschen zumindest. Ich will auch mal verliebt sein. Natürlich war ich schon mal verknallt oder fand jemanden ganz süß, aber das kann doch nicht alles sein! Es muss doch so ein unbeschreibliches Gefühl sein, wobei man sagt: "Das ist der jenige mit dem ich mein Leben verbringen will." Es ist wohl ein großes Glück so eine Person zu finden, die einem perfekt erscheint. Ich kann das nicht. Ich sehe sofort die Fehler aller möglichen Typen, spätestens nach dem zweiten Treffen, aber vielleicht ist Liebe ja die Kunst über diese Fehler hinweg zu schauen und den Menschen dahinter zu erkennen?!

22. August
Das ist unglaublich, alle Welt um mich herum scheint mehr oder weniger glücklich verliebt zu sein. Alle laufen herum, seufzen und zeigen sich gegenseitig Fotos "aus glücklichen sorglosen Zeiten". Ständig hört man "Oh, mein Kevin!", "Ach mein Phillip!" oder "Martin, mein Schatz!". Langsam artet diese Verliebtheit in einer Epidemie aus und diese scheint eindeutig die Gegend um das Hirn anzugreifen. Ich habe mir jede Story schon mindestens zwei Mal angehört und das nicht immer freiwillig. Im Grunde ist es gleich. Sie treffen sich, schwören sich ewige Liebe und Treue und nach ein paar Wochen zu Hause hört einer auf sich zu melden. Das ist nicht das, was ich als Liebe bezeichnen würde, eher Selbstverleumdung "Er hatte einfach noch keine Zeit anzurufen, er ist ja so beschäftigt!" Womit kann ein Kerl zwischen 18- 20 wochenlang beschäftigt sein? Entwickelt etwa jeder einzelne von ihnen ein Gegenmittel gegen Krebs, kämpft um die Menschenrechte in Algerien oder hat er einfach keine Lust anrufen, weil diese weltbewegende Beziehung für ihn ein einfacher Ferienflirt war, weit weg von zu Hause, vom Alltag, Sorgen und seiner Play Station?
Da ich wohl die Einzige bin, die von dieser Epidemie nicht betroffen ist, kümmere ich mich um wirklich wichtigere Dinge, als das erfolglose-stundenlange-Telefon-Anstarren.
Morgen ist in der Schule ein Infoabend für Schülerreisen in die USA. Das ist bis jetzt meine größte Liebe und Leidenschaft. Ein neues Land, neue Sitten und Bräuche. Viel zu lernen über neue Mitmenschen und über mich selbst. Ich liebe es zu reisen! Es wäre doch toll, mal ein Jahr lang ins Ausland zu gehen und dort so ganz von vorn zu beginnen. Mama ist auch von dieser Idee begeistert, sie kommt sogar mit zum Infoabend.

23. August
Oh mein Gott! Ich habe beim USA-Abend einen Jungen kennen gelernt. Er ist… unglaublich, einfach traumhaft (obwohl ich noch nicht weiß, warum)!!! Ich glaube, ich bin verliebt!
Vorher musste ich in die Stadt und kam (natürlich) zu spät, aber eigentlich nicht mehr als sonst. Ich klopfte und als ich hereinkam und mein lieber, netter Englischlehrer knurrte: "Ach ja, Katja, pünktlich wie immer", sah ich in die blausten Augen dieser Welt hinein. Ich vergaß zu atmen… Die Augen gehörten einem dunkelblonden, braungebrannten Jungen, der eben aus Texas/USA zurückkam. Er erzählte von seinen Erfahrungen und ich starrte ihn an. Dann stellte ich einige Fragen, es war als ob nur wir reden würden, alle anderen Menschen um uns herum verschwanden. Er heißt Oliver und ist zwei Jahre älter als ich. Er hat ein Stipendium für seinen USA- Aufenthalt bekommen und ich möchte mich auch bei seiner Organisation bewerben. Sie heißt Experte-USA und man muss dorthin eine Bewerbung auf Englisch schreiben. Ich musste die Gunst der Stunde nutzen und habe ihn einfach mal gefragt, ob er mir nicht dabei helfen könnte und er sagte: "Gerne!" Er hat so wunderschöne Augen… Und auf dem Weg zur Bahn fuhr er mir vorbei und winkte.
Ich fürchte ich bin wirklich verliebt!

25. August (Nachts)
Hab keine Zeit, bin ziemlich müde. Ich habe die Bewerbung für meinen Amerikaaufenthalt weggeschickt. Jetzt heißt es bangen und warten. Habe mich nicht getraut meine Bewerbung Oli zu zeigen, sonst weiß er zu viel über mich!

27. August
Ich sehe ihn jeden Tag in der Pause, mein Herz fängt an zu klopfen und ich bekomme keine Luft. Aber morgen wird der Tag! Ich werde handeln! Ich werde ihn ansprechen! Ach ja, ich habe mich für eine Schülerfirma angemeldet. Das ist eine fiktive Firma, eine Aktiengesellschaft, die für ein Jahr gegründet wird und Schüler sind die Mitarbeiter. Es ist eine Art Wirtschaftspraktikum und wird vom Wirtschaftsinstitut in Köln gesponsert. Ich hoffe, es wird lustig!

3. September (dunkle Nacht)
Eigentlich sollte ich heute total glücklich sein, denn heute ist die Antwort auf meine Bewerbung angekommen, aber…
Das Wetter war heute ziemlich beschissen und ich war ganz durchnässt. Irgendein Teufel hat mich geritten meinen Englischpauker Herr Arnold zu fragen, ob man ohne die deutsche Staatsangehörigkeit bei der Bewerbung für Amerika eine Chance hätte. Meine ist zwar seit fast zwei Wochen beantragt, aber ob ich sie bekomme, steht noch in den Wolken. Er meinte, ich könnte es direkt vergessen. Mir ging's echt mies danach und als ich im Briefkasten keine Post fand, gab ich die Hoffnung auf. Ich könnte heulen. Ich hatte gar keine Chance mich zu beweisen, meine Bewerbung war bestimmt nicht schlecht. Mist!
Nach dem Sport rief Mama an und sagte, dass die Unterlagen endlich da seien. Ich bin fast vor Freude umgekippt! Ich wurde angenommen, ich bin eine Runde weiter. Ich muss jetzt so viel lernen, aber ich werde mir die allergrößte Mühe geben.
Mama ist krank. Sie liegt im Bett und schläft die meiste Zeit. Alex, meinem kleinen Monsterchen, geht es auch nicht besser. Er hat hohes Fieber und redet im Schlaf. Und er redet sehr laut. Ich glaube, morgen übernachte ich bei Lydia. Besser kleiner Hund, der schnarcht, als kleiner Bruder, der spricht.
Ich muss morgen zur Schule, geh besser schlafen.
Letzter Gedanke: Ach, Oli…!

4. September
Meine Eltern spinnen. Mama ist immer noch krank und wohl gelangweilt. Als ich in der Schule war, hat sie meine Unterwäsche durchwühlt und alle Strings "geklaut", weil sie meint, es wäre ungesund sie zu tragen. Ungesund wäre es nur, wenn ein Typ mich in weißen Feinripp-Liebestötern zur Gesicht bekäme. Aber es ist nun mal meine Mutter, sie macht sich Sorgen. Ist ja schön und gut, aber sie kann es mir doch auch sagen. Wir haben uns gestritten und ich ging raus. Aber das Beste war, als ich wiederkam, hat sie meine Tasche durchsucht, weil sie meinte, ich sei bekifft gewesen. Als ob die mich jemals bekifft gesehen hat. Ich glaube ihre Medikamente bekommen ihr nicht so gut.

5. September
Ich habe eine gute Note in Kunst bekommen, aber das Highlight dieses Tages war eindeutig die Versammlung der neuen Schülerfirma. Oli ist auch da drin! Und das war wirklich Zufall. Ich bin fast in Ohnmacht gefallen, als ich ihn da sitzen sah. Wir sind zusammen zum Bus gegangen. Ich habe es geschafft, mich viel weniger zu blamieren als sonst. Ist vielleicht noch ausbaufähig. Wir haben gelacht und geredet. Er hat auch einen elf-jährigen Bruder und zwei ältere Schwestern. Er spielt Keyboard und Gitarre.
Ich rede nur noch und ich denke nur noch über ihn. Ich bin so verknallt, langsam rege ich mich selbst auf. Steffi, ein Mädchen aus der zehnten Klasse, ist super nett, aber ich kann es nicht ertragen, dass sie mit ihm rumhängt. Ich bin krank, ich bin auf jeden Laternenpfahl eifersüchtig. Das ist schlimm!
Aber Anna sagt, es gebe noch Hoffnung, sonst hätte er mich ja nicht zum Bus gebracht!
Inna hat angerufen. Sie hat mich gebeten, ihr und einer ihrer Freundinnen zu helfen. Am Freitag soll ich eine Art Racheengel spielen. Auf einer Party soll ich einen Typen anmachen bis er mich küssen will (oder es tut) oder mir gesteht, dass er seine Freundin betrügt. Das erste ist wohl leichter anzustellen. Vorher werde ich geschminkt und sexy angezogen… wie eine Geheimagentin.
Ich komme mir schön, aber ziemlich unglücklich vor.
(mit krakeliger Schrift)   Ich glaube, ich bin ziemlich verliebt in ihn. Jetzt weiß ich, wie es sich anfühlt, aber es gefällt mir nicht unbedingt. Mein Gehirn ist auf StandBy-Modus gestellt. Ich kann atmen und mein Herz setzt nicht aus, aber ich kann wirklich an nichts anderes als an diesen Kerl denken. Ich kann mich nicht konzentrieren und jeder Versuch diese verdammten Englischvokabeln zu lernen ist von vorn herein zum Scheitern verurteilt…

6. September
Es hat heute den ganzen Tag geregnet und meine Laune ist dem entsprechend herzlich.
In der Schule lief es heute mehr als schlecht. Ich habe beim Test vollkommen versagt und um noch etwas Stolz zu bewahren, habe die drei Vokabeln, die ich gelernt und behalten habe, nicht aufs Blatt geschrieben. Stattdessen habe ich Herrn Arnold auf dem Testbogen erklärt, ich hatte keine Zeit zum Lernen gehabt, weil meine Mama krank war und ich versprach diese Vokabeln für nächste Woche zu lernen.
Oli habe ich heute auch leider nicht gesehen… Leider, leider.

7. September
Wenn ich verliebt bin, bin ich deprimiert!
Ich habe diese Frage schon so oft gestellt, aber ich finde einfach keine vernünftige Antwort darauf: Warum kann ich nicht einfach happy sein?! Andere Leute schaffen das doch wohl auch.
Heute war ich spontan im Kino und hab mir "Bridget Jones - Schokolade zum Frühstück" angesehen. Jetzt finde ich Tagebuch schreiben noch viel cooler als vorher.

9. September
Gestern habe ich bei Inna übernachtet. Wir waren auf der Party und ihre Freundin war auch dort, aber ich sollte mich trotzdem an ihren Typen ranschmeißen. Er ist drauf angesprungen, was mich nicht wirklich freut. Seine Freundin war ja die ganze Zeit in der Nähe, was dumm war, weil er ja kaum Chancen hatte zu zeigen, ob er jetzt will oder nicht. In einem unbeobachteten Augenblick hat er dann doch versucht mich zu küssen und ich habe ihm erklärt, dass wenn er mich will, er erstmal mit seiner Tussi Schluss machen soll. Der Preis war ihm dann doch, Gott sei Dank, zu hoch. Ihr habe ich gesagt, dass alles in Ordnung sei (ist ja auch nichts passiert), aber sie muss den wahren Grund ja nicht erfahren. Ich meine, er würde alles leugnen und ich wäre am Ende die gemeine Beziehungszerstörerin.
Der Typ sieht nicht mal besonders gut aus, ist sich jetzt aber bestimmt sicher, dass ich auf ihn stehe. Immerhin habe ich etwas Gutes für sein Selbstbewusstsein getan! Und ich hoffe mal ganz stark, dass er es wieder vergessen hat, wenn zwischen den beiden Schluss ist.
Inna und ich waren sehr früh zu Hause, sind aber erst gegen fünf Uhr morgens eingeschlafen. Zuerst haben wir einen amerikanischen Standard-gruseligen Horrorfilm gesehen und danach einige US-Serien, in denen immer eine glückliche Familie dargestellt wird, die Folge um Folge gegen die Pubertät der Kinder ankämpft. Natürlich werden am Ende der Folge alle Probleme beseitigt und nichts trübt mehr das heile Familienleben… zumindest bis zur nächsten Folge! Auf jeden Fall, als der Fernseher aus war, fingen irgendwelche Nachbarn an, sich so laut zu schreiten, dass die Polizei kam. Ich verstehe es nicht, normale Menschen streiten sich tagsüber, bei gutem Licht, damit sie mit den Tellern und Tassen auch gut zielen können, um sich dann ausgepowert ins Bett zu werfen und ausgiebig zu vertragen. Aber mitten in der Nacht so ein Krach? Inna sagt, dass dieses Pärchen sich mindestens alle zwei Wochen auf diese Art und Weise streitet. Dass diese Menschen noch überhaupt Geschirr besitzen…!
Das war also die gestrige Nacht und heute musste ich zu einer Klassenkameradin, Nicole, nach Hause um unsere Gruppenarbeit zu Ende führen zu können. Nicole gehört zu den Menschen, die man Bekannte nennt. Ich finde sie ganz in Ordnung, aber viel haben wir nicht miteinander zu tun und wollen es auch dabei belassen. Es hat sich so ergeben, dass wir in derselben Gruppe sind und zusammen ein Referat über die französische Revolution vorbereiten müssen. Wir müssen es dann nächste Woche abgeben. Nicole hat ein wirklich schönes Haus, es ist klein und sieht sehr gemütlich aus. Doch das Beste bei ihr zu Hause war ihr älterer Bruder. Nach zwei Stunden Referatvorbereitung fing ich langsam an, die Franzosen zu hassen und alle Autoren der Lehrbücher, die wir gelesen haben. Warum ist es so schwer, etwas ganz simpel zu erklären? Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht?! Um nicht auf der Stelle einen Nervenzusammenbruch zu erleiden, flüchtete ich aufs Klo und dieser Raum liegt am Ende des Ganges und nach rechts und links gibt es noch Türen. Eine von ihnen war offen und als ich auf dem Rückweg kurz hineinschaute, stockte mir der Atem (langsam glaube ich, ich bekomme Asthma). Dort stand ein unverschämt gut aussehender Typ und er hatte kein Shirt an. So starrten wir und einige Sekunden lang an. Ich dachte schon, ich hätte doch den oben erwähnten Nervenzusammenbruch und er wäre das Ausmaß meines Wahns, aber er sprach. Er bat mich hinein und wir unterhielten uns lange. Ich bin den Franzosen doch noch entflohen, aber ohne sie hätte ich ihn, Phil, nie kennen gelernt. Er ist 19, macht gerade sein Abitur, er war auch ein Jahr in den Staaten. Er ist dunkelblond, hat blaue Augen und sieht Oli etwas ähnlich. Ist schon nicht schlecht!

10. September (abends)
Das Wetter ist richtig mies, aber das ist mir egal. Ich lieg in meinem warmen Bett. Mama hat mit mir eine unglaublich weiche und süße Bettwäsche gekauft, die ich jetzt teste. Heute morgen ging's mir nicht so gut und ich habe die Mathestunde auf der Liege im Erste-Hilfe Raum verbracht. Das hat sehr gut getan!
Im Sportunterricht lagen Anna, Lydia und ich auf dem Matten herum und waren zu faul um mitzumachen. Lydia war sehr traurig, weil ihr Ex, mit dem sie zwei Jahre zusammen war, jetzt schon eine neue Freundin hat. Ich denke, sie ist auch etwas neidisch. Er hat jetzt etwas Neues und sie heult noch der Vergangenheit nach! Ich finde es blöd, man muss doch nach vorne sehen.

11. September
Ich habe heute den ganzen Tag an Oli gedacht. Jetzt bin ich mir relativ sicher, dass Steffi aus der Schülerfirma nichts von ihm will. Ist auch besser so! Und Phil hat mir geschrieben. Vielleicht treffen wir uns bald - der Tag scheint doch gar nicht so mies gewesen zu sein.
In der Theater AG wollen wir ein indisches Märchen aufführen. Er heißt "Harun und das Meer der Geschichten". Ich soll eine "wunderschöne Prinzessin, die aber leider überhaupt nicht singen kann" spielen und die wird vom Bösewicht entführt. Er will ihr die Lippen zunähen. Und natürlich habe ich auch einen Prinzen.
(3:50 nachts)   Oh mein Gott, es reicht wohl nicht, dass ich den ganzen verdammten Tag an Oli denke und lauter kindische Herzchen in mein Heft kritzle. Nein, es verfolgt mich auch nachts. Ich habe gerade von ihm geträumt! Wird ja immer besser dieser Verliebtheit!

12. September
Ich bin glücklich!
Papa hat mir heute ein neues Tagebuch geschenkt, nächstes Jahr fang ich an hinein zu schreiben.
Phil und ich haben heute die ganze Zeit SMS geschrieben und telefoniert. Am Freitag wollen wir zusammen ins Kino gehen. Ich finde ihn wirklich cool, klug und sexy, aber er ist nicht Oli…!
Heute Nachmittag war wieder das Treffen der Schülerfirma. Pat ist mitgekommen. Das war echt lustig. Wir gingen aus der Klasse raus und Oli kam uns entgegen. Wir begrüßten und sehr, sehr zurückhaltend. Ich habe mich wieder blamiert, weil es mir so peinlich war, dass ich nicht einmal im Stande war meinen Kopf zu heben. Am liebsten wäre ich unsichtbar geworden! Und als wir aufm Klo waren, hat mir Pat erzählt wie er mich angesehen hat: "Er fand dich toll!", war ihr Fazit. Steffi war auch da und hat es gehört. Sie steht definitiv nicht auf Oli, aber was nicht ist, kann ja noch werden. Sie musste dann (zum Glück) früher gehen. Somit hatte ich die Gelegenheit auf dem Rückweg mit ihm alleine zu reden. Ich erzählte ihm vom Phil, dass er so etwas wie mein bester Freund sei und ich nicht wüsste, ob sich da was entwickelt. Und außerdem, sagte ich, stehe ich auf einen anderen Typen, der aber gar kein Interesse zeigt. Oh Gott, damit habe ich ihn beschrieben! Ich habe dann noch viel dummes Zeug erdichtet und ihn noch gebeten, mir eine Frage wahrheitsgemäß zu beantworten. Ich fragte ihn (wie konnte ich nur, ich dachte ich sterbe dabei), ob er mich hübsch fände. Er schaute mich ganz lange mit seinen meeresblauen Augen an und sagte: "Ja!" Mein Herz machte keinen Sprung, sondern einen Bungeejump! Ich war happy. So sind wir bis zum Bus gelaufen. Ich hoffe nur, er merkt nichts, es wäre doch peinlich, wenn er wüsste, wie sehr ich in ihn verliebt bin. Aber andererseits scheint er doch nicht abgeneigt zu sein… hoffe ich jedenfalls.

14. September
Es war ein ganz normaler Schultag, nichts Besonderes ist geschehen, aber abends war ich mit Phil im Kino. Es war sehr schön. Er hat mich mit dem Auto abgeholt. Sein Auto ist alt, sieht aber schön antik aus und ist sehr gepflegt. Mir ist es egal, ich wäre auch mit der Bahn gefahren.
Er war unglaublich süß, hat mir Komplimente gemacht und im Kino hat er nur seine Hand um mich gelegt und ich habe mich an ihn gekuschelt. Nach dem Kino waren wir noch was trinken. Ich finde ihn toll. Er ist unglaublich witzig und kultiviert und hat viel von der Welt gesehen. Ich wünschte mir, der Abend hätte nicht geendet. Er war einfach alles perfekt. Aber der Abend endete auch nicht so schnell. Auf dem Weg zu mir nach Hause haben wir uns tausend Mal verfahren und mussten zwei Mal nach dem Weg fragen. Na ja, gegen Mitternacht standen wir dann doch vor meiner Haustür und er hat mich geküsst. Ohhhhhhhhhhh! Es war alles so süß und nachdem ich die Tür zugemacht habe, bekam ich noch eine SMS "Schlaf gut meine Süße! Ich werde es heute Nacht nicht können, denn ich bin zu verliebt in dich um ruhen zu können. Phil" Es ist doch das was ich mir immer gewünscht habe. Er ist toll, er findet mich toll, er ist schlau, seine Familie ist cool, er ist kein verlorener Junkie, hat Ziele und wird sie auch erreichen können - er ist der perfekte Freund, der perfekte Schwiegersohn und der perfekte Liebhaber. Wie viele Mädchen beneiden mich im Moment?! Aber ich wäre bereit das alles aufzugeben für einen Menschen, der aus kaputten und sehr bescheidenen Familienverhältnissen kommt, der nicht den Hauch von Interesse an mir zeigt, egal wie sehr ich mich darum bemühe. Was würde ich nicht alles dafür geben, Oli Phils Worte sagen zu hören, aber er scheint unerreichbar zu sein. So versuche ich mit meinem "perfekten Freund" glücklich zu werden. Aber schaff ich das?

18. September
Ja, es ist toll! Ich bin seit Montag krank. Ich habe einen grippalen Virus. Gestern habe ich den ganzen Tag geschlafen, so im Fieberwahn. Heute geht es mir schon viel besser bis auf diese nervenden Halsschmerzen. Es tut weh beim Reden, beim Essen und sogar beim Atmen! Ach ja, langsam bekomme ich schon Rückenschmerzen vom dumm-im-Bett-liegen.
Ich habe eine Stunde lang mit Pat telefoniert. Sie ist auch hoffnungslos in einen Jungen aus der 12, aus Olis Stufe verliebt. Er heißt Andy, ist 18 oder 19. Wir haben lange darüber diskutiert, wie sie es schaffen könnte diesen Andy kennen zu lernen. Er sieht wirklich gut aus, aber irgendwie macht er einen dämlichen Eindruck. Vielleicht täusche ich mich.
Ich habe nichts mehr zu lesen und mein Boyfriend hat mir gerade eine SMS geschrieben, dass er heute ins Fittnesstudio geht. Ist doch schön! Ich sterbe hier und er geht seine Muskeln stählen.
Pat und ich überlegen Sport zu treiben. Wir wollen Tennis spielen gehen, im gleichen Verein, wo mein Oli auch spielt. Meine Eltern sind von dieser Idee begeistert (hätte ich gar nicht gedacht!) und würden das auch bezahlen.

20. September
Ich bin zwar nicht mehr so krank, würde aber gerne noch morgen zu Hause bleiben, also muss ich wohl simulieren. Ich finde dieses Arbeitslosenleben klasse. Schlafen bis Mittag, keine Verpflichtungen und Mitleid, aber ich vermisse schon die Schule. Deshalb war ich heute bei der Schülerfirma. Oli benahm sich etwas eigenartig, die ganze Situation war richtig unangenehm. Ich habe das Gefühl ihm hinterher zu laufen, aber ich möchte es nicht. Wir unterhalten uns gut, aber irgendwas fehlt. Bei der Firmensitzung haben wir beschlossen, Taschen aus leeren Getränkekartons herzustellen. Es hört sich etwas seltsam an, aber solche Dinge waren in der Cosmopolitain abgebildet, sehen sehr stylisch aus!
Leider haben wir noch keinen passenden Namen. Ich wäre für etwas Lustiges und Provokatives!
Morgen treffe ich mich mit Phil. Er hat sich dafür entschuldigt, mich nicht besucht zu haben und wir wollen einen Videoabend veranstalten. Ich freue mich schon auf traute Zweisamkeit. Ich brauche Liebe und Zuwendung.

22. September
Ich schätze, es ist das Erwachsensein. Vielleicht bin ich wirklich hübsch und selbstsicher, wie ich es mir immer gewünscht habe? Es ist so eine erstaunliche Wandlung, eine Metamorphose, mit der ich noch gar nicht umzugehen weiß. "Du bist effektvoll und wirkst unglaublich gut auf das männliche Geschlecht", sagte Phil. Tja, wohl auf alle außer Oli. Es ist ein Dilemma.
Phil, my Sweetheart, ist ein blöder Penner. Ich habe heute aus dritter Hand erfahren, dass sich die halbe Klasse über meine Beziehung unterhält. Ich hasse Lästereien, besonders wenn sich die Leute das Maul zerreißen, die kein Plan haben. Meistens sind es nicht einmal bekannte. Nicole, Phils Schwester, hat erzählt, dass Phil nach unserem Kinobesuch mich gar nicht so toll fand und er sagte ich sei dumm oder so. Dazu soll er vor seinen Freunden rumgeprahlt haben, dass er es schafft "der" Erste zu sein. Habe ich das verdient? Er hat mich gesehen, er hat mit mir gesprochen, also wusste er wer ich bin und was ich denke. Danach hat er mir geschrieben und er lud mich immer wieder ein. Also, denke ich, es ist nur ein gemeines Gerücht. Ich spreche am besten selbst mit ihm. Ich meine, wenn er mich wirklich so Scheiße gefunden hätte, bräuchte er sich doch nicht zu melden. Und überhaupt, wenn er mich nur ins Bett kriegen will, schafft er es sowie so nicht. Toll, und dabei hat alles so schön angefangen. Die anderen neidischen Menschen haben es wieder einmal geschafft ein Pärchen zu zerstreiten. Egal, was Phil jetzt sagt, ich werde immer im Hinterkopf haben, dass dieses Gerücht existiert hat. Das Vertrauen wurde zerrüttet. Ich denke, diese Beziehung wird bald zu Ende gehen! Es ist traurig, aber ich muss dieser Möglichkeit auch ins Auge sehen.
Doch das Fieseste ist doch, dass ich es hintenrum erfahre. Nicole hätte es mir auch ruhig sagen können und nicht abwarten müssen, bis die ganze Klasse Bescheid weiß. Sie sagte, sie wollte sich nicht einmischen, sie dachte ich merkte es bald selbst. Darüber kann man nur lachen, so viel zum Thema Kameradschaft!

24. September
Ich bin traurig! Ich habe mit Phil gesprochen. Er hat alles verneint und sich sehr theatralisch darüber aufgeregt. ER beteuerte immer wieder, dass alles eine gemeine Lüge sei, aber tat es so künstlich. Irgendwann mitten in der Unterhaltung, habe ich verstanden, dass er lügt. Er gab sogar bald zu, diese gemeinen Dinge gesagt zu haben um vor seinen Freunden gut da zu stellen. Denn er hat "ja einen gewissen Ruf, der er pflegen muss". Er ist ein toller Kerl, der die Mädchen, die ihm zu Füßen liegen, reihenweise vernascht und verarscht. Da kann er sich nicht verlieben, er muss hart bleiben und es zumindest behaupten.
Ich finde es traurig, dass so ein intelligenter Mensch es nötig hat zu lügen, um von hirnlosen Personen, die sich seine Kumpels nennen, akzeptiert zu werden. Sollte man sich nicht immer treu bleiben? Ist Würde nicht das Einzige, was man einem nicht wegnehmen kann?
Ich hatte keine Lust, mir seine Entschuldigungen anzuhören. Er wirkte so jämmerlich und hilflos und er hat mir wehgetan. Ich weinte, es tat mit leid um die Beziehung, um ihn und um mich. Er war perfekt, nur leider nicht ehrlich!
Danach flüchtete ich zur Pat und heulte mich aus. Abends habe ich im Internet gesurft und Oli bei ICQ gefunden. Da hatte er noch eine amerikanische E-Mail Adresse gehabt. Ein Zeichen?...




Wenn Sie einen Kommentar abgeben möchten, benutzen Sie bitte unser Diskussionsforum. Unsere Autorin ist sicherlich genau so gespannt auf Ihre Meinung wie wir und all die anderen Leser.



»»» Kurzgeschichten Liebe Romantik love story «««

»»» Kurzgeschichten: Überblick, Gesamtverzeichnis «««

»»» HOME PAGE «««



Eingereicht am 06. März 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin.