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Doch alles ganz anders

Kurzgeschichte von Catriona B.


SIE:
Ich hatte es geahnt. Als dann die Ahnung zu einer Tatsache wurde, traf es mich aber verdammt hart.
Natürlich - warum sollte ich auch endlich einmal Glück haben?
Und doch - es war nicht die Tatsache, dass er mich betrog, nein, es war vielmehr alles, was vorher gewesen war. Ich hatte ihm so vertraut. Ihm glaubte ich, wenn er sagte, dass ich das Beste sei, das ihm je passiert ist. Dass ich ihm mehr bedeute als alles andere. Ich glaubte ihm auch, oder vielmehr - ich hörte ihm zu und machte mir daraufhin meine Gedanken, wenn er sagte, dass ich schwierig sei. Ich konnte mit ihm sogar wieder lachen.
Und jetzt? Jetzt ist alles irgendwie wieder wie vorher. Nein, alles ist schlimmer als es je war.
Mein Job widert mich an. Ich bin Buchhalterin, und wenn ich nachts träume, dann von Papierstapeln, die immer weiter wachsen bis sie mich erdrücken. Meine Familie will, nach allem was passiert ist, nichts mehr von mir wissen. Gepasst hab ich nie zu ihnen, aber ohne sie bin ich irgendwie wie ein Vogel ohne Nest. Viel Geld habe ich nicht. Und sehr viel Mut auch nicht. Sonst wäre ich längst nicht mehr hier. Mein Traum, so ungefähr der einzige Traum den ich mir bewahrt habe, ist es, nach Kanada zu gehen. Ein Land, so weit, dass man es sich gar nicht vorstellen kann. Mit Bergen, Wäldern, Prärien, Wasserfällen... Und...
Aber dort wäre ich ganz allein. Na gut, hier bin ich jetzt auch allein, aber ich kenne zumindest meine Umgebung. Und ich weiß, wie ich mich zu verhalten habe. Neuerungen verunsichern mich.
Mit ihm war es ein Abenteuer, neue Dinge zu erleben. Mit ihm hatte ich keine Angst. Als ich endlich begriffen hatte, dass er mich nicht bedrohte, sondern, wenn ich ihn brauchte, sogar beschützen wollte, da hatte ich zum ersten Mal keine Angst mehr.
Zumindest dachte ich das alles. Denn jetzt weiß ich ja, dass ich mir alles eingebildet habe. Wieder einmal zerplatzt ein Traum. Und wieder einmal bin ich allein.
Ich habe das alles so satt. Übel wird mir, wenn ich über mein Leben nachdenke. Ein Versager bin ich, nichts mache ich richtig. Ich habe keine Karriere, sehe nicht gut aus, bin einfach langweilig und nichtssagend. Eine tolle Bilanz eines Lebens oder? Nach einer Vergangenheit wie der meinen vielleicht verständlich, aber trotzdem...
Aber Gefühle habe ich immer noch. Allerdings, die habe ich. Und zu sehen, wie der eine Mensch in meinem Leben, der mir wirklich etwas bedeutet, mich betrügt und glaubt, ich sei so naiv, es nicht zu merken, das verletzt mich. Beweise? Nein, Beweise hab ich keine. Zumindest keine, die vor Gericht gelten würden. Aber ich merke so was. Nein, das macht niemand mit mir. Irgendwann hat alles ein Ende. Auch meine Geduld. Ich bin kein Mensch, der Szenen macht. Leider. Ich möchte ihn vor allen Leuten zur Rede stellen. Möchte ihnen zeigen, wie er wirklich ist. Nicht der strahlende, sensible Typ, der Karrieremensch, der zwar erfolgreich aber trotzdem noch so verdammt menschlich ist. Ich möchte ihn anschreien und sagen: Was hast du aus meinem Leben gemacht? Erst hilfst du mir aus einem Sumpf heraus ans Tageslicht und dann sorgst du dafür, dass ich wieder darin versinke, und zwar tiefer als vorher?!!!
Eigentlich habe ich nichts zu verlieren. Moment mal... Dann könnte ich doch eigentlich...
ER:
Ich haste die Treppe hinauf. Mein Gott, warum geht sie nicht ans Telefon? Was ist mir ihr? Irgendwo sind die Grenzen erreicht. Ich liebe sie so sehr, dass ich nicht weiß, was ich ohne sie tun soll. Aber ich habe manchmal den Eindruck, dass sie das nicht sieht. Ich gebe mir die größte Mühe sie zu verstehen. Ihre Vergangenheit zu verstehen. Aber das ist so schwer. Ich kenne immer noch nur Bruchstücke ihres Lebens. Und ihre Eifersucht macht mich noch wahnsinnig.
Bitte nicht.... Ein zweiter Selbstmordversuch. Das könnte ich nicht ertragen. Und wenn sie es diesmal geschafft hat? Was soll ich dann tun?
Aber, so beruhige ich mich selbst, das liegt schon so lange zurück. Wir haben doch so viel durch gemacht und so viel dazu gelernt. Sie glaubt doch viel mehr an sich selbst als früher.
Ich möchte sie endlich fragen, ob sie meine Frau werden will.
Aber was, wenn es zu spät ist?
Er klingelt Sturm an ihrer Tür. Die Sekunden, bis er ein Geräusch hört, kommen ihm vor wie eine Ewigkeit. Als sie öffnet, ist er erstaunt, wie gut sie aussieht. Sie wirkt entschlossen, ruhig, als hätte sie eine Entscheidung getroffen und sei sehr zufrieden damit. Ein Stein, ungefähr so groß wie ein Wagenrad, fällt ihm vom Herzen. Er will sie in die Arme nehmen, will ihr sagen: Ich habe mir solche Sorgen um dich gemacht.
Aber sie weicht zurück. Geht vor ihm her ins Wohnzimmer. Er schließt die Haustür. Fragt: Was ist los?
Sie antwortet nicht. Starrt auf den Schreibtisch.
SIE:
Jetzt nicht nachgeben. Er kann dich um den Finger wickeln. Aber nicht mit dir! Du wirst es tun, wirst tun, was du willst.
ER:
Was in drei Teufels Namen ist nur los mit ihr?
Fragt sie das auch.
Sie antwortet nicht.
Er sagt: Ich muss dich jetzt endlich etwas Wichtiges fragen. Aber wenn du etwas auf dem Herzen hast, was dich belastet, dann sag es erst mal.
Sie sagt nichts.
SIE:
Jetzt rückt er doch tatsächlich raus mit der Sprache. Er glaubt doch tatsächlich, mit der Wahrheit lässt sich alles wieder gut machen.
Also gut, dann sag ich eben, was mit mir los ist. Ich halte es nicht länger aus. Ich kann nicht länger so leben und ich möchte inständig bitten, meine Frau zu werden, sagt er.
Sie wird bleich. Will sich weg drehen. Kann nicht. Diese Dreistigkeit. Gedankenfetzen wirbeln durch ihren Kopf. Du wirst endlich tun, was du schon lange wolltest. Lass es dir nicht kaputt machen. Er kann dich nicht aufhalten.
Ich weiß, ich war in der letzten Zeit vielleicht etwas distanziert, sagt er. Aber ich musste herausfinden, ob ich das wirklich will. Aber jetzt weiß ich es. Du bist die erste Frau, der ich so was sage und ich meine es. Ich meine es wirklich. Ich kann und ich will nicht mehr ohne dich leben. Du bist schwierig, das muss ich sagen, aber es gibt keine Schwierigkeiten, die mich ängstigen. Ich weiß nicht, ob diese Frage dir jetzt ungelegen kommt oder sonst was. Aber ich muss sie dir stellen, weil ich sonst verrückt werde.
Er atmet tief durch. Sieht das Stück Papier, das sie wie einen Schutzschild vor sich hält.
Sie starrt ihn noch immer an. Will sich nicht davon abbringen lassen, was sie sich vorgenommen hat.
Aber das One-Way-Flugticket Frankfurt - Vancouver liegt ihr so schwer in der Hand, dass sie es weglegen muss, bevor sie langsam auf ihn zugeht.




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Eingereicht am 15. Februar 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin.
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