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Eine Wintergeschichte

Von Susanne Müller-Bender


Kate stand hinter der Theke und stellte gespülte Kaffeetassen in das Regal. Ihr Blick wanderte zum Fenster und auf die weiße Pracht auf der Straße. Sie war in Heaven's Gate gestrandet, einem kleinen idyllischen Skiort irgendwo in den Rockies von Montana. Ihr Wagen hatte hier seinen Geist aufgegeben. Nun jobbte Kate im Coffee-Shop von Mira Jansen, einer sehr sympathischen Mitfünfzigerin, um die Reparaturkosten zahlen zu können. Die Tür wurde geöffnet und sie schenkte ihre Aufmerksamkeit einem gutaussehenden, jedoch missgelaunten Mann ihres Alters.
"Einmal Kaffee zum Mitnehmen, schwarz ohne alles."
Er lehnte sich gegen die Theke und starrte aus dem Fenster.
"Tag hat schlecht angefangen, was?" Kate versuchte sich in Small Talk während sie den Kaffee eingoss und einen Deckel auf den Becher drückte.
"Geht Sie nichts an!"
"Entschuldigung", sie stellte den heißen Becher vor ihm ab und strich das abgezählte Geld vom Tresen, "deshalb müssen Sie mich ja nicht gleich fressen", sagte sie spitz.
Er schaute sie kurz an, dann rief er Richtung Küche "Bye Mira" und verschwand. Mira tauchte in der Küchentür auf.
"Wow, hat der Rasierklingen gefrühstückt? Ich hab' ihm überhaupt nichts getan, ehrlich! Dabei sieht er ganz süß aus." Kate schüttelte verständnislos den Kopf.
"Oh, das war Luke, er ist bei der Bergwacht." Mira trocknete sich die Hände ab. "Luke und meine Lynn waren ein Paar. Doch Lynn wollte studieren, also ging sie nach Seattle. Luke liebt seinen Job und Heaven's Gate und so trennten sich die beiden. Das macht ihm schwer zu schaffen, er hängt sehr an ihr."
Die Tage verliefen ruhig in Heaven's Gate. Touristen kamen und gingen und Kate freute sich riesig über jedes Trinkgeld das sie bekam, denn jeden extra Dollar legte sie für die Reparatur ihres Wagens beiseite. Regelmäßig jeden Morgen kam Luke, um sich einen Kaffee zu holen. Braune Augen blickten grimmig aus einem braungebrannten Gesicht. Das alles und seine dunkelbraunen Haare passten perfekt zur roten Dienstkleidung. Kate stellte wie immer den Becher Kaffee vor ihn hin und strich das abgezählte Geld vom Tresen.
"Sagen Sie mal, wollen Sie eigentlich ständig wie ein alter Trauerkloß durch die Gegend schlurfen? Himmel noch mal! Unternehmen Sie endlich etwas, oder finden Sie sich mit der Sache ab. Das ist ja nicht zum Aushalten!"
"Was geht Sie das an", bellte Luke, doch er war perplex.
"Ich sehe doch, wie Sie wie ein Hund leiden. Reden Sie sich doch einmal alles von der Seele und dann fangen Sie an normal zu leben." Sie ließ die Kasse klingeln, legte das Geld hinein und sagte leise: "Ich kann gut zuhören."
Luke schüttelte den Kopf. "Ich Ihnen was erzählen? Ich weiß ja nicht mal wer Sie sind."
Kate schmunzelte. "Ist doch gut so. Sehen Sie mich einfach als eine Art - Mary Poppins. Wenn sich der Wind dreht verschwinde ich wieder und Ihr Problem vielleicht auch."
Luke lachte, kaum hörbar, doch es war eindeutig ein Lachen. "Das habe ich auch noch nicht gehört. Können Sie Ski fahren, Mary Poppins?"
"Nein, und ich werde es auch sicherlich nicht versuchen."
"Gut, dann hole ich Sie morgen zu einem Spaziergang ab."
Luke legte einen halben Dollar auf die Theke und verließ den Coffee-Shop. Bevor er mit seinem Wagen wegfuhr, winkte er noch einmal kurz.
"Na, der Punkt geht an dich, Junge. Guter Scherz. Fast hätte ich es geglaubt." Kate schüttelte lachend den Kopf, steckte den halben Dollar in ihre Schürze und ging in die Küche, um dort zu helfen. Sie belegte Sandwiches für die Mittagszeit als sie mit halben Ohr das Telefon klingeln hörte und kurz darauf Mira rufen. "Lynn, mein Schatz, ist das schön ..."
Am nächsten Tag hatte Kate die letzte Schicht. Es war nach 22.00 Uhr und auf der Straße war nur noch wenig Betrieb. Sie schaltete das Licht aus und schloss ab. Kate trat auf die Straße, atmete tief durch und betrachtete den sternklaren Himmel, dann schlug sie den Weg zu ihrem Motel ein. Es lag etwas abseits, doch es war günstig und sauber. Sie schlenderte an einer Pferdekoppel vorbei, als jemand nach ihr rief.
"Hey, Mary Poppins, waren wir nicht verabredet?"
Kate drehte sich verwundert um. "Sie?"
"Hatten Sie noch eine andere Verabredung?"
Kate murmelte etwas verlegen als Luke vor ihr stand. "Ich dachte nicht, dass Sie das ernst gemeint hatten."
"Dachten Sie, aha." Luke grinste spitzbübisch. "Und ich dachte, ich könnte Ihnen heute meine Probleme offenbaren. Lassen Sie uns etwas trinken gehen. Ich kenne ein Plätzchen, wo es ganz tolle heiße Schokolade mit viel Sahne gibt."
"Da sage ich nicht nein."
Schweigend gingen beide eine Weile nebeneinander her. Doch dann sprach Luke mit leiser Stimme, als wollte er nicht das man ihn hörte: "Ich denke, Sie hatten Recht, das mit dem Aussprechen. Ich habe meinen Freunden wohl ziemlich vor den Kopf gestoßen. Was Sie mir sagten, habe ich schon etliche Male zu hören bekommen, warum es gerade bei Ihnen Klick gemacht hat, weiß ich beim besten Willen nicht."
"Manchmal ist einfach nur ein fremdes Gesicht nötig, um wieder durchzublicken."
Inzwischen hatten sie das ‚Deer Lodge' Hotel erreicht. Das Hotel lag zentral im Ort und hatte eine Tanzbar, wo sich abends Einheimische und Touristen gerne trafen. Kate und Luke setzten sich in eine gemütliche Ecke von der man alles gut sehen konnte. Luke bestellte heiße Schokolade, die auch nicht lange auf sich warten ließ. Kate nahm einen genüsslichen Schluck. Als sie die Tasse wieder absetzte, lachte Luke.
"Ein bisschen zu tief in die Tasse geschaut, was?"
"Wie meinen Sie das?"
Luke strich mit dem Finger über ihre Nase. "Typischer Fall von Sahne-Nase", und schleckte genüsslich die Sahne vom Finger ab.
"Das war meine Sahne!" Kate gab vor zu schmollen. Sie wollte gerade etwas sagen, als sich jemand zu Ihnen an den Tisch gesellte und Luke gönnerhaft auf die Schulter klopfte.
"Na, Luke, hast du endlich die Kurve gekriegt?" Dann wandte er sich mit selbstsicheren Grinsen Kate zu.
"Hallo, ich bin Jack, Lukes Kollege. Wissen Sie, der Gute war so oft mit den Gedanken woanders, dass wir schon befürchteten, ihn selbst mal vom Berg retten zu müssen."
Kate merkte wohl, dass Luke Jacks Auftritt sehr peinlich war.
"Sind Sie so etwas, wie ein Vorgesetzter von Luke?"
"Nein, das nicht. Ich bin nur der verdammt Beste hier bei der Bergwacht."
"Und auch sicherlich der Arroganteste!" Solche Typen mochte Kate wie Zahnschmerzen und schon war es passiert. Sie goss ihren Becher Schokolade über Jacks Kopf aus. "Wer solche Kollegen hat braucht keine Feinde." Danach stand sie auf, schnappte sich ihre Jacke und stammelte. "Tut mir leid ... aber ich muss hier raus."
Luke folgte ihr herzhaft lachend, zurück blieb fluchend Schokoladen-Jack mit einem Klacks Sahne.
Die beiden blieben noch für einen Moment auf der Straße vor dem Hotel stehen. Kate vergrub die Hände tief in ihren Jackentaschen.
"Ich weiß gar nicht, was in mich gefahren ist, es tut mir."
"Keine Entschuldigung, bitte." Er grinste schadenfroh. "Was du da drinnen für mich getan hast, war einfach - irre!"
"Na dann, schön dass ich helfen konnte. Gute Nacht, Luke."
"Gute Nacht, bis morgen."
Luke war wie ausgewechselt. Kate und er verbrachten in den nächsten Tagen viel Zeit miteinander. Sie gingen spazieren, rodeln, fochten wie kleine Kinder Schneeballschlachten aus oder bauten Schneemänner.
Als Kate eines morgens in Miras Coffee-Shop kam, hörte sie lachende Stimmen aus Richtung Küche. Sie lugte durch die Tür und sah eine hübsche junge Frau mit kurzem blondem Haar und wachen blauen Augen auf dem Küchentisch sitzen.
Mira winkte Kate näher zu kommen. "Lynn, das ist Kate - Kate, das ist meine Lynn."
"Hallo." Lynn streckte Kate die Hand entgegen. "Ich habe schon viel von dir gehört. Danke, dass du dich um Luke gekümmert hast, Mom hat mir alles erzählt."
"Ja, es ging ihm nicht gut. Das kann passieren, wenn man jemanden liebt." Kate blickte Lynn ernst in die Augen. "Abschalten kann man Liebe nicht, oder konntest du das?" Kate wusste, dass dies ein Schuss ins Blaue war, sie versuchte es trotzdem, Luke zuliebe.
Mira befürchtete einen Streit und versuchte das Thema zu wechseln. "Kate, die Werkstatt rief an, dein Wagen ist fertig."
Doch Lynn antwortete Kate. "Du willst wissen, ob ich Luke noch liebe, stimmt's? Liebst du ihn denn?"
"Gott im Himmel, wie kommst du darauf? Luke weiß ja nicht einmal, wie ich wirklich heiße." Kates Stimme senkte sich.
"Wenn du ihn noch liebst, dann gebt euch beiden doch noch eine Chance. Er ist wirklich ein toller Typ. Wir sind heute Abend in der Deer Lodge-Tanzbar verabredet. Komm' doch hin."
Lynn lächelte. "Ja, er ist toll. Ich dachte sehr oft an ihn. Nur, ob er mich überhaupt noch will? Ich weiß nicht."
"Bestimmt." Kate band sich eine Schürze um, denn sie hörte, dass Kundschaft im Laden war. "So, Arbeit wartet. Bis später, hoffe ich."
Lynn schaute Kate verwundert nach, dann sah sie ihre Mutter an, die sie nur wortlos lächelnd in die Arme nahm. Lynn drückte sich fest an sie und sagte leise. "Warum tut sie das für mich? Sie ist doch eindeutig selbst in Luke verliebt."
"Mag sein, doch sie spürt, dass ihr zwei zusammen gehört."
Am Abend saßen Kate und Luke an der Theke in der Deer Lodge-Tanzbar und Kate hoffte Luke würde nicht bemerken wie schwer es ihr ums Herz war. Doch sie war nur auf der Durchreise hier und würde sehr bald weiterziehen. Das war ihr Schicksal. Verstohlen blickte sie immer wieder zur Tür. Da kam Lynn. Es lag ihr also doch noch etwas an Luke. Lynn trat kaum merklich an ihn heran und legte sanft ihre Hand auf seine Schulter. "Hallo Luke."
Luke strahlte vor Glück als er sah, zu wem diese Hand gehörte. Er sprang auf, umarmte und küsste sie innig. Lynn zog ihn auf die Tanzfläche und es schien als wären die beiden niemals getrennt gewesen.
Kate beobachtete Lynn und Luke eine Weile. Sie war zufrieden. Sie trank ihre Schokolade aus, zahlte und ging langsam zum Ausgang.
Luke hielt sie am Arm zurück. "Gehst du schon?"
Sie schaute ihn an und lächelte. "Es wird Zeit. Der Wind hat sich gedreht."
Er nickte und als Kate sich zum noch einmal umdrehte, waren Luke und Lynn bereits wieder völlig ineinander versunken. Es versetzte ihr einen kleinen Stich, doch sie lächelte tapfer.
Es war ein herrlicher Morgen, der Himmel strahlend blau und der Schnee glitzerte wie tausend Diamanten in der Sonne. Kate verstaute die letzte Reisetasche im Auto, klappte die Heckklappe herunter und schaute sich noch einmal um. Sie atmete tief ein, um noch einmal ihre Lungen mit kalter, frischer Luft zu füllen, dann stieg sie in ihren Wagen. Während sie den Spiegel einstellte dachte sie über das Geschehene nach. Alles hatte sich zum Guten gewendet. Ihr Wagen war repariert und bezahlt. Luke hatte seine Lynn wieder. Ein guter Zeitpunkt zu gehen. Sie lächelte als sie den Motor startete und ihren Wagen aus Heaven's Gate lenkte.




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Eingereicht am 15. Februar 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin.
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