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Das Meer und die Muscheln

Eine Kurzgeschichte von Verena Matthies


Danach ging ich noch ein wenig durch die Straßen! Die Dunkelheit und das Laternenlicht zerschmolzen zu einem blauen hellen, aber auch gleichzeitig dunklen Glanz. Es war eine Art Gasse, über mir waren Wäscheleinen aufgehangen. Die Luft war sehr feucht und es roch nach Kohle.
Ich hatte es mir hier irgendwie anders vorgestellt. Bisher habe ich nur Bilder von Paris gesehen und dachte, der Rest von Frankreich wäre ähnlich. Ist er aber nicht. An der Küste ist es sehr rau und kalt. Jeden Morgen schau ich aus dem Fenster und bewundere das blaue Meer von meinem Balkon aus. Kinder spielen am Ufer und planschen im Wasser.
Tag für Tag frage ich mich, was mich hierher gebracht hat. Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht.
Ich ziehe mich zurück in meine Wohnung und betrachte einen Zettel, den mir jemand gestern Abend zugesteckt haben muss. Es ist ein grüner Zettel. Er ist leicht durchgeweicht, weil mir gestern jemand auf der Veranstaltung aus Versehen Sekt übergegossen hat. Ich kann nur noch sehr schwer eine Nummer erkennen, also werfe ich ihn lieber in den Müll.
Das Telefon klingelt. Es ist meine Mutter, sie erkundigt sich häufig, wie es mir geht. Um sie nicht zu verunsichern, sage ich ihr, dass es mir gut geht. Dann erzählt sie nur noch von sich. Ich hasse es, wenn Menschen nur von sich selbst reden. Vielleicht war auch das der Grund, warum ich hier bin oder besser gesagt, warum ich hierher gekommen bin.
Oft sitze ich abends vor dem Fernseher und trinke eine Flasche Rotwein, dann denke ich an mein Leben in Deutschland zurück. Vielleicht war es nicht gut hierher zukommen. Ich weiß es nicht. Ich denke oft an meinen Ex-Freund, aber nur wenn ich genug Rotwein getrunken habe, ansonsten ist er mir keinen Gedanken mehr wert.
Ich habe hier viele Leute kennen gelernt. Sie sind sehr nett zu mir, jetzt.
Ich habe einen kleinen Job in einer Bar angenommen, der lenkt mich ab und ich verdiene ein wenig Geld nebenbei. Ich träume schon seit meiner Kindheit davon, nach Amerika zu gehen. In meinem ganzen Zimmer, früher, hingen Bilder von der Freiheitsstatue, doch diesen Traum gebe ich mehr und mehr auf.
Es klingelt an der Haustür. Es ist Chris, ich habe ihn auf einer Kunstausstellung kennen gelernt. Er kommt aus Cornwall, da ist es auch immer sehr stürmisch.
Zumindest erzählt er mir das häufig. Unser Verhältnis zueinander kann ich nicht wirklich beschreiben. Es ist heiß und kalt zugleich. Wir telefonieren des Öfteren. Er besucht mich, wann er will, und ich besuche ihn, wann ich will. Dann zeige ich ihm meine Bilder, die ich in meiner Freizeit gemalt habe. Er ist der Einzige, dem ich sie zeige. Ich glaube, meine Eltern wissen noch nicht einmal, dass ich male. Wir gehen ein wenig am Meer spazieren, reden aber nicht. Ich fühle mich gut, wenn er bei mir ist, ich weiß nicht warum. Wir setzten uns auf eine Mauer und schauen gemeinsam dem wilden Meer zu. Es ist ein starker Sturm für diese Nacht angekündigt wurden. Chris erzählt mir etwas von Cornwall, doch ich höre ihm nicht wirklich zu. Ich denke an andere Dinge, aber mein Kopf ist leer. Es wird kalt und ich kuschele mich in meinen blauen Strickpullover und zünde mir eine Zigarette an. Chris ist Nichtraucher und hält mir dauernd Vorträge, wie schädlich Rauchen ist. Wir gehen noch ein wenig an der Promenade entlang. Da sitzen sie, trinken Rotwein und essen Muscheln. Ich mochte noch nie Muscheln, ich weiß aber nicht warum.
Als wir wieder bei mir sind, ist es schon spät, die Zeit verging schneller als ich dachte. Wir trinken noch ein Glas Wein, da klingelt Chris' Handy. Es ist seine Ex-Freundin. Sie ruft ihn täglich an. Chris hat ihr gesagt, ich sei seine Freundin. Jedes Mal, wenn er so was sagt, müssen wir beide fast in unaufhörliches Gelächter ausbrechen. Er versuchte sie wie immer abzuschütteln, aber sie redet und redet. Nach 5 Minuten gibt er mir den Hörer und sie legt wie von Geisteshand auf. Wir müssen beide kurz lachen, dann sagt er, wie hübsch er mich findet wenn ich mit ihm lache und nimmt meine Hand. Ich glaube, er versucht mich zu küssen. Ich senke meinen Kopf und bitte ihn raus mit dem Vorwand, dass ich morgen früh arbeiten müsse, was aber nicht stimmt.
Ich lag die ganze Nacht hellwach in meinem Bett und konnte an gar nichts mehr denken. Ich hatte das Gefühl, gelähmt zu sein.
Am nächsten Morgen ging ich wieder auf den Balkon. Das Meer sah irgendwie anders aus. Es muss viele Algen die Nacht an Land gespült haben. Es spielen und planschen keine Kinder am Ufer. Es muss ein ganz komischer Tag werden, dachte ich mir. Ich ging wieder rein und machte mir eine Tasse grünen Tee.
Vorgestern hatte ich einen schönen blauen Rock in einem Laden gesehen, ich wollte ihn unbedingt haben, also beschloss ich, in die Stadt zu gehen, um ihn mir zu kaufen. Es war sehr voll in der Stadt und man bekam kaum Luft. Ich verspürte einen leichten Hunger, also setze ich mich in ein kleines Restaurant an der Hafenpromenade. Nichts ahnend nähert sich mir Chris, er setzt sich zu mir ohne ein Wort zusagen. Mir ging ein leichter Schauer über den Rücken. Wir blicken beide auf das rauschende Meer. Chris wirkt etwas verwirrt, aber mir ist nicht danach, ihn nach seinem Befinden zu fragen. Als mir das Essen gebracht wird, überdeckt ein flaues Gefühl meinen Hunger und ich stochere nur ein wenig in meinem Essen herum.
"Hast du gut geschlafen?", fragt Chris.
"Ich weiß nicht. Es war sehr stürmisch heute Nacht."
Er schaut wieder zum Meer und sagt: "Heute Nacht soll es wieder sehr stürmisch werden."
Wir schweigen.
Chris überredete mich noch, mit ihm heute Abend auf eine Ausstellung zugehen. Es soll um moderne Kunst gehen. Die Tür klingelt, es ist Chris. Ohne Worte gehen wir zu seinem Auto. Es riecht nach einem dieser perversen Duftbäumchen, aber irgendwie war es auch angenehm. Es regnet und der Scheibenwischer kommt kaum mit dem Wischen hinterher.
Die Ausstellung war sehr voll und Chris wurde von vielen Menschen angesprochen. Wir gehen öfter zusammen zu Ausstellung, und jedes Mal wenn ihn jemand nach mir gefragt hatte, sagte er mir einem Lächeln im Gesicht, ich sei seine Freundin. Heute wurde auch oft nach mir gefragt, doch er antwortet ihnen nur mit meinem Namen. Irgendwie fühle ich mich von Schuldgefühlen befallen. Ich weiß nicht warum. Bei mir zuhause angekommen frage ich Chris noch, ob er noch mit rauf kommen möchte, auf ein Glas Rotwein. Nach kurzem Überlegen bejaht er meine Frage. Wir liegen wie versteinert auf meinem blauen Sofa und starren an die Decke. Plötzlich fragt er mich, ob ich meine Heimat vermisse.
"Ich weiß es nicht, manchmal vergesse ich das Gefühl, wie es da war."
"Das kenne ich."
Wir lagen noch ca. 2 Stunden da ohne ein Wort zusagen, dann schliefen wir ein.
Morgens gehe ich, wie immer, zum Balkon. Chris schläft noch. Das Meer sieht ähnlich aus wie gestern. Dann gehe ich in die Küche. Heute ist mir nicht nach Tee, heute möchte ich lieber eine Tasse Café und zwar schwarzen. Ich ging die nötigsten Dinge einkaufen. Als ich wieder in meiner Wohnung ankam, fand ich einen Zettel von Chris: "Sorry" - mehr nicht. Er hing an der Balkontür.
Ich hörte ca. 2 Wochen nichts von Chris bis ich einen Brief in meinem Briefkasten von ihm fand. Es war ein Brief in einem blauen Umschlag. In ihm schrieb er was von Cornwall und von seinen Gefühlen zu mir. Der Brief war ungefähr 2 1/2 Seiten lang. Am Ende des Briefes steht in sehr schwer leserlicher Schrift etwas davon, dass er vielleicht nach Cornwall zurück gehen will.
Mein Kopf ist voll von konfusen Gedanken, ich weiß nicht warum. Ich halte Chris' Brief in der Hand und stehe auf Balkon. Es ist sehr windig und das Meer tobt, wie ich es noch nie zuvor toben sehen habe.
Ich beschloss ein wenig spazieren zugehen, um mein Kopf leer zu kriegen. Ohne eine Richtung zu bestimmen, laufe ich in Richtung Chris Wohnung..... Je näher ich zu seinem Haus komme, desto mehr und mehr verstärkt sich der Sturm und der Regen. Als ich ankomme und ihn am Fenster, mit einer Tasse Kaffee stehen sehe, überlege ich, ob ich zu ihm hoch gehen soll, doch da sehe ich, wie eine Träne über seine Wange läuft. Ich weiß nicht was, aber irgendwas hält mich davon ab, zu ihm zugehen. Ich geh weiter, weiter Richtung Hafenpromenade. Ich schlendere ein wenig herum und betrachte das tobende und stürmische Meer. Die Wellen werden zum Ufer hin immer höher. Ich setze mich in ein Cafe, in dem ich mit Chris viele Stunden verbracht habe. Ich setze mich an unseren Tisch, trinke eine Tasse Kaffe und betrachte wieder das Meer. In meiner Hand halt ich eine Muschel, die Chris und ich an einem sonnigen, windstillen Tag am Strand gefunden haben. Mir war zum Heulen zu Mute, aber ich konnte nicht, da kam nichts. Ich weiß nicht warum. Keinerlei Anzeichen von Tränen oder Gefühlsausbrüchen. Als ich aufblicke und mein Blick durch das Café schweifen lasse, bleiben sie bei einem Tisch stehen. Es war Chris. Ich entschließe mich spontan, aufzustehen und zu ihm zugehen. Kurz vor seinem Tisch angekommen, kommt eine Frau zu ihm, gibt ihm ein Kuss auf die Wange und setzt sich zu ihm. Er ist sichtlich von ihr angetan. In mir steigt eine wahnsinnige Wut auf. Ich gehe zu ihm, schmettere ihm die Muschel in sein Gesicht und sage: " Sorry."
Ich verlasse in einem Eiltempo heulend das Lokal. Ich laufe noch ungefähr einen Kilometer lang bis ich eine alte grüne Bank erreiche. Hinter ihr steht ein alter Baum. Es hat noch nicht aufgehört zu regnen, ich setze mich auf die Bank und ziehe meine Knie an meinen Körper. Ein alter Mann kommt auf mich zu und sagt mir etwas, dass ich mich erkälten würde, ich solle nach Hause gehen. Still zu mir selbst sage ich: "zu spät".
Der alte Mann geht wieder, ich bleibe dort noch ungefähr 2 Stunden sitzen und betrachte das offene Meer. Mein Handy klingelt unaufhörlich. Es ist Chris, doch ich gehe nicht dran. Ich bin wie gelähmt, ich spüre nichts in mir außer Wut und Enttäuschung.
Als ich wieder zu Hause ankomme, sehe ich, dass mein Anrufbeantworter voll gesprochen ist. Fünf Nachrichten. Alle von Chris. Ich höre sie mir nicht an, sondern lösche sie gleich. An dem Tag rief er mich noch ungefähr 9 Mal an. So ging das zwei Wochen lang. Jeden Tag hatte ich mindestens 12 Nachrichten von Chris auf meinem A-b. Er entschuldigte sich täglich. Manchmal aber erzählte er einfach nur, was er den Tag erlebt hatte.
Es ist 10 Uhr, höchste Zeit aufzustehen. Wie gewohnt ziehe ich mir meinen blauen Bademantel an und gehe auf meinem Balkon, um das Meer zu betrachten. Es war ganz still und es ging kein Wind. Absolute Stille.
Ich hatte nach längerer Zeit wieder Appetit auf Tee. Als ich meine Post abhole, finde ich auch zwischen Rechnungen und Werbung einen Brief von Chris. Ich weiß nicht warum, aber ich bin tierisch neugierig, was drin steht. Ich renne hoch in meine Wohnung und lese den Brief. Er ist ungefähr eine Seite lang. Es war nicht besonders viel, was er geschrieben hatte. In krickeliger Schrift konnte ich erkennen, dass er sich bei mir entschuldigt und dass seine Zeit in Frankreich zu Ende ist. Ich ziehe mich an und fahre schnell zum Hafen.
Ich erwische ihn noch ganz knapp. Ungefähr fünf Meter vor ihm bleibe ich stehen. Er dreht sich nach mir um. Eine Träne läuft über seine Wange. Er dreht sich wieder um, geht einen Schritt nach vorne, dreht sich noch einmal zu mir. Er kommt auf mich zu, nimmt mich den Arm, das Einzige was er sagt ist: "Sorry". Dann dreht er sich wieder um und geht auf das Schiff.
Ich habe lange nichts von ihm gehört. Nach ca.2 Monaten habe ich eine Postkarte von ihm gekriegt, auf der er schreibt, dass es in Cornwall ähnliches Wetter ist, wie bei mir, dass er mich vermisst und er sich nicht sicher ist, ob er jemals wieder kommt.




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Eingereicht am 07. Januar 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin.
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