Kurzgeschichten

Geschichten - Erzählungen - Storys - short story
Buchtipp

Plötzlich sah die Welt
ganz anders aus
Schlüsselerlebnisse
Hrsg. Ronald Henss
ISBN 978-3-9809336-6-7

Die nebenstehende Geschichte
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Das Lied des Monitors

© Bernadette Reichmuth

"Ich habe Angst", sagte meine Mutter und ihr Kinn zitterte.

Zuerst glaubte ich, mich verhört zu haben. Ein Blick in ihr zerknittertes Gesicht bestätigte jedoch meine Wahrnehmung.

Es war ja nicht so, dass sie keinen Grund zur Angst gehabt hätte - eine große Operation in ihrem hohen Alter mit einem völlig ungewissen Ergebnis, wer würde sich davor nicht fürchten?

Das Ungewöhnliche war also nicht, dass sie Angst hatte. Sondern dass sie es zugab, wenn auch nur für die kurzen Augenblicke einiger Herzschläge. Wie eine Tür, die sich für Sekunden einen Spaltbreit öffnet und einen Blick auf das gestattet, was dahinter verborgen liegt.

Gleich darauf verschloss sich ihr Gesicht wieder und sie zog in vertrauter Bewegung die mageren Schultern hoch und den Rücken gerade.

Ich weiß nicht, ob ich sie in dieser einen Sekunde wirklich in die Arme hätte nehmen können. Ihre Augen baten darum. Doch der Augenblick war vorüber, noch ehe ich mich mit der Frage auseinandersetzen musste, ob ich es für dieses eine Mal doch gekonnt hätte.

Ich konnte meine Mutter nie umarmen. Wenigstens nicht aus freien Stücken.

Man kann nicht geben, was einem gestohlen wurde. Diebstahl bleibt Diebstahl, auch wenn der Beweggrund dafür Hunger ist. Aber ein Kind kann den Hunger eines Erwachsenen niemals stillen.

Als ich alt genug war, um meine Erinnerungen allmählich zu klären und einzuordnen, habe ich gelernt, mich zu verweigern und das Unmögliche nicht mehr von mir verlangt. Allmählich entwickelte ich die Kunst des unauffälligen Ausweichens bis zur Perfektion. Ich denke, sie hat es dennoch gemerkt. Und der Hunger in ihren Augen blieb. Die ganze Zeit, die ganzen Jahre hindurch. Ich wusste es, sah es; ich war auf der Hut und fühlte mich schuldig.

Ich glaube, dass Schuldgefühle den Platz für das Mitgefühl versperren. Bei mir war es jedenfalls so. Bis zu jenem Augenblick, als sie diesen einen unerwarteten Satz sagte - ich habe Angst.

In diesem Augenblick musste ich mich nicht vor ihr hüten. In diesem Augenblick konnte ich ihre kalten, papierhäutigen Hände in meine nehmen. Ganz flüchtig und am Rande meines Bewusstseins stellte ich fest, wie verloren und hilflos sie waren, diese Hände.

"Wir gehen morgen zusammen ins Krankenhaus. Und übermorgen bin ich bei dir, bis du in den Operationssaal kommst. - Und wenn alles vorbei ist und du wieder aufwachst, werde ich wieder da sein." Ja, sie fühlten sich richtig an, diese Worte. Und gut. Genauso gut wie ihre Hände zu halten und zu streicheln. Ihren Körper konnte ich nicht halten, aber ihre Hände.

Wir schliefen beide nicht besonders viel in dieser Nacht. Mehrmals hörte ich sie aufstehen. Sie rumorte in den Schränken, zog Schubladen auf und zu und humpelte vom Schlafzimmer in die Küche und wieder zurück. Hin und her und hin und her, obwohl die Tasche für den Spitalaufenthalt längst gepackt und auch sonst alles Nötige erledigt war.

Ich lag in der Stube auf dem ausgezogenen Sofa und stellte mich schlafend.

Irgendwann zwischen Wachsein und Dösen wehte die Frage durch mein Bewusstsein, ob ich das vertraute Geräusch ihres ruhelosen Herumgeisterns vielleicht zum letzten Mal hörte ... die möglichen Antworten darauf gefielen mir nicht.

In den frühen Morgenstunden schlief ich doch noch ein. Der telefonisch bestellte Wecker riss mich aus einer wirren Traumfolge. Noch völlig benommen tappte ich in die Küche. Meine Mutter war bereits fixfertig angezogen. Sie stand am Spülbecken und rieb mit einem Lappen am längst makellos glänzenden Chromstahl herum.

Eigentlich hätte ich gerne noch eine Tasse Kaffe getrunken, ließ es dann aber bleiben.

Es war ohnehin bald Zeit zu gehen.

Als ich sie eine Stunde später im Krankenhaus verließ, weil nun die Eintrittsuntersuchungen begannen, hatte ich das Gefühl, sie im Stich gelassen zu haben.

Es war ein sehr, sehr altes Gefühl.

Als ich am darauf folgenden Morgen wiederkam, stand sie bereits unter der Wirkung der vorbereitenden Medikation. Ihre Augen hatten einen rührenden, dämmerig verschwommenen Ausdruck. Jetzt trug sie auch eines der üblichen Spitalhemden, deren Schnitt mich immer irgendwie an Sträflingsuniformen erinnert hatte. Für ein paar Augenblicke lugte ihr mageres Gesäß aus dem steifen, geteilten Stoff. Dann wurde sie auf ein rollbares Gestell gebettet und davongefahren.

"Kommen Sie etwa um 11 Uhr wieder", gab mir die Schwester mit professionell mitfühlender Miene Bescheid, "Ihre Mutter wird um diese Zeit zwar noch nicht wieder auf der Abteilung sein, aber dann können wir Ihnen immerhin bereits sagen, wie alles verlaufen ist."

Das stimmte allerdings nur bedingt. Ob sie nach dieser Operation wie erhofft weiterhin gehen konnte und ihr damit wenigstens für eine weitere Zeitspanne der Rollstuhl erspart blieb oder ob ihr Gehirn die große Narkose unbeschadet überstand, würde sich erst später zeigen.

Ich brachte es nicht über mich, in ihre Wohnung zurückzukehren.

Also streifte ich zuerst durch die Quartierstraßen, kehrte dann aber bald auf das Spitalareal zurück.

Natürlich war um 11 Uhr noch gar nichts klar. Auch um halb zwölf nicht. Oder um halb eins. Oder um zwei. Ich wanderte durch den Spitalgarten und betrachtete eingehend die von einem unbekannten Gärtner liebevoll angelegten Pflanzen, die da in fröhlicher Selbstverständlichkeit vor sich hin blühten, Bienenbesuch empfingen und sich von der warmen Frühlingssonne verwöhnen ließen.

In halbstündlichem Rhythmus stieg ich in den Lift und fuhr in die vierte Etage. Doch dort wusste man mir noch immer nichts Neues zu berichten.

Außer dass die Operation gut verlaufen sei, dass es ihr gut gehe, man sie aber noch ein wenig - wo auch immer - zurückbehalte.

Meine Mutter wurde gegen halb fünf in das Überwachungszimmer auf der Abteilung gebracht.

In den sich endlos hinziehenden Stunden des Wartens hatte sich bei mir eine merkwürdige Lethargie breit gemacht. So als hätte sich meine Spannung durch die schon nicht mehr gezählten Nachfragen irgendwie abgeschliffen.

Ich war geradezu überrascht, als die Schwester mir entgegeneilte und mir Bescheid gab, dass ich meine Mutter nun sehen konnte.

In dem Aufwach-Zimmer befanden sich vier Betten. Die Stille im Raum war gesättigt vom gleichförmigen Piepen und Gluckern der Monitore, die an der Längsseite der Betten standen und über die Lebensfunktionen ihres jeweiligen Schützlings wachten und Auskunft gaben.

Meine Mutter lag in der Nähe des Fensters. Die Dienst habende Schwester brachte mir einen Stuhl.

Ich setzte mich und wagte einen vorsichtigen Blick auf ihre schmale, in dem überwältigenden Weiß nahezu verschwindende Gestalt. Ihr kleines Gesicht wirkte ohne ihre künstlichen Zähne noch eingefallener, als es ohnehin war.

Übergroß ragten Nase und Kinn in die Höhe und verliehen ihren Zügen einen Ausdruck von erhabener, uralter Weisheit.

Eigenartigerweise war mir dieser Ausdruck ihres Gesichtes nicht fremd, obwohl ich mich nicht erinnern konnte, ihn jemals zuvor bemerkt zu haben.

Vorsichtig, um die an ihrem Zeigefinger angebrachte, mit dem Monitor verbundene Klammer nicht zu verschieben, griff ich nach ihrer Rechten. Wie warm ihre Hand war! Viel wärmer als vor zwei Tagen, wo ich sie ebenfalls gehalten hatte. Ich spürte ihre Finger. Sie fühlten sich an wie ein Knäuel kleiner, Schutz suchender Tierchen, und obwohl sie sich nicht bewegten, hätte ich schwören können, dass sie sich in meine Handflächen schmiegten.

Manchmal verzog sie das Gesicht. Und sie bewegte die Beine. Was immerhin bedeutete, dass die Operation nicht fehlgeschlagen war. Wenn sie die Beine bewegen konnte, würden diese Beine sie auch weiterhin tragen können.

Und als sie irgendwann ein flatterndes Augenlid hob und mich für ein paar Sekunden erkennend anblinzelte, konnte ich annehmen, dass auch ihr Hirn nicht allzu sehr durcheinander geraten war.

Ich weiß nicht, wie lange ich an diesem Bett saß. Allmählich zerrann die Zeit zu einer unendlich dehnbaren Masse, in der es nichts gab, außer mir selbst auf diesem Stuhl und meiner Mutter in diesem Bett. Diese kleine, verschrumpelte Frau mit dem mutigen Herzen, das nie aufgehört hatte zu kämpfen - reglos lag sie da, und ihr Geist wanderte irgendwo in den Welten zwischen Bewusstsein und Traumland. So weit weg war sie, und doch fühlte ich mich ihr so nahe wie niemals zuvor in meinem ganzen Leben.

Das monotone Geräusch des unermüdlich vor sich hin murmelnden Monitors fing meine Aufmerksamkeit und lenkte sie auf den Bildschirm. Emsig liefen die gezackten Linien darüber hin. Sauerstoffsättigung des Blutes ... Herztätigkeit ...

Plötzlich begannen meine Augen zu brennen und ich konnte den Blick nicht mehr abwenden von dieser einen Linie.

Das war ihr Herz ... ta-ta-tam ... ta-ta-tam ... ta-ta-tam ... Seit bald fünfzig Jahren schlug dieses Herz für mich. Diesen Gesang hatte ich als Erstes von ihr gehört, lange bevor ihre Worte, ihr Weinen oder ihr Schreien an mein Ohr gedrungen waren. Dieses Herz hatte unbeirrbar über alle Jahre hinweg geschlagen, hatte tief in ihr drin unbeirrbar sein Lied gesungen - ta-ta-tam ... ta-ta-tam ... ich-liebe-dich ... ich-liebe-dich ... ich-liebe-dich ...

Die Dienst habende Schwester verstand nicht ganz, warum ich plötzlich in Tränen ausbrach.

"Ihrer Mutter geht es gut", sagte sie und brachte mir einen Kaffe, "machen Sie sich keine Sorgen, es geht ihr gut."

Ich nickte wortlos. Ja, das wusste ich. Und auch mir ging es gut.

Ich weiß bis heute nicht genau, was in jenem Augenblick in jenem Zimmer geschehen ist. Von außen gesehen hat sich danach nicht viel verändert, weder bei mir noch bei meiner Mutter.

Außer dass ich sie jetzt umarmen kann.

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