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Kurzgeschichten Krimi Spannung

Inspektor McBerry - Meine schnellste Aufklärung

Eine Kurzgeschichte von Stefan Wichmann


Ich schrecke hoch. Es ist noch früher Morgen und der Blick auf den Wecker zeigt, dass er in einer Minute klingeln wird - so wie immer. Ich schalte ihn ab und lasse mich noch einmal in das Kissen zurückfallen. In einer Stunde muss ich auf meiner Dienststelle im Kommissariat sein, doch das schaffe ich mit meinem Motorrad und leicht überhöhter Geschwindigkeit spielend. Durch das offene Fenster tönen zwei leise Stimmen in das Schlafzimmer. Ich stehe leise auf, schlurfe in die Küche und gieße mir eine Tasse Kaffee ein, um dann aus dem Fenster im ersten Stock zu schauen. Die Aussicht auf das Feld ist am frühen Morgen immer herrlich. Ein dünner Nebelfilm liegt auf dem Feld und ich genieße immer die Stille. Wieder sind die Stimmen auf der Straße zu hören. Gerade als mein Blick die beiden Gestalten erfasst, legt die eine Person den Arm um die andere, die in diesem Moment aber schon zu Boden fällt. Ich reiße das Fenster auf:
"Hallo! Kann ich helfen? Ist etwas passiert?"
Eine tiefe Stimme tönt durch den Morgen: "Nein, nein, er ist nur betrunken. Alles in Ordnung!"
Ich runzele die Stirn, weil mir die Laute, die ich im Schlafzimmer gehört hatte, nicht nach Betrunkenen geklungen hatten. Der Mann hilft der anderen Person auf die Füße und schleift sie mit sich fort. Beide torkeln etwas und es scheint so, als ob der Mann zu mir hinaufschielt.
Ich schließe das Fester, stürze mich in meine Sachen und renne barfuß die Treppen hinunter, schließe hektisch die Eingangstür auf und renne dann um das Haus herum zu der Stelle, an der ich die beiden Personen beobachtet hatte. Eine Blutlache ist auf dem Boden zu erkennen und ich beuge mich hinunter, um nach weiteren Spuren zu sehen. Ein blutiger Fußabdruck ist gerade noch zu erkennen. Wahrscheinlich ist der Täter in die Blutlache getreten, als er den anderen aufgehoben hat. Das noch frische Blut läuft in den Abdruck, so dass das Schuhprofil nur kurz erkennbar sein wird. Mir fällt lediglich auf, dass es sich um eine geriffelte Sohle handelt und ich versuche noch einen Teil des Abdruckes zu fixieren, indem ich mein Hemd auf den Abdruck lege. Dann renne ich in die Richtung der Fußspuren. Fieberhaft überlege ich, wie ich vorgehen würde, wenn ich gerade bei einem Mord ertappt worden wäre. Wahrscheinlich würde ich die Leiche über meine Schulter werfen, zu einem Gebüsch, oder zu dem nahegelegenen Fluss laufen und dort verschwinden lassen, um mich dann schnellstmöglich aus dem Staub zu machen. Vor mir lag das Feld im Nebel. Hier stehe ich, mit nacktem Oberkörper und die Frische des Morgens kriecht mir langsam in die Glieder. Ich kneife die Augen zusammen. Da! Im Nebel des Feldes sehe ich einen Schatten.
Ich balle die Hände zu Fäusten und laufe los. Ein Mann mit einem Messer macht mir als Kommissar keine Angst. Als ich bei der Gestalt ankomme, erhebt sie sich. Von der Statur her handelt es sich um den Mann, den beobachtet habe.
"Rufen Sie die Polizei!", sagt er. "Der Mann hier ist tot. Ich habe ihn gerade gefunden!"
Die Person auf dem Boden liegt in der stabilen Seitenlage. Mir schießen tausend Gedanken durch den Kopf. Natürlich handelt es bei dem Mann vor mir um den Täter. Es ist auch geschickt, den Toten in die stabile Seitenlage zu bringen. So lassen sich etwaige Blutspuren an der Kleidung des Täters erklären.
"Gehen Sie einen Schritt zurück!", rufe ich. "Ich habe sie beobachtet!"
Der Mann tritt einen Schritt zurück und lacht. "Na denn mal zu!", sagt er. "Sie haben keinen Beweis! Und das Schönste ist, dass Sie auch keinen Zeugen haben! Ich bin hier Spazieren gegangen und ein Motiv, den Mann umzubringen habe ich nicht!"
Ich beuge mich zu dem Toten und lasse den Mann keinen Augenblick aus den Augen. Doch der macht keine Anstalten wegzulaufen, oder mich anzugreifen.
Seine tiefe Stimme zeigt keine Anspannung als er wieder redet: "Keine Angst. Warum sollte ich sie angreifen? Damit würde ich mich verdächtig machen! Und weglaufen bringt mir nichts, weil ich mich dann erst recht verdächtig machen würde und meine Fußabdrücke im Feld zu finden sind. Ich lasse mich nie überführen!" Wieder lacht er hämisch. "Man konnte mir noch nie etwas nachweisen. Ja, ich könnte sogar aussagen, dass ich sie zuerst an der Leiche gesehen habe!"
Ich bin über so viel Tollkühnheit verwundert. "Ihre Spuren müssten ja auch zeigen, dass Sie spazieren gegangen sind!", rufe ich aus.
Wieder lacht der Mann leise. "Die Zeit hatte ich, um falsche Spuren zu legen. Die Straße ist nah und ich bin genau in meine Fußstapfen getreten, um den Weg hierher zurück zukommen!"
Wieder rasen meine Gedanken. Bis die Spurenermittler hier vor Ort sind, würde der Morgentau die Spuren genug verwischt haben, um Zweifel an dem Alibi des Mannes zu zerstreuen. Ich konnte ihn aber überführen!
"Sie gehen jetzt vor und dann rufen wir die Polizei!", sage ich.
"Genau!", antwortet er, "So wie ich bereits vorgeschlagen habe!"
So gehen wir den Weg zurück. Erst als wir an der Blutlache vorbeikommen, hebt er erschrocken den Kopf. Mein T-Shirt liegt noch immer dort und zeigt den Abdruck seiner Sohle. Ein Hund bellt und ein Nachbar schaut mich höhnisch an "Na, Herr Kommissar? Machen Sie ihr Bruce Lee Morgentraining?"
Der Mann vor mir senkt den Kopf. Er weiß jetzt auch, dass er überführt werden kann.
Bei den weiteren Ermittlungen stellt sich heraus, dass es sich um einen Mann handelt, der des öfteren Leichen gefunden hat. Jedoch konnte er bisher nie überführt werden, weil seine Erklärungen stimmig waren. Die Untersuchung des Psychologen ergab des Bild eines vereinsamten Menschen, der seine Bestätigung darin gesucht hatte wildfremde Menschen zu ermorden, um dann die Ermittlungen der Polizei aktiv zu beobachten und als Täter ausgeschlossen zu werden.




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Eingereicht am 27. Dezember 2003.
Herzlichen Dank an den Autor.
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