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Kurzgeschichten Krimi Spannung

Fellbiers zweiter Fall

© Helga Schittek


Es war August, Donnerstagmorgen, und um sieben Uhr herrschten zwanzig Grad.
Kurz vor Betreten der Dienststelle erreichte die Kommissare Hubert Fellbier und Manfred Kipper der Anruf ihres Kollegen Sauer.
Fellbier unterdrückte einen Gähnen: "Willi, wo drückt der Schuh?"
"Ein Spaziergänger hat in den Anlangen des Elisabeth-Krankenhauses eine Frauenleiche gefunden", quäkte die Stimme aus dem Handy.
Zwanzig Minuten später krochen die Beamten unter dem gelb-roten Absperrband.
"Liebchen, wie schaut's aus?", rief Kipper.
Gerichtsmedizinerin Anja Schnur warf ihren blonden Pferdeschwanz in den Nacken und rückte ihre Nickelbrille zurecht.
"Sie liegt seit etwa zehn Stunden hier. Am Hals erkennt man deutliche Würgemale. Dem Blut unter den Fingernägeln nach zu urteilen, hat sie sich gewehrt", erläuterte sie und verpackte die Hände der Toten. "Übrigens: Die Frau führt keinerlei Papiere mit sich." Kipper wandte sich den Kollegen von der Spurensicherung zu. Deren Beute bestand aus einem Zigarettenstummel und einem weißen Kopf.
Wenig später verließen die Kommissare das abgesperrte Rasenstück und wandten sich einen weißhaarigen Mann im Jogginganzug zu, der in einiger Entfernung auf und ab marschierte.
"Mathias Müller mein Name", schnaufte der Alte und streckte den Beamten seinen Personalausweis entgegen. "Ich mache jeden Morgen meinen Spaziergang. Um ein Haar wäre ich über die Tote gestolpert." Er lächelte. "Meine Augen sind nicht mehr die besten. Von der Pforte aus habe ich bei Ihnen angerufen."
Ein breitschultriger Mann im weißen Kittel steuerte auf sie zu: "Harald Färber. Ich bin der ärztliche Direktor. Dieses Szenario versetzt Angestellten und Patienten des Hauses in Aufregung...Entschuldigung mein Handy." Der Arzt gestikulierte mit dem linken Arm. "Darf ich die Tote...?", murmelte er und beendet wenig später das Gespräch. - "Auf der Inneren wird eine Patientin vermisst."
Fellbier nickte.
"Eindeutig Sabrina Sohnemann-Speicher...Mit diesen Kapitalisten hat man nur Scherereien", schimpfte der Mediziner. Dann sah er, wie Manfred Kipper seinen Notizblock zückte und drehte den Kopf zur Seite.
"Herr Dr. Färber, wir werden es so wie so erfahren", drohte Kipper. "Besser für Sie..."
Färber stampfte mit dem rechten Fuß auf und knöpfte seinen Kittel zu, während sein Gesicht die Farbe wechselte.
"Lassen Sie mich raten!", warf Fellbier ein. "Vor einem Dreivierteljahr beschuldigte Sabrina Sohnemann-Speicher, Tochter des Schuhfabrikanten Gregor P. Sohnemann, einen Pfleger der sexuellen Belästigung. Vor Gericht war man anderer Meinung."
Färber spitzte die Lippen: "Sein Name ist Magnus Rössler. Er arbeitet auf der Urologie, da ein Einsatz im Aufwachraum nicht mehr in Frage kommt. Dienstplan und Anschrift erhalten Sie in der Personalabteilung." "Ein nettes Kerlchen!", zischte Kipper und Fellbier nickte.
Gegen neun betraten die Beamten die Villa des Schuhfabrikanten und platzten in eine morgendliche Besprechung.
Gregor P. Sohnemanns Solar gebräuntes Gesicht wechselte die Farbe.
Schweißperlen traten auf seine Stirn, während seine Frau schluchzend den Raum verließ.
Rudolf Speichers Hände zitterten. Er klemmte eine Zigarette zwischen seine Lippen. "Ausgerechnet an ihrem letzten Tag konnte ich sie nicht besuchen.
Ich habe das Büro erst kurz vor Mitternacht verlassen. Vor drei Tagen hat sie mir von ihrer Schwangerschaft erzählt...Nach acht Ehejahren hatten wir die Hoffnung beinahe aufgegeben", nuschelte er und hantierte mit seinem Feuerzeug. "Sollten Sie weitere Fragen haben, ich stehe Ihnen jederzeit zur Verfügung." "Und wo, wenn ich fragen darf, hatten Sie den gestrigen Abend verbracht?", wandte sich Manfred Kipper an Vater und Sohn.
"Unsere Dogge musste zum Tierarzt. Danach war ich in der Zoohandlung am Bahnhof", erklärte Gregor P. Sohnemann und warf einen Blick auf seine Armbanduhr.
Hilmar Sohnemanns Kinn zitterte. "Ich war...von 19 Uhr bis 19:15 Uhr bei meiner Schwester", erklärte er hastig.
Nach einem Zwischenstopp im Schnell-Imbiss stiefelten die Kommissare zur Mansardenwohnung von Magnus Rössler empor.
Der junge Mann versuchte seine Wut zu zügeln: "Schlimm genug, dass mich diese reiche Tante der sexuellen Belästigung beschuldigt hat. - Obwohl bei einem impotenten Ehemann kann einem die Fantasie schon mal einen Streich spielen."
Fellbiers Pupillen weiteten sich.
Rössler nahm eine Pfanne aus dem Schrank und fuhr fort:: "Das geht aus Speichers Krankenakte hervor. Ich bin der Lady gestern Nachmittag im Aufzug begegnet. Wegen ihr bin ich strafversetzt worden, da brauche ich keinen Knast. Herr Fellbier, Angaben zu meiner Blutgruppe und DNA haben sie in Ihrem Computer. Guten Tag!"
Schweigend fuhren die Beamten zum Präsidium. Dort angekommen, bauten sich die Kommissare vor und hinter dem Schreibtisch ihres Kollegen Willi Sauer auf.
Sauer bat Kipper, die Hand von seiner Schulter zu nehmen und legte die ersten Untersuchungsergebnisse vor.
"Ich habe noch etwas für euch", fügte Sauer hinzu.
"Etwa die Akte Magnus Rössler?", riet Kipper. Sekunden später schüttelte er den Kopf. "Keinerlei Übereinstimmung! Der ist aus dem Rennen."
Hubert Fellbier kehrte vom Kaffeeautomaten zurück. Seine rechte Hüfte schmerzte. - Eine alte Schussverletzung!
Die Tür zu Rudolf Speichers Arbeitszimmer war nur angelehnt. Ohne anzuklopfen, betraten die Kommissare den Raum. Der 37-Jährige zuckte zusammen. Auf seine Vaterschaft angesprochen, ballte er seine rechte Hand, schlug auf die Schreibtischplatte und schnarrte: "Muss ich jedem auf die Nase binden, dass ich seit einer Hodenentzündung zeugungsunfähig bin?" Dann wechselte er die Tonart. "Unsere Ehe war glücklich...Wir hatten einen anonymen Samenspender in Anspruch genommen. Ein befreundeter Arzt in England..."
Fellbier winkte ab.
"Was haben wir denn da?", stutze Manfred Kipper, dessen blonder Bürstenhaarschnitt sich aufrichtete und deutete auf die Kratzspuren auf Speichers linkem Unterarm.
Speicher beteuerte, sein Siamkater habe ihn angegriffen und wich während des Verhörs, im Anschluss an die vorläufige Festnahme, nicht von dieser Behauptung ab.
Stöhnend stöberten die Beamten in den Unterlagen der Ermordeten. Doch dann verleitete ein Blick ins Internet Kriminaloberkommissar Willi Sauer zu einem Aufschrei der Verblüffung.
"Der alte Sohnemann hatte seine Tochter zu seiner Nachfolgerin bestimmt, obwohl Hilmar Sohnemann der qualifiziertere Kandidat gewesen wäre. Hätte mein Vater das mit mir gemacht, ich wäre sauer gewesen."
"Ich auch", meinte Fellbier. "Egal, Hilmar Sohnemann ist kein Schauspielert.
Seine Betroffenheit war echt!" Er wippte auf seinem Stuhl hin und her und zwinkerte Kipper zu. Bevor sie die Tür des Kommissariats hinter sich schließen konnten, klingelte das Telefon.
Rudolf Speicher hatte versucht, sich zu erhängen.
"Das kommt einem Geständnis gleich!", frohlockte Kipper und kehrte zu seinem Schreibtisch zurück.
Derweil besorgte sich Fellbier ein Mineralwasser und starrte aus dem Fenster.
Draußen kündigte sich ein Gewitter an. Wenige Minuten später klingelte erneut das Telefon.
"Alles klar", brummte Sauer beendete das Gespräch und spielte mit dem Kugelschreiber in seinem braunen Krausschopf, während seine Mundwinkel nach unten fielen.
"Was war?", schnaubte Kipper. "Wenn uns wieder diese vermaledeite Blutgruppe einen Strich durch die Rechnung macht, dann..."
Es goss wie aus Eimern, als Fellbier und Kipper erneut in ihren Dienstwagen stiegen. Fellbier sah auf seine Armbanduhr. Es war 17:30 Uhr.
Manfred Kipper spielte mit seinem Handy und gähnte: "Hubert, gibt es einen Grund, weshalb wir hier abhängen, oder wolltest du nur raus aus dem Büro?"
Der Kriminalhauptkommissar warf seinem Kollegen einen strafenden Blick zu:
"Rössler hat Dienst.. - Wir sollten ihm die gute Nachricht persönlich überbringen."
Rössler, der mit der Vorbereitung zu einer Operation beschäftigt war, verzog das Gesicht und zitierte die Kommissare die Kommissare ins Schwesternzimmer.
Nachdem seine Anspannung gewichen war, rieb er seinen Nasenrücken und
überlegte: "Ich an Ihrer Stelle, würde den Bruder der Ermordeten unter die Lupe nehmen. - Die waren ein sonderbares Gespann."
Kippers Augen funkelten.
"Nun mal Butter bei die Fische. Wir haben unsere Zeit nicht gestohlen!", knurrte Fellbier.
Rössler verschränkte die Arme vor seiner Brust: "Mal waren sie ein Herz in einen Seele, dann stritten sie sich. Zwei Tage vor ihrem Tod hatte ihr in der Eingangshalle eine geklebt...Tut mir Leid, dass ich nicht eher damit heraus gerückt bin. Aber wie hätte es ausgesehen, wenn ich bei Ihrem letzten Besuch..."
Das Pflegepersonal auf der Inneren teilte Rösslers Ansichten über die Geschwister Sohnemann.
Auf dem Weg zum Treppenhaus bestiegen die Beamten einen ankommenden Lastenaufzug und gesellten sich zu einem Rollstuhlfahrer.
"Unglaublich, was sich diese reichen Heinis erlauben", schimpfte der Mann.
"Man sollte die Polizei rufen! - Zum Glück werde ich morgen entlassen."
Als er Kippers Gesichtsausdruck bemerkte, reckte er sein Kinn in die Höhe und fügte hinzu: "Mein Zimmer liegt im Erdgeschoss. Gestern Abend stand der graue Passat von diesem Schuhfritzen, bis 21 Uhr auf dem Parkplatz. Die Dogge auf dem Rücksitz hat ununterbrochen gejault."
Gegen 18 Uhr verließen die Beamten das Klinikgelände. Das Gewitter hatte der Stadt Schwüle beschert. Zwanzig Minuten später erreichten die Beamten die Villa der Sohnemanns.
Das Anwesen schien verwaist. Nach mehrmaligem Klingeln öffnete die Frau des Seniorchefs. "Mein Sohn wollte in fünf Minuten hier sein", erklärte die Hausherrin und verließ den Raum. "Sie können gerne im Arbeitszimmer warten."
Manfred Kipper behielt die Tür im Auge. Hubert Fellbier schlüpfte in seine Handschuhe. Ein gelbes Kontrolllämpchen verriet, dass der Rechner des Juniorchefs eingeschaltet war. Fellbier deaktivierte den Bildschirmschoner.
Die Seite des Textverarbeitungsprogramms war leer. Doch im 'Mülleimer'
stieß er auf eine gelöschte Datei.
"Manni", flüsterte der Hauptkommissar, "ich habe einen Abschiedsbrief gefunden. Hilmar Sohnemann gesteht, dass er jahrelang der Geliebte seiner Schwester und der Vater ihres Kindes war. Er schreibt, dass er ohne seine Schwester nicht..."
Kipper tippte sich an die Schläfe.
Beim Blick in die Schreibtischschublade entdeckte Fellbier, inmitten des Sammelsuriums, eine Waffenbesitzkarte. - Die Klinke bewegte sich. Kipper huschte zur Seite.
Gregor P. Sohnemann betrat den Raum. Sein Gesicht war versteinert. In seiner rechten Hand hielt er eine Pistole.
Fellbier hob seine rechte Hand: "Sie machen die Sache nur noch schlimmer."
"Was habe ich noch zu verlieren?", zischte der Alte.
"Sag, dass das eine schlechter Traum ist!", brüllte Hilmar Sohnemann, der im Türrahmen erschien.
Während der Seniorchef sich umdrehte, entriss Kipper ihm die Waffe, streckte ihn zu Boden und fesselte ihn.
Gregor P. Sohnemann begann zu schluchzen und starrte in das Gesicht seines
Sohnes: "Meinen bösen Traum hatte ich gestern, als ich mit ansehen musste, wie ihr zwei euch geküsst habt. Deine Schwester hat mich ausgelacht, mich einen Spießer genannt und ihren Mann einen impotenten Dummkopf, der nichts Besseres verdient hätte."
Hilmar Sohnemann stürzte auf seinen Vater zu: "Mörder!"
Fellbier hielt ihn fest und zeigte auf den Bildschirm: "Ihnen ist klar, was diese Worte bedeuten? Falls nicht, lesen Sie sie, bis Sie verstehen, was Sie angerichtet haben. Auf unsere Anwesenheit müssen Sie dabei verzichten. - Uns ist speiübel."

Eingereicht am 03. März 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin / des Autors.


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