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Kurzgeschichten Krimi Spannung

Bei lebendigem Leib

© Melanie Strass


Ich riss meine Augen auf so weit ich konnte, aber ich sah nichts. Es war so dunkel hier, so kalt und so verdammt eng. Ich versuchte meinen Zeigefinger zu bewegen, doch scheinbar drang das Signal meines Willens nicht bis zu meinen Gliedmaßen. Mein Körper fühlte sich so taub an wie ein totes Tier. War ich tot? Nein, verdammt, ich konnte nicht tot sein, ich konnte doch noch denken, spürte die eiskalte Luft und nahm diesen muffigen Gestank um mich herum wahr.
Meine Augen ließen sich schließen und wieder öffnen, war das nicht der Beweis? Ich befahl meinen Fingern sich zu bewegen, warum hörten sie nicht auf mich? Plötzlich regte sich etwas, ich spürte ein Kribbeln, als ob tausend Ameisen sich meiner Hand bemächtigten. Ich versuchte meine krabbelnden Ameisen zur Seite zu schieben, doch ich stieß an klitschiges, kaltes Metall. Wie sah es über mir aus? Ich streckte die linke Hand, die sich fast wieder wie eine Hand anfühlte, über mich. Mit einem Peng klatschte sie an das Ende ihrer Freiheit.
Ich war gefangen wie eine Maus in einer Streichholzschachtel, obwohl natürlich keine Maus in eine Streichholzschachtel passen würde. Wo befand ich mich nur? Nicht mal der kleinste Lichtstrahl bohrte sich zu mir durch, ich fühlte mich sehbehinderter als ein Blinder.
Vielleicht war alles nur ein böser Traum und ich wachte gleich schweißgebadet, und erleichtert darüber nicht tot zu sein, auf. Tot?
Mein Körper bäumte sich auf wie ein wild gewordener Bär, um dem Schicksal meiner linken Hand zu folgen und durch den Aufprall mit dessen, was ich für die Sargdecke hielt, geschwächt nach unten zu sinken.
"Hilfe", schrie ich, doch meiner Kehle entrann nur ein leises Krächzen.
Was sollte ich tun? Ich konnte mich nicht bewegen und ich konnte mir kein Gehör verschaffen. Musste ich warten bis ich starb, in dem Bewusstsein, dass es bald um mich geschehen war? Die Würmer würden sich über mich her machen und ich würde spüren wie kalte, nasse Erde mich tief unter sich begrub. War ich schon unter den dreckigen Schichten des Sandes gefangen oder nur in diesem unbeweglich engen Kasten?
Ich musste etwas unternehmen, doch die Möglichkeiten, die einem offen standen wenn man dem Ende seines Seins entgegensah, waren dürftig. Erst recht wenn man sich, wie ich, in einem Sarg befand. Was war denn nur mit mir passiert? War ich krank, gestorben und jetzt wusste ich nichts mehr davon?
Oh nein, plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Lukas! Ich sah mich, wie ich früher als gewohnt nach Hause gekommen und diese unverkennbaren Geräusche aus dem Schlafzimmer wahrgenommen hatte. Zwei nackte Körper, ineinander verschlungen, ein lautes Stöhnen und ein lauter Schrei der Frau als sie meiner gewiss wurde. Lukas hatte sie im Arm gehalten, die zierliche Gestalt dessen Gesicht von flammend rotem Haar umringt war. Er hatte heiser gelacht, bevor er mir unvermissverständlich mitgeteilt hatte, dass ich abgeschrieben war.
Warum hatte ich mich nicht gleich daran erinnern können? In der Küche stehend hatte ich mich dem Geschirr gewidmet, hatte mir die Worte zurechtgelegt mit denen ich ihn verlassen würde, ein für allemal. Böse hatten meine grünen Augen ihn angefunkelt, bevor ein mit Chloroform getränkter Schwamm meine Sinne benebelt hatte. Ich wollte mir nicht ausmalen was er danach mit mir angestellt hatte um den Arzt von meinem Tod zu überzeugen.
Ich spürte ein stumpfes, dumpfes Geräusch, als ob Klumpen auf mein häusliches Gefängnis segeln würden. Kurze Pause, dann hörte ich es wieder.
"Nein", schrie ich und bemerkte, oh Wunder, dass meine Stimmbänder doch noch funktionstüchtig waren.
Die konnten doch nicht einfach die Erde auf mich schmeißen und für meine Seele beten. Wie wild trommelten meine Fäuste, die angesichts der Panik wieder einsatzbereit waren, gegen mein Dach.
"Hilfe, ich lebe, ich lebe", schrie ich aus vollem Hals.
Ich spürte, dass keine weiteren sandigen, mit Steinen durchsetzten Haufen auf mich bzw. meine jetzige Behausung, die das Letzte war was man sich für einen lebendigen Menschen wünschen konnte, niederprasselten.
Die Sekunden verstrichen wie Stunden während ich auf meine heldenhafte Befreiung wartete. Ich hörte das Knirschen als der Sargdeckel langsam nach oben gezogen wurde. Ein grinsender Lukas blickte mir ins Gesicht, und hätte ich nicht gewusst wie schrecklich es ist sein tristes Dasein im unterirdischen Bereich zu verbringen, hätte ich meiner schlagenden Pumpe im Inneren nicht verweigern können ihren Dienst aufzugeben.
Umzingelt von schwarz gekleideten Gestalten, die mich anglotzten wie einen toten Fisch, den sie gerade verspeisen wollten, der sich aber auf ihrer Gabel rührte, zwang ich meinen Körper in eine aufrechte Position.
Meine Ohren waren dem lauten Geschrei und den ungläubigen Worten vieler durcheinander schreiender Menschen ausgesetzt. Ich pumpte die nach Gras riechende Luft in meine Lungen, hörte die Vögel zwitschern und fühlte mich lebendiger als in meinem ganzen Leben.
Es dauerte etwas bis mich zwei männliche, kräftige Hände stützten um dem Gefängnis auf Lebenszeit zu entfliehen. Ich sah den immer noch grinsenden Lukas an und ich wusste, dass er bald lebendig im Grab liegen würde und keiner würde da sein, der ihm half. Ich würde vor seinem Sarg stehen, hören wie er winselnd um Hilfe heulte und meine letzten Worte an ihn würden sein: "Wie du mir so ich dir".
Nachdem ich einen Tag zur Kontrolle im Krankenhaus verbracht hatte, war ich nun glücklich wieder zu Hause bei meinem Ehemann, bei Lukas zu sein, ha ha. Ich stand in der Küche und ließ das weiße, grausige Pulver in seinen Sekt fließen.
"Na du, von den Toten auferwacht?", fragte er belustigt.
"Das hätte dir gefallen, mich bei lebendigem Leibe zu begraben", brachte ich heraus.
"Nicht doch", wehrte er ab.
Ich reichte ihm das Glas, prostete ihm zu und nippte vorsichtig, schließlich konnte man nie wissen, ob er nicht schon die Sektflasche bearbeitet hatte. Ein großer Schluck der trocken schmeckenden Flüssigkeit rann seine Kehle hinunter. Er griff sich an den Bauch, schwankte wie ein Besoffener durch die Küche und verdrehte die Augen. In meinem Kopf vollführten Indianer einen Freudentanz zudem sich meine nie wegzudenkende Skepsis mischte: Konnte es so schnell wirken? Lukas lag am Boden zusammengekrümmt und wandte mir einen Hilfe suchenden Blick zu. Ich grinste hämisch und wünschte ihm aus vollem Hals "Viel Spaß, mein Schatz, wenn du lebendig von den Würmern zerfressen wirst".
Ein Knacken der Tür ließ mich mit meinem Beschimpfungen innehalten und hinter mich blicken. Mein Glas Sekt fand die Fliesen unter meinen Füßen scheinbar anziehend und zerschellte dort in tausend Scherben. Die helle Flüssigkeit breitete sich aus, während ich mit großen Augen zwei Polizisten anblickte.
"Ich bin unschuldig, er wollte mich umbringen, er hat mich reingelegt", versuchte ich zu retten, was nicht mehr zu retten war.
"Ja, ja", sagte einer der Bullen, nachdem er mich über meine Rechte aufgeklärt hatte. "Ihr Mann hat uns schon von ihrer schwierigen psychischen Lage unterrichtet. Der arme Kerl hat geahnt was Sie ihm antun wollen, aber Sie können ja nichts dafür, Sie sind ja krank, ich weiß."
Handschellen legten sich um meine schlanken Gelenke und bevor ich abgeführt wurde drehte ich mich zu Lukas herum.
"Ich muss ins Krankenhaus", stöhnte er und schenkte mir das Grinsen eines gewinnenden Teufels.





Eingereicht am 08. Dezember 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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