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Kurzgeschichten Krimi Spannung

Ohne Titel

Von Pia Wanke


Sie lag ganz still dort - als würde sie nur schlafen. Die Augen waren halb geöffnet, wie es beim Halbschlaf üblich ist und man konnte einwenig die hellblauen Augäpfel sehen, die verdreht nach rechts deuteten, als würde sie dort etwas beobachten. Aber ihr Blick war glasig; als wäre sie geistlich nicht vollständig da.
Ihre Glieder waren von ihrem Körper ausgestreckt, als würde sie es sich auf dem kalten Erdboden gemütlich machen. Sie lag auf dem Rücken und ihr langes, blondes Haar war einwenig mit Dreck beschmiert und wellte in einer herrlichen Pracht von ihrem Kopf weg. Es sah auf dem ersten Blick so aus, als hätte sie eine junge Frau an einem warmen, schönen Sommertag ins Gras gelegt, die Arme und Beine von sich gestreckt und wegen der Sonne einwenig die Augen zugekniffen hatte und vor sich hin döste. Diese Illusion war allerdings schnell zerstört. Das Bild zeigte keinerlei Harmonie. Es war kein warmer Sommertag und unter ihr wuchs kein grünes, sanftes Gras.
Sie trug ein schönes, schlichtes cremeblaues Sommerkleid, ihre Füße waren nackt und dreckig, wie ihr Kleid, ihre Beine, Arme und Haare. Sie war wohl in die braune Erdmatsche gefallen oder gestolpert. Aber ihr Kleid und ihren Körper bedeckte noch etwas anderes.
Sie war überall mit blutbeschmiert. Ihr Hals klaffte auf, es sah einwenig aus, als hätte sie Kiemen, die sich nicht mehr schließen ließen. Das Blut war anscheinend wie Wasser an ihr herunter gelaufen, während sie Hilfe suchend durchs die Gebüsche gestolpert war. Sie hatte nicht nach Hilfe schreien Können; ihre Stimmenbänder waren durchtrennt. Weit hatte sie es nicht geschafft - wahrscheinlich nur fünf, sechs Meter. Dann war sie zusammen gebrochen in die Erdgrube gefallen. Ihre Beine waren wohl zusammen geknickt, ihr Körpergewicht war vorne rüber gekippt und sie war kopfüber in die kleine Grube gefallen. Als Grube konnte man es eigentlich nicht bezeichnen: es war höchstens ein Meter tief, aber es war eine Wölbung im Boden. Jedenfalls war sie groß genug, dass sie es wie ein Fisch am Land oder eine Schlange nach vorne ziehen konnte. Dann, als sie wegen dem Blutsverlusts völlig zusammen brach, ließ sie sich auf den Rücken fallen, während das Blut weiterhin vom Hals über ihre Brust zu ihrem Bauch und weiter floss. Es hatte geregnet und sie war völlig durchnässt, die Erde hatte sich in eklige, stinkende Matsche verwandelt. Ihre Fingernägel waren alle abgebrochen, daher nahm man an, dass sie sich einwenig vor gekrochen haben soll. Unter den Rest Nägeln fand man Erdespuren. Sie hatte sich beim rennen - oder fallen - den rechten Fuß verstaucht. Aber das hatte sie wahrscheinlich gar nicht wahrgenommen. Ihr Herz hatte wie verrückt gepocht, ihre Atmung war schnell und unkontrolliert, während sie vor ihrem geistlichen Augen schon sah, dass es zu spät war. Niemand hörte etwas. Sie hatte nicht schreien können, was nicht hieß, dass sie es nicht versucht hätte. Aber aus ihren Lungen war nur ein keuchendes Gurgeln gekommen.
Aber was die quälernste Frage überhaupt war: Hatte er zugesehen? Hatte er, der den präzisen und tödlichen Schnitt an der Kehle der Frau angesetzt hatte, zugeschaut? Während sein Opfer langsam aber sicher dem Tode ins Auge sah? Hatte es ihm Spaß gemacht "Gott zuspielen"?
Nie würde Matthew Coast den Tag vergessen, als er nach dem langen Tag in der Praxis nach Hause kam - pitschnass vom Regen - seine Frau suchte und am Ende in der kleinen Grube im Garten hinter den Bäumen gefunden hatte. Diesen stechenden Schmerz der damals durch seinen ganzen Körper quälend langsam sich fortbewegt hatte, besuchte ihn immer noch, wenn er die Augen schloss und sie dort liegen sah. Du warst nicht da. Du hättest es verhindern können. Das schien ihr blasses Gesicht ihm zusagen. Es ist deine Schuld. Er konnte sich heute noch nicht erklären, wer es getan haben soll. Wer konnte so was einem Menschen antun? Die Polizei hatte ihn verdächtig. Er war nach der Praxis noch kurz joggen gegangen. Es hatte zwar geregnet, aber es hatte ihm nichts ausgemacht. Er hatte eine Turnschuhe im Auto angezogen, am Waldrand gepackt und eine halbe Stunde lang joggen gegangen. Zu der Zeit, als sie erschreckend ins Angesicht ihres Mörders sah. Matthew konnte niemandem finden, der besagen konnte, ihm beim joggen gesehen zuhaben. Manche Freunde wussten, dass er es regelmäßig tat, aber sie hatten ihn selbst an dem Tag nicht dabei gesehen.
Zudem wurde eine Jacke in der Nähe des Ortes, wo Joanne lag, gefunden. Eine Wildjägerjacke und im Revers der Jacke stand in Goldschrift die Initialen: M.C. Matthew gab an, dass es seine Jacke war, aber er sie nie trug. Sie war mit blutbeschmiert, der Mörder muss sie getragen haben. Es waren nur Joannes Fingerabdrücke darauf. Sie hatte sich wohl verzweifelt an den Täter geklammert und um ihr Leben gebettelt. Keinerlei Hinweise für den Mörder.
Matthew war damals verzweifelt gewesen. Die Polizei ließ ihm keine Möglichkeit, ihn trauern zulassen. Und immer diese Schuldgefühle. Er machte sich selbst fertig.
Aber warum waren auch noch seine Gummistiefel am Tatort? Die Abdrücke davon waren neben denen von Joannes Fußabdrücken. Die Stiefel waren neben der Jacke gefunden worden.
Matthew hatte erklärt, dass jemand diese Sachen wohl von ihm genommen haben muss, um ihn zubeschuldigen - Joanne musste ihn gekannt haben.
"Wen vermuten Sie?", wurde er damals gefragt. Er hatte heute wie damals keine Ahnung. Nach vier Monaten waren die Ermittlungen wegen zu wenigen Beweismaterialen eingestellt worden. Matthew hatte versucht, sein Leben weiter zuführen. Die Patienten rannten ihm fast die Türe ein. Mitleid. Jetzt waren zehn Jahre vergangen, aber er konnte immer noch nicht die Augen schließen, ohne Joannes ausdrucksloses Gesicht zusehen.
Er schüttete sich in sein Glas einwenig Ale ein und stellte mit zitternden Händen die Flasche wieder auf den Tisch. Er lief schwankend zur Couch und ließ sich drauf seufzend fallen.
"Du bist betrunken", stellte Calvin Jakobs sachlich fest und schüttelte den Kopf. "Matty, was nützt es dir, dich zu besaufen? Hast du ein Alkoholproblem?" Er legte den Kopf schief und musterte seinen Schwager mitleidig.
"Ich habe kein Problem mit Alkohol", stellte Matthew klar und schüttete das Zeug ohne mit der Wimper zuzucken runter. "Das wäre schlecht für meinen Ruf. Ein Zahnarzt sollte beim arbeiten keine Fahne haben."
"Die hast du aber", sagte Calvin lächelnd und wedelte mit einer Hand vor seiner Nase, "Mann, mit deiner Fahne könnte man flambieren!"
"Ich arbeite auch nicht." Matthew lehnte seinen Kopf gegen die Couchpolsterung. Seine Lider pochten und sein Nacken schmerzte. Er ließ die Schulter langsam sinken und sah zu Calvin rüber, der ihn besorgt musterte. Er hatte einen feinen Anzug an und hatte seine Füße in schwarzen Armani-Schuhen stecken. Seine Krawatte war gelockert und sein hellbraunes Haar stand jugendlich ab. Jetzt lächelte er und zeigt seine gesundes Zahnfleisch und seine strahlenden weißen Zähnen und Matthew dachte nicht zum ersten Mal, dass er Werbung für Zahnpasta machen könnte.
"Weißt du, diese Alpträume quälen mich. Und am Wochenende kann ich mich ruhig mal gehen lassen."
"Tja, weißt du - du solltest mal mit einen Psychologen gehen. Es könnte wahre Wunder bewirken. Warst du eigentlich mal bei einem - ich meine, nach dem Tod von Joanne?"
"Nein." Es schmerzte so sehr, an sie zudenken. "Und ich werde es auch nicht tun, Calvin. Ich bin nicht verrückt, auch wenn ich so aussehe. Ist es nicht verständlich, dass ich mich scheiße fühle?"
Calvin faltete die Hände zusammen, als wolle er beten und beugte sich einwenig nach vorne. "Sicher ist das Verständlich. Aber es sind verfluchte zehn Jahre her. Andere heiraten in diesem Zeitschnitt wieder neu."
Er schüttelte den Kopf und ließ das leere Glas auf den weißen Teppich, der den Couchtisch und die Couch mit dem Sessel, worauf Calvin es sich gemütlich gemacht hatte, umfaste. "Jeder Mensch geht anderes mit dem Verlust eines Menschen um. Ich stürze mich in Arbeit und betrinke mich am Wochenende - du hast deinen Highschoolabschluss gemacht und bist danach nach Harvard gegangen. Respekt. Danach kamst du wieder, wirst Anwalt und machst dein Leben so weiter, als wäre nie etwas passiert."
"Das heißt nicht, dass ich Joanne nicht auch vermisse, Matty. Sie fehlt mir sehr. Aber ich lasse mir nicht mein Leben kaputt machen."
"Du warst siebzehn, Calvin. Du hast sie kaum gekannt, sie war deine Halbschwester, ja, aber du hast bei deiner Mutter gewohnt und sie bei ihrer. Ihr hattest kaum Kontakt, selbst dann, als ihre Mutter verstarb."
"Joanne wurde ermordet, Matt", sagte er, als würde er zu einem begriffsstutzigen Kleinkind sprechen, "natürlich traf es mich hart. Unser Dad starb früh - ich war nicht mal drei - und unsere Mütter haben sich zwar gehasst, aber wir haben uns oft getroffen und wir haben uns gemocht. Sie hat mich nie missbilligt, obwohl ich der Grund der Scheidung ihrer Eltern war. Sie war immer fair und gab jedem Menschen eine Chance."
"Ja", flüsterte Matthew und kämpfte mit einer Walle von Tränen. Er wollte jetzt nicht noch weinen. Wie sah dass den aus, ein betrunkener Mann der in Selbstmitleid badete und weinte wie ein kleines Mädchen.
Calvin stand auf und ging Richtung Küche. "Ich mache dir jetzt mal einen Tee." Seine Fuße quietschten einwenig auf den Marmorplatte in der Küche, anscheinend waren seine Schuhe noch sehr neu. "Wie läuft es in der Praxis?", fragte Calvin von der Küche her, in einem freundlichem Konversationston, als wäre das Thema von vorher längst verdaute und vergessene Sache.
"Clarissa hilft mir, wo es geht. Sie ist wirklich ein Segen. Eine bessere Sprechstundengehilfin kann man sich nicht wünschen."
"Das ist doch schön." Er kam mit einer Tasse warmen Wasser und einem Teebeutel Pfeffermindtstee ins Wohnzimmer zurück. Er stellte die Tasse auf den Couchtisch und legte den Teebeutel hinein. "Ich hätte gerne eine eigene Kanzlei", sagte Calvin beiläufig und setzte sich wieder auf seinen Platz. "Aber die Knete fehlt."
"Aha."
"Ich will nicht, dass du mir etwas leihst", beschwingte er schnell, "Ich wünschte nur, Joanne hätte mir etwas vermacht. Dann könnte ich wenigstens schon mal erste Maßnahmen ergreifen. Es ist so scheiße, von anderen abhängig zusein."
Matthew musterte die Tasse Tee, als fragte er sich, ob man das wirklich trinken konnte. "Dann ist es doch viel schöner, es vom eigenem Geld finanzieren zukönnen", meinte er ausdruckslos ohne seine Blick auf ihn zurichten.
Calvin nickte zustimmend, wandte dann ein: "Aber wenn kein Geld da ist" - er verstummte und zuckte die Schultern. "Du solltest jedenfalls Anfang dein Leben zuleben - und zwar richtig. Geh aus, hab Spaß. Du glaubst doch nicht, dass Joanne gewollt hätte, dass du dich so gehen lässt. Und hör auf, dir Vorwürfe zumachen. Du warst nicht da, na und? Dafür kannst du nichts. Du wusstest es ja schließlich nicht. Also, wenn du gewusst hättest, das ihr was passiert und du nichts unternommen hättest, dann wäre es ja gerechtfertigt."
"Die Polizei meint wohl immer noch, dass ich es war." Er wendete den Blick vom Tee und spürte Schweißtropfen seine Stirn runter laufen. Das dünne weiße Hemd klebte an seiner Brust.
"Ja, diese Hunde." Calvin schüttelte empört den Kopf. "Dich so fertig zumachen. Haben dich wie den letzen Dreck behandelt. Aber da du keinen Grund hattest, deine Frau zutöten, konnten sie direkt wieder gehen."
"Ich hatte ein Motiv und das weißt du genau", sagte Matthew und knöpfte einen Knopf eines Hemdes auf. "Joanne hat mir alles vermacht, was ihre Mutter ihr vererbte. Das war nicht wenig, nein, sehr viel sogar. Ich wusste nichts davon, dass Joanne bereits ihr Testament gemacht hatte. Aber die Polizei glaubte mir nicht. Die meinen, Joanne hätte mir gesagt, dass ich fünfundzwanzigtausend Dollar nach ihrem Tode bekommen würde. Ich wusste es wirklich nicht!" Er seufzte niedergeschlagen. "Und ich hatte damals auch noch Geld gebraucht, um die Praxis zu erweitern."
"Aber du hast das gesamte Geld in ein Projekt für Krebskranke Kinder gesteckt", erinnerte Calvin ihn, "wenn du es in die eigene Tasche gesteckt hättest und damit die Kosten der Praxis gezahlt hättest, dann wäre es bewiesen. Aber du hast es nicht getan."
War Calvin einfach dumm oder naiv? Geduldig erklärte Matthew: "Das hat für die Polizei keinerlei Bedeutung. Für sie sieht es so aus, dass ich damit versucht habe, den Verdacht von mir zuziehen. Das ich am Ende doch den Schwanz eingezogen habe. Erst soll ich Joanne brutal getötet haben und danach das Geld gewollt haben. Für sie war es das einfachste. Aber es reichte Gott sei dank nicht für eine Verurteilung, Gott sei Dank! Das ich meine Frau überalles geliebt habe, interessierte sie kein bisschen." Verächtlich schmalzte er mit der Zunge.
"Da haben sie aus dem Opfer den Täter gemacht", murmelte Calvin. "Ich hasse diese Polizei!"
"Aber es sah wirklich so aus", gab Matthew zu, "wäre ich Polizist gewesen und so viele Argumente würden gegen einen Mann sprechen, würde ich genauso handeln, sachlich gesehen. Beamte handeln nach Fakten, nicht nach Gefühlen. Verdammt, Calvin, das weißt du doch am besten. Wer hat den hier Jura studiert?"
Calvin wippte nervös auf seinem Sessel herum. "Ich weiß, ich weiß. Aber es regt mich so auf, schließlich warst du der Mann meiner Schwester. Und man sieht ja, wie sehr dir die Polizei zugesetzt hat - Mensch, sieh mal in den Spiegel! Du sieht aus, als würdest du auf die fünfzig zugehen, dabei bist du Ende dreißig."
"Ich brauche keinen Psychiater!"
"Nein, wer sagt das, nein. Aber geh mal unter die Leute, Matty. Geh aus! Leb und..." - er sah auf seine silberne Armbanduhr - "Ich muss gehen, Mann. Ich habe noch ein paar wichtige Sachen, um die ich mich noch kümmern muss. Wenn was ist, ruf an. Wenn ich nicht dran gehe, sprich ruhig auf den Anrufbeantworter, klar?"
Matthew hob nur langsam seinen Kopf und musterte ihn mit glasigen Augen. Calvin nahm seine Aktentasche die neben dem Sessel gelehnt hat, klopfte Matthew aufmunternd auf die Schulter und sagte: "Ich finde schon selbst raus!" Dann eilte er in den Flur. Matthew hörte erst die Haustür zuschlug und wie später ein brummender Moto ansprang und ein Wagen über Kies fuhr. Danach war es still.
Der graue, regnerische Morgen passte bestens zu seiner Stimmung, als Dr. Matthew Coast zu seiner Praxis ging. Er teilte sich eine Etage mit einem Anwalt, etwas abseits von der Innenstadt. Als er die zwei Treppen hoch trapste und öffnete die Tür zu seiner kleinen Praxis. Clarissa war bereits da, sie hatte die Lichtern angemacht und wickelte ihre langen, honigblonden Haare zu einem Pferdeschwanz zusammen und als sie Matthew sah, lächelte sie ihn freundlich an.
"Einen wunderschönen guten Morgen, Dr. Coast.
"Hallo, Carissa. Schön wär's." Er nahm die Akte entgegen, die sie ihm zuschob. "Vorhin hat Mrs. Mack angerufen, Tommy hat schon wieder fürchterliche Zahnschmerzen, sie kommen gleich. Ich fürchte, der Zahn muss jetzt gezogen werden, oder Doktor?"
"Tja, wenn er die Zähne nur schlampig putzt, und Mrs. Mack zu faul ist, ihn zu kontrollieren, habe ich keinerlei Mitgefühl." Er sah von der Akte hoch. "Wo ist Yancy?"
"Das wüsste ich auch gerne." Clarissa verdrehte die Augen. "Wahrscheinlich hat er nur mal wieder verschlafen, nichts weiter. Aber ich hoffe für ihn, er kommt rechtzeitig, bevor Mrs. Mack kommt."
"Ich auch." Matthew zog seine nasse Jacke aus, ging in sein Büro um sich seinen Kittel zuholen und warf einen Blick in das sterile Operationszimmer, bevor e wieder in sein Büro ging. Die gesamte Praxis bestand aus einem kleinem Wartezimmer, seinem Büro und zwei Operationszimmern, jeweils wurde nur eins benutzt, da nur Matthew Arzt hier war, dann war dort noch Clarissa, die die Termine ausstellte und Yancy, der bei ihm als Arzthelfer eingestellt war.
"Geht es Ihnen nicht gut, Doktor?" Clarissa lehnte am Türrahmen seines Büros und musterte ihn argwöhnisch. Sie war ebenfalls ganz in weiß gekleidet.
Matthew zwang sich ein Lächeln. "Alles bestens, Clarissa, was sollte denn sein?"
Diese zuckte die Achseln. "Sie sehen so blass aus. Soll ich Ihnen Kaffee machen?"
"Ja, danke."
Matthew setzte sich an seinen Schreibtisch und genoss den ruhigen Moment. Er hörte wie Clarissa mit der Kaffeemaschine kämpfte und wie draußen der Regen gegen sein Fenster prasselte. Obwohl die Praxis klein war, lief sie erstaunlich gut. Er hatte seine Stammkunden, die ihn regelmäßig besuchten, manche kamen auch nur jedes halbe Jahr zur Kontrolle. Der dachte an den Standartsatz eines Zahnarztes: "Putzen Sie sich regelmäßig die Zähne, denn ein Zahnarzt sieht am liebsten, gesunde weiße Beißerchen." Schwachsinn. Natürlich bohrte ein Zahnarzt lieber, als das er nur den Belag wegkratzte, den irgendwie muss er ja auch seine Rechnungen und Mitarbeiter bezahlen, und dass schafft man alles nicht nur mit Belag weg kratzen. Gott sei Dank waren seine Kunden allesamt schlampig und faul und kamen regelmäßig zur Zahnpflege.
Er sah aus seinem Fenster und beobachtete wie die Regentropfen gegen das Fenster prasselten und dachte daran, welches jämmerliche Bild er am Samstag bei Calvin abgegeben hatte. Er schämte sich, dass er sich so hatte gehen lassen, aber er war sicher, dass Calvin ihn verstand. Er hoffte es, aber, verdammt, zehn Jahre waren wirklich eine lange Zeit.
Als Mrs. Mack mit dem schreienden Tommy an der Hand kam, verflüchtigten sich seine Gedanken. Yancy traf wenige Minuten ebenfalls schlaftrunken an. Matthew sparte sich die Mühe, ihm den Marsch zublasen, er roch den schwachen Geruch von Alkohol, der von Yancy ausging und musste an sich selbst denken. Jämmerlich.
Hatte er sich den Schrei nur eingebildet?
Matthew blinzelte. Er sah sich um, er war der Einzige auf dem Waldweg. Nach seiner Arbeit in seiner Praxis hatte er sich schnell seine Laufschuhe angezogen und war einwenig nördlich gefahren, zu einem kleinen Wald mit einem schönen Weg zum wandern oder eben joggen. Es hatte aufgehört zu regnen, aber es fisselte noch einwenig. Sein Gesicht war von Wasserspritzern bedeckt, aber es war eher eine Art Abkühlung als unangenehm. Natürlich joggte er nicht in seinem Arztkittel, er hatte seine Joggingsachen wie seine Schuhe hinten im Auto gehabt und vorhin angezogen. Es war niemand sonst hier - jedenfalls hatte Matthew das erst angenommen. Er joggte diese Strecke bereits seid fünfzehn Jahren, immer alleine, früher hatte er immer als Kind seinen Vater begleitet. Es war immer diese Strecke gewesen, die sehr beliebt bei Joggern war, allerdings begegnete er kaum welche, weil er abends um neun erst seine Runde ging.
Jetzt blieb er stehen und lauschte, ob er noch einen Schrei hören würde. Es waren oft Jugendliche im Wald um zutrinken oder vielleicht heimlich auch ein kleines Feuerchen zumachen. Dies war auch eine beliebte Stelle von jüngeren Kindern, um umgestört zurauchen. Matthew hatte Tommy Mack einmal mit einem Freund erwischt, aber er hatte sich schon gedacht, dass Tommy raucht. Schließlich roch sein Mundgeruch nach Nikotin.
Aber dieser Schrei hatte sich nicht nach einem Spaß- oder gar Freudenschrei geklungen. Man konnte kaum was sehen, da die letzte Laterne dreihundert Meter entfernt war, diese stand in der Nähe seines Autos an der befahrenden Straße. Er wartete noch fünfzehn Sekunden, als er dann nichts hörte, joggte er weiter. Seine Atmung ging langsam und regelmäßig, durch die Nase ein und dem Mund aus, wenn sich Seitenstiche meldeten, hob er immer die Arme über den Kopf, aber er war schon so geübt, dass er selten welche bekam. Er blieb erschreckend stehen, als er einen nächsten Schrei hörte. Es klang nach einer Frau. Er sah besorgt in den Wald, aber er konnte nichts als schwärze sehen. Er blieb ganz still. Knackten da Zweige? Matthew hatte das Gefühl, dass jemand auf ihn zu gelaufen kam, sich aber noch im dunklem befand.
"Hallo?", rief er alarmierend, "ist da jemand?"
Natürlich bekam er keine Antwort. Er nahm an, dass sich welche Teenanger über ihn lustig machen wollten, einwenig den alten, sportlichen Mann erschrecken, der Höhepunkt eines öden, pubertierenden Lebens. Er lief weiter und fragte sich, ob er wirklich weiter joggen oder lieber umkehren wollte. Er war nur vierhundert Meter gejoggt, also weiter.
Als Matthew einige Meter gegangen war, sah er plötzlich eine Gestalt aus dem Wald sausen. So schnell, dass er nur den Schatten sehen konnte. Die Person flitzte aus der einen Seite Wald und verschwand in der Gegenüberliegenden. Er hörte einige Äste knacken, dann war es erst Mal wieder still. "Hey", schrie Matthew überrascht.
Dann sah er eine weitere Gestalt aus der rechten Seite des Waldes kommen. Seine Schritte waren stockend und unkontrolliert, wie seines Kleinkinds. Matthew war vom Wald eingeschlossen und sah hoch zum Himmel. Er hatte sich bereits dunkelblau gefärbt und er fluchte, dass er nur sowenig sehen konnte.
Es sah so aus, als wäre die Gestalt, die langsam aus dem Wald kam, verletzt war. Als sie aus torkelnd auf dem Waldweg stand, konnte Matthew die Umrisse der Gestalt besser sehen. Sehr zierlich, er nahm an das es sich um eine Frau handelte. Vom weiten hörte er das quietschen wegfahrender Reifen. War diese Frau Opfer eines Verbrechens?
"Miss, geht es Ihnen gut?", fragte Matthew die idiotischte Frage, die man jetzt hätte Stellen können.
Er ging langsam auf sie zu und sah wie sie zu Boden ging. Es handelte sich um eine dunkelhaarige Frau, die jetzt zusammen gekaut auf dem Boden lag und schnell und unregelmäßig atmete. Dann verlangsamte sich ihre Atmung rapide.
Aber dann sah er ihre Klamotten. Sie trug ein kurzes Höschen, vielleicht eine Hotpans und ein knappes T-Shirt. Aber das war nicht das besondere. Trotz der Dunkelheit, konnte Matthew genau erkennen, was ihren Körper bedeckte.
Blut.
Es lief schwarz und warm über ihren Körper runter. Ihr helles Oberteil war überseht davon, ihre Beine waren mit Blutverschmiert und ihre Hände. Sie hatte wohl versucht, die Blutung an ihrem Hals zustoppen. Diese Schnittwunde an ihrem Hals... Joanne. Es war genauso wie bei ihr, ihr Hals klaffte offen, genau wie bei...
Matthew sank zitternd auf die Knie und suchte an ihrem Handgelenk nach einem Blutdruck. Ihr Hals war so sehr zugerichtet, dass Matthew ihn nicht mal ansehen wollte. Es wurde immer dunkler und Matthew war sich sicher, dass sie tot war. Ihre Brust hatte aufgehört, sich unregelmäßig zu heben und zu senken.
Matthew stand auf und rannte zu seinem Wagen.
Die Lampen, die die Gerichtsmediziner aufgestellt hatten, erleuchteten den gesamten Waldweg und in den Wald hinein, in dem sich Polizeibeamte befanden, die mit den Hunden an den Leinen versuchten jeden Quadratmeter ab zusuchen, aber auch die hellen Lampen und die Taschenlampen, deren Schein wie übergroße Glühwürmchen wirkten, konnten nicht die gesamte Dunkelheit verbannen.
Inspector Crowley gab ein Grunzen von sich, als er Dr. Coast entdeckte. Er stand abseits von den Beamten und beobachtete das Spektakel. Man hatte ihm eine Decke gegeben, die ihm fast von den Schultern rutschte, aber er schien es nicht zubemerken.
Crowley zwirbelte seinen Schnurrbart und ging zu ihm rüber.
"Sie sind der einzige Zeuge?", fragte er zur Begrüßung.
Coast lenkte seine Aufmerksamkeit auf den Inspector. Er blinzelte überrascht und nickte. "Ja, ich habe die Leiche gefunden."
"Sie wissen, dass man ihr den Hals aufgeschnitten hat?"
"Wer ist sie, Inspector?"
Crowley, der es hasste, wenn man seine Fragen nicht beanwortete, zuckte die Schultern. "Wir werden die üblichen Verfahren einleiten. Vermisstenanzeigen durchgehen, und so weiter. Aber das interessiert Sie bestimmt nicht. Mich interessiert allerdings, was sie genau gesehen haben."
"Insepctor Crowley..."-
"Ach, Sie kennen meinen Namen noch?", schnappte Crowley, "das freut mich, Doc. Zehn Jahre ist's her. Wie geht es Ihnen?"
"Nicht besonders." Matthew seufzte und sah wieder zur Spurensicherung rüber. "Aber dafür, dass ich gerade eben mal wieder eine Leiche gefunden habe, erstaunlich gut."
"Aha." Crowley musterte ihn neugierig.
Um Matthews Mundwinkel zuckten einwenig, was einem ironischem Lächeln sehr ähnlich sah. "Ich kann mir denken, dass Sie mich wieder auf der Verdächtigenliste eintragen werden, Inspector. Aber Sie werden keine Beweise finden, weil ich es nicht war."
"Damals waren meine Beweise ausreichend, Doktor", brummte Crowley und verschränkte die Arme vor seiner Brust, "aber darum sind wir alle nicht hier. Es geht um das tote Mädchen."
"Mädchen?"
Crowley nickte und fingerte wieder an seinem Schnurrbart. Eine dumme Angewohnheit. "Ja, Dr. Fox schätzt sie auf siebzehn, höchstens neunzehn. In meinen Augen ist sie noch ein junges, unschuldiges Mädchen."
Matthew verbiss sich die Bemerkung, dass Mädchen in diesem Alter meistens nicht mehr ganz unschuldige Dinger waren, sagte statt dessen: "Ich würde Ihnen jetzt gerne erzählen, was ich gesehen habe." Crowley kramte aus seine Hosentasche einen Kugelschreiber und einen Notizblock.
"Dann schießen Sie mal los, Doc."
Matthew erzählte ihm, wie er um kurz vor neun die Strecke entlang joggte, dann die Schreie einer Frau hörte und nach dem zweiten eine Gestalt aus dem rechten Waldstück rausrannte und in dem linken verschwand.
"Eine Gestalt", wiederholte Crowley nachdenklich.
"Jaa." Matthew äußerte die Vermutung: "Wahrscheinlich der Mörder, oder Insepctor? Allerdings kann ich keine Personenbeschreibung abgeben. Es ging zu schnell und es war zudunkel."
Crowley sah zu den Polizeibeamten rüber, die mit ihren Hunden aus den zwei Waldstücken heraus kamen und wohl abbrachen. Es war zudunkel, dann würde morgen weiter suchen. "Sie denken, dass der Mörder des Mädchens auch der Ihrer Frau ist?", fragte Crowley misstrauisch und sah ihn aufmerksam an.
Matthew hob eine Augenbraue, als hätte er das noch gar nicht in Erwähnung gezogen. "Ich schließe nichts aus, Insepector. Das Mädchen wurde wie Joanne durch einen Schnitt im Kehlbereich getötet." Er sagte es ganz sachlich.
Inspector Crowley nickte, dann sah er wie Constabel Starford ihn zu sich winkte. "Sie entschuldigen mich", sagte er und eilte zu ihm hin, so schnell es seine Pfunde ihm ermöglichtem. Matthew blieb an seinem Platz und beobachtete, wie Constabel Starford Inspector Crowley ein Blutverschmiertes Jagdmesser zeigte. Matthews Puls beschleunigte sich.
"Die Tatwaffe", sagte Starford und drehte sie in seiner behandschuhten Hand und das Licht der hellen Lampen ließ das Blut glänzen.
"Fingerabdrücke, Speichel des Täters, irgendwas?", fragte Crowley.
"Bedauere, aber Fox kann noch nichts genaues sagen. Aber es sieht ganz danach aus, dass der Täter Handschuhe trug."
"Scheiße."
Starford nickte betrübt, schob mit der freien Hand seine Brille hoch und gab das Messer einem Beamten weiter. Dann nickte er in Matthews Richtung.
"Denken Sie, er war's?"
"Weil er die Leiche gefunden hat, die wie seine Frau getötet wurde und er der erste an der Stelle war wie früher bei Joanne Coast?" Crowley schnitt eine Grimasse. "Ich fürchte, im Moment habe ich nichts gegen ihn, außer ein Paar Spekulationen. Ich muss ihn leider gehen lassen und wir werden nach dem mysteriösem Fremden suchen, der aus dem Wald rannte." Er sah zu Matthew rüber, der gerade von einer Polizistin zum Auto gebracht wurde. Dann sah er zum Leichensack rüber, indem sich die Leiche des Mädchens befand. "Aber als aller erstes, müssen wir wissen, wer das Mädel ist. Vielleicht löst sich dann alles fast wie alleine." Constabel Starford sah ihn zweifelnd an. "Glauben Sie das wirklich?"
Crowley lächelte nur gequält, sagte aber nichts.
"Keinerlei Fingerabdrücke, weder an der Leiche noch an der Tatwaffe", murmelte Crowley verärgert und seufzte, während er noch einmal den Bericht des Gerichtsmediziners überfolg. Die junge Polizistin sah von dem Computerbildschirm hoch. "Das ist in der Tat sehr Bedrückend", stimmte sie vernünftig zu, "ich habe gerade die Vermisstenliste von Publeo und Umgebung gecheckt, Insepctor. Bisher konnte ich keine Mädchen finden, was auf die Beschreibung der Leiche passt. Eine gewisse Julie Hoppus hätte gut gepasst, aber sie wurde angeblich in der Nähe von Denver entdeckt, komisch, dass sie noch hierdrin ist", meinte sie mit gerunzelter Stirn.
"Also, kein Mädchen?", hakte Crowley mit gereizter Stimme nach.
"Nein", sagte die Polizistin und verbiss sich eine flapsige Bemerkung. Crowley setzte sich an einen freien Stuhl an der Polizeiwache. Er wischte sich mit einem weißen Taschentuch über seine Stirn. Als er es wieder in seine Hosentasche verstaute, befahl er: "Fragen Sie an dem College in Publeo und Umgebung nach. Irgendein Mädchen hat doch bestimmt einpaar Kurse sausen lassen und passt auf die Beschreibung des toten Mädchens. Wir vermuten, dass sie eine Collegestudentin ist, muss aber nichts heißen. Also nehmen Sie sich auch die High Schools vor, klar?"
Die Polizistin nickte und machte sich auf den Weg, eine Gruppe zusammen zustellen.
Als Dr. Matthew Coast an diesem Morgen seine Praxis betrat, bemerkte er sofort die neugierigen Blicke von Yancy, der ausnahmsweise pünktlich war, und den besorgten Blick von Clarissa.
Er nickte beiden zu und verschwand in sein Büro. Er hatte wirklich keine Lust über den Vorfall von dem Abend zusprechen, er wollte vor seinem ersten Termin noch einwenig entspannen und die Bilder aus seinem Kopf verdrängen.
Als er seine Jacke an den Hacken neben seinem Schreibtisch gehängt hatte, sah er wie beide zögernd in sein Büro schlichen. Sie sahen ihn erwartungsvoll an.
"Ja?", fragte Matthew höflich.
"Wir haben das von dem toten Mädchen gehört", sagte Yancy und lächelte. Matthew kam das Lächeln einwenig deplaziert vor, schwieg aber weiterhin, weil er nicht vor hatte, ihn darauf hin zuweißen, dass dies eine ernste Angelegenheit war und damit eine Konversation anzetteln könnte.
"Wir machen uns Sorgen um Sie", sagte Clarrisa bedrückt und verschränkte die Arme vor ihrem weißen Shirt. "Es muss ein Schock gewesen sein."
"Nun, jeder reagiert anderes darauf, eine Leiche im Wald zu finden", meinte Matthew lakonisch und setzte sich an seinen Schreibtisch, um sich seinen Papieren zu zuwenden.
Clarissa nickte und warf Yancy einen Blick zu. "Stören wir Sie etwa?", fragte sie dann unschuldig.
"Ja", gab er ehrlich zu und sah dann von einer Akte hoch. "Ich möchte gerne in Ruhe arbeiten."
"Mann", meldete sich Yancy zu Wort, "können Sie sich nicht vorstellen, dass wir einwenig neugierig sind?"
Matthew war einwenig über die Ehrlichkeit des jungen Mediziners überrascht, erwiderte aber schlicht: "Ich weiß nicht mehr als ihr. Ich habe keine Ahnung wer das Mädchen ist, geschweige denn wer der Mörder ist." Er musterte die beiden, die einwenig nervös wirkten. "Haltet ihr mich etwa für den Mörder?", fragte er und spürte direkt eine unkontrollierbare Wut in sich aufsteigen.
"Wir zählen nur eins und eins zusammen", erklärte Yancy Achselzuckend und lehte sich an die weiße Wand, "die Zeitung hat noch mal das Thema Ihrer Frau aufgewühlt. Sie wurde genauso getötet wie das Mädchen."
"Was aber nichts heißen soll", meinte Clarissa hastig und riss ihre Augen auf, "ich meine, dass sind keine genauen Merkmale. Beiden wurde die Kehle aufgeschnitten. Ähm, es wäre was anderes, wenn beiden die linke Hand fehlen würde. Dann wäre es, tja, identischer. Aber hier..." Sie verstummte und sah hilfesuchend nach Matthew.
"Ja, es heißt nicht, dass es ein Serienkiller ist", sagte er bedächtig, da seine junge Kollegin wohl die Gedenken hatte, dass es ein erneutes Opfer geben würde.
"Aber trotzdem, sollten Frauen abends nicht mehr alleine raus", meinte Yancy grinsend und warf Clarissa einen viel sagenden Blick zu, welche ihn aber ignorierte.
"Der Mörder ist noch auf freien Fuß", sprach Matthew aus, was sie alle befürchteten, "und bisher hat man noch keinen Zusammenhang gefunden. Solange das tote Mädchen nicht identifiziert wurde und es Verdächtige gibt, muss man abwarten."
Yancy meinte zögernd: "Aber Sie werden auch verdächtigt." Matthew fragte sich, woher er es wusste. Stand es etwa auch in der Zeitung? Bestimmt wurde er im Zusammenhang genannt, wie der Mord an seiner Frau.
"Ich finde", meinte Matthew dann, "dass wir jetzt wieder an die Arbeit gehen sollten." Clarissa verstand den Link, dass er jetzt nicht mehr drüber sprechen wollte und zog Yancy mit aus dem Arbeitszimmer.
Es heißt nicht, dass es ein Serienkiller ist...
Matthew saß Zuhause auf einem alten Schaukelstuhl und erinnerte sich an seinen Vermutungen. Stimmt es denn wirklich? Es könnte doch sein, aber das Beunruhigendste daran war, dass er dann ja in seinem Haus gewesen war...
Matthew schüttelte sein Unbehagen ab. Serienkiller töten doch nicht in einem so großen Zeitabstand. Sie metzelten doch für gewöhnlich alles nieder, was ihnen in den Weg kam und flüchteten durch ganz Amerika bis sie eines Tages endlich von der Polizei gestoppt werden. Aber so betrachtet, konnte Matthew doch so oder so Angst davor haben, dass der Mörder plötzlich vor seiner Türschwelle stand. Er war im Haus gewesen, Joanne hatte ihn rein gelassen. Sie hatte ihn gekannt. Ein Liebhaber? Gott, daran wollte Matthew nicht mal denken. Er hatte Joanne getötet und jetzt dieses Mädchen - das war für ihn sicher. Warum hatte er es bei Clarissa und Yancy abgestritten? Weil es absurd ist, darum.
Schon allein der Gedanke, dass Crowley ihn verdächtige, ließ ihn in Schweiß ausbrechen. Wollte der Mörder die Tat in seine Schuhe schieben?
Matthew schleppte sich ins Schlafzimmer. Es war bereits abends und draußen dunkel und auch in seiner Wohnung herrschte Dunkelheit. Er suchte mit einer Hand nach dem Lichtschalter im Schlafzimmer, der an der linken Seite neben der Tür sein musste. Er hatte plötzlich panische Angst, dass ihn jemand aus dem dunkeln anspringen, oder ein Messer an seine Kehle setzen könnte. Diese Angst hatte er ebenfalls als Kind gehabt, aber jetzt kam es ihm total grotesk vor. Trotzdem sah er vor dem Schlafengehen noch mal unter seinem Bett. Weil man ja nie weiß, natrürlich.
"Inspector, ich habe ein verschwundenes Mädchen in dem städtischen College hier in Pueblo ausfindig machen können. Brünett, einsachtzig, schlank. Passt auf die Leiche zu." Die junge Polizistin, die Britney DeLonge hieß, wie Crowley sich erkundigt hatte, hielt ihm eine Akte hin. "Sie wurde seid gestern Mittag das letzte Mal von einer Freundin gewesen. Ich habe bei den Eltern nachgefragt und diese bestätigten mir, dass sie vermisst wird. Ihre Mutter ist danach hysterisch geworden, da sie die Zeitung gelesen hat."
"Wie heißt dieses Mädchen?"
"Shirley Smith, Sir."
Crowley sah von der Akte auf. "Oh Mann, die Tochter des Star-Anwalts Edward Smith?"
"Ja."
Crowley seufzte. Wieso musste es immer ausgerechnet die Reichen und Schönen treffen? Sie erregten immer mehr die Öffentlichkeit. Und da ihr Vater Anwalt ist, wird er den Mörder seiner Tochter bluten sehen wollen, und zwar so richtig. Er wird ihn in der Luft zerfetzen, aber vorher würde er sich die Polizei vorknüpfen.
"War sein letzter Fall nicht mit diesem Schauspieler, der neben seiner Karriere als Drogendealer jobbte?" Crowley nickte für sich selbst. "Ja, scheiße. Ein richtiger Prominenter, dieser Smith, einer der wenigsten hier in dieser Kaffstadt." Er überlegte kurz. "Aber sie wurde noch nicht identifiziert?"
"Nein, Sir." DeLonge machte ein besorgtes Gesicht. "Ihre Mutter sah so verzweifelt aus, dass ich dazu nichts sagen wollte."
"Dann nehmen Sie eben Edward Smith. Der verkraftet schon so was. Ich will endlich, dass das tote Mädchen einen Namen hat." Die junge, schnell beeinflussbare Polizistin DeLonge machte sich sofort auf den Weg.
Edward Smith war ein mittelgroßer, schlanker Mann im grauen Nadelsteifenanzug und emotionslosem Gesicht. Er war um die Anfang fünfzig und sein dunkles Haar wurde langsam schütter. Er bewegte sich elegant und ging aufrecht, wie als würde er gerade zu einer wichtigen Verhandlung eilen und wollte ein autoritäres Bild bei den Reportern abgeben, die vor dem Gerichtsgebäude warteten und Fotos knipsten. Allerdings waren hier nur einpaar Polizeibeamte, die ihm mitleidsvolle Blicke zuwarfen.
Dr. Fox wartete auf ihn und schüttelte ihm geschäftsmäßig die Hand. "Geht es Ihnen gut, Mr. Smith?"
Dieser nickte siegesgewiss, als wüsste er, dass er diesen Prozess mal wieder für sich gewinnen würde. Das tote Mädchen würde nicht seine Tochter sein.
"Es muss sich um eine Verwechslung handeln", meinte Smith als er Fox zu dem Gebäude neben der Polizeiwache folgte, die für die Gerichtsmedizin war. "Shirley will Journalistin werden", sagte Smith stolz, "sie studiert hier Journalismus. Und sie wird Erfolg haben. Ich und ihre Mutter wollten sie zuerst nach Yale schicken, aber leider ist unser Mädchen nicht qualifiziert dafür gewesen. Was aber nichts heißen soll, gewiss."
"Wo denken Sie denn, ist Shirley?", fragte Fox vor dem ‚Kühlschrank', wie er ihn scherzhaft nannte. Hier wurden die Leichen in kleinen unterkühlten Behälter waren, die man wie Schubladen aufziehen konnte.
"Na ja, vielleicht bei einer Freundin in Denver oder Phoenix, oder vielleicht sogar New York, oder Los Angeles." Smith sprach so, als würde für ihn nichts anderes in Betracht kommen. "So muss es sein, oder Doktor?"
Fox sagte nichts und zog die Schublade zwölf auf, indem sich das tote Mädchen befand.
Crowley beobachtete, wie Smith Leichenblass aus dem Gebäude der Gerichtsmedizin kam. Es war direkt neben der Polizeiwache und er kam gerade von seiner Mittagspause, wo er einen kleinen Besuch bei seiner Frau eingelegt hatte.
Es war herrliche neunzehn Grad und endlich meldete sich die Sonne wieder, trotzdem sah Smith aus, als wäre er gerade aus einem Kühlschrank geklettert.
"Mr. Smith", rief er und eilte dem Mann her, "warten Sie bitte einem Moment."
Stocksteif drehte sich der Star-Anwalt zu ihm herum und beobachtete ihn mit glasigen Blick. Er schien keinerlei Reaktion von sich zugeben.
"Meine Name ist Inspector Laurence Crowley", stellte er sich vor. "Ich war einer der ersten bei dem Mädchen."
"Mein Mädchen", flüsterte Smith fassungslos.
Oh Gott, dachte Crowley, wessen Befürchtung sich bestätigt hatte. "Mein Beileid, Sir. Hat Dr. Fox Sie einfach alleine gehen lassen?"
Er hakte sich kumpelhaft bei dem völlig durcheinander geratenden Anwalt ein und führte ihn zur Polizeiwache. Er hielt es für unverantwortlich, ihn in diesem Zustand sich selbst zu überlassen.
Er setzte ihn auf einen freien Schreibtisch ab und organisierte einen Kaffee, welcher jedoch nicht angerührt wurde.
"Ich dachte, sie würde nur eine Freundin besuchen", stammelte Smith, "ich dachte, sie sei in Ordnung."
"Ich glaube, Sie sollten Ihrer Frau im Moment nichts sagen", entschied Crowley, "DeLonge erzählte mir, dass sie völlig hysterisch wurde, als man sich nach dem Verschwinden von Shirley erkundigte. Ich werde ihr einen Psychologen schicken", meinte er dann, "ich denke, dass wäre das Beste, oder Mr. Smith?"
Dieser schüttelte fassungslos den Kopf und schaute zu einem Ort, den nur er sah, während er seine Krawatte lockerte, um den Kloß aus seinem Hals zu befreien. "Wer kann das bloß getan haben?", fragte er mit versagender Stimme, "Meine Shirley."
Crowley seufzte und erinnerte sich an die wenigen Vater-Sohn-Gespräche mit seinem jüngsten Sprössling, der gerade am College anfing. "Es ist sicherlich ein großer Verlust, das einzige Kind zu verlieren", sagte er dann bedächlich und stellte sich vor, seiner Sarah würde etwas passieren. Er würde ausrasten. "Sie müssen mit diesem Schmerz fertig werden, Smith. Sie werden es schaffen, auch wenn ich das schlecht beurteilen kann, es tut mir trotzdem schrecklich leid um Shirley."
"Mein Mädchen", wiederholte Smith kopfschüttelnd. Anscheinend hatte er Crowley überhaupt nicht zu gehört. Dann sagte er mit festerer Stimme: "Ich werde diesen Schweinehund finden und ihn ordentlich in die Mangel nehmen, Inspector, das schwöre ich." Crowley hatte das befürchtet. Nichts war schlimmer, als ein wütender Vater, der seine Tochter rächen wollte und der polizeilichen Ermittlungen im Weg stand.
Als Cadence Wilson im Morgenmantel die Zeitung vor ihrer Haustür holte, die der Zeitungsjunge dort in aller Frühe hin geschmissen hatte, stockte sie. Sie wischte sich mit einer Hand den Rest Schlaf aus den Augen und starrte wieder auf die Überschrift der Pueblo Express. Sie hob schnell die Zeitung auf und verschwand wieder in ihre Wohnung, so dass sie nicht merkte, wie ihre Nachbarin ihr freundlich zu winkte.
Sie trank einen Schluck von ihrem schwarzen Kaffee und las den Artikel.
Totes Mädchen identifiziert
Das ermordete Mädchen welches am Dienstagabend von Dr. Matthew Coast (38) am Waldstück Shadyside gefunden hatte, hat nun endlich einen Namen. Es ist die Jurastudentin und Tochtes des berühmten Anwalts Edward Smith Jr. (53) Shirley Smith (20). Mutter der Toten, Andrea Smith (49) steht unter Schock und steht nun unter Psychiatischer Betreuung. Inspector Laurence Crowley (45) sagte gestern in einer Stellungnahme: "Wir gehen von einem mutwilligem Mord aus, wollen aber noch keine genauen Angaben machen. Nein, wir haben noch niemandem unter Verdach. Es besteht kein Grund zur Panik für die Bewohner von Pueblo. Man sollte außerdem keinerlei Parallelen ziehen." Trotzdem ist es sehr auffällig, dass vor zehn Jahre die Journalistin Joanne Coast unter denselben Umständen ums Leben kam. Ihr Mörder tötete sie mit einem präzisen Schnitt durch die Kehle - wie bei Shirley - und Joanne Coasts Mörder ist auf freiem Fuß - wie bei Miss Shirley Smith. Da Inspector Crowley anscheinend noch alles unter Kontrolle hat und es "kleinerlei Grund zur Panik gibt", kann man auch daraus schließen, dass Dr. Matthew Coast - Mann von der getöteten Joanne Coast - nicht unter Verdacht steht. Ist das in Ordnung? Oder sollte man zugunsten der Bewohner von Publeo nach zehn Jahren endlich die Suche nach dem richtigem Mörder anfangen?
Cadence lachte, als sie das las. Autsch. Das würde Matthew wahrlich treffen, da war sie sich sicher. Wer immer dies geschrieben hatte - sie wette um ihr ganzes Hab und Gut, dass das Mick Gilmore gewesen war - er hatte nicht nur der Polizei von Publeo einen gewaltigen Arschtritt verpasst.
Cadence Wilson trank genüsslich ihren Morgenkaffee und schenkte dem Artikel Aufruhe in Cheyenne, Wyoming: Lindsay Gordon nun drei Tage vermisst nur einen kurzen Blick, während sie überlegte, ob sie Dr. Matthew Coast nach zehn Jahren endlich mal wieder einen Besuch abstatten sollte.
Als Matthew in der Leere seines Wohnzimmers saß, überlegte er sich, ob er sich nicht einen Hund anschaffen sollte. Einen Lebensgefährten. Er könnte mit ihm joggen gehen. Das wäre doch sicher eine tolle Sache, dann würde die Wohnung vielleicht einen Schimmer Leben zurückbekommen, der nach Joannes Tod verflogen war. Das Wohnzimmer war leer, so wie jedes der anderen Räume, es war kalt und fühlte sich unbewohnt an. Die Regale waren mit Objekten voll gestellt, die man gekauft hatte, weil das nötige Geld da war, nicht weil man sich zu den Gegenständen angezogen fühlte. Die Sachen, die nach Joannes Tod hier seinen Platz gefunden hatten, erzählten auch keine Geschichte, oder wollten es nicht einmal. An manchen konnte Matthew sich nicht einmal erinnern, wo und wann er sie gekauft hatte. Egal. Aber würde ein Hund wirklich die nötige Wärme zurück bringen, nach der Matthew sich sehnte? Er könnte ja auch mal wieder ausgehen, Calvins Vorschlag nachgehen und vielleicht würde er dann auch andere Menschen kennen lernen. Neue Menschen, die eine Geschichte zu erzählen hatte und die sie Matthew unbedingt berichten wollten.
Aber es war einfacher hier im Sessel zusitzen, und sich vorzustellen, was man machen konnte, mühlich war es dagegen, dies in die Tat um zusetzten.
Mit einem schweren Seufzer erhob sich Matthew aus seinem Sessel, um zu seiner kleinen Minibar zu begeben, um sich einen kleinen Drink zu mixen, hielt dann aber inne, als es an der Haustür klingelte.
Er runzelte die Stirn und sah auf seine Uhr. Es war Mittwoch und zehn Uhr in der Früh, seine Praxis war bis fünfzehn Uhr geschlossen und er fragte sich, wer um eine so unchristliche Zeit, seine Gesellschaft ersehnte. Anderseits ist es auch noch zu früh für einen Drink.
Mehr oder weniger Mühsam verließ er das Wohnzimmer und lief den schmalen Flur bis zur Haustür entlang. Er überlegte kurz, ob er wirklich aufmachen sollte, als es ein zweites Mal klingelte, entschied er sich, lieber zu öffnen. Es könnte ja wichtig sein.
Als er die Haustür öffnete, sah er eine kleine, zierliche Frau vor sich stehen, mit entschlossenem Gesichtsausdruck und einem Blick, als könnte sie sich tausend andere Plätze vorstellen, an denen sie lieber wäre, als an der Hautür von Dr. Matthew Coast zustehen. Er kannte diese Haltung, diesen Blick, und die Person, welche von seiner kühlen Aura umschlossen war.
"Mein Gott", murmelte Matthew und wollte die Tür wieder schließen.
"Nein, Cadence Wilson", entgegnete die Frau und hatte schnell geschickt einen Fuß zwischen Tür und Angel gestellt, als wäre es nicht das erste Mal, das man ihre Gesellschaft missbilligen würde.
"Ich bin nicht in der Stimmung, auf sinnlose Unterhaltungen", meinte Matthew und öffnete die Hautür wieder. Cadence zog ihren Fuß zurück.
"Ach ja? Ich schon. Und wer behauptet, dass meine Unterhaltungen sinnlos wären?"
"Das letzte Mal, als ich dich gesehen habe, hast du mich wüst beschimpft und wärst fast wie eine Furie auf mich losgegangen. Schuldigung, dann meinte ich gewalttätige Unterhaltung."
"Wer ohne schuld ist, der werfe den ersten Stein, Dr. Coast", sagte Cadence verächtlich und musterte ihn mit zusammen gekniffenen Augen. Ihre Lippen waren so stark zusammen gepresst, dass sie nur noch ein dünner Strich waren. Sie sah ziemlich albern aus. "Willst du mich nicht reinbitten?", meinte Cadence dann. Ihr Feuerrotes Haar stach schmerzend in seine Augen.
"Nein", entgegnete er, "wie gesagt: ich will mich nicht unterhalten. Und erst Recht nicht mit dir."
Cadence seufzte und strich sich wichtigtuerisch durch ihr langes Haar. Sie war es bisher gewohnt, von Männern immer Respekt entgegen zubekommen, und das Matthew sich wie ein Mistkerl benahm war ihr zwar bekannt, entwaffnete sich aber trotzdem jedes Mal.
"Ich bin in erster Linie hier, um mich selbst davon zu überzeugen, dass du unschuldig bist. Du solltest mal wieder Publeo Express abonnieren, spitze Zungen unterstellen eine Verbindung zwischen dir und dem toten Mädchen Shirley Smith."
Matthew starrte sie missverständlich an. "Das tote Mädchen ist Shirley Smith? Die Antwaltstochter?"
Cadence nickte ungeduldig. "Ja, das sagte ich wohl. Kann ich jetzt endlich rein? Ich frier mir hier draußen den Arsch ab."
Widerwillig ließ Matthew sie rein und beide gingen in die Küche. Er bot ihr etwas zu trinken an, aber sie lehnte dankend ab.
"Wie geht es Angie?", fragte Matthew beiläufig als er sich Kaffee machte. Kaffee war morgens viel besser als Gin Tonic, das stand fest.
"Na ja, sie macht sich gut in der Schule, aber langsam wird sie richtig zickig, wie Mädchen nun mal sind ", erklärte Cadence kurz angebunden und sagte dann im ersten Ton, wie sie immer mit ihrem Chef sprach: "Matt, ich habe zwar keine guten Verbindungen mit Publeo Express, seid dem ich nach Angies Geburt freiberufliche Journalistin geworden bin, aber dennoch habe ich Kontakte. Die können nicht so mit dir umspringen."
Er lachte verächtlich und nahm aus einem Schrank über der Spüle eine Tasse heraus, auf der Guten Morgen! stand. "Seid wann hast du deine Meinung über mich geändert? Früher hättest du dich über solche Schlagzeilen gefreut. Aber Caddie, es ist mir egal, was man über mich schreibt. Ich lese seid fünf Jahren keine Zeitung mehr."
Cadence zwang sich ein Lächeln. Ihr Gesicht war jetzt nicht mehr unter Spannung, was sie sympathischer aussehen ließ. "Zehn Jahre sind eine lange Zeit, findest du nicht? Joanne war meine beste Freundin, aber trotz allem hat sie dich geliebt und ich muss das akzeptieren. Wann war unsere Unterhaltung? Bei Joannes Beerdigung? Ich habe lange über alles nachgedacht, weißt du. Ich finde, wir sollten uns - in Joannes Interesse! - wieder versöhnen. Die Vergangenheit ruhen lassen."
Matthew goss sich schwarzen Kaffee ein und ließ Milch und Zucker aus. "Was ist, wenn du das alles nur als Vorhand siehst? Wäre doch sicher eine tolle Story, wenn du alles aus mir ausquetschen könntest! He, vielleicht gestehe ich ja auch live den Tod an Joanne!" Das seine Stimme nur so von Sarkasmus triefte, war ihr nicht entgangen, trotzdem zuckte sie zusammen. Sie sah sehr zerbrechlich aus, jetzt, wo sie ihre harte Schale abgelegt hatte und ihm ihren weichen Kern präsentierte. Nach zehn Jahren.
"Gott, Matt, das ist überhaupt nicht das, was ich will! Ich will keine Story, weil ich mich auf solche Schlammschlachten nicht mehr einlasse. Ich will mich mit solchen Artikeln nicht mehr bekleckern. Ich arbeite nicht für irgendein billiges Käseblatt."
"Wie würdest du dann Publeo Express bezeichnen? Nein. Ich stelle mich für keine Story zur Verfügung. Ich habe die ganzen Zehn Jahre kein Wort gesagt, das werde ich beibehalten."
Cadence seufzte und fasste sich an die Stirn. "Matty! Ich will einen Waffenstillstand, mehr nicht. Ich glaube nicht, dass du der Mörder bist. Aber, sieh mal, wenn du keine Stand-Bys abgibst, glaubt dir niemand. Alle wollen einen verzweifelten, aufgelösten Witwer sehen, der in eine verrückte, verzwickte Sache verwickelt wird. Das verkörperst du nicht, darum werden die Leute misstrauisch, Matt. Ich meine es doch nur gut. Ein... nett gemeinter Ratschlag, von einer Freundin."
Matthew hob eine Augenbraue und pustete in den heißen Kaffee. "Freundin?"
Cadence schnitt eine Grimasse, sagte aber nichts.
"Du meinst, du willst nur einen Waffenstillstand? Hintenrum bequatschst du mich, dass ich endlich den Mund aufmachen soll. Cadence, versuch's nicht mal."
Cadence nickte kaum merkbar. "Es ist deine Entscheidung, Matty, aber hör mal: wenn du Probleme mit dieser Schreißpresse hast, melde dich. Ich habe lang genug für diese Vollidioten gearbeitet, um zu wissen wie sie ticken. Die wollen Blut sehen und du bist das perfekte Opfer, für jeden." Sie stand auf. "Aber ich gehe jetzt wohl besser." Sie kuschelte sich wieder in ihren übertrieben dicken Mantel und stülpte wieder die Maske der Unverletzlichen auf, bevor sie sich zur Tür wandte.
Matthew fragte sich, als er zusah, wie sie in ihren Wagen stieg, was sie durch gemacht hatte, dass sie sich jetzt mit ihm verbunden fühlte.
Als Matthew am Mittag in seine Praxis kam, begrüßte ihn eine aufgewühlte Clarissa am Empfang. "Doktor, ähm, ich schätze, wir haben heute nichts zutun."
Yancy kam aus dem Wartezimmer geschlichen und gesellte sich neben Clarissa und musterte Matthew neugierig, auf eine Reaktion gespannt. "Ich denke, wir können heute früher in den Feierabend gehen", meinte er nur.
Matthew sah mit gerunzelter Stirn von Yancy zu Clarissa. "Könnten Sie mir bitte sagen, was hier los ist?"
"Nichts", antwortete sie trübe, "alle Termine wurden abgesagt." Sie sah Matthew mitfühlend an. "Es muss alles sehr schwer für Sie sein, Hm?"
Matthew ließ sich auf einen Stuhl aus geflochtetem Bambus sinken, der eigentlich nur zur Dekoration dort stand. "Hat irgendjemand seine Absage begründet?"
Clarissa, sah sichtlich überfordert aus und schwankte zwischen Mitgefühl und Geschäftlichen. "N-Nicht wirklich. Mr. Benson meinte, seine Zahnschmerzen hätten urplötzlich aufgehört und Mrs. Macfarlane hat was anderes, wichtigers vor. Aber nein, niemand hat eine genaue Begründung abgegeben." Sie zögerte und spielte nervös mit ihrem Kuli. "Wollen Sie meine Meinung hören?"
Matthew vergrub seine Hände im Schoß und machte eine ungeduldige Kopfbewegung.
Clarissa versuchte sachlich zubleiben. "Nun, ich denke, dass es an ihren negativen Schlagzeilen in der Öffentlichkeit liegt. Es handelt um Ihr Privatleben - also geht es mich nichts an, und hier ist nicht der richtige Ort um darüber zusprechen - aber die Leute werden stutzig, verstehen Sie. Sie lesen die Zeitung und machen sich darüber ein Bild von Ihnen - wenn auch ein total falsches." Sie seufzte. "Machen wir jetzt Feierabend?"
Matthew stimmte ihr insgeheim zu. Es lag an den Berichten über ihn in den Zeitungen. Was sollte er machen? Die Zeitung zur Rechenschaft ziehen? Sie druckten doch nur, was eh schon alle dachten.
Er schickte Yancy und Clarissa nach Hause und setzte sich an seinen Schreibtisch, in seinem Büro. Keine Patienten. Was schon alleine sehr schlimm war, aber diese Berichte... Er hoffe, dass der Mörder endlich gefasst wurde. Dann würde es seiner Praxis auch wieder besser gehen. Ihm würde es besser gehen.
Um sechs klingelte das Telefon in seinem Büro. Es war Cadence Wilson.
"Hey, Darling", sagte sie und die Verbindung war ziemlich schwach, er hörte im Hintergrund leises Knistern, "komm doch bitte in den Wald, okay? Du kannst auch gerne deine Jogging-Schuhe anziehen! Ich muss dir was zeigen."
Mühselig rappelte er sich hoch. Diese Person wollte er als Letztes sehen.




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Eingereicht am 14. September 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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