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Kurzgeschichten Krimi Spannung

Das Insekt

Von Paul Wohlgensinger


Noch nie in seinem Leben hatte Herbert Schnyder solche eigenartigen Insekten gesehen. Schwarz-grün gestreift glichen sie in ihrem Flug winzigen Gleitfliegern aus der Dinosaurierzeit. Und wie sie flogen! Nach zehn ausgeschwungenen Sinuswellen landeten sie auf einem Blatt eines Baumes oder einer Blume, auf einem Stein oder auf einem Ast und ruhten sich aus. Scheinbar. Denn der aufmerksame Beobachter bemerkte, wie sich die riesigen Facettenaugen ständig bewegten und sich drehten. Was, zum Kuckuck, suchten die wohl ohne Unterlass? Diese Insekten schienen für Herbert Schnyder etwas Menschliches an sich zu haben, menschlich, was ihre neugierige Ruhelosigkeit anbelangte. Und diesem Geheimnis wollte der mit allen Insekten geflogene Biologe auf den Grund gehen.
Dino Berosini war einer jener Männer, die zu größeren Festen und kleineren Anlässen eingeladen wurden, ohne dass er wusste warum. Es war einfach so. Er nahm es hin. Wenn er Lust hatte, ging er. Wenn nicht, war das kein Grund für den Gastgeber, ihn beim nächsten Mal von seiner Gästeliste zu streichen. Berosini dachte nicht viel über das Warum nach. Natürlich schmeichelte es ihm, umschwirrt von hübschen Frauen Geschichten zu erzählen, die für sie interessant, für ihn aber alltäglich waren. Nun, also konnte Berosini sich am Schluss eine der Schönheiten aussuchen und mit ihr den Rest der Nacht verbringen. Er konnte, er wollte aber nicht. Und diese Tatsache war der Grund der vielen Einladungen geworden. Gastgeber hatten Wetten abgeschlossen, welches Fest er endlich mit einer Frau verlassen würde. Die begüterten Herren luden die schönsten Frauen von fern und nah zu ihren Zusammenkünften ein und schworen jedes Mal, dass jetzt der Bann breche. Wenn der attraktive Einzelgänger das Haus gegen Morgen wieder ohne Anhang verließ, wanderten tausend Dollar in den Wettkübel der zwölf bietenden Gastgeber. Das Geld spielte weniger eine Rolle als die Ehre und der Ruhm, das vermeintliche Fallbeil niedersausen zu sehen. Die tausend Dollar waren für jeden von ihnen ein Pappenstiel. Wann wird der Würfel fallen? Das war die viel diskutierte Frage.
Nun, wer war dieser Dino Berosini? Der vierzigjährige Junggeselle mit dem gut geschnittenen Gesicht und der kräftigen Gestalt arbeitete im Zoologischen Museum in Berlin im Bereich Insekten. Auf seinen vielen abenteuerlichen Reisen in dichten Dschungeln, trockenen Wüsten, auf gefährlichen Flüssen, in bunten Mischwäldern hatte er Tausende verschiedenster seltener Insekten gefangen und konserviert. In Berlin bestimmten sie seine Kolleginnen und Kollegen und einige Arten entpuppten sich als Neuentdeckungen auf dem Vierflüglermarkt. Und aus seiner letzten Expedition brachte er das tödlichste Kerbtier lebend nach Deutschland, und zwar einige Männchen und Weibchen, um die Nachkommenschaft sicherzustellen. Er hatte sie mit einem Schutzanzug bekleidet gefangen, mit großer Vorsicht in bruchsichere Glasgefäße befördert. Sie bewohnten jetzt eine todsichere Vitrine, diese schwarzgrün gestreiften Hautflügler mit den extrem unruhigen Facettenaugen.
Warum wusste er, dass sie so giftig waren? Mit seinem deutschen und den vier afrikanischen Begleitern hatte er am Oberlauf des Sambesi einige dieser seltsamen kleinen Ungeheuer auf der Nase eines starken Wasserbüffels beobachtet. Als die Insekten wegflogen, fiel der große Wiederkäuer mit zitternden Verrenkungen ins grünbraune Wasser. Eine andere Todesursache als das Gift durch die Insekten war ausgeschlossen. Die chemische Analyse dieses Venenums brachte die Zootoxinspezialisten zum Staunen. Diese Insekten produzierten das stärkste Gift, das sie je in einer Untersuchung getestet hatten, gefährlicher, viel gefährlicher als zum Beispiel Zyankali oder Strychnin. Nach einer Stunde jedoch konnte man keine Spuren des Gifts mehr entdecken.
Berosinis schon fast tollkühne Verwegenheit, diese Biester zu fangen, nach Europa mitzunehmen und sogar in seinem Haus als artige Tierchen im Glaskasten zu halten, stieß in Fachkreisen auf zweifelndes Kopfschütteln. War der Wissenschafter nun sehr mutig, naiv oder wollte er ein Risiko herausfordern?
Ach ja, wer war er nun wirklich? Wissenschafter, Spezialist in Insektenforschung. Er wohnte allein, abgesehen von seinen Insekten. In großen Glasvitrinen begleiteten ihn seine lebenden Beutetiere, die er von seinen Reisen heimgebracht hatte. Sein interessantes Gesicht, die fast kindliche Scheu und die Aura des weit gereisten Abenteurers lockten die Frauen wie der Honig die Bienen an. Aber er schien lieber stundenlang der Kopulation zweier rarer Libellen zuzuschauen als sich selber in den Armen einer glühenden Verehrerin zu verfangen.
"Nächste Woche am Freitagabend lade ich Sie ein. Leute wie Sie und ich. Zum Plaudern, Essen und Trinken." Der stattliche dicke Mann mit den Goldketten um die Arme und den Hals, den mächtigen Kullern von Ringen an seinen feisten Fingern und der noch fetteren Frau an seiner Seite war sich sicher. An diesem Abend würde der Würfel fallen. Herr Lauerbacher hatte in allen Universitäten der Umgebung nach einer schönen Doktorin suchen lassen. In Irene Millerstroem hatte er sie gefunden. Und der Gipfel: Diese Magistratin war Biologin, Zoologin und eine der führenden Insektenforscherinnen der Hemisphäre. Es konnte sogar sein, dass sie Dino Berosini kannte.
Der heikle Einzelgänger überlegte nicht lange und sagte zu. "Ich werde kommen", versprach er. Weiter dachte er sich nichts dabei. Er mochte zwar den Dicken nicht schmecken, den besten Whisky aber ließ er sich nicht entgehen. Wenn die meisten dieser Anlässe für ihn auch langweilig waren, so genoss er doch, wie gesagt, die Gesellschaft der charmanten Damen und aber noch mehr den exzellenten Scotch, dem er genüsslich, wenn auch nicht übertrieben zusprach. Denn noch nie hatte er eine Einladung betrunken verlassen. Im Grunde seines Wesens verachtete er aber diese Partys und diese pikierten neureichen Wichtigtuer, die von Wissenschaft nichts und von Seele soviel verstanden wie die Insekten von einem Benzinmotor.
Herbert Schnyder, den er aus Fachzeitschriften kannte, rührte dagegen keinen Tropfen Alkohol an. Beide aber waren ausgezeichnete, überdurchschnittliche Größen der Insektenforschung, der trockene Schnyder aus Zürich und der Italiener Berosini aus Berlin mit Hang zu speziellem Whisky.
Irene Millerstroem konnte sich keinen rechten Reim aus ihrer Einladung zum Fest des Herrn Lauerbacher machen. Aber was soll's, schließlich durfte sie sich auch einmal ein Vergnügen außerhalb all der wissenschaftlichen Trockenarbeit leisten. Ihre Schönheit, verbunden mit ihrer subtilen Intelligenz, machten sie zu einer bezaubernden Gesprächspartnerin. Das wusste sie. Ein Außenstehender hätte in ihr eher ein Fotomodell als eine Biologin vermutet, noch dazu eine Insektenforscherin. Also sagte sie zu. Nach ihrer langen erotischen Abstinenz drängte es sie vehement zum anderen Geschlecht, zu einem sexuellen menschlichen Gegenpol nach all den tausend Untersuchungen der Kerbtiere und ihrem Paarungsverhalten. Sie war gespannt auf den Abend.
Herbert Schnyder weilte gerade mit der Frau Doktorin im Labor, als sie zum Fest eingeladen wurde. Spontan fragte sie, ob ihr Kollege nicht auch mitkommen dürfe und wolle. Beides wurde bejaht.
Dino Berosini lebte am liebsten allein oder mit seinen Insekten. Diese Zusammenkünfte in den Herrschaftsvillen verschafften ihm einen Ausgleich, die Gesellschaft mit Menschen. Diese aber hielt er nur mit Alkohol, vor allem mit sehr gutem Whisky aus. Nüchtern konnte er mit seiner Schüchternheit an den banalen Gesprächen nicht teilnehmen. Vor einer Tischrunde mit Tafelwasser graute ihm entsetzlich. Er fühlte sich verloren und benutzte jede Gelegenheit, um aufzustehen und wegzulaufen, nicht mehr wiederzukehren. Zwischen seinen Vitrinen mit den Insekten war er daheim, aß seine Sandwiches, die er mit Rotwein hinunterspülte, beobachtete die Viecher und spürte sich selber.
Lauerbachers antike Protzvilla wachte oben auf dem höchsten Hügel eines Vorortes von Berlin eifersüchtig darauf, dass in ihrer Umgebung nichts Ebenbürtiges gebaut werden konnte. Der Maschinenfabrikant Lauerbacher mit seinem kantigen großen Schädel und dem immerroten Vollmondgesicht passte nun gerade richtig in dieses Haus hinein, zusammen mit seiner immer farbenfroh gekleideten Frau, der aber eigentlich ein rosiges Kleid besser gestanden hätte, weil sie, gleich in welcher Ausstaffierung, die Ähnlichkeit mit einer schlachtreifen Sau nicht verleugnen konnte. Sie hatten sich als Studenten an der Universität kennen gelernt, als sie Advokatin und er Wirtschaft studierten. Oder besser gesagt studieren wollten. Denn schon nach dem zweiten Semester erbte Lauerbacher die ganze riesige Maschinenfabrik von seinem verstorbenen Vater. Wozu also noch studieren? Er, Fritz Lauerbacher, teilte diese frohe Kunde seiner Elsa mit und schon am nächsten Tag zogen sie in die Villa ihrer Eltern ein, als noch ungetrautes Paar. Die für einen anerkannten Fabrikanten unerlässlichen Hochzeitspapiere wollten sie sich dann in einigen Wochen mit einem Prunkfest überreichen lassen. Der alten Mutter Lauerbacher ging das alles zu schnell. Sie trauerte ihrem Gatten nach und zog noch am selben Tag aus dem Herrschaftssitz aus und mietete sich eine kleine Wohnung am Stadtrand.
Der Abend der Einladung war da. Der wuchtige Eichentisch war überladen mit schweren Porzellanschüsseln, voll von diesen überflüssigen Partygerichten, auserlesenen Weinen und hochprozentigen Schnäpsen. Auf einem kleinen Tisch, vorne im großen Saal, unübersehbar, lud eine schwere Flasche mit schwarzer Scotch Etikette zum Trunk ein.
Rechts und links daneben protzten zwei mächtige schwarze Polstersessel.
Es war schon recht viel Volk in der Villa versammelt. Diskret krochen noch ihre Unterhaltungen über die Perserteppiche.
Dino Berosini erregte eine fast ungeteilte Aufmerksamkeit als er den Saal betrat. Die Frauen sogen ihn auf, die Männer blickten ihm respektvoll oder neugierig entgegen. Viele wussten von der Wette und warteten gespannt auf deren Ausgang. Der Hausherr forderte ihn auf, sich in einen dieser Präsidentensessel zu setzen. Aber er setzte sich nicht. Er stand plötzlich wie vom Donner gerührt stehen, seine Augen starr auf die andere Seite des Saales gerichtet.
So stierte er auf seine Insekten, wissenschaftlich, neugierig, etwas Überraschendes erwartend. Iren Millerstroem hatte sich in seinen Augen verfangen. In ihrem purpurroten, tief ausgeschnittenen Kleid präsentierte sie sich wie die Königin von Saba. Nie in seinem Leben hatte er eine so schöne und faszinierende Frau gesehen. Sie ihrerseits kannte diesen anziehenden Mann, konnte sich aber nicht an Namen und Details erinnern. Er seinerseits spürte den tödlichen Stich dieser bezaubernden Frau, von der er nicht mehr loskommen würde. Energiefäden zogen sie zueinander. Der Hausherr und die anderen Besucher geiferten in ihre Hände und schauten verblüfft dem Spektakel zu.
Die beiden Zoologen verbrachten den ganzen Abend miteinander. Berosini schnupperte für einmal nur an seinem Whisky. Er brauchte ihn nicht, heute, er würde ihm nur schaden.
Er wusste, die Frau wird ihn zugrunde richten, wenn er ihr seine Seele anvertraute. Die Vertrautheit wurde zur offenen Intimität ohne Hoffnung auf Rückkehr.
Bald nach Mitternacht verabschiedete sich das Paar vom strahlenden Wettkönig Lauterbacher, der seinen Triumph kaum mehr verhehlen konnte. Drinnen brach ein Freudengeheul los, als ob jeder Satori erreicht hätte. Sie füllten ihre Gläser aus der großen Whiskykaraffe und soffen sich in einen tüchtigen Rausch.
Später betrachtete Dino Berosini den nackten perfekten Körper der Irene Millerstroem. Sie schlief. Sie hatten ihr letztes Energieatom im ekstatischen Geschlechtsakt ausgehaucht.
"Sie macht mich willenlos, wir beide können nicht miteinander leben", sinnierte der Mann wissenschaftlich.
"Ich bin Zoologe, und das will ich bleiben, und ich will frei leben."
Stunden später wurde die Leiche abgeholt und im kriminalistischen Institut auf die Todesursache untersucht. Die Wissenschaft stand vor einem Rätsel. Wohl wurde Dino Borosini des Mordes verdächtigt, jedoch konnte ihm nichts nachgewiesen werden. Herbert Schnyder wusste mehr, doch er schwieg.
Bald setzte sich der Wissenschafter nach Afrika ab und hin und wieder las man in der Fachpresse von neuen Entdeckungen im Reich der Insekten. Autor: Doktor. Dino Berosini. Er selber ließ sich nie mehr in Berlin und überhaupt in Europa blicken.




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Eingereicht am 24. Mai 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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