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Kurzgeschichten Krimi Spannung

Neuer Fall für Benno

Eine Kriminalgeschichte von Waltraud Müller


Benno fährt durch die dunkle Nacht. Er gähnt ungeniert, spricht zu sich selbst: "So ein ‚Schmarrn' das Ganze - Zusammenkunft der Kriminaler - wer sich des ausdenkt hat möcht' i wissen!"
Ganz allein auf der Autobahn, die Lichter fressen sich in die Dunkelheit. Er - einmal mit Krawatte - lockert sich den Knoten und wurschtelt den Schlips vom Hals. "I brauch an Kaffee!", reibt sich die Augen - die Landschaft verschwimmt - Verkehrstafel taucht auf - Raststelle "zur Sonne" - "Motel" - er fährt zu.
An der Theke schlürft er Kaffee, der ihm von einem übernächtigen Kellner mürrisch serviert wird, greift sich aus dem seitlich vor ihm stehenden Schüsselchen einige Erdnüsse, die er knabbert - sieht auf die Wanduhr ihm gegenüber - zwei Uhr morgens - und schüttelt den Kopf. "Hoffentlich schlaft Mama, bei der weiß man ja nie ... !"
Nach dem Bezahlen steigt er noch die Treppen zur Toilette hinunter.
Dann nimmt er in seinem Auto schwerfällig Platz, will anfahren - da klopft es an das Beifahrerfenster. Er schaut verwundert, kurbelt hinunter, ein Mädchenkopf beugt sich ihm entgegen, große Augen schauen ihn bittend an, ein kleiner Schmollmund plappert: "Nehmen Sie mich bitte mit - bitte , bitte!"
"Ja, warum denn? Wo kommen Sie denn jetzt um diese Zeit her?"
"Mein Auto hat eine Panne, es springt nicht an!", zwei allerliebste Grübchen lassen Benno, der die Innenbeleuchtung eingeschaltet hat, zerschmelzen.
"Na, steigen's schon ein, wo soll's denn hingehen?"
"Egal, vielleicht nach Tölz?"
"Dann hab' ma den selben Weg!"
"Wo wohnen's denn?"
"Ich war auf Besuch - ich wohne in München."
"Wo wollen's denn schlafen? Wenn Sie's nicht wissen, mei Mama hat eine Pension, da ist sicher ein Zimmer frei!"
"Das ist aber nett - danke!"
Am Morgen:
"Benno, Benno - so mach doch endlich die Augen auf!", die resolute Frau zieht die Vorhänge weg - strahlender Sonnenschein trifft das runde Gesicht des selig Schlafenden.
"Was machst denn", er schützt mit dem Arm seine Augen vor dem hellen Licht.
"Du, unser bestes Zimmer ist belegt - weißt du was davon?"
"Ja freilich, ich hab Marli mitgebracht. Heute ist Sonntag - lass mich doch schlafen!"
"Das tät dir so passen - im Bad ist Wäsche - alles voll Blut - schaut zumindest aus wie Blut" - verbessert sie sich.
"Aber Mama, gibt sicher eine Erklärung dafür, vielleicht hat sie sich weh getan, frag sie halt - jetzt geh!"
Hinter ihnen erscheint Marli, sich die Augen reibend, in Unterwäsche. "Habe ich Ihnen Umstände gemacht? Sind Sie meinetwegen ungehalten?"
Mama Resi zerschmilzt sofort bei deren Anblick und schätzt sie für etwaige Kandidatin als Freundin oder Ehefrau ihres Sohnes ein. "Aber nein, nur - Ihre Sachen sind voll Blut - wieso?"
"Ich wurde überfallen, als ich mich zur Wehr setzte, bekam ich Nasenbluten, daher ist das passiert!"
"Ja mei, wer war das denn?"
"Ich weiß nicht - zwei Männer - sie haben mein Auto geklaut - auf der Raststelle!"
"Mir hast du erzählt - du hättest eine Panne", mischt sich Benno, nun doch ganz munter, ein.
"War Notlüge - ich wollte weg von dort!"
"Das muss angezeigt werden, Kindchen! Jetzt sind Sie bei meinem Sohn in den besten Händen! Ich leg frische Sachen von mir - oder besser, geh Benno, ruf Sabrina an, sie soll von sich was bringen, für Marli, das passt ihr besser - ach, ich mach es selbst - von dir kann man das nicht erwarten, das dauert zu lang."
Sie greift zum Telefon.
Später sitzen alle rund um den Tisch. Mama, Benno, Marli in frischem Pulli und Hose von Sabrina und diese selbst. Sie fragt gerade das Mädchen über deren Unfall aus - da läutet Bennos Handy.
"Ja, wo? Ja, - Pfeifer nichts verändern - wir kommen!", er steckt das Telefon in die Brusttasche, "Sabrina, komm wir müssen!"
"Heute habe ich frei - es ist Sonntag!"
"Na geh schau - a' Leich fragt net nach Datum!"
Sie fahren genau dort hin, wo Benno nachts das Mädchen aufgegabelt hat. Die Stelle ist schon großräumig abgegrenzt, Pfeifer erwartet sie und führt zu der Toten.
"Das gibt's ja nicht! - stößt der Herr Kommissar aus - das - das ist doch Marli - Sabrina - schaut sie nicht aus wie Marli?"
"Ja, verblüffend!"
"Wie ist es denn passiert?"
Die Medizinfrau, die gerade ihre Sachen einpackt, schaut auf - "Grüß Euch - was man jetzt schon sagen kann - wurde sie arg misshandelt. Schürfwunden, Blutergüsse, Messerstiche. Muss vor Mitternacht passiert sein, Näheres dann im Obduktionsbericht!"
Sie erhebt sich, nimmt ihre Sachen "tschüß, schönen Sonntag noch!"
Die Tote wird in die Bahre gelegt.
"Geh - wartet's noch damit - legt sie wieder dort hin - wo sie war. Pfeifer - fahr zur Mama, hol Marli, die wohnt derzeit bei ihr und bring sie her!"
"Ja, Chef!"
Er setzt sich in den Dienstwagen und fährt los.
Benno und Sabrina schauen sich derweil am Fundort um.
"Wie reimst du dir das zusammen?" Der Hauptkommissar kratzt sich am Kinn, "entweder ist Marli ein gerissenes Luder und hat ihre Schwester umgebracht - obwohl ich es ihr irgendwie nicht zutrauen würde - es spricht aber das Blut auf ihrer Kleidung dafür - wir werden es untersuchen lassen - wenn es Mama nicht gleich in die Waschmaschine gesteckt hat!"
Telefon läutet: "Was? Wieso? Na, dann fahren wir gleich los - Pfeifer fahr gleich ins Präsidium, ja, wir kommen nach!", - zu den wartenden Leuten: "könnt's fertig machen!"
"Was ist los?"
"Marli ist verschwunden!"
Pension Resi
"Mama - Mama - wo bist denn?"
"Was schreist denn so - bin in der Küch - mach grad einen Apfelstrudel, ist Sabrina auch da? Wartet's, bin gleich fertig - mach Euch vorerst Kaffe -"
"Mama, wir wollen nichts - wo ist Marli?"
"Net da - gleich wie ihr weg seid's, hat sie gesagt, sie muss auch gehen, hat sich bedankt für die Aufnahme und ist fort."
"Warum hast sie denn gehen lassen?"
"Wieso denn net?"
"Sie ist eine Verdächtige!"
"Geh' - das arme Madl?"
"Ja, im Wald liegt eine, die schaut genauso aus wie sie selbst!"
"Maria Gottes - aber wart - ihre Bluse mit dem Blut - die hat sie da gelassen, wart, ich hol sie!"
Im Präsidium
"Gleich ins Labor damit - Fahndung rausgeben - Sabrina, ich mach mir derweil an Kaffe!"
"Machst mir auch einen Hase?", sie greift zum Telefon.
Früher Abend
Benno beim Abendessen - Mama ist nicht da. Zettel am Tisch: "Bin bei der Eröffnungsfeier!"
"Bei was für einer Eröffnungsfeier ist sie denn schon wieder?", mampft Wurstbrote und schlürft mit Genuss sein Bier.
Kläranlage
Alle vom Ort sind versammelt. Bürgermeister, Baumeister, Pfarrer, Klärwärter, alle Wichtigtuer, ... Große Rede vom Baumeister - ein Bierfass wird danach angestochen, Resi serviert Brote mit Wurst und Aufstrich. "Ah - bei dem Gestank - essen und saufen können sie doch überall!" Nase rümpfend schimpft sie vor sich hin.
"So, jetzt besichtigen wir" ... der Baumeister erklärt - alle folgen ihm, "jetzt erklär ich euch was mit eurer Scheiße so passiert - also: Hier kommt sie herein - vom Kanal wird Abwasser über das Schneckenpumpwerk gehoben, fließt über Rechenbauwerk, wo grobe Teile entfernt werden, in die Vorreinigung und weiter in die Belebungsbecken. Wer da hineinfällt, dem ist nicht mehr zu helfen! Darin erfolgt mit Luft - Sauerstoff, ein Abbau durch Mikroorganismen. Vom Belebungsbecken gelangt das Abwasser in die Nachklärbecken, darin erfolgt die Trennung von Schlamm - Wasser. Das gereinigte Abwasser hat nach Verlassen der Nachklärbecken fast Trinkwasserqualität. Der anfallende Schlamm aus dem Nachklärbecken wird in die Faultürme gepumpt, danach in den Faultürmen ohne Luft-Sauerstoff vergoren, dabei entsteht Metangas, das verbraucht wird. Der ausgefaulte Schlamm aus den Faultürmen wird gepresst, zerkleinert und kann zur Bodenauflockerung in der Landwirtschaft verwendet werden."
Der Rundgang ist beendet.
"So, jetzt wisst ihr, wie nützlich alles ist! Auf zu den Schweinderln!"
Damit meint er den großen Griller, auf dem Spanferkerl sich über dem Feuer drehen und Bratwürsterl ihren aromatischen Duft verbreiten.
Benno träumt süß, ... es wirft wer Steine an die Fensterscheibe ... klirr ... klirr.
"Was ist denn los? Lasst mich schlafen!", er dreht sich um, zieht die Bettdecke über den Kopf. ... Klirr ... klirr ... Ungehalten steht er auf, in seinem getupften Schlafanzug begibt er sich zum Fenster, zieht den Vorhang weg, sieht eine dunkle Gestalt. Ein flehentlicher Ruf - "Benno - Benno - du musst mir helfen - bitte!"
"Wart, ich mach gleich auf" - er wickelt sich in seinen Bademantel, mit Pantoffeln an den Füßen schlürft er die knarrenden Holzstiegen hinunter, sperrt die Haustüre auf - das Mädchen huscht herein - atmet heftig.
"Jemand verfolgt mich, hilf mir!"
"Wer verfolgt dich?", er schaut sich um - niemand zu sehen.
Benno macht die Haustüre geräuschvoll zu, dreht den Schlüssel im Schloss, zieht ihn ab und hängt ihn an den Nagel neben der Türe. "Komm herauf" - ruft: "Mama" - schaut in deren Zimmer - leer - "so was - Mama ist noch nicht da, wo die sich wieder umtreibt!"
Auf der Kläranlage
... geht es lustig zu. Alle Wichtigen und jene die es sein wollen, waren versammelt. Noch einen Schnaps und noch eine Runde - die Wasserbecken glitzern - verschwimmen vor den Augen, plötzlich schreit einer - "Da, da ist einer!"
Sämtliche Anwesende stürzen hin - ja wirklich. Im Flutlicht ist eine Hand zu sehen.
"Schnell - schaltet alles ab - holt eine Stange!"
Mehrere laufen los - andere glotzen in die braune trübe Soße.
Es ist das Auffangbecken, knapp vor der Pumpe treibt die Gestalt dahin. Mit Stangen und Drahtschlinge erreichen die beiden Klärwärter den leblosen Körper, zerren und ziehen ihn an den Beckenrand, hieven ihn darüber, nicht gerade sanft kommt er zu liegen. Die Zusehenden rümpfen die Nasen - pfui - wie das riecht - "Holt Wasser, den Schlauch!" Der Körper wird abgespritzt - so dass ein Gesicht erkennbar wird. "Ruft die Polizei!", schreit einer.
Resi hat das schon erledigt - "Benno, heb ab - der schlaft wie ein Murmeltier", doch überraschend schnell hebt dieser ab.
"Was gibt's denn?"
"Benno, bist du wach, du musst sofort auf die Kläranlage kommen!"
"Was soll ich denn da?"
"Da ist heute Abend Eröffnung - wir haben ja die neue Anlage bekommen - die haben sie heute eingeweiht", - "na und?" "Jetzt schwimmt eine Gestalt in der Scheiße, die stinkt ganz fürchterlich!"
"Ich glaub, mir wird schlecht!"
"Jetzt raff dich auf und komm!"
"Mama, immer gibt's Scherereien mit dir!", er legt den Hörer auf. "Marli - du kommst gleich mit - sonst läufst du wieder weg! Keine Widerrede!"
Über seinen Pyjama schlüpft er in die Hosen, streift Socken und Schuhe über, nimmt die Jacke von der Garderobe, Marli fest am Arm haltend, steigt er ins Auto, Marli sitzt hinten - da sein Fahrzeug keinen Vordersitz hat. Per Handy ruft er Sabrina an. Eine verschlafene Stimme meldet sich. "Ausgeschlafen für heute - wecke Pfeifer und komm mit ihm zur Kläranlage - sofort - !"
"Warum denn? Muss das sein - du - ich kann jetzt nicht weg!"
Sie liegt nicht alleine im Bett - eine zweite Gestalt unter ihrer Decke macht sich an ihrem Körper zu schaffen -
"Nimm auch den neuen Hilfskollegen aus München, der bei uns lernen soll, mit!" -
Aufgelegt! Sie schaut das Handy an und schaut unter ihre Decke. "Ich soll dich mitnehmen - oh' komm, lass das jetzt - wir müssen zur Kläranlage!"
"Ui - muss das sein?" Ein junges Gesicht wird sichtbar, seine Lippen küssen noch schnell ihren Hals, wandern zum Ohrläppchen.
Mit Pfeifer und dem neuen Kollegen trifft sie zwei Stunden später als der Hauptkommissar ein. Dieser ist nicht mehr zu sehen, alles liegt im Dunkeln.
Benno lässt die Handschellen über Marlis Gelenk klicken und zieht sie hinter sich her. "Damit du mir nicht davon läufst!"
Diese zieht ein Schmollmündchen. "Da riecht's aber komisch!"
Er geht mit ihr vorsichtig über Pfützen - denn es hat zu regnen begonnen, "So eine Schweinerei!"
Durch das erst frisch gepflanzte Gras, ist der Boden weich.
Die durchweichte Leiche wird von dem Lichtkegel erfasst. Das Gesicht scheint bekannt - "Noch eine Marli!"
Er schaut seine Gefesselte an - "Ich sage nichts - ich weiß nichts!"
"Na gut - dann ab ins Gefängnis!"
Die herbeieilende Polizei samt Arzt, nehmen die Leiche und die Verdächtige mit.
"Mama, dich kann man nirgends hinlassen, jedes Mal findest du Leichen!"
"Was soll ich denn machen? Ich bin halt immer vor dir am richtigen Ort! Du musst dich mehr um die Sicherheit der Leute kümmern, damit nicht dauernd was passiert!"
"Na komm, fahren wir heim!"
Der Baumeister löst sich aus der gaffenden Menge und klopft auf seine Schulter - "Grüß dich Benno, der Freund und Helfer! Wo du auftauchst, da habe ich immer Scherereien!"
"Wieso denn? Sei froh, dass ihr sie gefunden habt, wenn sie länger drinnen ist - wäre sie aufgelöst oder zerstückelt und niemand hätte je etwas davon erfahren!"
Morgens im Präsidium
"Ah - der Neue! Wo wart ihr denn gestern?"
"Als wir kamen, waren alle schon fort! Übrigens - das ist Inspektor Mathias von München", - sie schaut ihn verliebt an "so ein schöner Name - Kaffee?"
"Sabrina, hol uns doch frische Hörnchen!"
"Das kann ich doch machen, Herr Berghammer!", lässt sich der Neue vernehmen. "Na, wenn das so ist, ja warum nicht?"
Mathias eilt hinaus - rennt fast Pfeifer um. "Morgen allerseits", er schwenkt Papier, "der Untersuchungsbericht!"
Sabrina liest laut: "Die Leiche vom Wald - Todesursache Messerstich ins Herz. Von der Kläranlage - Todesursache erstickt ohne jegliche Gewaltanwendung.
Identität = starke Ähnlichkeit miteinander - könnten Schwestern sein.
"Aha - auf zu Marli - bin neugierig was diese zu sagen hat!"
Benno rauscht durch die Tür, Sabrina in seinem Schatten, folgt. Auf der Straße begegnen sie Mathias mit Tüten beladen - sie wirft ihm Küsschen und verliebte Blicke zu.
"Ah - Kollege - Sie halten die Stellung!"
"Aber!"
"Kein Aber - essen Sie schon mal!"
Im Untersuchungsgefängnis
"So, jetzt erzähl mal!"
"Ich sag nichts - ich weiß nichts!"
"So schaut's aber nicht aus - was war in der Nacht passiert?"
Tränen steigen ihr in die Augen, kullern über die Wangen. Sie schlägt die Hände vor das Gesicht und schluchzt. Sabrina fordert Wasser von dem Wachposten.
Dieses wird gebracht.
"Ich habe nichts damit zu tun - ich konnte ihr nicht helfen!"
"Ist sie deine Schwester? Die andere auch?"
"Wir hatten eine Autopanne - zu zweit waren wir unterwegs. Unsere Mutter war gestorben. Am Sterbebett berichtete sie, dass ich noch eine Schwester habe - ich sei Zwilling - eineiig. Sie war damals Studentin, ohne Geld, ohne Wohnung, wusste nicht wohin. Der, der sie schwängerte, wollte von dem Kind nichts wissen, drückte sich vor der Verantwortung. Abtreibung kam nicht in Frage, als sie dann erfuhr, dass sie Zwillinge in sich trägt, war sie sehr verzweifelt. So gab sie meine Schwester schweren Herzens zur Adoption frei. Cirka zwei Jahre danach, sie musste ihr Studium unterbrechen, hatte endlich einen Job gefunden und eine kleine Wohnung - meldete sich der Kindesvater. Er schwor Reue, da Mutti ihn noch immer liebte, nahm sie ihn bei sich auf. Ermöglichte ihm, dass er weiterstudieren konnte, gab ihr ganzes Gehalt, bis sie darauf kam, dass er sie betrog. Da schmiss sie ihn hinaus. Ich war damals vier Jahre. Ich erinnere mich noch, dass es sehr laut bei uns zu Hause war, Mutti fürchterlich weinte, ich sie oft tröstete."
Heftige Gefühlswallungen schütteln Marli und Sabrina sieht sie mitleidig an.
Benno tätschelt ihr die Hände, die nervös auf der Tischplatte das Papiertaschentuch zerwuzeln. Sabrina schiebt ihr eine ganze Packung hin, woraus das Mädchen ein Blatt herausnimmt und sich geräuschvoll schnäuzt, mit dem Handrücken fährt sie sich über die Augen.
"Na gut, was passierte dann?"
"Er verschaffte sich nochmals Einlass. Grob und brutal vergewaltigte er Mutti - ich war im Nebenzimmer, hörte ihre Schreie - ihre Wutausbrüche - seine Schläge - ihr Weinen. Ich hielt mir die Ohren und Augen zu. Anfangs wollte ich zu ihr, ihr helfen. Ich zerrte ihn von Mutti weg, was machte er da? Er tat ihr weh - warum machte er das? Er schlug nach mir, zerrte mich in das Nebenzimmer und drehte den Schlüssel. Neun Monate später wurde meine Schwester Tina geboren."
"Die Tote von der Kläranlage?"
"Ja!"
"Jetzt, nachdem wir dies alles erfahren, Mutter beerdigt hatten, machten wir beide uns auf, unsere Schwester zu suchen. Durch Zufall erfuhren wir, dass sie Lehrerin an der Volksschule im Nachbarort war. Wir beobachteten. Sie sah wirklich genauso aus wie ich. Sie kam aus dem Schulgebäude, an Hand eines Mannes - und dieser Mann - ohne Zweifel - jetzt etwas älter, doch tief in meinem Unterbewusstsein verankert, dieser Mann war unser Vater! Babsi - hatte sie ein Verhältnis mit unserem Vater? Was sollten wir jetzt tun?"
Sabrinas Handy fibriert in ihrer Jackentasche. Der Ton war abgestellt. Sie steht auf und geht zum Fenster. Auf dem Display erkennt sie die Nummer. Ein Lächeln auf den Zügen, meldet sich mit "ja?" Am anderen Ende der Leitung eine zärtliche Stimme ...
"Sabrina, frag doch den Mathias, ob er einen - Marli, wie heißt dein Vater?", wendet er sich dem Mädchen zu.
"Kurt Rottenberger" - einen Kurt Rottenberger kennt. Was ist er denn von Beruf?"
Marli antwortet: "Lehrer, er hat mit meiner Schwester an der gleichen Schule unterrichtet". - Schluchzen - und Nase putzen sind die Folgen.
Sabrina spricht ins Telefon. Nickt, sagt "ja, ja, aha - ja bis später!"
"Na was ist?"
"Also, er kennt einen Kurt Rottenberger und auch dessen Bruder. Den haben sie schon lange in Verdacht, dass er seine Jauche illegal los wird, doch bis jetzt konnten sie ihm nichts beweisen. Sein Bruder hilft dem Landwirt oft bei der Arbeit! Er wohnt nicht allzu weit weg von hier!"
"Na dann los, geh'ma!"
Er erhebt sich
"Tut mir leid, Marli, wir setzen unser Gespräch später fort!"
Auf der Landstraße, früher Nachmittag
"Schau, da steht ein großer Jauchenwagen. Was der da macht?"
"Geh, halt mal an, Benno, den schauen wir uns genauer an".
Der Wagen steht genau vor dem Kanaldeckel. Dieser ist offen, ein Schlauch führt in den Schacht hinunter. Als beide hinuntersehen, hören sie weit entfernt eine Stimme. "Hat da nicht wer um Hilfe gerufen?"
"Geh' wer denn? Ist ja niemand da!"
"Na, das kommt von da unten!"
"Ja mei, was hama denn da?" Benno bückt sich und schaut genauer.
"Pass auf, sonst fallst noch hinein!"
"Ich bleib ja so stecken!"
"Ha, ha!"
Sabrina nimmt einen langen Ast vom Wegesrand und vorsichtig - zieht sie einen Frauenschuh aus der Öffnung. "Was ist denn das? Der könnte fast von der Leiche auf der Kläranlage stammen. Aber wie kommt der hierher?"
"Nun, wenn das der Weg zum Kanalnetz der Kläranlage ist, dann ist sie vielleicht hier hineingefallen."
"Nun, könnte sein!"
"Da unten schwimmt noch etwas, das erreichen wir aber nicht, schaut aus, wie ein Stiefel - Herrenstiefel, so wie die Landwirte tragen. Somit ist ein Landwirt hier hinunter gefallen?"
"Könnte sein!"
"Vielleicht wollte er den Schlauch hier heraufziehen, der ist stecken geblieben, er beugt sich vor und fällt kopfüber in das Wasser, das er zuvor mit seiner illegalen Jauche beglückte! Der treibt sicher auf die Becken zu."
"Komm, fahr ma, jetzt presiert's!"
Kläranlage
Als Kurt in den Schacht fiel, glaubte er, alles ist aus. Dabei wollte er nur den Schlauch befreien, der sich an dem Steigeisen, das hinunterführt, verklemmte. Da entdeckte er den Schuh. Diesen musste er unbedingt in Sicherheit bringen. Er gehörte Tina, seiner Tochter! Es war ein Unfall! Sie kam letztens gerade dazu, als er hier wieder für seinen Bruder entleerte. Sie beugte sich hinunter, um zu sehen, was er da machte. Als er einen Moment wegsah, hörte er plötzlich den Schrei - das Mädchen war weg - wohin? Sie war in den Schacht gestürzt! Was sollte er jetzt tun? Er konnte nicht helfen! Wenn sie ihn fragten, was er da machte, dann wird er und sein Bruder angezeigt, also fuhr er wieder heimwärts und hoffte, dass sein Kind doch noch gerettet wird.
Nun erteilt ihn das gleiche Schicksal, er rutscht ab, fällt cirka 3 Meter in den Abwasserkanal, er schwimmt anfangs, dann treibt er Richtung Kläranlage, dort steht ihm die Zerstückelung bevor. Hilferufe ersticken.
Flutsch - aus dem Rohr - hinein in das Becken. Er schnappt nach frischer Luft, die Masse droht ihn hinunter zu zerren, er hebt den Kopf über die stinkende Brühe und schaut genau in die Gasfackel, die bedrohlich heiße Zünglein in den Himmel wirft. Das Fegefeuer - die Strafe Gottes! Er wird fast ohnmächtig!
Zu seinem Glück wird das Becken Video überwacht, doch die Klärwärter machen gerade Pause. Zufälligerweise sieht einer vom Betriebspersonal auf den Monitor und nimmt einen dunklen Gegenstand wahr. "Hoffentlich kommt dieser nicht in das Pumpwerk, es könnte die Pumpen verstopfen! Kollege - schauen wir uns das an - bevor wir nach Hause gehen?"
"Na, komm Hannes, wir nehmen das Fahrrad!"
Die seitlich grasenden Schafe sind von dieser plötzlichen Hektik ganz schockiert und schauen interessiert den Männern nach.
"He, Sie da, Sie können doch hier nicht schwimmen!"
"Hilfe" krächzt dieser, "holen Sie mich heraus!"
Der Rettungsreifen wird vom Gelände genommen und dem im Wasser Befindenden zugeworfen, knapp verfehlt dieser den Kopf des Opfers. Der um Hilferufende wird zum Beckenrand gezogen und herausgezerrt.
"Na, das ist aber ein lebendiges Treibgut!"
Benno und Sabrina sind gerade angekommen.
"Sind Sie Kurt Rottenberger?"
"Ja!"
"Dann verhafte ich Sie wegen zweifachen Mord an ihren Töchtern Babsi und Tina!"
"Nein, ich habe nichts verbrochen! Ich bin unschuldig!"
"Dann erklären Sie dies aber schnell!"
"Tina ist unglücklich selbst in den Schacht gefallen. Ich habe nichts getan!"
"Und Babsi?"
Das war auch ein Unglück! Es trifft mich nur in der Weise, dass ich nicht gewartet habe, bis die Mädchen abgefahren sind! Wir trafen uns an der Autobahnraststelle im Wald, um uns auszusprechen. Ich hatte ja erst kurz zuvor erfahren, dass meine Geliebte gleichzeitig meine Tochter ist. Ich war total schockiert - ich wusste das wirklich nicht! Die beiden Mädchen fuhren im Auto von Babsi. Ich hinterher. Bei der Aussprache kam es zu Streitereien. Ich ärgerte mich und fuhr früher ab. Ich dachte, die Mädchen brechen auch gleich auf. Was weiter passierte, das weiß ich nicht!"
"Das werden wir gleich von Marli erfahren - da kommt sie schon!"
Bewacht von zwei Polizisten und Pfeifer, kommt die junge Frau auf die kleine Menschenversammlung zu.
"Vater, wie schaust du denn aus? Was ist denn passiert?"
"Marli, hat dein Vater deine Schwestern umgebracht?"
"Nein, wie kommen Sie denn auf so etwas?"
"Was passierte im Wald?"
"Als Vater abgefahren war, kamen zwei Burschen und wollten unser Auto. Sie waren betrunken. Wir wehrten uns, den Schlüssel hatte Babsi. Sie machten sich über sie her, wurden Handgreiflich, bis einer ein Messer zückte, ich versteckte mich im Gebüsch, konnte ihr nicht helfen. Als sie mit dem Auto abgefahren waren, beugte ich mich über meine Schwester, erkannte, dass sie tot war, so irrte ich total verwirrt durch den Wald, wusste nicht, was ich tun sollte - bis Benno kam!"
"Um vom Restaurant Hilfe zu holen, kamst du nicht?"
"Nein, ich hatte solche Angst!"
"Nun, dann sehe ich diesen Fall gelöst! Herr Rottenberger, Ihnen empfehle ich sofortige Reinigung. Mein Beileid zum Tod Ihrer Töchter. Keine Auslandsreise, bleiben Sie zur Verfügung! Tag meine Herren - Marli, dich nehmen wir gleich mit! Vielleicht kannst du mit Mathias nächstens wieder zurück nach München?"
"Danke Herr Kommissar!" Sie drückt ihm ein Küsschen auf die Wange.
Sabrina grinst "Schau, schau, mein Hase, wenn das Mama wüsste!"
Er geht mit großen Schritten Richtung Wagen - "Warum rennst denn so?"
Sabine und Marli folgen.
"Na kommt doch, wir haben viel zu tun - die Mörder von Babsi müssen gefunden werden! Autobeschreibung, Kennzeichen, Fahndung nach zwei Männer - Marli - Personenbeschreibung - so kommt doch endlich!"




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Eingereicht am 22. Januar 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin.