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Marscha

© Manfred Schröder


Marscha sang mit den Vögeln um die Wette, die sie, von Baum zu Baum hüpfend, begleiteten. Es war ein warmer Sommertag und sie war auf dem Weg zu ihrer Großmutter, die in einer kleinen Hütte im Walde lebte und die sie einmal in der Woche besuchte. Marscha war klein, hatte dunkles Haar, auf dem ein kleines, lustiges und spitzes Hütchen schaukelte. Sie hatte einen Korb bei sich, in dem sich Kuchen und eine Flasche Wein befand, deren Hals aus dem Korb herausragte. Großmutter hatte im Lauf der Zeit, schon ein richtiges rotes Näschen bekommen.
"Marscha, pass gut auf, dass die Flasche nicht zerbricht", sagte immer ihr Vater zu ihr.
"Grossmutter braucht diese Medizin."
Marscha wusste es und lachte heimlich.
Vor ihr lag der Wald und zu beiden Seiten des Weges weite Felder. Da kam ihr Patluscha entgegen. Seine Hose und Jacke hatten mehr Löcher als ein Schweizer Käse. Auch er trug ein Hütchen, mit einer Blume daran, auf seinem mit wirrem Haar bedeckten Kopf. Patluscha war lieb und nett, doch furchtbar faul. Meist lag er im Gras und machte sich über alles und nichts so seine Gedanken. Nur wenn der Magen zu sehr knurrte und seine Kehle zu trocken war, half er mal hier und da aus.
"Na, Marscha", fragte er, "was hast du denn da im Korb?" Natürlich hatte Patluscha die Flasche Wein schon längst gesehen.
Marscha kannte Patluscha und fürchtete sich nicht vor ihm.
"Im Korb habe ich Wein und Kuchen für die Großmutter, die dort im Walde lebt."
Patluscha stand einen Augenblick sinnend da.
"Kindchen Marscha, willst du vom Wolf gefressen werden, der im Wald lebt?"
Marscha wusste von keinem Wolf.
"Ach, Patluscha, im Wald gibt es keinen Wolf. Ich habe noch nie einen gesehen."
Wieder dachte Patluscha nach.
"Doch jetzt gibt es einen. Glaub mir, Marscha. Alle sprechen davon. Hast du nichts davon gehört? Und so groß ist er." Er hob seine Hand bis zur Brust, um es Marscha klar zu machen.
Marscha stand und überlegte.
"Aber Großmutter braucht den Kuchen und die Medizin."
Patluscha nickte.
"Ja, ja. Doch ich könnte zu ihr gehen und ihr den Korb bringen. Musst mir nur den Weg beschreiben."
Marscha schaute Patluscha an. "Aber Patluscha, dann frisst dich doch der Wolf."
"Ho, ho", sagte er und streckte sich.
"Ich werde mit dem Wolf schon fertig, Marscha. Glaub mir."
Marscha überlegte noch einen Augenblick. Sicher, sie liebte Großmutter. Doch von einem Wolf wollte sie aber auch nicht gefressen werden.
"Na, gut Patluscha. Ich werde hier warten. Hier ist der Korb und bestelle Großmutter einen schönen Gruß von mir.
Dann beschrieb sie ihm den Weg.
Lange saß sie da, doch von Patluscha war nichts zu sehen. Und sie dachte mit Schrecken daran, dass der Wolf ihn gefressen hatte. Endlich, Marscha glaubte es seien Stunden vergangen, sah sie Patluscha aus dem Wald kommen.
Er schwankte leicht, wie ein Kamel in der Wüste und sang ein fröhliches Lied vor sich hin.
"Und?", fragte Marscha ganz gespannt. "Warst du bei Großmutter?"
Patluscha gab ihr den leeren Korb. "Natürlich war ich bei Großmutter." Seine Zunge stolperte leicht. "Alles ist in Ordnung. Ich werde mich jetzt ein wenig ins Gras legen."
"Das war aber lieb von dir, Patluscha. Und ich hatte schon Angst gehabt, dass dich der Wolf gefressen hat."
Als Marscha nach Hause kam, fragte ihre Mutter, wie es Großmutter gehe. Und Marscha erzählte ihr alles. Diese schlug die Hände über den Kopf zusammen.
"Dieser Nichtzutz von Patluscha. Ich werde ihm den Kopf waschen."
Der Vater saß einen Augenblick still da, doch dann fing er an zu lachen.
"Der Patluscha!"
Und bald wusste es das ganze Dorf und amüsierte sich. Nur die Mutter ärgerte sich noch lange.
Und als Marscha Patluscha beim nächsten Mal begegnete, hob sie drohend ihren Zeigefinger und sagte: "Du bist mir aber einer."



Eingereicht am 04. April 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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