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In einem Traum vor unserer Zeit

© Verena Wolf


Als ich ein kleines Mädchen war, träumte ich oft vor mich hin und verschwand dann durch ein Loch in eine andere Welt, wo mir gesagt wurde, dass ich noch eine lange Reise vor mir hätte. Was mich dort erwartete, wusste ich nicht und so hoffte ich inständig, dass es nichts Schlimmes war. Als ich auf dem Boden gelandet war, stand ich auf, um mich neu zu orientieren und ich fand ein Schild, was mir den Weg geradeaus zeigte.
Verwirrt blickte ich mich um, denn ich kam an einen Ort, wo es mir nicht gefiel. Es regnete und es war kalt und windig und so fing ich das Rennen an, als sich mir Etwas frech in den Weg stellte und sich vorstellte: "Hallo, ich bin es die Angst".
"Hallo", meinte ich mit bleichem Gesicht, "ich bin die Verena. Was machst du später einmal mit mir?"
"Diesen Mut hat noch keiner auf sich genommen und hat sich mit mir unterhalten. Als Belohnung dafür will ich dir deine Frage beantworten. Weißt du ich werde immer in deiner Nähe sein und gerade dann auftauchen, wenn du mich nicht gebrauchen kannst. Ich werde dir viele Hindernisse in den Weg legen. Aber jetzt verschwinde, bevor du Ärger mit mir bekommst."
So fing ich wie eine Wilde das Rennen an und merkte in meiner Eile nicht, dass ich bereits von Etwas umgeben wurde, was eine ungeheure Wärme ausstrahlte.
"Pst", meinte Etwas, "hör auf zu rennen, die Angst ist weg."
Augenblicklich blieb ich stehen und verspürte eine Atmosphäre, in der ich mich geborgen, zuhause und eigentlich rund herum wohl fühlte. Ich blickte mich um und konnte weit und breit nichts sehen, als Etwas zu mir meinte: "Willkommen in meiner Welt. Ich bin direkt hinter dir. Ich bin die Liebe."
"Weißt du", meinte ich, "ich fühle mich wohl hier. Aber warum kommst du von hinten und erschrickst mich?"
"Entschuldige", meinte die Liebe, "ich wollte dich nicht erschrecken, aber ich bin dafür da, um die Angst nicht auf zu wecken, was gar nicht so einfach ist. Aber jetzt musst du weiter, hier kannst du nicht bleiben, auch wenn du es gerne würdest."
"Schade, na ja", meinte ich, "wenn du es mir sagst. Vielen Dank für deine Auskunft", verabschiedete ich mich und ging freudig weiter.
Während ich weiter ging, wurde mein Weg immer steiler und schwerer. Ich musste zwischendurch stehen bleiben, als ich ein leises Schluchzen vernahm. Ich fragte mich schnaufend, wo das wohl her käme und beschloss mich auf die Suche zu machen.
Ich kam an einen Wasserfall und fragte ihn: "Entschuldige, ich hab eben jemanden weinen gehört. Kannst du mir sagen, wo das her kommt?"
Der Wasserfall sah mich ärgerlich an und meinte: "Natürlich, das war ich."
Bedrückt sah ich ihn an: "Aber warum weinst du?", meinte ich.
"Weißt du", meinte er, "ich bin immer alleine. Mich will doch so wie so keiner. Ich bin immer an einem Ort und erfüllt von Liebe und Angst, wobei die Liebe mindestens genauso stark ist wie die Angst, sie konkurrieren so zusagen zusammen."
"Aber wie nennt man dich?", fragte ich neugierig.
"Entschuldige bitte, ich habe mich nicht vorgestellt. Ich bin die Trauer." Plötzlich sah mich der Wasserfall an und meinte nur: "Schnell, du musst dich beeilen, in mir ist etwas, was ich mir nicht erklären kann. Da werde ich nämlich zu einer riesengroßen Flutwelle und sauge alles in mir auf, was mir über den Weg kommt. Es ist eine andere Welt da unten auf dem Grund."
Ich wollte gerade das Rennen anfangen, als mich der Wasserfall einfing. Ich fiel in ein erneutes Loch und landete ziemlich hart. Als ich wach wurde, brummte mir der Schädel und ich musste feststellen, dass hier Krieg herrschte. Alle waren mit Waffen ausgestattet und bombardierten und beschimpften sich gegenseitig. Man hatte noch keine Notiz von mir genommen und ich konnte das Spektakel eine Weile beobachten. Es war eine andere Welt, wie es mir der Wasserfall geschildert hatte.
Plötzlich musste man mich entdeckt haben, denn es schrie jemand: "Spione, nehmt sie fest."
Und ehe ich versah, wurde ich in ein Zelt verschleppt, wo mich etwas fragte: "Woher kommst du?"
Ich antwortete: "Der Wasserfall hat mich hergebracht. Das ist das Einzige, woran ich mich erinnern kann."
"So, so", meinte das Ding lachend, "weißt du eigentlich, wen du vor dir hast?"
"Nein", meinte ich.
"So, dann will ich es dir sagen. Ich bin der Hass und ich werde dich jetzt zurückschicken, aber erzähle niemand davon."
Und mit einem mal befand ich mich wieder in meinem Bett und ich schrieb auf, was ich träumte.



Eingereicht am 20. Juli 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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