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Der Furchtbär

© Torsten Houben


Es war einmal ein großer, brauner Bär mit scharfen Zähnen, gelben, bösen Augen und großen Tatzen, an denen lange Krallen wuchsen. Eine schreckliche Erscheinung. Alle Tiere im Wald fürchteten sich vor ihm; und weil er allein durch sein Aussehen Entsetzen verbreitete, wurde er der Furchtbär genannt.
Der Furchtbär lebte in der Mitte des Waldes, dort wo kaum ein Sonnenstrahl das dichte Blätterdach der Bäume durchdringt. Dort hatte er seine Höhle. Da man den schrecklichen Bären mied, hatte er nie Gesellschaft. Was Freundschaft oder gar Liebe war, wusste er nur aus seinen Beobachtungen. Manchmal saß er abends im Dickicht und schaute spielenden Rehen, turtelnden Vögeln oder herumtollenden Hasen zu. Dann seufzte er und dachte daran, wie schön es wäre, auch einmal mit jemandem zusammen zu sein. Mit dem Seufzer schreckte er nicht selten die Tiere auf und diese flüchteten in ihre Bauten.
"Passt auf! Der Furchtbär ist da und will euch holen.", riefen die Tiermütter dann.
Niemand wusste, dass der alte Bär sich von den Früchten des Waldes ernährte. Nur ab und an fing er sich einen Fisch aus dem nahen Fluss. Es war nur sein Äußeres, das ihn so bedrohlich wirken ließ. Der Furchtbär war sehr gütig und hätte niemals jemandem wehgetan. Doch das erkannte niemand. "Passt auf! Der Furchtbär kommt", rief man, wenn er sich näherte und dann war er wieder allein.
In der Höhle des Bären hing versteckt die weise Fledermaus Agatha. Sie erkannte das wahre Wesen des Bären und bekam Mitleid. Auch sie hatte sich bisher nie an das große, unheimliche Tier herangewagt, doch an diesem bestimmten Tag war alles anders. Der Furchtbär kam von einem seiner Spaziergänge noch trauriger zurück als jemals zuvor. Er ließ den Kopf hängen, schlurfte müde durch den Höhleneingang und - Agatha war sich nicht sicher - aber waren das Tränen, die im Fell unter seinen Augen schimmerten? Ja. Der alte Furchtbär weinte. Und obwohl die Sonne noch hoch am Himmel stand und es noch lange nicht Zeit für ihren nächtlichen Flug war, kam die Fledermaus von der Decke herab und landete mutig vor der Bärenschnauze. Der Furchtbär hatte sich inzwischen auf seinem Lager niedergelassen und seufzte kräftig mehrmals.
"Entschuldige, dass ich dich anspreche", sagte Agatha vorsichtig.
Der Bär schaute suchend um sich.
"Ich bin hier unten. Vor deiner Nase."
Der Blick des Bären senkte sich und die Fledermaus konnte seinen Atem auf ihren Flughäuten spüren. Sie wich ein wenig zurück. Ob er ihr wirklich nichts tun würde?
"Was bedrückt dich Bär? Ich kann es nicht mehr ertragen dich traurig zu sehen. Seit Jahren schon lebe ich von dir unentdeckt unter deinem Dach und muss mit ansehen, wie du immer trauriger wirst."
"Ich habe seit Jahren Besuch und weiß es nicht? Seltsam. Ich habe mir immer Besuch gewünscht."
"Das weiß ich. Bitte entschuldige. Ich bin ein so kleines Tier und du bist so groß. Ich habe mich nicht getraut."
"Niemand traut sich. Niemand will etwas mit mir zu tun haben. Alle haben Angst. Ich will doch nur etwas Gesellschaft. Wenn ich versuche jemanden anzusprechen läuft er panisch davon. Ich hasse mich."
Der große, starke Bär brach in Tränen aus und vergrub seinen Kopf zwischen die Pranken.
"Du musst es aber weiter versuchen. Es gibt bestimmt Tiere, die froh wären einen Freund wie dich zu haben. Gib ihnen die Chance dich kennenzulernen."
Jetzt wurde der Bär wütend.
"Chance? Wer von all den Tieren im Wald gibt MIR eine Chance?!"
"Gib nicht auf. Denk daran. Niemals aufgeben!"
Nach diesem Gespräch dachte der Bär lange Zeit nach. Am nächsten Morgen wanderte er durch den Wald. Bald sah er in der Ferne ein Reh, das mit seinem Kitz auf einer Lichtung äste.
Langsam trottete der Furchtbär näher. Er versuchte, seine Stimme so sanft wie möglich klingen zu lassen:
"Guten Morgen. Ist das nicht ein herrlicher Tag?"
Das Reh hob den Kopf, sah den Bären, stupste ihr Kitz an und die beiden liefen fort so schnell sie konnten.
Ein Stück weiter des Weges entdeckte der Bär einen Fuchs, der ein Rebhuhn im Maul trug.
"Prächtiger Fang, Herr Fuchs. Auch wenn Frau Rebhuhn mir Leid tut."
"Hau ab! Du willst uns doch nur beide fressen!", bellte der Fuchs und verschwand in seinem Bau.
Am Fluss sah er zwei Biber, die sich abmühten einen Baumstamm als Baumaterial für ihre Burg wegzutragen.
"Lasst mich euch helfen. Ich bin stark", sagte der Furchtbär und griff nach dem Baum. Die Biber quiekten nur, flüchteten ins Wasser und schlugen mit ihren flachen Schwänzen, sodass der Bär völlig nass gespritzt wurde.
"So geht man also mit hilfsbereiten Leuten um", brummte der Bär traurig.
Wen der Bär auch freundlich begrüßte, niemand hörte ihm zu, keiner blieb auch nur eine Minute stehen und alle ließen ihn allein im Wald stehen. Ohne Hoffnung und mutlos, mit feuchten Augen trabte der Bär nach Hause. Kurz vor seiner Höhle hörte er ein seltsames Geräusch. So hörte sich keines der ihm bekannten Tiere an. Und so sah auch keines der ihm bekannten Tiere aus. Denn vor seiner Höhle saß ein seltsames Wesen. Es gluckste merkwürdig. Das Tier hatte nur auf dem Kopf Fell und ging auf zwei Beinen. Es lief einem Schmetterling hinterher. Dabei stieß es immer wieder diesen merkwürdigen Laut aus. Wie sollte der Bär auch wissen, dass es ein Menschenkind war, das vor Freude laut lachte? Das kleine Mädchen war vielleicht drei oder vier Jahre alt. Sein Vater hatte es mit auf die Jagd genommen, was er sonst niemals tat, aber an diesem Tag war alles anders. Und schon bald war es ihm weggelaufen, während er einen Zwölfender ins Visier nahm. Der Bär kam vorsichtig näher und schnupperte. Komischer Geruch. Das Mädchen staunte über den Bären und rief: "Teddy!" Mit einem weiteren Kichern fiel es dem Bären um den Hals und krallte sich in seinem Fell fest.
"Teddy! Teddy!", rief das Kind, dann drückte es dem Furchtbären einen Kuss auf die feuchte Nase.
Dem Tier liefen wiederum Tränen in das Fell hinein. Das erste Mal in seinem Leben spürte er was es bedeutet, geliebt zu werden. Das erste Mal gab es jemanden, der keine Furcht hatte. Das Herz des Bären hüpfte vor Glück und er legte behutsam eine Tatze um das Mädchen.
Da zerriss ein Knall die Stille und das Herz des Bären hüpfte nicht mehr. Ein Schmerz durchfuhr seinen Körper und er sank zu Boden. Er roch Blut - sein Blut - das den Boden durchtränkte und nur noch verschwommen konnte er das seltsame Tier erkennen, das ihn geküsst und umarmt hatte.
"Teddy! Aua?", rief der Mädchen und seine Freude änderte sich schlagartig in Angst und Trauer. Es weinte bitterlich als der Vater es hochhob.
"Dieses Monster tut keinem mehr was mein Schatz."
Als die Fledermaus Aghata an diesem Abend aufwachte, war der Bär nicht daheim. Auch am nächsten Morgen, in den nächsten Tagen, Wochen und Monaten kehrte er nicht zurück.
"Vielleicht ist er glücklich geworden, dort wo er jetzt ist", murmelte Agatha, wickelte sich in die Flughäute und schlief ein.



Eingereicht am 04. Juni 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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