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Die Prinzessin im Garten

© Olaf Trint


Die Prinzessin lustwandelte leichten Fußes und leichten Herzens im königlichen Garten des Schlosses. Sie erfreute sich all der hübschen Blumen, die dort wuchsen, bewunderte ihre Farbenpracht und atmete den betörenden Duft ein, den ihre Blüten verströmten.
Die Welt ist so bunt und aromatisch, dachte sie, einfach wunderbar. Wer immer sie sich ausgedacht hatte, er musste ein großer Künstler sein.
Der alte und gebrechliche Gärtner kam ihr entgegen und verbeugte sich tief, wie es sich für seinen Stand geziemte, aber die Prinzessin würdigte ihn nur eines flüchtigen Blickes. Direkt hinter ihm nämlich tummelten sich mehrere Pfauen auf der Wiese und schlugen ihre schillernden Räder.
"Ach sind die schön", rief die Prinzessin und lief lachend auf die Vögel zu, um mit ihnen zu tanzen. Wie immer lehnten die Pfauen dankend ab und entfernten sich rasch aber dennoch würdevoll von der Bildfläche. Dem Übermut des Mädchens tat das allerdings nur wenig Abbruch. Ausgelassen sprang es weiter umher und drehte sich mit ausgestreckten Armen im Kreis herum, bis ihm schwindelig wurde. Es stolperte und landete etwas unsanft auf dem Hintern.
"Puhh", meinte eines der drei Gummibärchen, "das war aber knapp!"
Beinahe wäre es nämlich unter dem hoheitlichen Gesäß zerquetscht worden. Dann, als es erkannte, dass es gerade nur um Haaresbreite einem für seine Spezies nicht gerade erstrebenswerten Schicksal entgangen war, fiel es ohne weitere Umschweife in Ohnmacht. Es war das gelbe Bärchen, das seit jeher zu einer etwas übertriebenen Schreckhaftigkeit neigte.
"He, Prinzessin" rief das grüne Bärchen, "kannst du nicht ein bisschen aufpassen?"
Es musste ganz schön laut brüllen, um sich Gehör zu verschaffen, denn es hatte von Natur aus ein eher dünnes Stimmchen, und die Tochter des Königs galt nicht unbedingt als die Aufmerksamkeit in Person.
Die Prinzessin war gebührend überrascht, als sie entdeckte, dass dort im Gras eine Süßigkeit war, die mit ihr zu kommunizieren versuchte. Das wollte nicht so recht in ihr Weltbild passen. Andererseits war sie aber auch ein wenig verärgert, denn dem Ton des Gummibärchens ermangelte es doch entschieden an Unterwürfigkeit.
"Findest du nicht", fragte sie schnippisch, "dass du hier derjenige bist, der ein bisschen aufpassen sollte? Schließlich bin ich eine hochwohlgeborene Prinzessin, und du bist nur ein sprechendes Gummibärchen."
Die Prinzessin merkte natürlich selbst, dass sie nicht unbedingt besonders nett und liebenswert zu dem Gummibärchen war, aber sie ging dank ihrer Erziehung ganz selbstverständlich davon aus, dass alle Welt genau die Verhaltensweise von ihr erwartete, die sie gerade an den Tag legte. Daran konnte auch Kants kategorischer Imperativ nichts ändern, von dem sie neulich erst beim Stöbern in den verbotenen und nur sehr unzulänglich gesicherten Büchern der königlichen Schlossbibliothek gelesen hatte.
Das grüne Bärchen ließ ihr das allerdings nicht so einfach durchgehen.
"Ich glaube das ist ein Fall für das rote Bärchen", brummelte es in seinen Bart hinein.
Dann rief es so laut es konnte: "BODO, KOMMST DU BITTE MAL!!!"
Und Bodo kam. Die Prinzessin konnte ihn komischer Weise nicht sehen, obwohl das laute, dumpfe Poltern, das rasch näher kam, und der bebende Boden, der sie bei jeder Erschütterung ein Stückchen hoch hüpfen ließ, davon zeugten, dass Bodo ziemlich groß sein musste. Aber seit das grüne Bärchen zu sprechen begonnen hatte, war sowieso irgendwie alles anders.
Der Lärm erstarb, doch der nächste Schock ließ nicht lange auf sich warten. Bodo nahm seine Tarnkappe ab. Ein etwa 12 Meter hoher, roter Gummibär stand nun direkt vor der Prinzessin und starrte auf sie und das grüne Bärchen herab.
"Was gibt es denn?"
"Och, nix besonderes", kicherte das grüne Gummibärchen, "ich wollte dir bloß meine neue Freundin, die Prinzessin vorstellen. Setz dich doch zu uns."
"Angenehm, ich bin der Bodo", sagte Bodo freundlich und setzte sich.
Und so kam es, dass die Prinzessin nie wieder unfreundlich zu einem Gummibärchen war und sich beim nächsten Einbruch in die Bücherei den kategorischen Imperativ noch mal etwas genauer zu Gemüte führte.



Eingereicht am 20. März 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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