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Eichhörnchen Susi und die Fliegerei

Von Heidrun Gemähling


In einem riesigen, großen Wald wohnte eine Eichhörnchenfamilie mit vier niedlichen Eichhörnchenkindern, die gerne und flink Fangen spielten. Sie flitzten die Bäume hinauf und genauso schnell wieder am Baumstamm hinunter. Sie jagten sich gegenseitig durch die heruntergefallenen Blätter und versteckten sich auch hinter trockenen Ästen, die im Laufe der vielen Jahre zu Boden gefallen waren. Das eine Eichhörnchenkind hieß Susi.
Eines Tages entschloss es sich, kein Eichhörnchen mehr zu sein. Zur bestimmten Tageszeit rief die Mutter nach ihren Kindern, denn sie sollten vom Vater belehrt werden, der auch gleichzeitig ein Lehrer für Eichhörnchen war. Von allen Seiten kamen die Kleinen zu ihrer Höhlenschule und setzten sich, mit den buschigen Schwänzen nach oben gerichtet, ganz brav vor ihren Lehrer. Aufmerksam hörten sie ihm zu, wenn er ihnen erzählte, was alle Eichhörnchen wissen müssten, da es im großen Wald auch viele Feinde gäbe. Susi aber langweilte sich sehr und schlich sich eines Tages hinter ihrem Vater und Lehrer aus der Höhle fort. Wie ein Wirbelwind sauste sie auf eine hohe Buche, auf der viele Buchfinken herumhüpften und freudig herumzirpten. Ja, ein bunter schöner Buchfink wollte sie sein und genauso durch den Wald fliegen können.
Das Fliegen wollte sie bei denen lernen, wie es die vielen größeren Buchfinkenkinder bereits taten. Des Öfteren saß Susi auf dieser riesigen Buche und schaute neugierig zu, wie die Buchfinkenmutter ihre Jungen belehrte. Dann war es eines Tages soweit, dass sie ihre noch ganz jungen Vogelkinder aus dem weichen Nest lockte. Das war der Beginn des Fliegenlernens. Unbeholfen hüpften sie aus dem Nest und sahen der Vogelmutter nach, die in einen anderen Baum flog. Mehr fallend als fliegend landeten sie wackelig, aufgereiht wie die Orgelpfeifen, neben der Mutter auf einem dicken Ast. "Wirklich gut", rief eine alte erfahrene Krähe und schlug voller Begeisterung mit den Flügeln. Gleichzeitig drehte sie ihren Schnabel zum Eichhörnchen Susi, das voller Begeisterung die ersten Flugversuche mitverfolgte und rief ihm zu: "Versuch es doch auch mal!" "Ja, ja, versuch es mal!", rief eine andere Nachbarskrähe. "Na, mach schon!", krächzte erneut die alte Krähe. "Ich habe aber Angst!", rief Susi aufgeregt und zitternd zu ihnen hinüber. "Du bist ein Eichhörnchen und willst ein Buchfink werden, dann musst Du auch das Fliegen erlernen", sagte die Mutter der einen Buchfinkenfamilie, die den Wunsch von Susi kannte.
Mutig plusterte sie ihr braunes Fell auf, stellte den dicken buschigen Schwanz in die Höhe, spreizte die Beine auseinander und ließ sich fallen. Sie wollte den nächsten Baum fliegend erreichen. Doch wo landete Susi? Natürlich auf dem Waldboden inmitten der bekannten Blätter und Äste. "Aua, aua!", rief sie laut und fasste sich an ihr hinteres rechtes Bein. Die ganze Vogelschar kam angeflogen um nachzusehen, wie dem mutigen fliegenden Eichhörnchenkind das Fliegen bekommen war. Als sie es so hilflos am Boden liegen sahen, fingen sie an zu weinen. Doch eine weise Buchfinkenmutter hüpfte dicht an Susi heran, legte einen Flügen um ihre Schulter und sagte für alle hörbar: "Liebes Eichhörnchenkind, jedes Tier kann nur so sein, wie es auch geboren wurde, jedes nach seiner Art. Darum wirst du auch niemals fliegen können wie wir Vögel. Und wir Vögel können niemals ein flinkes Eichhörnchen oder etwas anders sein und werden. Also bleibe wie du bist und sei zufrieden, denn die Vielfalt hier auf der Erde macht erst das Leben schön und bereichert das Zusammenleben von uns allen!". Ganz still wurden alle, denn sie hatten den Sinn verstanden.
Während der ganzen Zeit suchten Eichhörnchen des Waldes die weggelaufene Susi. Sie machten sich große Sorgen und riefen nach ihr, aber vergebens.
"Was soll nun mit der verletzten Susi geschehen?", rief ein aufmerksamer Buchfink. "Ich habe eine Idee", rief ein anderer und sagte zu der alten Krähe: "Du bist doch an allem Schuld. Jetzt setze dich mal neben das Eichhörnchen. Wir schieben es dann auf deinen großen Rücken und du fliegst dann Richtung Eichhörnchenhöhle!" "Ja, und wir alle begleiten euch, damit alles gutgeht", riefen die Jungbuchfinken, die erst gerade das Fliegen gelernt hatten.
Die Dunkelheit brach herein und plötzlich hörte Susi ein lautes Rufen unter sich und befahl der Krähe anzuhalten. "Na, so was, na so was!", krächzte es aus ihrem Schnabel und sie flog behutsam zur Erde. Susi rollte sich von ihrem Federkleid hinunter und landete verstört im Laub. Mit lautem Flügelschlagen und Gezwitscher verabschiedete sich die riesige Vogelschar und schwang sich empor in die Lüfte.
In diesem Moment wurde Susi von den vielen Eichhörnchen des Waldes umringt. Eine freudige Begrüßung setzte ein und einige brachten ihr Eicheln, denn sie hatte sicherlich schon lange nichts mehr gegessen. Nun erreichten auch die Mutter und der Vater ihr geliebtes, erschöpftes und wiedergefundenes Kind. Alle weinten vor Freude. Sie setzten es auf den Rücken eines ganz dicken und großen Artgenossen und begleiteten es nach Hause, um das verletzte Bein zu behandeln. "Ab heute", sagte das schlauer gewordene Eichhörnchen Susi, "werde ich mich fleißig als Eichhörnchen belehren lassen und auch niemals mehr was anders sein wollen!"
"Das ist gut und richtig!" sagte der Lehrervater und gab der Susi einen dicken Kuss.
"Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung!" sagte im Hintergrund eine alte weise Eichhörnchen-Oma. Inzwischen zog die Nacht herbei und alle Tiere des Waldes legten sich friedlich zur Ruhe.




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Eingereicht am 29. September 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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