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Dornröschen (Wie es besser hätte laufen können)

© Esther Wäcken


In einem kleinen Königreich, welches jedermann gerne besuchte, da es für seinen Reichtum an allerlei prächtigen Blumen berühmt war, lebte einst ein König mit seiner Gemahlin. Die beiden wünschten sich sehnlichst ein Kind. Übers Jahr wurde ihnen der Wunsch erfüllt und die Königin schenkte einem süßen, kleinen Mädchen das Leben. Die Freude war riesig im ganzen Königreich und der König ließ sogleich ein großes Freudenfest ausrichten zu welchem er auch die 13 weisen Frauen des Reiches einladen wollte. Zu seiner Verärgerung musste der König jedoch feststellen, dass es auf seinem Schloss nur 12 goldene Teller gab, von welchen die weisen Frauen essen sollten. Es wäre nun ganz undenkbar gewesen, der 13. Frau stattdessen einen gewöhnlichen, irdenen Teller vorzusetzen. Erst recht wäre es eine grobe Unhöflichkeit gewesen, gar nur 12 der weisen Frauen einzuladen und die 13. zu ignorieren. Sogleich ließ der König nach seinem Goldschmied schicken und sprach zu ihm: "Fertige Er mir sofort einen goldenen Teller an, der diesen 12 Tellern hier genau gleicht. Nehme Er an Gold was Er dazu braucht, aus meiner Schatzkammer und bemesse Er seinen Lohn nach belieben. Nur schnell muss Er fertig werden denn das große Fest zu Ehren meiner neugeborenen Tochter ist schon bald."
So war der Tag des Festes gekommen und neben den Verwandten und den Würdenträgern des Reiches saßen ganz richtig die 13 weisen Frauen an der Tafel des Königs und jede hatte ihren goldenen Teller vor sich. Jede der weisen Frauen trat nun nach dem Festmahl an die Wiege des Mädchens und wünschte ihm eine besondere Gabe. Die 1. wünschte ihm Schönheit, die 2. Reichtum, die 3. Gesundheit, die 4. ein fröhliches, mitfühlendes Herz, die 5. einen Sinn für alles Schöne, die 6. grenzenlose Liebe, die 7. ewiges Glück, die 8. besondere Freude an der Natur, die 9. Klugheit und Wissen, die 10. ein Leben in Frieden, die 11. Mut und Entschlossenheit, die 12. gutes Gelingen für alles, was sie im Leben anpacken möge. Die 13. jedoch machte eine ganz besondere Prophezeiung. Sie sprach: "An ihrem 15. Geburtstag wird die Prinzessin ihrem künftigen Ehegemahl begegnen. An der Rose wird sie erkennen, dass er der Rechte ist."
Das Mädchen wuchs heran und alle Wünsche der 12 weisen Frauen erfüllten sich an ihm. Es wurde außergewöhnlich schön, klug und mutig, war stets fröhlich und voller Mitgefühl, wurde niemals krank, liebte die Natur und ihre Mitmenschen, wurde ihrerseits von allen geliebt und lebte ein Leben in Frieden und Wohlstand. Ihre besondere Leidenschaft galt den Rosen. Auf ihren Wunsch wurden Rosen aus allen Ländern der Erde in das Königreich gebracht und in den königlichen Gärten gepflanzt. Wegen dieser Liebe zu den Rosen wurde die Prinzessin bald überall nur noch Dornröschen genannt. Und sie war sich nicht zu fein, den Gärtnern zur Hand zu gehen und die Rosenbeete selbst mit anzulegen.
Jeden Morgen musste ihr die Kammerzofe frische Rosen ins Haar flechten. Die Schneiderin fertigte ihr stets nur Kleider mit Rosenmustern und Dornröschen pflegte sich mit Rosenwasser und Rosenöl, welches aus ihren eigenen Rosen extra für sie hergestellt wurde. Es war ein herrliches, unbeschwertes Leben für die Prinzessin, die selbst einer frischen, blühenden Rose glich.
So kam der 15. Geburtstag der Prinzessin heran und die Prophezeiung der 13. weisen Frau war fast in Vergessenheit geraten. Wieder wurde ein großes Fest gefeiert zu welchen Dornröschen alle Geschenke bekam, die einem jungen Mädchen Freude bereiten. Schöne Kleider, Geschmeide, Näschereien, Bücher für ihren Wissensdurst, dazu viele Sträucher der neuesten Rosenzüchtungen. Eine ganz besondere Freude jedoch bereitete der König seiner Tochter mit einer prachtvollen, arabischen Schimmelstute. Galt die Liebe seiner Tochter gleich nach den Rosen doch auch den edlen Pferden. Extra aus dem fernen Arabien hatte der König das Tier herbei schaffen lassen. Dornröschen konnte es kaum erwarten, dass das Geburtstagfrühstück vorüber war. So sehr brannte sie darauf, ihr herrliches Pferd endlich reiten zu können. Anmutig setzte sie sich schließlich in dem Damensattel zurecht, das neue Rosenkleid umschmeichelte ihre zarte Figur. So lenkte sie die Stute hinaus in die Ländereien, welche das Schloss umgaben. Es hätte ein gemächlicher Ausritt werden können, wäre nicht unvermittelt ein Schwarm Krähen vor der Stute aufgeflogen. Die Vögel und ihr lautes Gekrächz machten das Pferd so scheu, dass es in wildem Galopp durchging. Dornröschen geriet in große Angst, denn kein gutes Zureden und kein energisches Anziehen der Zügel bremsten den panischen Galopp des erschreckten Tieres. Bestimmt wären Pferd und Reiterin böse gestürzt, wäre da nicht plötzlich ein fremder Reiter auf einem feurigen Rapphengst an ihrer Seite gewesen. Der Reiter griff mutig hinüber in die Zügel von Dornröschens Pferd und brachte die Stute endlich zum Stehen. Fürsorglich half er Dornröschen aus dem Sattel und hielt die vor Schreck zitternde tröstend im Arm bis sie sich wieder beruhigt hatte und die rosige Farbe in ihre angstbleichen Wangen zurückgekehrt war.
Endlich wagte Dornröschen, ihren fremden Retter näher zu betrachten und ihr Blick fiel auf eine einzelne Rose, die an seinem Jackenaufschlag steckte. Vor Überraschung schlug sie die Hände vor den Mund und stammelte nur: "Die Prophezeiung!" Denn wenn es stimmte, was die 13. weise Frau gesagt hatte, dann war sie soeben von ihrem Bräutigam gerettet worden.
"Was meinst du, schönes Kind?", fragte der Fremde.
Da begann Dornröschen zögernd von der 13. weisen Frau zu erzählen und was sie ihr voraus gesagt hatte. Der Fremde erwiderte darauf: "Auch ich bin der Sohn eines Königs und ich reise ebenfalls wegen einer Prophezeiung durch die Lande. Vor dem Schloss meines Vaters wächst ein wundersamer Rosenstrauch. Er blüht stets nur dann, wenn ein Spross unserer Familie das heiratsfähige Alter erreicht hat. Und dann trägt er nur eine einzige Rose. Diese Rose soll dann den Weg zur rechten Braut weisen. Auch du liebst die Rosen, wie ich sehe. Und auf welch wunderbare Weise sind wir uns begegnet! Es kann gar nicht anders sein als dass wir füreinander bestimmt sind." Sanft und zart küsste er Dornröschen und es war, als würden neue, ganz unbekannte Gefühle in dem Mädchen erwachen, die bis jetzt geschlafen hatten. Fürsorglich half der Prinz seiner Braut wieder in den Sattel und gemeinsam ritten sie zum Schloss von Dornröschens Eltern.
Die Freude und Verwunderung über den schönen Prinzen, mit dem sich so ganz unerwartet die Prophezeiung erfüllte, war groß. Sogleich ließ der König die Hochzeit seiner Tochter mit dem Prinzen ausrichten.
Und so lebten sie glücklich in Liebe zueinander, zu ihrem Volk, zu den Rosen und den Pferden. Diese Liebe gaben sie schließlich auch an ihre Kinder weiter. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.



Eingereicht am 28. März 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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