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Der kleine Meerwassermann und die gestreifte Mütze

© Esther Wäcken


Tief unten im Meer lebt der kleine Meerwassermann. Eigentlich unterscheidet er sich gar nicht so sehr von den Menschenjungen, die draußen auf dem trockenen Land leben. Nur dass seine Haare so tiefblau sind wie das Meer an seiner tiefsten Stelle aussieht. Und genau so blau sind seine Augen. Nur im Gegensatz zu den Menschenkindern kann der kleine Meerwassermann seinen Lebensraum nicht verlassen. Wir können uns auch fröhlich im Wasser austoben, er muss draußen im Meer bleiben. Aber der kleine Meerwassermann kannte es nicht anders und war auch nicht traurig darüber. Er verbrachte seine Tage damit, übermütig mit den Fischen um die Wette zu schwimmen. Tja, und da er ein kleiner, frecher Racker war, zog er auch schon mal den Seejungfrauen an ihren schönen, langen, silberblonden Haaren um dann, lachend und blitzschnell, davon zu schwimmen, bevor die schönen Damen des Meeres überhaupt begriffen hatten, was ihnen da widerfahren war. Und neugierig war der kleine Meerwassermann, besonders auf die Menschen, die ihm so ähnlich und doch so verschieden waren. Oft schwamm er so nah wie möglich an den Strand heran und sah ihnen, sorgsam verborgen, beim Schwimmen zu. Merkwürdig war das! Diese Menschen konnten schwimmen, einige sogar tauchen, mehr oder weniger gut, nur mussten sie immer wieder ans Land zurück. Sonst würden sie ertrinken, das wusste der kleine Meerwassermann von seiner Großmutter, die ihm schon viele Geschichten von gesunkenen Schiffen erzählt hatte.
Die Schiffe der Menschen faszinierten den kleinen Meerwassermann ganz besonders. Sooft es eben ging schwamm er nahe an die Fähren heran, welche regelmäßig zwischen der Insel und dem Festland hin und herfuhren, voll beladen mit Urlaubsgästen. Er schauten den Krabbenfischern bei der Arbeit zu, schwamm auch schon mal weit hinaus zu den großen Wasserstraßen, um die riesigen Frachtschiffe und Öltanker aus der Nähe zu bestaunen. Oder all die gewaltigen Schlachtschiffe und U-Boote der Marinebasis! Das war genau das Richtige für unseren kleinen Meerwassermann. Selbst in stürmischer, rauer See folgte er dem Seenotrettungskreuzer um dabei zuzusehen, wie den in Not geratenen Skippern geholfen wurde. So sah der Alltag unseres kleinen Meerwassermannes aus und er hätte sich nichts schöneres vorstellen können.
An einem wunderschönen Sommertag schaute der kleine Meerwassermann wieder einmal den Fähren zu, die zwischen der Insel und dem Festland hin und her pendelten, eine voller als die andere mit Urlaubern, die nach Sonne, Sand und Meer hungerten. Auf einer dieser Fähren befand sich auch der kleine Sven mit seiner Mutter. Sie hatten die Oma auf der Insel besucht und waren jetzt wieder auf dem Heimweg. Sven war stolz auf die Mütze, die Oma ihm geschenkt hatte. Ein fesches Käppi mit ganz vielen bunten Streifen. Diese Mütze war sofort seine Lieblingsmütze geworden. Nun, Sven war auf das, was sich da unten im Wasser abspielte, mindestens ebenso neugierig wie der kleine Meerwassermann auf alles, was sich dort oben auf der Fähre abspielte. Sven stand mit seiner Mutter an der Reling, schaute hinunter in das von den Schiffsmotoren aufgewirbelte, schäumende Wasser. Und unser kleiner Meerwassermann schaute von unten aus dem Wasser hoch zu all den vielen Menschen auf der Fähre. Und da erblickte er auch Sven und die schicke, bunt gestreifte Mütze auf seinem Kopf. Auch das ist eine Leidenschaft des kleinen Meerwassermannes; er sammelt die Utensilien, die die Menschen im Wasser verlieren und das sind nicht wenige! So hat er schon eine schöne Sammlung einzelner Badeschuhe und Badekleidung, Sandspielzeuge, Fischnetze, Bälle, sogar einige Brillen, aber auch Flaschen und Unrat, den achtlose Menschen am Strand wegwerfen und der dann von der Flut ins Meer geschwemmte wird.
Diese Mütze auf Svens Kopf gefiel dem kleinen Meerwassermann wie ihm noch nie etwas gefallen hatte. Nur, wie sollte er sie bekommen? Auf die Fähre zu klettern war ihm nicht möglich und freiwillig würde der Junge seine Mütze sicher nicht zu ihm herunter ins Wasser werfen. Doch da kam dem kleinen Meerwassermann eine Idee. Da war doch sein Freund, der Windknabe, mit dem er oft munter durch die Wellen jagte. Bestimmt kennt ihr den Windknaben. Zwar ist er für uns Menschen unsichtbar, aber er ist ein stets zu Streichen aufgelegter frecher Schlingel. Wann immer euch eine Windbö schwungvoll die Mütze vom Kopf reißt, den Regenschirm umklappt, mit lautem Rums Fenster und Türen zuschmeißt oder durchs geöffnete Fenster herein wehend, die sauber aufgestapelten Papiere vom Tisch weht, könnt ihr sicher sein, dass der Windknabe sich wieder einen seiner Scherze erlaubt hat. Oh nein, er meint es nicht böse. Er kann sich nur einfach nicht vorstellen, dass wir Menschen seine Späße nicht genau so lustig finden wie er.
Diesen seinen Freund rief der kleine Meerwassermann nun mit lauter Stimme herbei. Für uns klingt seine Stimme wie das stete Rauschen und Glucksen der Wellen. Kurz darauf war der Windknabe zur Stelle.
"Hui, Puuhhhh! Warum störst du mich bei meinem Spiel?", fragte er seinen Freund. "Ich war soeben dabei, ein paar Seemöwen ordentlich durchzupusten." "Siehst du den Jungen da oben auf der Fähre?", fragte der kleine Meerwassermann. "Den, mit dieser wunder-, wunderschönen, gestreiften Mütze auf dem Kopf. Oh, diese Mütze möchte ich soooo gern haben. Kannst du sie ihm für mich vom Kopf wehen und zu mir herunter ins Wasser werfen?" "Hui, Puuhhhh! Gar kein Problem!", erwiderte der Windknabe.
Unsichtbar wie er nun mal war flog er dicht an den kleinen Sven heran und dann, ein kräftiges "Hui Puuhhhh!" und, hast du nicht gesehen, wirbelte die Mütze direkt von Svens Kopf hinunter ins Wasser. Überglücklich nahm der kleine Meerwassermann die Mütze an sich, setzte sie auf seinen Kopf und schwamm, seinem Freund, dem Windknaben, nacheilend, freudig davon.
Beide sahen nicht mehr, dass der kleine Sven in verzweifelte Tränen ausbrach über den Verlust seiner Lieblingsmütze, die ihm doch die Oma geschenkt hatte. Vielleicht, ja vielleicht, hätten sie dann ein schlechtes Gewissen bekommen. Doch Svens Mutter war eine kluge Frau, die über all die geheimnisvollen Geschöpfe, die kaum ein Mensch je zu Gesicht bekommt, mehr wusste, als die meisten Menschen je erfahren werden. Sie erzählte Sven vom kleinen Meerwassermann und vom Windknaben, die so neugierig sind auf uns Menschen und uns auch gern einmal Streiche spielen. Diese Geschichte fand Sven so herrlich, dass er darüber den Verlust seiner geliebten Mütze beinahe vergessen hat.
Beim nächsten Besuch hat ihm die Oma eine neue Mütze geschenkt die fast so schön war wie die erste. Und der kleine Meerwassermann und der Windknabe haben Sven noch oft beim Spielen am Strand zugesehen, jedes Mal, wenn er wieder bei seiner Oma zu Besuch war.



Eingereicht am 28. März 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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