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Die Stimmen des Windes

© Christina Murach


Es war schon so lange her, dass Kira die Stimme eines Menschen gehört hatte.
Zu lange lebte sie schon in diesem Wald, in dem ihre Eltern sie damals ausgesetzt hatten, als sie gerade 5Jahre war. Nie hatte sie damals geglaubt, dass sie je lebend aus diesem Wald herauskam. Und das obwohl sie nicht dumm war.
Ihr Wortschatz war weitaus größer als der der anderen Kinder im Dorf und für ihr Alter konnte sie schon besser lesen als die meisten Erwachsenen in ihrem Dorf. Was aber wohl daran lag, dass sie oft allein gewesen war bis ihre Nanny ihr das Lesen beibrachte und sie von da an jeden Tag las.
Aber dann, eines Tages kam ihre Mutter mit Tränen im Gesicht in ihr Zimmer gestolpert, packte sie am Arm und riss sie mit sich hinaus. Kira fragte ihre Mutter, was passiert sei, bekam jedoch keine Antwort. Sie zerrte sie einfach nur mit sich, hinein in den Wagen ihres Vaters und dabei vermied sie es, ihrer Tochter ins Gesicht zu sehen.
Endlich, als ihre Mutter sie wieder losließ und sie sacht in den Wagen schubste gab sie Antwort.
"Es tut mir so unendlich Leid, mein Kind", schluchzte Kiras Mutter, "a... aber wir müssen dich fortgeben!" Und dann brach sie wieder in Tränen aus.
Sie waren schon sehr lange gefahren, als der Wagen ihres Vaters endlich anhielt.
Kiras Mutter stieg aus und weckte Kira, die während der Fahrt eingeschlafen war.
"Kira, Liebling, du musst wach werden. Wir sind da."
Kira öffnete die Augen.
Langsam stieg sie aus dem Wagen und blickte sich um. Sie waren in einem großen finstern Wald und die Sonnen schaffte es kaum durch die Blätter zu dringen.
"Was wollen wir hier, Mami?", fragte Kira ängstlich.
Ihre Mutter antwortete nicht. Kira wandte sich zu ihrem Vater, doch der war noch nicht einmal ausgestiegen.
Kira drehte sich wieder zu ihrer Mutter um.
"Mami, ich will hier weg!", stotterte sie. Eine ganze Weile blickte ihre Mutter sie an.
Dann umarmte sie Kira plötzlich und gab ihr einen Kuss auf die Wange.
Dann ging sie schnell zum Wagen ihres Mannes und stieg ein. Und kaum war die Wagentür geschlossen, da fuhr das Auto auch schon davon und ließ ein Mädchen zurück, auf dessen Wangen langsame, dicke Tränen hinunter kullerten und dem immer kleiner werdenden Wagen hinterher schaute, bis er zwischen den Bäumen verschwand. Dann ganz plötzlich hörte das Mädchen von überall her Stimmen. Stimmen wie sie sie nie zuvor gehört hatte. Und die Stimmen sangen, sangen als ob ihr Leben davon abhinge. Wunderschön und klar. Und vor Kira tauchte eine Frau auf.
Sie kam so plötzlich wie die Stimmen und sie war von einer so schönen Gestalt, dass Kira kaum wagte sich zu bewegen, so als hätte sie Angst, dass die Frau wieder verschwinden könnte.
"Kira", sagte die Frau und die Stimmen im Chor. "Kira... Mädchen aus dem Horizont, mein Name ist Liana und ich bin deine Mutter", eröffnete ihr die Frau, die sich mit Liana vorgestellt hatte.
Kira schüttelte den Kopf. "Nein, du bist nicht meine Mami. Mami ist weg und hat mich allein gelassen!", schluchzte Kira.
Liana nahm sie in den Arm. "Weine doch nicht, Kleines", tröstete sie Liana. "Du bist meine Tochter, du bist das Mädchen aus dem Horizont, die Göttin des Windes und die Stimme der Heilung."
Und wieder hörte Kira die Stimmen und wieder sangen sie. Sie sangen allein für Kira.
Sie sangen für die Göttin und ihre Mutter. Es waren die Stimmen der Windes die sangen.



Eingereicht am 13. Februar 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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