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August und Lore

© Kyra Nilsson


August war ein netter Junge. Und so sah er auch wirklich aus. Er hatte blonde Löckchen, blaue Augen und meist ein nettes Grinsen im Gesicht. Dabei zeigten sich dann außerdem zwei lustige Grübchen links uns rechts von seinem himbeerrotem Mund, was seine Mutter, seine Oma und all seine Tanten regelmäßig in Entzückungsrufe versetzte.
Als August noch sehr klein war, da fand der diesen Zustand unheimlich toll. Jeder hatte den Buben vom ersten Blick an gemocht und von allen Seiten wurde er regelrecht mit Süßigkeiten bombardiert. Da ließ er sich auch ohne weiteres das ständige Geknutsche und Geschmatze und in die Wange zwicken gefallen. Selbst seine Eltern, die August doch jeden Tag sahen, konnten nicht genug von ihrem netten, süßen Sohn bekommen. Und da August das Verhätscheltwerden gar nicht schlecht fand, war er auch ein lieber Junge - damit er auch weiterhin so schön verhätschelt wurde: Er räumte brav sein Zimmer auf, er aß seinen Teller leer, er sagte bitte und danke, er ging ohne zu murren zeitig ins Bett und er jammerte nie darüber, dass andere Kinder viel mehr Spielzeug hätten als er (was ja auch gar nicht so war, weil dem lieben Jungen wurden sowieso die meisten Wünsche erfüllt).
August wurde dann sogar noch braver, als er eine kleine Schwester bekam. Lore hieß sie. Obwohl er selbst noch recht klein war, hatte er bald von seiner Mama abgeschaut, wie man mit so einem Knirps richtig umgeht. Er lernte, wie man Windeln wechselt und füttert und ganz von allein konnte er stundenlang mit Lore spielen. Er spielte mit ihr zum Beispiel Verstecken. Das war gar nicht schwer, denn Lore lag anfangs ja nur in ihrem Kinderwagen und August musste sich dann nur ein bisschen ducken, damit seine Schwester ihn nicht mehr sehen konnte. Und wenn er dann ganz plötzlich wieder mit seinem Kopf auftauchte, dann lachte Lore sich kringelig. Und dann musste auch August sehr lachen, denn Lore machte so lustige Geräusche, wenn sie fröhlich war.
Außerdem war Lore auch unglaublich süß. Sie hatte so kleine Löckchen, ähnlich, wie die seinen. Und auch sonst sagten alle, dass die beiden sich sehr ähnlich sahen. Darauf war August sehr stolz.
Als sie schon ein wenig älter war, da baute er mit ihr auch die tollsten Bausteinbauten, oder er ließ sich tolle Abenteuer einfallen, die die beiden mit Lores Puppen erlebten. Kurz und gut, die beiden waren von Anfang an unzertrennlich und eigentlich wurde es August mit seiner kleinen Schwester niemals langweilig. Darüber freuten sich seine Eltern natürlich sehr. Auch deshalb, da ihr Sohn ihnen oft sehr viel Arbeit abnahm.
So sagte sein Papa ganz schön oft: "Mein Junge, wir sind stolz auf dich. Wie viele Eltern wären froh, wenn sie so einen Sohn hätten. Hier hast du zwei Euro, damit kannst du dir was Süßes kaufen." Dann wuschelte er immer mit der Hand durch Augusts Löckchen, woraufhin dessen blaue Augen nur so strahlten.
Auch seine Mama lobte ihn nicht selten. "Mein Sohn, du bist der Beste. Was würden wir nur ohne dich machen." Sagte die zum Beispiel mindestens dreimal in der Woche und zwickte ihn dann ihn die Wangen. Auch dabei strahlte August unheimlich zufrieden, obwohl seine Mutter ihm gar kein Geld gab. Aber so ein Lob, das macht einen einfach stolz, da braucht es eigentlich gar keine weitere Belohnung. Aber natürlich sagte August, obwohl er immer höflich und bescheiden war, zu einem zusätzlichen Taschengeld nicht nein.
August wurde als nicht ganz und gar nicht vernachlässigt, sondern er fühlte sich, im Gegenteil, sehr wichtig und sehr groß.
Es ging schließlich sogar so weit, dass der Junge erst gar nicht in den Kindergarten wollte, weil er dann ja den ganzen Tag Lore nicht sehen würde. Als ihn seine Mama dann, kurz vor seinem fünften Geburtstag endlich doch dazu überredet hatte (nicht, dass sie ihn loswerden wollte, aber Kinder müssen doch auch hin und wieder mit Gleichaltrigen spielen!), da war er im nachhinein doch ganz froh darüber. Denn dort lernte er ein paar Jungs kennen, mit denen er dann auch gerne spielte. Aber seine Lore, die vergaß er dabei nicht.
Als August schließlich in die Schule kam, war von seinen Bekannten aber niemand in seiner Klasse. Deshalb war August am Anfang ziemlich aufgeregt. Die Lehrerin war aber so nett, dass er gleich sehr begeistert war.
Schnell hatte er außerdem auch dort neue Freunde gefunden.
Bald wusste August gar nicht mehr, wie das eigentlich ohne Schule gewesen war. Das machte noch mehr Spaß, als der Kindergarten! Denn obwohl es dort oft sehr anstrengend war und er auch zuhause sehr schwierige Hausaufgaben machen musste, hatte er dort jeden Tag viel Freude. Es dauerte nicht lange, bis er zwei beste Freunde gefunden hatte, mit denen er auch nach der Schule oft spielte. Sie fuhren dann Fahrrad und stellten sich dabei vor, dass sie eine Räuberbande wären, die die Stadt in Angst und Schrecken versetzt. Oder sie bauten ein Höhle im Wald, wo sie dann mit wilden Spielen ihre Nachmittage verbrachten. Manchmal klingelten sie an fremden Haustüren, rannten dann ganz schnell weg, um sich von einem Versteck aus anzusehen, wie die Leute vor den Häusern schimpften. Oder vieles andere mehr. Ihnen fiel immer wieder etwas tolles Neues ein.
Zunächst hatte August darauf geachtet, dass seine Lore nicht zu kurz kam. Deswegen hatte er sie an manchen Nachmittagen mitgenommen und versucht, mitspielen zu lassen.
"Mensch August", sagte Benni aber eines Tages, "muss das denn sein, dass du deine kleine Schwester überall mit hin schleppst." August kuckte ihn da erst einmal ein wenig komisch an und ein bisschen erst beleidigt. Dann schaute er zu Lore, die gerade auf dem Boden saß und auf Saschas neuestem Modellauto herumkaute. Und da kam es ihm schließlich auch so vor, dass seine Schwester ganz schön nervig war. Lore konnte inzwischen nämlich ein paar Schritte laufen und ganz schön viel brabbeln und somit sehr anstrengend sein. Und wenn sie nicht bekam, was sie wollte, dann war sie in der Lage, so lange zu quengeln, bis sie es bekam. Ständig musste man aufpassen, dass sie nicht davon lief oder etwas kaputt machte. Und mit so einem kleinen Mädchen konnte man nicht so wilde Spiele machen. Das war klar.
Dann gab es da noch ein paar Typen in der Klasse, die wirklich ziemlich doof waren und es auf den armen August abgesehen hatten. Die hatten vor kurzem Gefallen daran gefunden, sich über sein blauen Augen, seine blonden Löckchen und seinen himbeerfarbenen Mund lustig zu machen.
"Mädchen" riefen sie ihm zu. "Der August ist ein Mädchen. Der spielt daheim mit Barbies!"
Ganz viel dumme Sachen riefen sie ihm zu. Und dass sie dass alles sicher nur aus Neid raten, da August immer gute Noten hatte und sich, im Gegensatz zu diesen Kerlen, gut mit der Lehrerin verstand, das konnte ihn auch nicht trösten.
Und auch Benni und Sascha konnten ihm da nicht helfen. Die hatten selber Angst vor dieser miesen Bande, die richtig gemein sein konnte. Da dauerte es nicht lange, bis es ihm in der Schule gar nicht mehr so gut gefiel. Er hatte dann auch keine Lust mehr, seine Hausaufgaben zu machen. Dabei war er immer so stolz gewesen, wenn erst seine Mama und dann auch noch die Lehrerin ihn gelobt hatten.
Besonders schlimm wurde es, als ihn diese blöden Kerle eines Nachmittags in der Stadt über den Weg liefen. Er hatte an diesem Tag wieder einmal Lore mitgenommen. Denn er bekam regelmäßig ein schlechtes Gewissen, wenn seine Schwester ihn so unglaublich traurig anschaute und war nun richtig gut gelaunt, voller Vorfreude auf den Nachmittag mit der Kleinen. Sie waren auf dem Weg in den Spielzeugladen, wo er ihr dann etwas Schönes kaufen wollte.
Als seine Klassenkameraden ihn mit dem Kinderwagen sahen, da wurden sie richtig fies. "Das Mädchen hat ein Baby!" riefen sie. "Guckt mal die Augustine fährt ihr Kind spazieren!" August schluckte und musste aufpassen, dass ihm nicht die Tränen kamen. Es war doch schon schlimm genug, dass sie ihn in der Schule jeden Tag ärgerten, nun war er nicht einmal mehr nachmittags vor ihnen sicher. Das Schlimmste war, das Peter, der der Anführer dieser blöden Bande war, auf August zuging und in den Kinderwagen glotzte. Lore lachte ihm fröhlich entgegen- auch sie freute sich schließlich dass ihr großer Bruder mit ihr etwas unternahm.
August bekam einen riesigen Schreck. Er glaubte, Peter wollte irgendetwas Gemeines mit seiner Schwester machen. Dieser fasste auch wirklich mit der Hand in den Wagen und kicherte gehässig. August blieb fast das Herz stehen. Doch dann kam eine Frau gelaufen und Peter zog schnell seine Hand zurück. Ohne ein Wort zu sagen schaute er August böse an. Dann drehte er sich um und ging zurück zum Rest der Bande, der dann noch blöd lachten, bis die Kerle endlich fort gingen.
Nun liefen August doch ein paar Tränen herunter. Er schob Lore in ihrem Wagen heim, ohne ihr in die Augen zu schauen. Er schämte sich, dass er so feige war und seine kleine Schwester nicht verteidigt hatte. Auch Lore war auf dem Heimweg ganz still, denn obwohl sie noch so klein war, hatte sie genau gemerkt, dass irgendwas ganz komisch war.
Obwohl es ihm nicht leicht fiel, beschloss August nun, seine Lore gar nicht mehr zum Spielen mitzunehmen. Nicht auszudenken, was dieser Peter getan hätte. Er traute sich aber auch nicht, seinen Eltern von dem Vorfall zu erzählen.
Es verging dann, zu Augusts Überraschung, einige Zeit, ohne dass irgendetwas passierte. Sogar in der Schule kam es August so vor, als ob sich Peter und die anderen nicht mehr sonderlich für ihn interessierten. Vielleicht lag es daran, dass er sich vor kurzem seine schönen blonden Löckchen hatte abschneiden lassen. Seine Mama und seine Oma und seine Tanten waren darüber natürlich unheimlich traurig und er riskierte damit außerdem, dass er von nun an vielleicht viel weniger Geschenke und Süßigkeiten bekommen würde. Doch dafür hoffte er, dass die ständigen Sticheleien aufhören würden, wenn er nicht mehr so brav und niedlich aussehen würde.
Obwohl in die Bande also nicht mehr ärgerte, traute sich August nicht so recht, wieder einmal Lore mit raus zu nehmen. Den Blick von Peter, den mit dem er ihn damals angesehen hatte, der ging ihm nicht aus dem Kopf. Also spielte er eigentlich nur noch mit Benni und Sascha. Und das macht wie immer, riesigen Spaß. Deshalb machte er nun noch immer nicht seine Hausaufgaben nicht ordentlich. So blieb ihm außerdem viel mehr Zeit zum Spielen. Er kam nun von der Schule heim, schlang hastig sein Essen hinunter und schwups, war er draußen, wo schon seine Freunde warteten.
Seinen Eltern war natürlich schon vorher aufgefallen, dass August nicht mehr so oft mit seiner Schwester spielte und er gar nicht mehr so brav und pflichtbewusst war. Die beiden fanden das erst gar nicht schlimm, schließlich mochten sie Benni und Sascha sehr gerne und freuten sich darüber, das August so nette Freunde hatte. Sie hatten es schließlich schon beinahe etwas komisch gefunden, dass August sich fast ausschließlich mit seiner Schwester beschäftigte. Denn ein Junge in seinem Alter braucht doch ein paar Freunde. Und zu viel Zeit sollte man doch auch nicht mit den Schularbeiten verbringen, Doch als August plötzlich nur noch patzige Antworten gab, wenn sie ihn einmal darum baten, auf die kleine Lore aufpassen, da wurden sie zum ersten Mal böse mit ihrem Sohn.
"Lieber August", sagte zum Beispiel sein Vater, "würdest du heute bitte so freundlich, und am Nachmittag eine Stunde bei deiner Schwester bleiben. Mama und ich, wir haben etwas zu tun."
"Nö, keine Zeit. Ich treffe mich mit Benni und Sascha zum Radfahren" antwortete August da, und drehte sich schon um, um seine Jacke zu holen. Zu Lore, die in ihrem Laufstallstand und laut vor sich hin redete und mit ihren dicken Fingerchen auf ihren Bruder zeigte, versuchte er nicht hinzusehen.
"Mo-o-ment" entgegnete da sein Vater, mit einem ganz langen O. Dieses O machte August sofort deutlich, dass es ihm ernst war. "So schnell nicht, junger Mann" Auch diese Anrede war ein Zeichen dafür, dass sein Papa nun nicht mehr gutgelaunt war.
"Dann sagst du eben deinen Freunden, dass ihr euch eine Stunde später trefft. Das kann doch nicht so schwer sein!"
Mürrisch erwiderte August: "Immer muss ich auf Lore aufpassen. Immer muss ich auf sie Rücksicht nehmen. Nie darf ich machen was ich will."
Dabei war das sehr arg übertrieben, denn seine Eltern zwangen ihn eigentlich nie zu etwas. Außerdem war er bis vor kurzem ja auch noch der liebe und nette Sohn gewesen, den man sowieso zu gar nichts zwingen musste, da er doch alles freiwillig tat.
August fühlte sich mies. Seinen Eltern zu frech zu antworten, das war doch gar nicht seine Art. Doch er hatte schon wieder diesen unmöglichen Peter vor Augen, wie er so bitterböse in Lores Wagen schaute. Und außerdem freute er sich schon den ganzen Morgen auf den Nachmittag mit seinen Freunden. August wusste nicht, was er tun sollte. Einerseits wollte er seine Eltern nicht verärgern, zugleich hatte er Angst, dass er wieder zu feige sein würde, Lore vor der Bande zu verteidigen. Da erschien ihm der Ärger mit seinen Eltern noch die angenehmere Lösung.
Doch August hatte nicht mit einem solchen Wutausbruch gerechnet, der dann folgte. Erst versuchte er noch ruhig zu bleiben, dass merkte August genau, aber als sein Sohn immer noch nicht nachgeben wollte, da lief sein Vater rot an und schrie zornig:
"Jetzt reicht es mir aber! Seit Wochen interessiert dich außer Benni und Sascha überhaupt nichts mehr. Du sagst deinen Freunden nun unverzüglich ab und damit basta."
August hatte ganz weiche Knie bekommen. So hatte er seinen Papa noch nie erlebt. Er überlegte kurz, ob er seinen Eltern endlich von der Geschichte mit Peter erzählen sollte. Doch Papas Kopf sah noch immer aus wie eine überreife Tomate und seine sonst so lieben Augen funkelten böse. Da hätte er mit Sicherheit keine Entschuldigung gelten lassen. Also rief August seine Freunde an, um ihnen abzusagen.
Als er dann Lore aus dem Laufstall nahm und die ihn freudig angluckste, da fragte der große Bruder sich, wie er überhaupt so gemein sein konnte.
Dann verabschiedete er sich, schon wieder wohlgelaunt, von seinen Eltern. Die waren bei diesem Anblick ihrer beiden Kinder auch wieder beruhigt. Und das Gesicht des Vaters hatte wieder seine normale Farbe angenommen.
So machte sich August, mit seiner Lore, die ihm im Kinderwagen allerhand Lustiges erzählte- von dem er allerdings nicht alles verstand- auf den Weg zum Spielplatz. Ihm machte es gar nichts mehr aus, dass das Radfahren mit seinen Freunden ausfallen musste, sondern war unglaublich zufrieden damit, sich endlich wieder einmal seiner Schwester zu widmen. Er dachte nicht einmal daran, was passiert war, als sie letztes Mal zusammen unterwegs gewesen sind.
Als sie ankommen waren hockten sich beide in den Sandkasten und bauten eine Burg. Das heißt, August versuchte angestrengt eine Burg zu bauen. Aber Lore schmiss sie dann jedes Mal lachend wieder um.
Nach einer Weile entdeckte August bei den Schaukeln ein Mädchen, das ihn seine Klasse ging.
"Lisa!" rief er und winkte ihr zu. Lisa hat er schon immer ganz gerne gemocht, doch in der Schule, da konnte man nicht so einfach mit einem Mädchen sprechen. Denn sonst würden ja alle gleich wieder rufen: "Der August hat sich in die Lisa verkuckt." Oder etwas Ähnliches. Deshalb freute er sich nun umso mehr, dass er heute einmal einfach so zu ihr hingehen konnte. Lore lies er im Sandkasten sitzen, da sie gerade ausgiebig mit ein paar Steinchen spielte.
"Was machst du denn hier?" fragte August.
"Schaukeln" antwortete Lisa. "Siehst du doch", dabei lachte sich sie fast kringelig, obwohl das so lustig nun doch gar nicht war. Aber Lisa lachte einfach sehr gern, dass war August schon in der Schule aufgefallen. Fast wie Lore, die war schließlich auch immer gut gelaunt. Vor allem wenn ihr großer Bruder mit ihr spielte.
"Ich bin mit meiner kleinen Schwester zum Spielen da." erklärte August seiner Klassenkameradin.
"Oh, das ist ja lieb von dir, so einen netten großen Bruder hätte ich auch gerne." entgegnete Lisa. August hoffte, dass er nicht rot wurde, denn dieses Kompliment macht ihn ein bisschen verlegen. Auch deswegen, da er doch nun einige Zeit so gar kein netter großer Bruder gewesen war und dieses Lob eigentlich gar nicht so recht verdient hatte.
"Ich bin nur so zum Schaukeln da. Das mache ich öfter einmal, wenn mir langweilig ist. Ich wohne ja gleich um die Ecke."
Da musste August lachen, denn er wohnte ja auch um die Ecke, nur um eine andere. Was beide bis heute gar nicht gewusst hatten. Als er ihr das sagte, musste die lustige Lisa natürlich mitlachen.
"Magst du auch schaukeln?" fragte ihn Lisa und lächelte dabei so (wobei August eine riesige Zahnlücke entdeckte, wo die Schneidezähne fehlten- aber das sah gar nicht doof aus), dass August sich gar nicht getraut hätte nein zu sagen, um sie nicht zu enttäuschen. Aber natürlich hatte er Lust. So schaukelten die zwei fröhlich vor sich hin. Währenddessen erzählten sie sich allerhand Geschichten aus der Klasse, machten Weitspuckwettbewerbe und hatten sehr viel Spaß. Bis Lisa plötzlich entsetzt aufschrie:
"Um Himmels willen, es ist ja schon fünf Uhr. Ich müsste schon längst zu Hause sein."
"Na hoffentlich kriegst du jetzt keinen Ärger," meinte August mitleidig. Denn das wollte er ganz und gar nicht. Er fand Lisa nun nämlich noch netter als zuvor. Schön blöd, dass er sich bisher nie getraut hatte, sie anzusprechen.
"Ich begleite dich noch ein Stück", bot August der neuen Freundin an. "Außerdem haben wir doch beide den gleichen Weg." Da mussten beide nochmals grinsen, denn es ist schon lustig dass man sich schon monatelang kennt, aber nie merkt, dass man fast nebeneinander wohnt. Er als sie sich an der Kreuzung, wo sich ihre Wege trennten, verabschieden wollten, dachte August an seine kleine Lore.
"Um Himmels willen" schrie nun auch er. Er hatte sie völlig vergessen. Von wegen lieber Bruder. Schnell machte sich August auf den Weg zum Spielplatz.
"Ich rufe dich heute Abends an!" rief Lisa noch hinter ihm her.
Doch darüber konnte sich August, erschrocken wie er war, gar nicht freuen.
Am Spielplatz angekommen, entdeckte er nur den leeren Kinderwagen. Sofort schossen ihm Tränen in die Augen. Er suchte alles nach Lore ab- vergeblich.
Verzweifelt rufend lief August nun durch die Straßen. Irgendwo musste sie doch sein. Außerdem konnte die kleine Lore doch noch gar nicht richtig laufen! Bei diesem Gedanken machte das Herz des Jungen einen riesigen erschrockenen Hüpfer. Irgendjemand musste sie entführt haben! Nun konnte der arme August seine Tränen nicht mehr zurückhalten. Wie ein Schlosshund heulte er. Was hatte er getan? Wie konnte er Lore so einfach vergessen?. Wenn ihr nur nichts passiert war!
Da lief ihm ausgerechnet Peter über den Weg. Als der Augusts Tränen sah, konnte er sich natürlich eine dumme Bemerkung nicht verkneifen:
"Ach nee, das Mädchen heult mal wieder!" Doch das hätte er lieber nicht sagen sollen. In seiner Sorge um Lore hatte er nämlich seine Feigheit völlig vergessen. Stattdessen war ihm ganz und gar nicht mehr nach heulen zumute, sondern er holte, ohne zu Zögern, aus und verpasste dem Feind, der übrigens ein ganzes Stück größer als er selbst war, eine saftige Ohrfeige. Peter war so überrascht, dass er keinen Ton hervorbrachte, sondern sich verdattert umdrehte und davonlief. Statt sich aber über diese Glanzleistung zu freuen, kam August dann ein fürchterlicher Gedanke. Vielleicht war Peter der Entführer. Womöglich wollte der ihn wirklich noch einmal gehörig ärgern! Und nun hatte August ihn sicherlich so verärgert, dass er sich grausam an seiner liebsten Schwester rächen würde. Aber diesmal würde er nicht wieder so feige sein. Er würde Lore bis aufs Blut verteidigen! Das schwor er sich. Deshalb setzte er, ohne dabei eine weitere Träne zu verlieren, seine Suche durch die Straßen fort. Anstatt aber nur hilflos nach Lore zu rufen, fragte er jeden Passanten, ob er nicht ein kleines süßes Mädchen mit blonden Engelslöckchen gesehen hätte. Und das, obwohl August sonst ziemlich schüchtern war und es nie wagte, Fremde anzusprechen. Leider konnte ihm niemand weiterhelfen. Eine ältere Dame war sogar richtig schadenfroh:
"Selbst schuld, junger Mann", sagte sie schnippisch, "wenn der Herr nicht auf seine Schwester aufpassen kann..."
Ihm ersten Moment war August ziemlich wütend über diese Unverschämtheit. Doch dann schluckte er nur und sah betroffen zu Boden. Denn eigentlich hatte die Frau doch Recht. Er war der schlechteste Bruder der Welt. Wenn er nur Lore heil wieder fand!
Bald wusste er dann gar nicht mehr, wie lange er nun schon die Nachbarschaft durchstreift hatte. Langsam wurde es dunkel. Erschöpft ließ August sich auf einer Bank nieder. Sicher würden seine Eltern besorgt daheim sitzen. Und wenn er dann ohne sie nach Hause kommt.... Er nahm alle Schuld auf sich. Keine Entschuldigung der Welt war es wert, dass man ihm das verzieh. Aber wie sollte er Mama und Papa nur sagen, was er getan hatte?
Da nahm er mit einem tiefen Seufzen all seinen Mut zusammen und machte sich auf den Heimweg. Schließlich konnten sie Zuhause wenigstens noch die Polizei rufen. So schlau konnte dieser bescheuerte Peter gar nicht sein. Bestimmt hatte er irgendwelche Spuren hinterlassen! August schöpfte ein wenig Hoffnung, die ihn, vor der Haustür angekommen, aber sofort wieder verließ. Mit zittrigen Fingern drückte er ganz sachte die Klingel. Sofort öffnete sein Vater. Als August schon wieder dieses Rot in dessen Gesicht bemerkte, machte er sich auf eine neue, natürlich wohlverdiente, Standpauke gefasst.
Doch dann merkte er, dass der Papa gar nicht zornig war, sondern herzhaft lachte und ihm deshalb sogar Tränen die Wange herabkullerten. August muss wohl sehr verwundert geschaut haben, denn beim Anblick seines Sohnes, da schüttelte es den Vater regelrecht vor Lachen.
"Ach, mein Bester. Schön das du auch schon da bist!" wurde er begrüßt.
August verstand überhaupt nichts mehr. Fiel seinem Vater denn gar nicht auf, dass der Kinderwagen leer war?
"Aber ich muss dich enttäuschen. Du bist nur Zweiter. Deine Schwester hat den ersten Platz gemacht."
Erneut machte August wohl nicht gerade einen sehr schlaues Gesicht, denn sein Papa fügte ein wenig genervt hinzu:
"Deine Schwester war vor dir da. Verstanden?"
Wobei er die Vokale in "verstanden" sehr weit dehnte, so als ob August etwas schwer von Begriff war. Doch nun hatte August endlich kapiert. Obwohl er noch nicht wusste, was eigentlich passiert war, begann er nun auch herzhaft zu lachen, als er den Schrecken überstanden hatte. Anschließend rennte er, schnell wieder der Wind ins Wohnzimmer, wo tatsächlich seine Lore in ihrem Laufstall stand. Er riss sie regelrecht an sich und drückte sie so fest, unglaublich fest, da hätte man denken können, dass er sie nun nie mehr loslassen wollte.
Erst als Lore quiekend mit ihren kleinen Ärmchen versuchte, sich gegen diese Attacke des großen Bruders zu wehren, ließ er endlich von ihr ab. Da bemerkte er, dass neben seiner Mama noch jemand dieses Wiedersehen lächelnd mit ansah. Es war Frau Holler, die Nachbarin. Endlich setzte August sich auf das Sofa- natürlich mit Lore auf dem Schoß, wo ihm dann Frau Holler erzählte, was passiert war:
"Ich war gerade unterwegs zum Einkaufen, als ich plötzlich, ganz allein auf dem Gehweg, eure Lore entdeckte. Die hangelte dich so an einer Hauswand entlang. Mensch, dass die schon so laufen kann. Das hätte ich nicht gedacht." Bei diesen Worten konnte August nur offenen Mundes nicken. Denn dass hatte er in der letzten Zeit, wo er so viele Dinge im Kopf hatte, nur nicht seine kleine Schwester, überhaupt gar nicht gemerkt. Dass Lore so schnell laufen lernte!
"Ich habe sie dann gefragt, was sie hier macht, aber ehrlich gesagt, ihr Gebrabbel habe ich nicht verstanden."
Dann war Frau Holler noch ein wenig, mit Lore auf dem Arm, durch die Nachbarschaft spaziert, ob sie nicht doch vielleicht jemand suchte und dann hatte sie den Ausreißer heimgebracht.
"Und eigentlich sollten wir dir die Ohren lang ziehen, mein werter Sohn", ergriff, als die Nachbarin geendet hatte, seine Mutter das Wort. "Denn ist dass den so schwer, auf so ein kleines Ding aufzupassen?"
August wunderte sich ja selbst, dass er, statt eine gehörige Strafe zu erhalten nur fröhliche Eltern vor sich hatte. Doch dann stellte sich noch heraus, dass August nicht der Einzige war, der nicht wusste, wie gut Lore laufen konnte. Anscheinend hatte sie selbst das erst an diesem Tag gemerkt. Und über diese außerordentlichen Fähigkeiten ihrer Tochter waren Mama und Papa nun so erfreut, dass sie überhaupt keine Lust hatten, mit August zu schimpfen.
Frau Holler verabschiedete sich dann und als die vier dann noch, weiterhin wohlgelaunt, zusammensaßen, da überlegte August, ob er seinen Eltern nun nicht doch von dem Vorfall mit diesem Peter erzählen sollte. Aber dann glaubte er irgendwie zu wissen, dass er von dem von nun an nichts mehr zu befürchten hatte und er deshalb seinen Eltern nicht unnötig Sorgen machen musste. Und er musste zugeben, dass nicht nur Peter schuld daran war, dass August plötzlich nicht mehr so brav wie früher war. Er hatte über alle den Spaß, den er mit Sascha und Benni hatte, einfach nichts mehr von seinen Pflichten wissen wollen. Dabei machte es doch auch Spaß, mit Lore zu spielen, dass hatte er nun endlich wieder gemerkt. August beteuerte aufrichtig und mit Indianerehrenwort, dass er von nun an ein lieber großer Bruder sein würde.
Als sie Mutter dann feststellte, dass sie ganz das Abendessen vergessen hatte, klingelte das Telefon. Sofort sprang August- nachdem er Lore, die schon friedlich eingeschlafen war, an seinen Vater weitergereicht hatte- auf und rief. "Das ist für mich!"
Tatsächlich war es Lisa, der er sofort sein Abenteuer erzählte. Das mit der Ohrfeige schmückte er noch ein wenig aus, denn er wusste dass Lisa dieses Ekel auch nicht leiden konnte. Lisa entschuldigte sich noch tausendmal, dass sie nicht hatte mitsuchen können, aber ihre Eltern wären eben sehr streng, wenn es ums Zu- spät- kommen geht.
Dann redeten sie noch ein wenig über dies und jenes. Schließlich rief die Mutter zum reichlich verspäteten Abendessen. Bevor sie auflegten, meinte Lisa noch, dass er ihr mit den blonden Löckchen viel besser gefallen hatte. Da strich August sich grinsend über die kurze Stachelfrisur und beschloss, erst einmal nicht mehr zum Frisör zu gehen.



Eingereicht am 23. Oktober 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin / des Autors.


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