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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Der rote Ziegelstein

© Sarina Beer


Auf dem höchsten Hügel des Landes baute einst ein sehr reicher Herr ein Haus. Das größte und schönste sollte es werden. Doch dafür brauchte es Ziegelsteine; rote sollten es sein.
Seine Dienerschaft reiste in der ganzen Welt umher um auch jeden zu finden.
Viele, viele Jahre wartete der reiche Herr auf seine Steine. Als nirgends auf der Welt auch nur noch ein einziger roter Ziegelstein zu finden war, fing der Herr mit dem Bau des Hauses an. Sein Haus war das schönste und herrlichste weit und breit.
Doch nicht jeder der Ziegelsteine freute sich über den Ruhm, der ihm zuteil wurde. Der erste Ziegelstein von links neben dem Fenster weinte Tag und Nacht bitterlich um sein altes Heim. Doch niemand vernahm sein stummes Leid.
Gefangen zwischen Lehm und Beton sehnte er sich weit weg.
Der reiche Herr hatte an der Hauswand eine wunderschöne Efeuranke gepflanzt.
Dieses tüchtige Pflänzlein räkelte sich Jahr für Jahr immer mehr dem Dach entgegen und so auch unserem Ziegelstein. Als das Efeu auf gleicher Höhe war, nahm der Stein seinen ganzen Mut zusammen und fragte scheu: "Verzeihen Sie, bitte. Ich hätte eine Frage." Das Efeu blickte sich um und als es den Ziegelstein erblickte, schaute es ganz verdutzt drein und gab zurück:"Ja, bitte was wünschen Sie, Sie roter Stein von tausenden." Der rote Ziegelstein wurde noch röter als er schon war vor Scham und sagte: "Hören Sie, ich beobachte Sie schon lange und als ich sah, dass sie die Macht haben, mich aus diesem harten Lehm zu befreien, dachte ich, wenn ich Sie darum bitte, würden Sie dies auch tun?!" Das Efeu dachte lange über die Bitte des Ziegelsteines nach und nach einer Weile sprach es hochmütig:" Was würde für mich rausspringen? Der Gedanken an eine gute Tat?!" Der rote Ziegelstein blickte panisch das Efeu an und sagte: "Entschuldigen Sie, wenn ich Sie gekränkt habe, aber Freiheit kann man nicht bezahlen. Doch fassen Sie sich ans Herz und helfen Sie mir. Ich bitte Sie darum." Dem Efeu behagte diese Bitte nicht. Noch nie im Leben hatte es etwas gemacht ohne jegliche Gegenleistung. Doch mit der Zeit wurde auch ihm das Herz weicher und es machte sich an die Arbeit. Es grub mit seinen dünnen knorrigen Fingerlein in die Löcher und Ritzen um den roten Ziegelstein herum und ganz langsam nur löste sich dieser aus seinem Gefängnis.
Es war an einem Donnerstag, um elf Uhr und dreiundzwanzig Sekunden, als der Ziegelstein mit einem lauten Gepolter aus der Hauswand fiel. Beim Sturz brachen ihm die Ecken ab, aber das störte unseren Freund nicht. Voller Lebensglück rollte er immer weiter und weiter den Hügel hinab bis hin zu einem kleinen unscheinbaren Häuschen. Davor spielten Kinder einen Reigen und sangen fröhliche Lieder. Der rote Ziegelstein sang mit, aber es war zu leise um ihn zu hören, obwohl er aus vollem Herzen die schönsten Melodien schmetterte, die ihm einfielen.
Das Efeu lebte noch viele, viele Jahrzehnte lang weiter an diesem prächtigen Haus, das nun ein Loch neben dem einten Fenster hatte. Und wenn schon, es störte ja niemanden.



Eingereicht am 07. Juni 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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