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Honigelfen

© Petra Block


Man müsse ganz früh aufstehen, und es sei ein weiter Weg. Kaum jemand habe es je geschafft.
Die Worte von Muhme klangen ihm noch im Ohr.
Peter wanderte fröhlich und unbeschwert durch die Wiesen. Er dachte an die herrlichen Geschichten, die Muhme, so nannten alle im Dorf seine Großmutter, ihm oft erzählt hatte.
Statt sich vor dem Fernseher viereckige Augen zu holen, lauschte er lieber hingebungsvoll ihrer sanften Stimme. Sie wusste von phantastischen Begebenheiten zu berichten, von allerlei Getier und wundersamen Wesen.
Seine Eltern hatten ihm beigebracht das Alter zu ehren. Wenn also Großmutter ein ehrwürdiger Mensch war, dann würde sie wohl kaum Dinge erzählen, die nicht stimmten.
Ein sechsjähriger Junge war eben doch noch nicht alt genug, um märchenhaftes und wahrhaftes unterscheiden zu können.
Unverdrossen stapfte er weiter. Mit seinem riesigen Wanderstab stakste er über den plätschernden Bergbach und hing seinen Gedanken nach.
Ob er sie wohl fand? Wie sie wohl aussahen und wie viele waren es? Er wollte sie unbedingt tanzen sehen. Ob sie schöne Kleider trugen? Fragen über Fragen schossen dem Burschen durch den Kopf.
Pause - Peter war hungrig. Ganz unauffällig hatte er sich noch am Abend eine Wegzehrung in den Rucksack gelegt. Vater und Mutter durften doch nicht merken, dass er sich mit dem ersten schimmernden Lichtstrahl aus dem Hause schlich. Nie hätten sie ihn gehen lassen. Sie schimpften manchmal mit Muhme und sagten, dass sie ihn ganz verrückt machte mit ihrem Gerede. Er sei jetzt schon ganz anders als andere Jungen in seinem Alter und wie das wohl noch enden sollte.
Darum ist er heimlich und allein losgezogen.
So früh am Morgen hatten die Hühner noch die Köpfe unter den Federn und nur Harras, der Hofhund, begrüßte ihn gähnend. Sonst nahm er ihn immer mit auf seinen Wanderungen, er war ja sein Freund. Nur diesmal musste Harras zu Hause bleiben. Er würde sie womöglich verscheuchen, die kleinen Wesen, die er suchte.
Kauend überlegte er, wie er sie überraschen könnte. Muhme hatte erzählt sie seien winzig klein, kaum so groß wie ein Glied seiner Finger. Flink sollten sie sein, und erst auftauchen, wenn die Luft warm und von herrlichen Düften erfüllt war. Dann aber könnte man liebliche Töne hören, und sie zu einer zauberhaften Melodie auf der großen Wiese in den Bergen tanzen sehen.
Bei diesem Gedanken nahm sein Gesicht einen verträumten Ausdruck an, seine Augen glänzten und er vergaß zu kauen. Das wenige Brot war ohnehin fast aufgegessen, doch das war nicht wichtig, er wollte sowieso zum Abendessen zurück sein und allen von seinem Abenteuer berichten.
Vielleicht, ja bestimmt sogar, konnte er eines von ihnen einfangen. Die Eltern würden staunen und sicherlich auch endlich den Geschichten von Großmutter glauben.
Er erinnerte sich aber auch daran, dass Muhme gesagt hatte, sie könnten gefährlich werden. An jedem der sie belästigte rächten sie sich und richteten ihn furchtbar zu. Nun ja, er konnte schon auf sich aufpassen.
Plötzlich horchte er auf, das klang doch wie - ja genau, es summte und brummte, da war sicher ein Bienenstock in der Nähe.
Schnell stand er auf. Das wäre ein herrlicher Leckerbissen auf dem Weg, er konnte bestimmt eine Wabe mit wunderbar süßem Honig erbeuten.
Mit flinken Augen schaute er sich um. Tatsächlich, dort am Wiesenrand stand ein hohler Baum. Vorsichtig näherte er sich der Öffnung, aus der er die Bienen schwärmen sah.
Wie sollte er da hochkommen?
Mit seinem langen Wanderstab reichte er nur bis knapp an das Flugloch heran.
Also, rauf auf den Baum. Dieser war ziemlich trocken und glücklicherweise hingen einige der starken Äste bis fast auf den Boden.
Peter kletterte Ast für Ast nach oben. Auf die schon etwas nervösen Honigsammler achtete das Leckermaul kaum. Ihm stand der Sinn nur noch nach einem Stück der goldglänzenden Waben.
Das Gebrummel klang gefährlich, und immer aufgeregter umschwirrten ihn jetzt die Bienen. In der Hoffnung, dass etwas Honig an seinem Stecken kleben bleiben würde, schob er ihn langsam in das Innere des Baumes. Das war für die Biester das Signal zum Angriff.
Bei den ersten zwei, drei Stichen hielt Peter tapfer aus, aber dann ging es richtig los. Die Bienen stachen, Peter haute zurück.
Auf den knackenden Zweigen konnte er sich nicht so lange halten, es krachte und der Junge lag am Boden.
Das gab blaue Flecken im Überfluss und zu all dem Ärger stürzten sich seine Peiniger noch einmal auf ihn.
Peter wäre am liebsten in seinen Rucksack gekrochen. Der Pulli und die kurze Hose schützten ihn kaum. So gut es ging krabbelte er in einen Busch.
Plötzlich war der Spuk vorbei, er blieb ganz ruhig liegen. Sehen konnte er nichts, sosehr waren ihm die Augen von den Stichen zugeschwollen.
Was nun?
Langsam begann er zu weinen. Wie schön hatte er sich diesen Tag ausgemalt, und nun war alles zu Ende. Zu Hause schimpften sie sicherlich mit ihm, und überhaupt, wie sollte er zurückfinden?
Vom Weinen wurde er müde und schlief ein.
Irgendwann wachte er wieder auf. Um ihn herum war es warm und duftete wundervoll nach Blüten und Gräsern.
Sehen konnte er immer noch nichts, aber er hörte etwas Seltsames.
Das war doch - oh ja, davon hatte Großmutter erzählt. Nun vernahm er sie, diese geheimnisvolle Melodie. Es summte, surrte und zirpte in der Luft, gleich einer wundersamen Weise. Durch das geschäftige Treiben der kleinen Bewohner auf der Wiese ertönten bezaubernde Klänge.
Jetzt wusste er was es war, wie konnte er nur so dumm gewesen sein.
Plötzlich schleckte eine große feuchte Zunge über sein Gesicht und Harras winselte vor Freude. Der Suchtrupp hatte ihn endlich gefunden. Überglücklich ließ sich Peter von seinem Vater in die Arme nehmen. Trotz aller Blessuren strahlte er.
"Vater", sagte er leise, "Vater, Muhme hat Recht gehabt, ich habe sie gefunden, die Honigelfen. Manche von ihnen sind klein und gestreift und können ganz gemein stechen."



Eingereicht am 07. März 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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