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Das Fell

Petra Block


"Oooch, ist das ein schöner Wagen, damit möchte ich auch in den Kindergarten fahren." Ein kugelrundes, schwarzes Augenpaar starrte begeistert auf das blitzende Gefährt, das vor ihm auf der Straße stand.
"Bist du bescheuert?", schrie dessen Insasse das kleine Mädchen an. "Das ist ein Rollstuhl, da muss ich immer drin sitzen, ohne diese blöde Karre kann ich mich überhaupt nicht bewegen. Viel lieber hätte ich solche Beine wie du", fügte er kleinlaut hinzu. "Solche braunen?", kam es staunend zurück.
"Nein, solche gesunden!"
"Wieso? Sind deine Beine krank? Zeig mal!" Flinke kleine Finger tasteten nach seiner Decke.
Der empörte Bursche fauchte und schlug um sich. "Da ist kein Zeiger dran. Was willst du von mir, und wer bist du eigentlich?"
"Ich heiße Zamira und wohne jetzt neben dir."
"Zamira - das ist aber ein komischer Name. Bist du Ausländer? Bestimmt Türke oder so was!" Seine Mundwinkel bogen sich verächtlich.
"Ach Quatsch, ich bin auch deutsch. Den Namen hat mein Papa ausgesucht, der ist nämlich aus Afrika und ich finde ihn sehr schön."
"Deinen Vater?"
"Nee. Meinen Namen."
Die beiden lachten übermütig und grinsten sich an.
Zamira sprang freudig um ihn herum.
"Wie heißt du denn?"
"Sebastian."
"Kommst du mit auf den Spielplatz Sebastian?"
Schon zog sie an seinem Wagen und trippelte aufgeregt umher.
"Nein, ich kann ja doch nicht mit dir spielen, und außerdem gucken die anderen Kinder immer so blöd."
"Ach na und, mich schauen auch viele ganz komisch an. Mutti sagt, das kommt, weil ich so schön braun bin und die sind bloß neidisch." Neckisch schwenkte sie ihr Röckchen.
"Neidisch?" Von dem Jungen kam ein verständnisloser Blick.
"Ja, weil sie selber in der Sonne braten müssen, um solche Farbe zu kriegen. Und außerdem habe ich ja mein Fell, das beschützt mich. Oh, da kommt meine Mutti. Ich muss jetzt gehen. Tschüß Sebastian."
Die Kleine hüpfte davon und ließ einen völlig verwirrten Jungen zurück.
Nachdenklich kaute er an der Unterlippe. Seine Stirn legte sich in schwere Falten. Was hatte Zamira nur damit gemeint? Ob sie ein altes Katzenfell auf dem Rücken hatte, so wie Opa Ernst, wenn ihm das Kreutz weh tat?
Papperlapapp, das konnte gar nicht sein, sie war ja noch nicht so alt wie sein Großvater. Sie hatte bestimmt keine Kreuzschmerzen.
Seine Neugier wuchs unermesslich. Sollte er sich morgen mit ihr auf den Spielplatz wagen? Würde sie ihm dort zeigen, wie sie mit ihrem Fell die Kinder verscheuchte?
Er sah sie schon wie einen Stierkämpfer vor den anderen Jungen umherspringen, afrikanische Zauberformeln murmeln und einen löchrigen Pelz schwingen. Ja, er würde seinen ganzen Mut zusammennehmen, wenn, ja wenn dort nicht der dicke Christian wäre. Der ging nämlich schon zur Schule, und vor dem hatte Sebastian gewaltige Angst.
Vielleicht verwandelte seine neue Freundin ihn in einen Stein, oder so was.
Seine kindliche Phantasie schlug Purzelbäume, und er sah schon sämtliche rotznäsigen Jungen der Nachbarschaft verzaubert. Sie wurden zu Bäumen, Mülltonnen und Coladosen, zu allen nur möglichen, unbeweglichen Dingen. Das war insgeheim schon seine Rache, konnte er selbst doch keinen Schritt machen und musste obendrein noch die Hänseleien von Christian ertragen.
Ein paar Tage später waren die beiden tatsächlich gemeinsam auf dem Weg zum Spielplatz.
Zweifelnd sah Zamira ihren Freund an.
"Ich verstehe das nicht Sebastian, du hast zwei Beine und sogar Schuhe an, warum läufst du nicht? Du kannst doch nicht immer müde sein."
"Müde? So ein Quatsch. Früher konnte ich genauso laufen wie du, dann war ich mal ganz doll krank. Die Krankheit hat meine Beine kaputt gemacht."
Ein sorgenvoller Blick traf ihn. "Kann der Doktor nicht helfen?"
Traurig kam die Antwort: "Der hat das schon im Krankenhaus versucht, aber es geht nicht."
Plötzlich hatte er eine Idee. Was wäre, wenn Zamira mit ihrem Fell ...? Es würde sich dann herausstellen ob sie wirklich zaubern kann. Zaghaft sprach er sie an. "Du Zamira, hast du dein Fell mitgebracht? Kannst du damit zaubern und meine Beine wieder gesund machen?
Die Kleine sah ihn entgeistert an. "Bist du verrückt? Zaubern? Mein Fell wächst mir, wenn ich es brauche."
Donnerwetter, das hatte er nicht erwartet. Jetzt riss er vor Staunen den Mund auf. Im Geiste sah er Zamira durch die Bäume am Spielplatz hangeln, Arme und Beine mit glänzenden braunen Haaren bedeckt.
Aus war es mit der Zauberei, und ausgerechnet jetzt bog der dicke Christian um die Ecke.
Was konnte Zamira nun mit einem Fell anfangen, welches höchstens gegen Kälte gut war? Angestrengt schaute er, ob bei ihr schon Haare sprossen.
Wahrscheinlich würde sie gleich wie ein Affe durch die Bäume verschwinden.
Für ihn wäre es auch besser die Räder in Schwung zu bringen und schleunigst abzuhauen.
"Na guck mal, der Spasti hat jetzt einen Bimbo." Der Bengel umkreiste mit wippenden Schritten die beiden Kinder. "Willst du den Mohrenkopf nicht an die Leine legen? Sonst läuft sie dir noch davon."
Zamira stemmte die Hände in die Hüften und baute sich vor dem Wichtigtuer auf. "Warum sagst du solche hässlichen Sachen? Haben wir dir was getan?"
"Ach wie niedlich, jetzt wird das Kätzchen richtig böse. Beißt du auch, du schwarzer Teufel?"
"Ich bin schwarz, na und, aber du bist ganz schön dick, hast du deswegen keine Freunde?"
"Was geht dich das an", schnauzte er zurück. "Ich brauche auch gar keine, und schon überhaupt nicht solche Neger wie dich." Er machte eine Handbewegung, als wolle er ein lästiges Insekt verscheuchen.
Das Mädchen ging ganz dicht an ihn heran, stellte sich auf die Zehenspitzen und schaute ihm in die Augen. "Oh, du hast ja braune Augen und außerdem ganz dunkle Haare, vielleicht bist du ein halber Neger?"
Das hatte gesessen. Verdattert wich Christian ein paar Schritte zurück.
"So ein Blödsinn", murmelte er. Bevor er wegrannte rief er Zamira noch zu: "Du hast ein ganz schön dickes Fell, aber wir sprechen uns noch!"
Vor Staunen bekam Sebastian den Mund nicht mehr zu. So also war das mit dem Fell. Neidlos bewunderte er seine kleine Freundin. Einen solchen Pelz könnte er sich auch wachsen lassen. Er wollte seinen ganzen Mut zusammennehmen und auch so tapfer werden, und wer konnte ihm besser dabei helfen als Zamira.



Eingereicht am 28. Dezember 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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