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Fünf Mohnblumen

Von Joachim Zawischa


Es ist ja selten, dass fünf Mohnblumen ganz alleine auf einer Wiese stehen. Meist wachsen sie als großes Feld auf. Doch ab und zu kommt es schon einmal vor.
"Ich wünschte, ich wäre auch so groß und stark wie der Baum da drüben", sprach eine der fünf Mohnblumen zu ihren Geschwistern.
"Wie das wohl sein mag, so groß und stark zu sein?", fragte die zweite eher sich selbst als die anderen.
"Kein Wind kann einen knicken. Kein Liebespaar kommt einfach und will dich mir nichts, dir nichts pflücken.", säuselte die dritte.
"Fragen wir ihn doch einfach, wie es ist, ein Baum zu sein.", schlug die vierte vor.
Der Baum stand auf derselben Wiese eine Häuserlänge weit entfernt. Wer aber sollte ihn fragen? Keine der Mohnblumen traute sich. Schließlich spricht man als Blume nicht einfach so einen Baum an. "Eh du!", riefen die vier Blumen ihre jüngste Schwester, die sich noch nicht zu Wort gemeldet hatte. Doch diese schlummerte mit leicht hängendem Kopf vor sich hin und bekam wie so oft von der ganzen Sache nichts mit. Erst als ein kräftiger Windstoß sie wach rüttelte, war sie für die anderen ansprechbar.
"Eh, hast du Lust auf eine Mutprobe?" fragten diese.
"Eine Mutprobe? Was ist das?"
"Na ja, du musst irgendetwas tun, was sich nicht jeder traut."
"Und was traut ihr euch nicht?", fragte die jüngste und kleinste die andern.
"Wir wollen wissen, wie das ist, ein Baum zu sein."
"Und woher soll ich das wissen?", kicherte die Kleine.
"Na, du kannst als Mutprobe den Baum da drüben fragen."
Erst jetzt bemerkte die fünfte Mohnblume den Baum in ihrer Nähe. Er war ihr noch nie aufgefallen, denn meist schlief sie. Oder sie hatte die Augen geschlossen, um sich vom Wind genussvoll hin- und herwiegen zu lassen.
"Also gut!", sagte sie und rief: "Eh Baum, hallo, hörst du mich?"
"Vorsicht", sagte die zweite, "sei doch etwas netter, siehst du denn nicht, wie groß und stark er ist."
"Hallo, hätten Allergnädigste die Güte mir eine Frage zu beantworten?", rief sie in einem zweiten Versuch zum Baum hinüber.
Sie hatte diesen Satz vom Besitzer des Grundstückes aufgeschnappt. Der lief hier manchmal rum und sprach dann solche Sätze in sein Handy. Die Mohnblume wusste nicht, was ein Handy ist. Für sie sah es aus wie eine kleine Plastikschachtel, die manchmal lustige Melodien spielte. Der Mann hielt die kleine Plastikschachtel dann an sein Ohr und sagte Wörter wie "Liebling" oder "Schatz" - oder eben "Allergnädigste". Dann ging er meist auf und ab, steckte die Schachtel irgendwann mit einem Ruck in seine Jackentasche und schimpfte "blöde Zicke". Das klang gar nicht nett. Während die Worte, die er in die Plastikschachtel sagte, sehr charmant waren.
"Ja, was gibt's?", dröhnte es auf einmal aus Richtung des Baumes herüber.
Die Mohnblumen erschraken und standen vor Schreck starr wie Kunstblumen im Schaufenster einer Herrenboutique.
"Wir wollten gern wissen, wie es ist, ein Baum zu sein.", piepste die kleine Mohnblume schüchtern.
"Nun, ich bin sehr groß und stark, kann alles überblicken. Hab eine mächtige Krone aus Ästen, Zweigen und Blättern. An mir kann man hochklettern und selbst ein gewaltiger Sturm macht mir nichts aus, denn bis tief in die Erde reichen meine Wurzeln.", prahlte der Baum.
Die Mohnblumen schienen tief beeindruckt. Obwohl sie keine Ahnung von Kronen, Ästen, Blättern und Zweigen hatten, wuchs ihr Respekt vor dem Baum.
Plötzlich kam der Mann mit der Plastikschachtel und brachte sogar noch einen Hund mit. Dieser ging zum Baum, hob das linke hintere Bein und strahlte den Baum an. Also er bestrahlte den Baum. Und zwar mit seiner Körperflüssigkeit, dass es nur so plätscherte. Die Mohnblumen sahen, wie der Baum sich ekelte. Er schüttelte sich, obwohl er es zu verbergen versuchte.
"Hihihi!", so lachten sie ihn aus. "Ein Sturm kann ihm nichts anhaben, aber ein kleiner Hund bringt ihn aus der Fassung, hihihi."
"Der Blitz soll euch treffen!", schrie der Baum zornig zurück.
Dabei hätte er wissen müssen, dass Blitze doch eher in Bäume einschlagen als in Mohnblumen.
Es traf sie auch kein Blitz. Ein großer Hagelsturm hatte sie allesamt über Nacht dahingerafft. Bis auf die Kleinste. Die hatte der Herr mit der Plastikschachtel am Vorabend gepflückt und einer eleganten Dame geschenkt. Von da an stand sie in einer kristallnen Vase im Schlafzimmer derselben. Dort erlebte sie noch so manch wundersame Dinge.




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Eingereicht am 20. Oktober 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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