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Regentröpfchen auf Weltreise

Von Katharina Britzen


Mama und Papa Regentropfen saßen gemütlich mit ihrem Kleinen in der gemütlichen Wolke und schauten entspannt dem Treiben auf der Erde zu. In den vergangenen Tagen mussten sie ständig regnen und hatten wenig Zeit für ihr Regentröpfchen, das bisher die Erde nur aus der Regenwolkenperspektive gesehen hat. Heute wollte die Sonne scheinen, und sie hatten dann frei.
"Mir ist so langweilig", quengelte Regentröpfchen und lehnte sich gefährlich weit aus der Wolke heraus.
"Vorsicht, Regentröpfchen, sonst fällst du runter", ermahnte ihn seine Mutter sorgenvoll.
Regentröpfchen war schrecklich neugierig. Zu gerne wollte er wissen, was da unten los sei. In der Wolke erzählten sich die anderen Regentropfen die tollsten Sachen. Wo die schon überall waren? Wäre er doch bereits erwachsen! Dann dürfe er mit auf die Erde, haben ihm seine Eltern fest versprochen.
"Weißt du, Regentröpfchen, wir sind neben der Sonne das Allerwichtigste für die Menschen, Tiere und Pflanzen auf der Erde. Lange, lange, bevor es Menschen auf der Erde gab, waren wir schon da. Durch uns sind Bäche, Flüsse, Seen und Meere entstanden." Papa Regentropfen schaute ihn ernsthaft dabei an. Schon öfters hatte sein Papa solche Andeutungen gemacht.
"Was ist das alles?", wollte Regentröpfchen wissen, denn der Blick durch die Regenwolke auf die Erde schien wie durch eine undurchsichtige Glasscheibe.
Mama und Papa schauten sich vielversprechend an und nickten verschwörerisch.
"Regentröpfchen, es wird Zeit, dass du die Erde kennen lernst", überraschte ihn Papa Regentropfen. Regentröpfchen war sprachlos und vergaß, den Mund vor Staunen zuzumachen. Sollte jetzt die Reise beginnen? Ja, seine Eltern wollten ihn überraschen und schon packten sie sich an den Händen, die Regenwolke öffnete sich und ließ sie alle drei herausplumpsen in Richtung Erde.
Der Wind wirbelte sie tüchtig durch die Luft. Hei, machte das Regentröpfchen Spaß, der unterwegs jauchzte und lachte.
Platsch machte es, und sie landeten im Meer. Soviel Wasser, Millionen von Regentropfen. Der kleine Regentropfen kam aus dem Staunen nicht mehr raus.
"Hier werden alle Regentröpfchen geboren, und der Wind trägt sie mit ihren Wolkenhäusern über die ganze Erde", seine Mama strahlte ihn liebevoll an und drückte ihn ganz fest an sich, bis er vor Freude aus seinen Poren spritzte.
"Wenn zu viele Regentropfchen in einer Wolke sind, dann wird sie zu schwer, öffnet sich und wir Regentropfen fallen einfach heraus. Und die Sonnenstrahlen tragen uns wieder ins Meer zurück. Tagein, tagaus." Was sein Papa nicht alles wusste!
Wo er hinsah, lachten ihm Regentröpfchen entgegen und freuten sich, ihn zu sehen.
"Tauch mal unter, dann siehst du, was alles in dem großen, riesigen Meer lebt". Mama Regentropfen stupste ihn aufmunternd an.
Zaghaft tauchte der kleine Regentropfen unter und staunte, als er die vielen bunten Fische sah. Seesterne, Muscheln, Krabben - große und kleine, rote, gelbe, grüne, weiße, blaue Fischschwärme waren im Meer unterwegs. Vor dem riesigen Haifisch mit den spitzen Zähnen hatte er Angst. Beinahe hätte der ihn doch verschluckt. Im letzten Moment zog ihn seine Mama zur Seite. Das Seepferdchen lud ihn zum Wellenreiten ein. Atemlos tauchte er wieder auf und strahlte übers ganze Gesicht. Die Reise ging immer weiter über das endlos große Meer. Einmal kam ein Delphin vorbei und nahm sie auf seinem Rücken mit bis zum Eismeer, wo die Pinguine und die Eisbären lebten. Es fröstelte ihn etwas und er kuschelte sich enger an seine Mama, die ihn liebevoll wärmte.
"Regentröpfchen, hier in der Antarktis werden die Regentropfen zu Schnee und dann zu Eis" erläuterte ihm die Regentropfenmama. "und all Tiere, die hier du hier siehst, können nicht ohne Schnee und Eis leben".
Regentröpfchen war fasziniert und beobachtete die Robben, die blitzschnell ins Wasser tauchten und wieder herauskamen. Nachdem sie ihnen eine Weile zugeschaut hatten, fragte Papa Regentropfen: "Sollen wir in eine wärmere Gegend fliegen?
"Ist es da auch so schön wie im Meer?" wollte Regentröpfchen wissen. "Lass dich überraschen", antworteten seine Eltern geheimnisvoll.
"Auf Wiedersehen, ihr Regentropfen, kommt bald wieder", riefen alle und winkten ihnen freundlich zum Abschied zu.
Schwups saßen sie in einem Wolkenhaus und flogen zu einer Insel. Vorbei ging an es langen Sandstränden, auf denen sich die Menschen Sonne auf ihre Körper scheinen ließen oder zu ihrem Vergnügen im Meer schwammen. Manche saßen in Booten und ließen sich von den Wellen treiben.
"Schau, Regentröpfchen, ohne uns hätten die Menschen nicht soviel Spaß - denn dann gäbe es kein Meer."
Interessiert schaute sich Regentröpfchen die Menschen an. Eine freche Regenwolke hatte sich einfach vor die Sonne geschoben und ließ es urplötzlich regnen. Regentröpfchen beobachtete von oben, wie die Menschen unmutig eilig ihre Sachen packten und schnell in die Häuser liefen. Dabei sahen die gar nicht mehr so glücklich aus.
"Papa, warum sind die Menschen denn traurig, wenn wir aus den Wolken fallen?
"Tja, mein Kleiner, manchmal mögen die Menschen lieber, wenn die Sonne scheint und wir Regentropfen ganz, ganz weit oben am Himmel schweben. Sie vergessen oft, dass sie ohne uns verdursten würden" meinte Papa Regentropfen traurig.
Ihr Wolkenhaus trieb sie in Richtung Wüste.
"Hier gefällt es uns Regentropfen auch nicht. Die Menschen haben alle Bäume und Sträucher gerodet. So müssen wir immer auf den stachligen Kakteen oder dem heißen Sand landen. Das macht keinen Spaß, weil es so pikst. Zum Glück brauchen uns die Pflanzen und Tiere in der Wüste auch nicht so oft, weil sie gelernt haben, ihre Wasservorräte über einen längeren Zeitraum zu speichern" erklärte ihm seine Mutter lächelnd.
"In den Oasen - das sind Wasserstellen in der Wüste - können die Menschen und die Tiere ihre Vorräte auffüllen" Papa Regentropfen zeigte ihm von oben eine solche Stelle, wo Kamele in der Sonne dösten, Zelte aufgebaut waren und Menschen geschäftig hin und her liefen und Palmen kräftig im Wind schaukelten.
"Erkennst du, Regentröpfchen, wie viel Verantwortung wir Regentropfen für die Erde haben" meinte sein Papa bedeutungsvoll.
Regentröpfchen ahnte allmählich, wie wichtig Regentropfen für diese Erde waren.
"Dort unten ist der Regenwald" erklärte ihm sein Vater, als sie über den dichten, dunkelgrünen Blätterwald hinwegschwebten. "Hier haben wir viel Arbeit, denn hier müssen wir fast das ganze Jahr über regnen. Deswegen sind die Bäume auch so grün. Einmal musst du auch hierher und mithelfen, damit die anderen sich ausruhen können" erzählte ihm sein Papa.
Leider konnten sie die vielen interessanten Tiere durch das Blätterdickicht nicht erkennen. Papa Regentropfen erzählte ihm von großen, bunten Vögeln, die dort lebten.
"Bei den Menschen heißen die Vögel Papageie", sein Vater hatte schon viel von der Welt gesehen, fand Regentröpfchen.
"Im Regenwald gibt es viele Affen. Die sehen fast so aus wie die Menschen. Mit Lianen hangeln sie von Ast zu Ast, um an die Bananenstauden zu kommen. Affen fressen für ihr Leben gern Bananen" erläuterte ihm sein Vater und erzählte von den vielen Insekten, die er sicher einmal kennen lernen würde, falls er dort mal als Regentropfen landen werde.
Die spannende Reise ging immer weiter. In der Ferne sahen sie vereinzelt ein paar Wolkenhäuser. Der Wind lenkte sie geschickt zwischen hohen Bergen hindurch, von deren Spitzen es ganz weiß leuchtet. Manchmal sahen diese Berge aus wie Häuser.
Auf ihrer Reise flogen sie über Städte und Dörfer hinweg. Einmal fing Regentröpfchen an zu husten und seine Augen tränten. Papa Regentropfen blickte ihn besorgniserregend an: "Ja, ja, hier qualmt es ganz doll aus den Schornsteinen. Giftige Dämpfe machen uns krank und die Menschen sagen zu uns "Saurer Regen. Aber das Schlimme ist, dass auch die Bäume und Pflanzen krank werden."
"Warum machen die Menschen so was?" ratlos schaute er seine Eltern an.
"Die meisten Menschen denken nur an sich und nehmen auf andere Lebewesen keine Rücksicht. Deswegen müssen auch so viele Tiere und Pflanzen leiden" erklärte ihm traurig sein Papa. Regentröpfchen kann das nicht verstehen.
"Sind die Häuser der Menschen das gleiche wie für uns die Wolkenhäuser?" wollte Regentröpfchen wissen.
"Ja, genau so ist es. In diesen Häusern wohnen meistens die Regentropfen, die nicht immer brav waren. Sie müssen den Menschen beim Waschen oder beim Duschen helfen. Zur Strafe müssen sie ständig durch enge Rohre schwimmen und landen dann in einer ekligen Brühe, wo es furchtbar schäumt und stinkt. Aber danach dürfen sie dann wieder in ihre Wolkenhäuser, das Meer besuchen oder zu den Blumen fliegen" tröstete ihn der Papa.
"Papa, was sind Blumen?", nervte Regentröpfchen.
Papa Regentropfen hielt Ausschau nach einer Blumenwiese, auf der sie landen konnten.
"Sieh, dort leuchtet es so bunt, das ist eine Blumenwiese," erwiderte Mama Regentropfen und schon saß Regentröpfchen auf dem Löwenzahn, seine Mama auf einer Butterblume und Papa auf dem Gänseblümchen. Alle hießen sie herzlich willkommen.
"Hallo, Regentröpfchen, ich bin der Löwenzahn" flüsterte ihm etwas Gelbes zu und schaukelt e heftig hin und her. Beinahe wurde ihm schwindelig.
"Komm und besuch mich" flötete das Gänseblümchen und öffnete ganz weit ihren Kelch, indem schon eine Biene nach Nektar suchte.
Regentröpfchen staunte - weit und breit so viele schöne Blumen. Auch das Gras lockte ihn mit seinen Rufen. Die sind aber nett hier, dachte er und hüpfte vor Freude auf und ab.
Ein vorwitziger Regenwurm blinzelte ihm verschmitzt von unten zu.
Auf der Wiese grasten Kühe, die neugierig näher kamen. Etwas bange war es Regentröpfchen schon, als die großen Kuhaugen ihn anglotzten.
"Na, mein Kleiner, gefällt es dir hier?" fragte ihn sein Papa. "Du hast eine große Aufgabe vor dir, Regentröpfchen. Flieg' in die Welt und regne, damit alle Menschen, Tiere und Pflanzen noch lange, lange wachsen und gedeihen können."
"Mach' Dich auf den Weg, Regentröpfchen, jetzt bist du erwachsen und darfst regnen, wo es dir Spaß macht. Gehe aber verantwortungsvoll mit Deinem Talent um" ermahnte ihn Mama Regentropfen abschließend und küsste ihn auf beide Backen.
Er war froh, ein Regentropfen zu sein, winkte seinen Eltern zum Abschied zu und flog mit der nächsten Wolke davon.




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Eingereicht am 03. Oktober 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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