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Jupitermonde

Von Ute Weidemann


Grau und schwer lag die Luft über dem Ort. Wieder ein Tag, an dem das Atmen schwer fallen würde. Aber daran hatte sie sich im Laufe der Zeit schon gewöhnt. Die Luftzusammensetzung auf der Erde ist einfach anders und sehr gewöhnungsbedürftig. Davor hatte sie Amathea schon vor der Abreise gewarnt. Nun ja, sie hatte es trotzdem so gewollt und sie wusste, sie würde es schaffen, ihren Auftrag zufriedenstellend zu erfüllen.
"Guten Morgen!", schwerfällig gähnte die Prinzessin ihren Gruß. Es dauerte immer etwas, bis sie am Morgen zu sich kam und sich genüsslich durchrekeln konnte, "wo ist mein Frühstück!"
Das war schnell gemacht und dann ging es hinaus in diese trübe Luft, den neuen Tag zu begrüßen und die Geschäfte zu erledigen. Diese Bernhardinerdame legte sehr großen Wert auf ihre Behaglichkeit! Die Tage konnten ruhig abwechslungsreich sein. Ein bis auf die Minute immer gleicher Ablauf war nicht nötig. Alles musste nur so sein, wie sie es wollte und wann sie es wollte. Ganz wie es einer Prinzessin gebührt.
Derweil lag die Königin des Rudels schnurrend längst wieder auf ihrem Fell und erholte sich von ihrem Morgengang. Diese Katze war, anders als die Hündin, auf genaue Einhaltung der täglichen Routine eingestellt und forderte lautstark stets die Beachtung der Regeln: Türe öffnen ab 7.53h, schließen um 8.02h Winterzeit. Im Sommer sah das anders aus. Danach: Einhalten der Morgenruhe bis zum Mittagessen. Das war die gemütlichste Zeit. Wenn die Hündin und die Katze zufrieden in ihren Betten lagen, konnte sie sich an ihre Arbeit machen und den Plan weiter fortführen. Wenn nicht andere Hindernisse zuvor aus dem Weg geräumt werden mussten.
Seit die Gonzkas im Hinterhaus eingezogen waren, wurde es immer wichtiger, die Momente der Ruhe zu finden, damit der Auftrag weiter bearbeitet werden konnte. Es ging darum, dieses spezielle Blau auch innerhalb der Erdatmosphäre zu inhalieren und zu transformieren, damit die Menschen auf Sunamar wieder an ihr Wasser kommen konnten. Usha hatte eine äußerst langwierige und intensive Schulung mit großem Erfolg hinter sich gebracht und musste nun immer wieder sich selbst Geduld und Vertrauen zusprechen, um nicht vor lauter Tatendrang und Eifer den Plan zu gefährden. Sie brannte so sehr darauf, endlich einmal nach Hause zu kommen und in Ruhe wieder in ihrem Haus leben zu können, dass ihr die Tage, an denen alles Weiterkommen blockiert schien, zäh, grau und klebrig vorkamen und sie Mühe hatte, ihr Tagewerk zu verrichten. Die Gonzkas hatten längst dafür gesorgt, dass die wichtigsten Durchgänge versperrt waren und Usha gefordert war, auch die feinstofflichsten Kanäle für den Informationsaustausch zu nutzen. Das ging nur am Morgen, wenn Ruhe war. Und spät in der Nacht zwischen 3.00h und 4.00h Winterzeit, der Zeit für spezielle Aufgaben zur Schaffung von Weite und Freiräumen.
In dieser Zeit war es Usha nur unter größten körperlichen Anstrengungen gelungen, das riesige Schiff mit den ehemaligen Gefährtinnen an Bord zum Stoppen zu bringen, damit alle von Bord gehen konnten, um sich in alle Winde zu zerstreuen und eine Ruhe zu finden. Sie alle waren freie Pionierinnen und taugten nicht für das innige Zusammenleben an Bord. Die Freibeuterei, nicht nur auf dem Schiff, hatte sie hart und blind werden lassen für die wichtigen Dinge im Leben und so waren sie nun alle gefordert, die notwendige Ruhe in der Welt zu finden. Jede auf ihre Art und für sich allein. Manch eine hatte, wie Usha, eine engste Vertraute und vierbeinige Gefährtinnen mit sich. Und alle wollten nur das eine: leben und damit das Wasser zurück nach Sunamar bringen.
"Ich werde noch verrückt, wenn ich andauernd versuche herauszufinden, warum es so schwierig ist, einfach zu sein in dieser Erd-Atmosphäre!" Usha machte sich lautstark Luft. Ihr Atem musste weit reichen und wenn sie ordentlich schimpfte, konnten alle Hindernisse hinweggepustet werden, damit ihr Atem reichte, um die Verbindung zu Amathea herzustellen. "Gretl Grünbein", scherzte Amathea, "da bist du ja. Wir haben schon lange nicht mehr miteinander sprechen können. Die Gonzkas haben ihren Müll schon wieder in die Einfahrtschneise gelegt." Usha war froh, endlich Amatheas Stimme wieder zu hören.
"Ach, Amathea, ich freue mich, dass es jetzt endlich mal geklappt hat. Weißt du, ich finde, wir sollten eine tiefere Frequenz einrichten. Die Gonzkas sind viel zu schrill, um die tieferen Frequenzen erreichen zu können. Wir könnten in der Tiefe in Ruhe kommunizieren und müssten nicht mehr so peinlich genau auf die Zeiten achten. Die Prinzessin ist eine gute Verstärkung für die Arbeit auf den Frequenzen. Was meinst du?"
Amathea musste nicht lange überlegen. So war der Plan. Usha musste die Informationen in ihrem tiefsten Innern ankommen lassen und Tanes, die Bernhardinerhündin an ihrer Seite, hielt den Raum frei. Tanes war eigens dafür ausgebildet worden. Zum Dank bekam sie die Freiheit und ihr Leben als heimliche Prinzessin im Rudel. Mirdo, die Katze hingegen, war ausgebildet, feinste schrille Töne abzuwenden und ihr Rudel frei davon zu halten. Sie war die Königin, die ihre Schutzbefohlenen sicher bewachte und heimliche Chefin des Rudels. Mirdo gab den Ton an. Sie wusste sofort, wenn Unruhe drohte und alle Arbeiten an dem Plan sofort eingestellt werden mussten. Dann schrie sie einfach sofort los, deutlich und klar vernehmbar. "Usha, du machst das genau richtig!", freute sich Amathea. "Wir schalten um."
Inzwischen waren alle grauen Nebelfelder verschwunden. Der Tag lichtete sich und sogar die Sonne schien warm durch das Fenster herein. Da wusste Usha, dass die Verbindung und der Austausch gelungen waren. Das war gut so für heute. Usha machte sich an ihr Tagewerk und nicht einmal der Qualm von Gonzkas Zigarettenrauch konnte sie hindern. Für heute stand einfach Tieftonatmen auf dem Arbeitsplan.
Hätte Usha gewusst, wie weit verbreitet die Gonzkas in der Welt waren, hätte sie sich so manche Illusion ersparen können. Überall lebten verwandte Sippen der Gonzkas in Rudelverbänden. Die Welt, von der Usha wusste, musste wieder neu geschaffen werden und das war immer wieder eine Herausforderung in der ‚Hohen Schule der Balance', der Kunst der Wiederholung. Manchmal war es unerträglich. Usha, Mirdo und Tanes hatten immer wieder Mühe, sich durch den alltäglichen Nebel zu bewegen. Zum Glück waren sie nicht alleine. Rodis , die liebste Vertraute und Gefährtin, war unermüdlich unterwegs, um die gemeinsame Grundversorgung zu sichern.
Der Plan war gut durchdacht. Bis auf eines. Amathea konnte nicht wissen, dass auf der Erde ein System geschaffen worden war, nach dem alle Verrichtungen in immer neuen, eigens dafür geschaffenen Kategorien mit sogenannter Währung bezahlt werden mussten. So eine Form von Geld kannte niemand auf Sunamar. Dort gab es genug für alle und alle schenkten sich gegenseitig eine Freude zum Zeichen der Dankbarkeit. Das war reell. Derartig ausgedachte Konstruktionen, wie es sie auf der Erde gab, waren für Amathea unvorstellbar. Deshalb hatte sie Usha und Rodis zum Abschied auch einfach nur ganz viel Glück gewünscht und das wuchs stetig nach.
Rodis konnte zum Glück ihr Geschick, andere zum Tieftonatmen und zur Aufnahme von Freude zu bewegen, so gut anbringen, dass ihr dafür Geld gegeben wurde, mit dem alle vier einigermaßen über die Runden kamen. Manchmal war es nicht einfach. Dann saßen sie zusammen und erzählten von Sunamar. Wie gut, dass sie wussten, dass der Plan mit all dem Glück einfach nur gelingen konnte. Alles eine Frage von Zeit, Geduld, Vertrauen und Entspannung! Bestimmt würde es bald schon wieder regnen und das Wasser für Sunamar damit auch neuen Boden finden. Vertrauen war gut für solche Tage, an denen der Nebel die Töne zu schlucken schien. Oft tauchten dann die Gestalten im Nebel auf. Manchmal waren es Verbündetete, die freundlich grüßten, manchmal kleine Irrlichter, die das Vertrauen in den Plan nur noch bestärken konnten. Die Zeit, in der Usha irritiert an sich und allem zweifelte, war längst vorbei! Und das war auch gut so.
Heute hatte Rodis einen anstrengenden Tag vor sich, da war es besonders wichtig, die Nerven zu bewahren und eine Ruhe zu geben, damit die Freude sich weiter ausbreiten konnte. Usha war allein. Sie atmete besonders ruhig und tief, um Rodis die nötige Rückendeckung zu geben.
Tieftonatmen war nur auf diese Weise weitreichend genug, um die Freude weiter zu tragen und den Boden zu halten, damit das Wasser landen konnte. Mirdo war schon ganz heiser geworden und zog es vor, sich in eine ruhige Ecke zu verziehen, um auf den Traumpfaden die nötige Ruhe zu finden. Tanes schlief längst wieder auf ihrem blauen Reiseteppich.
Usha machte sich an die Arbeit.
Die Glückskekse mussten gebacken werden.
Sunamar, der Ort, von dem sie einst kamen und zu dem sie zurückkehren würden, wenn die Zeit dafür gekommen war, war der Ort, wo es aufgehört hatte zu regnen, weil Abundia, die Königin der Feen, keine Freudentränen mehr vergossen hatte, seit sie mit ansehen musste, wie die Gonzkas alle kleinen feinen Orte der Stille und des Zaubers mit Missachtung belegten. Das große Vergessen war über die meisten Menschen gekommen. Abundia weinte nicht mehr. Sie konnte nicht mehr lachen. Sie saß einfach da und wartete. Entschieden. Zornig. In Ruhe. Still. Irgendwann musste das große Vergessen doch so voll sein, dass es platzen musste! Dann würde sie endlich wieder lautstark aus vollem Herzen mit Freude loslachen. Die Zeichen standen günstig. Die Pionierinnen waren schon sehr weit gekommen. Immer häufiger war das grundtiefe Lachen hier und dort zu hören. Abundia schmunzelte schon. Usha und Rodis erinnerten sich gut an das Lachen und freuten sich sehr, es alsbald wieder zu hören. Sunamar war gleichzeitig tief innen und weit außen. Immer da und auch nicht. Und das war auch egal, denn schließlich ging es ja nur um leben, lachen und Wasser für jede auf ihrem eigenen Boden! Das Licht auf Sunamar ließ die Farben besonders leuchten. Überall glitzerten die Tautropfen auf den Gräsern und Farnen, wenn Abundia ihre Glückstränen verlachte. Regenbögen erstrahlten in der Luft. Die Luft war klar und hatte dieses spezielle Blau, das Regenbogentore bildet und öffnet. Ein Blau zum Baden und Träumen!
Abundia träumt es in die Herzen, damit immer wieder Rebellinnen und Pionierinnen ihren Mut finden, das Lachen wiederzuholen.



Eingereicht am 17. Dezember 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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