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Die kleine blaue Blume oder: Gott liebt auch dich

Von Ines Larweczka


Es war einmal ein kleines Blümchen. Das wuchs auf einer großen Wiese zwischen Halmen, Gräsern, Bäumen und anderen Gewächsen. Die Wiese befand sich in einem Wald, der reichlich satt von Bäumen war, in dem viele junge Tierkinder, erwachsene Tiere und alte, weise Kreaturen hausten. Tagtäglich kamen einige der Tiere zu der Wiese, um dort nach Futter zu suchen, sich in der Sonne zu wärmen oder einfach nur, um mit den Pflanzen dort zu reden. Das Blümchen stand gern auf der Wiese, denn es wurde von der Sonne immer so schön gewärmt. Es mochte auch Besuch von den anderen Tieren zu bekommen und mit ihnen zu reden und zu lachen. Das Blümchen lachte gern und redete auch gern. Es konnte erzählen, erzählen, erzählen. Ab und zu hörte es auch mal gerne zu. Es mochte besonders die alte Eule Sophia, die immer so weise Dinge erzählte und die man stets alles fragen konnte, denn Sophia wusste einfach immer eine Antwort. Das Blümchen mochte auch das quirlige, flinke Hörnchen Willibald, das immer so lustig war und es aufmunterte, wenn es traurig war. Das Blümchen war öfter traurig, obwohl es ihm eigentlich gut gehen müsste. Es hatte Regen und Sonne und Nährstoffe im Boden. Es hatte auch Kameraden zum Spielen, zum Lachen und zum Spaß haben. Doch oft fand das Blümchen, dass es nicht so schön und wertvoll sei wie die anderen Geschöpfe. Ja, sogar die anderen Blümchen waren schöner. Das Blümchen war ziemlich klein und unscheinbar. Es wurde von den ihm umgebenden Grashalmen fast völlig verdeckt, und manchmal konnte man noch nicht einmal sein kleines, blaues Blütchen entdecken. Das Blümchen beneidete die hoch gewachsenen Blumen auf der Wiese mit den prächtigen Blüten und den bunten, satten Farben. "Die," so dachte es "können stolz auf sich sein, ich hingegen nicht!"
So ging das oft. Einmal fragte das Blümchen die große rote Blume, die ihm immer so entgegen leuchtete. "Warum bist du so schön, so prächtig und strahlst in einer wunderschönen Farbe?"
Die große, prächtige, rote Blume gab zur Antwort: "Weil Gott mich auserwählt hat, so auszusehen und so zu sein. Das ist ein Privileg meiner Geburt! Du könntest niemals so sein wie ich. Du könntest dich schminken und dich bemalen, so viel wie du willst und so oft du willst, aber du wirst niemals mir auch nur annähernd ähneln!" Daraufhin senkte das Blümchen traurig den Kopf und fing bitterlich zu weinen an. "Warum bin ich nicht so wie diese Blume?" fragte es sich. "Sie kann stolz auf sich sein, denn sie besitzt diese wundervollen, prächtigen, leuchtenden Blüten, die ich niemals haben werde. Warum hat Gott nicht auch aus mir eine solche Blume gemacht? Warum kann ich nicht stolz auf mich sein?"
Am nächsten Tag kam eine Elster vorbei. Ihr Gefieder, das schwarz- weiß glänzte, sah man schon von weitem leuchten. Erhabenen Schrittes ging sie des Weges. Diesmal fragte das Blümchen die Elster: "Wie kann ich so werden wie du? Was macht dich eigentlich so schön und erhaben?" Die Elster antwortete: "Du kannst niemals so werden wie ich. Denn ich bin ein Tier und du nur ein dummes Zwerggewächs. Du hast keine Beine wie ich um wegzulaufen und auch keine Flügel, um in die große, weite Welt zu fliegen. Ich hingegen sehe nicht nur schön aus, ich führe auch dazu ein aufregendes Leben. Du kannst niemals so sein wie ich und würdest du dich mit dem schönsten, edelsten Schmuck behängen, so wirst du niemals mir auch nur annähernd ähneln!"
Da weinte das Blümchen bitterlich. Jetzt erst wurde ihm richtig bewusste, was es eigentlich alles nicht besaß. Es sah nicht nur langweilig und unscheinbar aus, es hatte auch keine Beine oder Flügel, um die Welt zu erkunden. Stattdessen war es gezwungen, die Wiese, auf der es stand, als alleinige Welt anzunehmen und dort für immer zu bleiben. So weinte das Blümchen Wochen und Monate weiter. Es hatte keine Freude mehr an seinem Dasein. Auch die gute Sonne konnte es nicht mehr erfreuen, weil es immer daran denken musste, wie schön, klug oder groß die anderen waren und es dagegen nicht auch nur mit irgendeiner Kleinigkeit glänzen konnte. Es traf den Fuchs, der sich interessant fand, weil er mit seiner Listigkeit alles erreichen konnte, den Habicht, der mit seinen Krallen alles greifen konnte oder die Biene, die eine Aufgabe hatte, nämlich die, Honig herzustellen.
Doch was war die Aufgabe des Blümchens? Hatte es überhaupt eine Aufgabe? Das Blümchen suchte lange und verzweifelt nach einer Antwort, konnte aber keine finden. Sophia, die Eule sagte oft, weil sie nicht ansehen konnte, wie traurig das Blümchen war: "Auch du hast eine Aufgabe und deinen Platz in dieser Welt. Gott hat einen jeden von uns so gewollt, wie er ist. Jeder von uns muss es sich zur Aufgabe machen, den Sinn zu finden. Denn Sinn des Daseins, den jeder von uns hat. Was der Sinn aber ist, das müssen wir selbst herausfinden. Wir dürfen nicht müde werden, danach immer und immer wieder zu suchen, bis wir das Ziel gefunden haben. Doch wir selbst müssen dazu bereit sein, den Sinn zu suchen, bis wir ihn schließlich gefunden haben. Der Sinn kommt nicht plötzlich zu uns. Er ist nicht wie ein Gewitter, das uns überrascht, nicht wie ein Blitz, der über uns kommt. Leider finden einige den Sinn nie, weil sie nicht bereit sind, diesen zu suchen oder weil sie ihn dort suchen, wo er nicht ist. Wer ihn nicht sucht oder am falschen Ort, der wird den wahren Sinn seines Lebens nicht finden!"
"Was ist denn dann mein Sinn?" fragte das blaue Blümchen die Eule. "Deinen eigenen Sinn kannst nur du selbst herausfinden. Keiner kann ihn dir sagen. Was ich nur sagen kann, ist, dass Gott uns alle gewollt hat und dass auch du einen besonderen Zweck erfüllst!"
Daraufhin ließ Sophia das Blümchen allein. Doch so lange das Blümchen auch über Sophias Worte nachsinnte, es konnte den Sinn nicht finden. Sophia rief von weitem: "Suche den Sinn nicht mit Gewalt. Du wirst ihn dann finden, wenn du ihn gar nicht erwartest. Du wirst ihn wahrscheinlich auch nicht allein finden. Irgendetwas oder irgendjemand wird dir helfen, den Sinn zu finden. Höre nicht auf zu träumen und daran zu glauben, dass du den Sinn findest!"
Dann kam das Hörnchen Willibald vorbei. Mit lustigen Sprüngen versuchte es, das Blümchen aufzuheitern. "Hast du deinen Sinn schon gefunden?" fragte das Blümchen das Hörnchen. "Ja," sagte das Hörnchen. "Ich bin dafür da, andere mit meiner Fröhlichkeit anzustecken und sie mit meinen Witzen aufzumuntern. Deshalb bin ich auch so gerne bei dir. Du brauchst mich doch!"
"Das stimmt!" entgegnete das Blümchen. "Doch brauchst du mich denn eigentlich auch?" "Natürlich brauche ich dich!" antwortete das Hörnchen. "Ohne dich hätte ich meine Aufgabe nicht entdeckt. Gäbe es keine traurigen Geschöpfe, dann müsste ich auch niemanden aufheitern und dann würde mein Talent, andere aufzumuntern, im Keim erstickt!"
"Also hast du deinen Sinn nicht alleine gefunden!?" fragte das Blümchen.
"Nein, du hast mich dazu gebracht, meinen Sinn zu finden!" antwortete Willibald das Hörnchen.
"Ich muss jetzt aber weiterziehen, denn es gibt noch so viele traurige Geschöpfe, die noch auf der Suche nach dem Sinn sind!"
Mit diesen Worten ließ Willibald das Blümchen allein zurück.
Lange dachte das Blümchen über seinen Sinn nach. Obwohl Sophia immer Recht hatte, weil sie so weise war und obwohl das, was Willibald gesagt hatte, auch recht einleuchtend klang, zweifelte das Blümchen daran, ob es auch diesmal so sein könnte. Doch so lange es auch überlegte, es konnte einfach keinen Sinn an seinem Dasein finden.
Eines Tages jedoch kam ein kleines Mädchen mit blonden Zöpfen mit seiner Mutter des Weges. "Schau mal diese schönen Blumen!" sagte das Mädchen. "Ich werde einige pflücken, damit ich sie in die Vase stellen kann!" Und das Mädchen fing an, sämtliche Blumen, die auf der Wiese standen, zu pflücken. "Oh nein," dachte das Blümchen "das wird mein Ende sein! Das Mädchen wird mich gleich abpflücken, und ich werde in eine Vase gepfercht werden, in der ich nicht lange werde überleben können. Ich werde abgerupft werden, und nichts wird mehr an mich erinnern auf dieser Wiese. Aber vielleicht soll so mein Ende sein. Vielleicht soll es eine Strafe für mich sein, weil ich meinen Sinn nicht finden konnte! Dann werde ich sterben, ohne meinen Sinn gekannt zu haben. Vielleicht habe ich wirklich keinen Sinn. Dann wäre es ja auch egal, ob ich da wäre oder nicht!"
Das Blümchen zitterte und versuchte, sich noch mehr zwischen all den Grashalmen und zwischen den anderen, größeren Blumen zu verstecken. Das kleine Mädchen kam immer näher. "Bald wird es hier sein. Warum tut es das?" fragte sich das Blümchen "Es ist doch ein so unschuldiges, kleines, liebes Geschöpf. Es wird mich doch nicht abpflücken wollen?"
Nun beugte sich das kleine Mädchen zu dem Blümchen hinunter. "Schau mal diese kleine Blume an!" sagte es freudestrahlend zu seiner Mutter. "Sie ist noch kleiner als ich. Sie ist wohl eine Kinderblume, die noch wachsen muss! Sie sieht aus wie die Blumen auf meinem Kleid. Die sind auch so klein und haben ein so schönes Blau!"
"Das stimmt!" dachte das Blümchen. "Mir ist noch gar nicht aufgefallen, dass auf dem Kleid, das an der Kleinen so bezaubernd aussieht, genau diese Blumen aufgedruckt sind, die aussehen wie ich, nicht etwa wie die rote Blume, die ich immer so prachtvoll fand!" Diese rote Blume war schon von dem Mädchen für die Vase gepflückt worden. "Diese Blume wird bald sterben. Dabei war sie immer so stolz. Und sie konnte es auch sein! Sie hat wenigstens ihren Sinn für sich gefunden, bevor sie stirbt. Ich hingegen werde ihn niemals mehr finden können!"
Doch das Mädchen wollte das Blümchen nicht sterben lassen. "Ich will diese schöne kleine Blume nicht pflücken!" sagte es "Ich will täglich kommen und sie besuchen! Ich will sie streicheln, damit sie besser wächst und gießen, damit sie nicht austrocknet! Dann können wir zusammen wachsen!"
Das kleine Blümchen konnte nicht glauben, was es da gehört hatte. "Ja, zusammen mit der Kleinen wachsen würde ich gerne!" dachte es und es wusste, dass es nicht nur ein Zusammen wachsen, sondern auch ein Zusammenwachsen werden würde. "Ich kann es gar nicht glauben, nicht abgerissen worden zu sein," dachte es bei sich. "Ich werde gehegt und gepflegt werden, bis ich groß bin, und ich werde größer werden, als alle Halme auf dieser Wiese und schöner, als alle anderen Blumen auf diesem Gebiet! Es tut mir so Leid, dass die rote Blume sterben muss!" Das Blümchen wurde etwas traurig bei dem Gedanken, denn es kannte diese Blume schon seit es denken konnte. "Sie war vielleicht ein bisschen eingebildet, aber das konnte an ihr doch nicht übel nehmen, denn schließlich konnte sie stolz auf sich sein. Und dass sie mich nicht schön fand, das konnte man ihr auch nicht übel nehmen, denn schließlich war ich immer so traurig, und vielleicht hat mich das nicht gerade sehr schön gemacht!" Das Blümchen dachte lange über das Geschehene nach.
"Das Mädchen will mich pflegen!" dachte es "weil uns etwas verbindet: Wir beide sind klein und werden in der Welt nicht ernst genommen. Und ich schmücke mit meinem Abbild sein Kleid!"
Das Blümchen konnte sein Glück gar nicht so richtig fassen.
"Doch erkenne ich jetzt langsam einen Sinn!" dachte es "Ich bin dafür da, jemanden glücklich zu machen; Glück zu geben und Glück zu empfangen. Es ist mein Sinn, nicht erhaben über die anderen hinabzuschauen, sondern das kleine Licht, was ich durch meine Natur bekommen habe, weiter zu geben, so dass andere ihre Freude daran haben können. Es ist genauso wie Sophia schon gesagt hatte! Ich habe den Sinn nicht alleine gefunden, und ich habe ihn auch nicht erzwungen gefunden. Ich habe ihn gefunden, als ich ihn gar nicht erwartet hatte: Dann, als ich dachte, mein Ende sei gekommen, ohne ihn gefunden zu haben. Doch nun weiß ich, dass ich jemanden brauchte und dass es diesen Jemand auch gibt. Es gibt jemanden, der sich nur um mich kümmern will, der nur für mich da sein will; für mich und keinen anderen! Jemand, der mich so liebt und annimmt wie ich bin. Und ich weiß jetzt, dass ich nicht mehr zweifeln muss, dass es einen Gott gibt, der jeden auf dieser Welt liebt. Ich bin nicht allein. Ich habe Gott in dieser Kleinen gefunden. Sie hat es geschafft, dass ich nicht mehr traurig bin. Zum ersten Mal hat mir jemand gesagt, dass ich schön bin und dass ich wertvoll bin!" Wieder find das Blümchen zu weinen an; diesmal allerdings nicht aus Kummer, sondern vor Freude über das, was in den vergangenen Minuten geschehen war. Diese Minuten allerdings waren für das Blümchen wertvoller, als alles andere, was es zuvor erlebt hatte. Auch Sophia freute sich, als sie sah, wie glücklich das Blümchen war. "Jetzt kennst du den Sinn!" sagte sie "Du hast ihn endlich gefunden! Der Sinn ist doch einfach nur so zu sein, wie man ist! Daraus kann sich doch dann alles Weitere entwickeln. Weil du so bist, wie du bist, wirst du geliebt!" sagte Sophia. "Ja, es tut mir auch so Leid, dass ich dir nicht geglaubt habe!" das Blümchen wurde nun melancholisch. "Ich habe nur meinen eigenen Gedanken geglaubt, die traurig und pessimistisch waren. Und dir, weise Eule, habe ich nicht geglaubt. Ich wusste alles besser und im Grunde genommen, wusste ich gar nichts! itte sei mir nicht böse! Ich bin manchmal ein törichtes Wesen!"
"Das ist nicht wahr!" antwortete Sophia. "Ich bin dir nicht böse. Du konntest es doch nicht wissen. Du bist noch sehr klein und musst noch viel lernen. Ich hingegen bin schon alt und habe meine Weisheit über Jahre hinaus erlangen müssen. Denkst du, ich war schon immer so weise?"
"Sag nicht, du warst es früher nicht?" fragte das Blümchen.
"Natürlich nicht!" antwortete Sophia. "Auch ich war einmal so wie du und musste meinen Weg erst finden. Auch ich habe nicht auf die Älteren gehört und habe gemacht, was ich wollte. Auch ich konnte meinen Sinn nicht finden und musste lange danach suche, bis ich erkannte, dass ich dazu berufen bin, andere zu belehren, so dass sie von mir lernen können!"
"Das ist interessant! Dann bin ich also eigentlich ganz normal gewesen und habe normal gehandelt!"
"Natürlich hättest du dich mehr an deinem Leben freuen können!" antwortete Sophia. "Denn das Leben ist ein Geschenk Gottes, das wir nicht nur annehmen, sondern auch lieben müssen. Dennoch hast du nicht falsch gehandelt, für jemanden, der seinen Sinn noch nicht gefunden hat. Oft zweifeln diese Geschöpfe und glauben nicht mehr an das Gute. Du jedoch hast dich dennoch bemüht, den Sinn zu finden und nicht zu resignieren bei einem Rückschlag. Du hattest Geduld und es hat sich ausgezahlt! Manchmal verlangt das Leben halt etwas Geduld von uns!" "Ja, da hast du Recht!" sagte das Blümchen "Ich habe meinen Sinn nun gefunden. Ich werde geliebt, weil ich ich bin und nicht irgendjemand anderes. Ich bin ich!"
Und mit diesen Gedanken lebte das Blümchen weiter und wurde gehegt und gepflegt. Das Mädchen kam jeden Tag vorbei und erzählte ihm von seinem Leben. Das Blümchen wuchs zu einer großen, prachtvollen blauen Blume heran, und die beiden wuchsen zusammen. Das kleine blaue Blümchen war nun kein Blümchen mehr, sondern eine wunderschöne blaue Blume. Es freute sich daran, dass es so war, wie es war und kam gar nicht mehr auf die Idee, anders sein zu wollen. Es hatte den Sinn endlich gefunden, den es so lange gesucht hatte. Den Sinn, zu lieben und geliebt zu werden.




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Eingereicht am 16. März 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin.