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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Wegkreuzungen

Von Andrea Schmid


Als Karl zum Fenster hinaus schaute, konnte er nicht ahnen, in welcher Weise sich ihre Wege kreuzen würden. Sein Blick ruhte auf dem Alten Turm aus dem frühen 14. Jahrhundert. In der späten Nachmittagssonne strahlte das denkmalgeschützte Bauwerk eine besondere Ruhe aus.
Zur gleichen Zeit saß Sheryll im ICE von Köln nach Frankfurt. Seit der Fertigstellung der neuen Schnelltrasse beträgt die Fahrtzeit nur noch 77 Minuten. Aber sie achtete nicht auf die Geschwindigkeit. Ihre Gedanken kreisten um die Fertigstellung des Projekts. Auch sie konnte nicht ahnen, in welcher Weise sich ihre Wege kreuzen würden.
Karl wusste, dass er diesen Ausblick vermissen würde. Dieser Turm war für ihn immer der Inbegriff von Heimat gewesen. Seit er sich erinnern konnte, war immer der Turm der Mittelpunkt aller wichtigen Geschehnisse gewesen. Hier hatte er sich den Arm gebrochen, als er als kleiner Junge von der Spielplatzschaukel gefallen war. Und auch seinen ersten Kuss hatte er im Schatten des Alten Turms bekommen. Doch trotz all dieser Erinnerungen hatte er den festen Entschluss gefasst, Dudweiler und seinem Alten Turm den Rücken zu kehren.
In den letzten Jahren war in ihm die Sehnsucht erwacht, mehr aus seinem Leben zu machen. Er wollte nicht in der selben Stadt sterben in der er geboren war ohne je etwas von der Welt gesehen zu haben. Natürlich hatte er mit seinen knapp 29 Jahren noch etwas Zeit aber er hatte sich vorgenommen, etwas Besonderes zu erleben, bevor er 30 war. Und so stand er doch langsam unter Zeitdruck. Er genoss noch einen letzten Moment den Anblick des alten Gebäudes und machte sich dann wieder an die Arbeit. Er musste noch einige Sachen packen bevor er sich auf den Weg zum Frankfurter Flughafen machte. Immerhin hatte er noch eine 2-stündige Fahrt vor sich und um 22:00 Uhr ging sein Flugzeug. Er durfte also keine Zeit mehr verlieren.
Sheryll spürte, wie die Unruhe in ihr anstieg. Sie hatte so lange auf diesen Tag hin gearbeitet. In wenigen Stunden würde sie im Flugzeug nach Singapore sitzen. Seit 2 Jahren arbeitete sie nun schon an diesem Projekt. Zwei endlos scheinende Jahre in denen das Projekt so oft kurz davor stand, sich in Nichts aufzulösen. Nur ein Wort ihres Chefs hätte genügt und das Projekt wäre gestorben. Doch das war es nicht und das war mitunter auch ihr Verdienst gewesen. Jetzt musste sie nur noch nach Singapore fliegen und ihre Kunden dazu bringen den Vertrag zu unterschreiben. Aber das war kein Problem mehr. Die Klauseln waren so oft überarbeitet, durchgesprochen und wieder geändert worden, dass es nicht einmal ein Satzzeichen in diesem Vertrag gab, das ihr Kunde nicht kannte.
Während die grünen Hügel und blauen Seen an den Fenstern des ICE vorbei rauschten, malte sie sich ihre berufliche Zukunft in den buntesten Farben aus. Seit sie nach ihrem Marketing Studium beendet hatte, hatte sie zielstrebig auf ein solches Projekt hin gearbeitet. Und, weiß Gott, sie hatte sehr hart dafür gearbeitet. Über ein Jahr lang hatte sie mehr Zeit im Büro verbracht als an sonst einem Ort. Natürlich hatte ihr Privatleben sehr darunter gelitten und es hatte Momente gegeben, an denen sie sich gefragt hatte, ob die Arbeit solche Opfer wert war. Andere Frauen in ihrem Alter waren noch nicht mal mit ihrem Studium fertig und amüsierten sich jeden Abend auf Partys. Doch seit sie denken konnte, steckte dieser Ergeiz in ihr. Dieser Ergeiz trieb sie dann immer weiter zu machen bis an ihre Grenzen. Sie wollte Allen und auch sich selbst beweisen, dass sie etwas ganz Besonderes war. Und wenn dieses Projekt abgeschlossen war, hatte sie es schwarz auf weiß. Sie schreckte hoch als die Stahlräder des ICE zu kreischen anfingen und der Zug stark abbremste. Sie war so in Gedanken vertieft gewesen, dass sie nicht einmal die Durchsage gehört hatte. Langsam fuhr der ICE in den Bahnhof des Frankfurter Flughafen ein. Sie schnappte sich ihren kleinen Koffer und zwängte sich durch den engen Gang des Abteils und machte sich auf den Weg zu den Check-in Schaltern.
Während Sheryll bereits auf dem Flughafen angekommen war, saß Karl noch im Taxi.
Doch es stellte sich schnell heraus, dass Sheryll mal wieder zu viel Zeit eingeplant hatte. Denn als sie am Check-in Schalter ankam, teilte man ihr mit, dass sie erst in ca. 1 Stunde einchecken konnte, da die Computer den Flug noch nicht zum Check-in freigegeben hatten. "Super", dachte Sheryll. Doch es machte ihr nicht wirklich was aus, da sie die Atmosphäre auf Flughäfen sehr mochte. Die Geschäftigkeit und der Geruch von fernen Ländern übten auf sie einen besonderen Reiz aus. Sie setze sich in eine kleines Cafe in der Nähe ihres Check-in Schalters, trank einen Cappuccino und beobachtete die Menschen, die an ihr vorbei gingen.
Nach 2 Stunden war Karl endlich am Frankfurter Flughafen abgekommen. Er stieg aus, beglich die unverschämt hohe Taxirechnung und ging in die Check-in Halle. Egal um welche Zeit man an diesem Flughafen war, es war irgendwie immer die Hölle los. Eltern mit ihren nörgelnden Kindern, Geschäftsleute, die es immer eilig hatten und dann so Leute wie er. Da stand er nun mit seinem riesigen Rucksack und brauchte erst einen Moment um sich zu orientieren. Er schaute noch einmal auf sein Flugticket und entdeckte dann auf einer großen Anzeigetafel, dass der Schalter "B16" zum Check-in freigegeben war.
Na also, das Timing passte ja genau. Am Schalter angekommen hatte sich schon eine ganz ansehnliche Schlange gebildet. Als er nun so in der Reihe stand und wartete bis er dran war, kamen ihm Zweifel daran, ob das was er vorhatte wirklich ein so guter Plan gewesen war. Natürlich, wenn er das jetzt nicht tat, dann würde er es nie machen. Außerdem war er ungebunden und hatte auch genügend Geld gespart, um sich eine solche Verrücktheit leisten zu können. Ja, "verrückt", das hatten ihn seine Freunde genannt. Sie waren nicht so begeistert von seiner Idee. Vor allem weil er beschlossen hatte, sich alleine in dieses Abenteuer zu stürzen. Alle hatten versucht ihn davon zu überzeugen, dass es doch besser wäre, so einen Trip wenigstens zu zweit zu machen. Doch er ließ sich nicht davon abbringen. Solange er denken konnte, wollte er nach Australien. Ein Mal Khangurus sehen und die endlose leeren Weiten des Outback's zu erleben. Er wusste, dass die 4 Monate auch einsam werden würden. Aber trotz alledem war das genau das was er wollte. Er hatte sich 4 Monate von seinem Chef freistellen lassen um sich diesen Traum zu erfüllen. Und da stand er nun in der Schlange und in wenigen Stunden würde er im Flugzeug zuerst nach Singapore und dann nach Sidney sitzen. Es war unglaublich.
Sheryll sah, wie sich langsam eine Schlange an ihrem Check-in Schalter bildete. Also trank sie ihren Cappuccino aus, beglich die Rechnung und gesellte sich zu den fremden Menschen in die Schlange. Es ging nicht besonders schnell voran. Sie wollte das schnellstmöglich hinter sich bringen um sich endlich wieder gemütlich hin zu setzen und später vielleicht noch ein bisschen in den Buchläden zu stöbern, die es am Frankfurter Flughafen reihenweise gab. Doch irgendwie schien die Schlange nicht kürzer zu werden. Die Menschen um sie herum wurden langsam unruhig. Vor allem die zwei kleinen Kinder mit ihren Eltern wurden quengelig. Man sah den Eltern an, dass sie genervt waren und ab und zu löste sich die Mutter zusammen mit den kleinen Kindern aus der Reihe um einen kleinen Spaziergang durch die Halle zu machen. Nach 30 Minuten stand Sheryll immer noch am gleichen Fleck und auch sie wurde langsam unruhig.
"Warum dauert das denn so lange?", sagte Sheryll laut zu sich selbst. Da drehte sich plötzlich der Typ vor ihr um. Er hatte einen riesigen Rucksack bei sich. Bestimmt war er einer dieser Rucksack-Touris, die Asien zu Fuß erkundeten.
"Ja, langsam wird es unangenehm", sprach er sie an.
Etwas überrascht entgegnete sie: "Ich hoffe es gibt keine Probleme. Das kann ich wirklich nicht brauchen."
Wenige Augenblicke später kam dann eine Durchsage: "Sehr geehrte Damen und Herren. Aufgrund von technischen Probleme ist es derzeit leider nicht möglich für den Flug SG 201 nach Singapore einzuchecken. Wir bitten Sie um etwas Geduld. Vielen Dank für Ihr Verständnis."
"Ja, klasse!", stöhnte Sheryll.
Nach einigen Minuten kam eine erneute Durchsage. "Sehr verehrte Damen und Herren. Aufgrund von technischen Problemen, wird sich der Check-in für den Flug SG 201 voraussichtlich um 4 Stunden verzögern."
Sheryll krampfte sich der Magen zusammen. Hatte sie da richtig gehört?! 4 Stunden!!! Die ersten Leute vor ihr begannen sich aus der Schlange zu lösen und in Richtung Restaurants zu bewegen. Darin sah Sheryll ihre Chance. Sie ging zu der Flugassistentin am Schalter und fragte etwas genervt: "Hallo! Besteht denn irgend eine Möglichkeit, dass die Verzögerung weniger als 4 Stunden beträgt?" Es war eigentlich mehr ein Flehen als eine Frage.
Die Flugassistentin war sehr freundlich und meinte nur: "Tut mir leid, aber das ist eher unwahrscheinlich, da ein Computervirus das komplette System lahm gelegt hat und das kann dauern."
"Aber ich habe einen wichtigen Termin in Singapore! Gibt es denn keine Möglichkeit einen anderen Flug nach Singapore zu bekommen?"
"Tut mir leid, aber das halte ich für sehr schwierig. Ich denke es wäre besser, wenn sie sich darauf einstellen erst heute Nacht hier weg zu kommen."
Sheryll drehte sich um. Das war zu viel für sie. Warum ausgerechnet heute? Warum nur? Sie war schon so oft geflogen und es hatte immer alles ganz gut geklappt und ausgerechnet heute, wo es um so viel ging, musste so etwas passieren! Sie zog sich erst einmal auf die nächste Toilette zurück um ihre Tränen der Verzweiflung freien Lauf zu lassen. Danach fühlte sie sich besser und beschloss, ihren Kunden anzurufen um ihm Bescheid zu geben, dass sie erst mindestens 4 Stunden später als geplant ankam. Natürlich konnte sie wegen der Zeitverschiebung nur den Anrufbeantworter erreichen und hinterließ eine kurze Nachricht, dass sie sich melden würde, sobald sie in Singapore angekommen war. Tja, da saß sie nun auf dem Flughafen fest und konnte hier auch nicht weg. Es würde sich nicht lohnen irgendwo hin zu gehen und außerdem wollte sie die Hoffnung nicht aufgeben, dass es vielleicht doch früher los ging als vorhergesagt.
Sheryll setzte sich auf einer der vielen Sessel, die in der Check-in Halle rumstanden und holte ihr Buch heraus. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie sich jemand neben sie setzte. Sie drehte sich kurz um und erkannte den Rucksack-Touri, der vor ihr am Schalter gestanden hatte. "Oh, Hi!", sagte sie kurz angebunden und widmete sich wieder ihrem Buch.
"Ich hoffe Sie verpassen keinen wichtigen Termin durch die Verzögerung", meinte er nach einer Weile.
Es dauerte einige Sekunden, bis ihr klar wurde, dass er mir ihr gesprochen hatte.
"Ja, schon. Aber daran kann man nichts ändern", gab sie beinahe gleichgültig zurück. Ihre Wut und Verzweiflung hatten sich gelegt und so fand sie sich einfach damit ab, die nächsten Stunden hier rum zu hängen, bis sie endlich starten konnten.
"Tut mir leid für Sie. Ich bin auf dem Weg in den Urlaub und deswegen kommt es für mich auf ein paar Stunden nicht an."
Sheryll legte das Buch zur Seite, da es offensichtlich war, dass er sich unterhalten wollte und im Moment war ihr jeder Zeitvertreib recht.
"Wohin geht's denn? Bleiben Sie in Asien oder geht es weiter?", führte Sheryll die Unterhaltung fort.
"Ich fliege nach Sidney und von da geht es weiter landeinwärts", erzählte er sichtlich aufgeregt.
"Hört sich gut an. Sidney ist eine schöne Stadt. Vor allem die "Rocks" mag ich sehr."
"Kennen Sie sich gut in Sindey aus?", hakte er nach.
"Ich bin dort aufgewachsen."
"Sie sind Australierin?"
"Naja, nicht mehr. Mein Vater ist Australier und meine Mutter ist Deutsche. Als ich 18 war habe ich mich dann für die deutsche Staatsangehörigkeit entschieden, da ich der Meinung bin, dass man in Deutschland bessere Möglichkeiten angenehm zu leben."
Sie wusste nicht, was in sie gefahren war, einem Wildfremden ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Als hätte er ihr Gedanken gelesen, streckte er ihr seine Hand entgegen.
"Ich heiße übrigens Karl und bin Deutscher. Schon immer gewesen.", schmunzelte er. Sheryll konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen und ergriff seine Hand.
"Ich heiße Sheryll und komme aus Köln".
"Freut mich!"
Karl machte einen sympathischen Eindruck. Karl versuchte die Frau die neben ihm saß einzustufen. Sie war offensichtlich geschäftlich unterwegs und ihr Auftreten war sehr professionell. Er fragte sich wie alt sie wohl war. Nach ihrem Auftreten zu urteilen, musste sie ungefähr in seinem Alter, sogar eher etwas älter sein. Doch ihre Augen wirkten irgendwie sehr jung.
"Sollen wir uns in eines der Cafés setzen und etwas trinken? Ist sicher gemütlicher und da wir noch einige Stunden hier verbringen werden, sollten wir es uns so gemütlich wie möglich machen," schlug er vor.
Sheryll nahm den Vorschlag dankend an. Sie schlenderten gemeinsam durch die Gänge des Flughafens, bis sie zu einem ruhig gelegenen Bistro kamen.
"Hier?", fragte er und deutete auf einen kleinen Tisch in einer Ecke.
Sie nickte und machte es sich bequem. Wieder einmal zweifelte sie an sich selbst, da sie sich dafür entschieden hatte, einen Hosenanzug anzuziehen. Warum begriff sie immer noch nicht, dass bei einer Flugreise Jeans und ein Pullover viel angenehmer waren. Aber irgendwie hatte sie das Bedürfnis, so professionell wie möglich aufzutreten, selbst wenn das ihre Bequemlichkeit einschränkte.
Die Bedienung kam und nahm ihre Bestellung auf. Für eine recht lange Zeit herrschte Schweigen, bis Karl das Wort ergriff: "Was treibt Sie nach Singapore oder geht es für Sie auch noch weiter?"
"Sollen wir uns nicht "duzen"? Ich habe so viel mit englisch sprachigen Leuten zu tun, dass ich dieses förmliche "Sie" nicht gewohnt bin," fragte sie, bevor sie ihm antwortete.
"Ja, gerne. Ist mir auch lieber! Also, was treibt dich nach Asien?"
"Ich habe dort einen Termin mit einem Kunden, der einen Vertrag unterschreiben soll. Der Kunde ist direkt in Singapore," erklärte sie.
"Hört sich interessant an", meinte Karl und sie hatte das Gefühl einen ironischen Unterton zu hören.
"Na ja, das Interessante lief schon alles im Vorfeld. Jetzt geht es nur noch um die Unterschrift," ergänzte sie. Sheryll war etwas verunsichert, da sie nicht wusste ob er sich wirklich dafür interessierte oder einfach nur "Small-Talk" betrieb.
Deswegen schwieg sie ohne näher auf die Details des Projekts einzugehen.
Nach einer Weile fragte er: "Bist du öfters geschäftlich auf Reisen?"
"Ja, ab und zu. Aber es hält sich in Grenzen. Vielleicht so 4 mal im Jahr."
"Wow, das hört sich ja toll an," meinte er bewundernd. "Ich bin bis jetzt eigentlich nie aus meinem Dorf raus gekommen. Deswegen geh ich jetzt auch nach Australien, um endlich etwas zu erleben und einen Teil von der großen weiten Welt zu sehen. Du hast bestimmt schon viel gesehen"
"Wie man es nimmt. Ich war schon in vielen verschiedenen Ländern aber habe nie wirklich etwas davon gehabt. Meistens blieb ich nur wenige Tage im selben Land und dann ging es schon wieder weiter. Aber ich genieße es auch. Wenn ich einige Monate zu Hause bin, werde ich unruhig und bekomme Fernweh. Spätestens dann wird es Zeit mal wieder meine Sachen zu packen und was Anderes zu sehen."
"Tja, da haben wir doch einiges gemeinsam. Nur dass ich bis jetzt noch nicht so weit weg bekommen bin, sondern mich in meinem Umkreis von 500 km bewegt habe."
"Das reicht doch schon," gab Sheryll aufmunternd zurück. "Es kommt nicht auf die Entfernung an, die man zurück legt, sondern darauf, dass man seinen Horizont erweitert."
"Wow, in dir steckt ja eine Philosophin!", meinte Karl scherzhaft.
Und da saßen sie nun die nächsten Stunden und unterhielten sich, als würden sie sich schon immer kennen. Zwischen ihnen gab es diese Vertrautheit, die so selbstverständlich war.
"Sehr geehrte Damen und Herren"; schallte es dann plötzlich durch die Halle. "Wir freuen uns ihnen mitteilen zu können, dass der Check-in Terminal für den Flug SG 201 nach Singapore bereit ist. Vielen Dank für Ihre Geduld und wir wünschen Ihnen eine gute Reise." Sheryll blickte überrascht auf die Uhr. Ja, es waren tatsächlich bereits 3,5 Stunden vergangen, ohne dass es ihr bewusst gewesen war.
"Super, jetzt geht es los," sagte Karl und man konnte wieder diese Begeisterung in seiner Stimme hören. Sheryll musste lächeln. Sie mochte seine manchmal kindische Art obwohl er auf der anderen Seite doch so bewundernswert aufgeklärte Meinungen besaß. Sie wunderte sich über sich selbst, denn bis dahin hatte sie sich für Männer, die noch nie wirklich aus ihrem Geburtsort heraus gekommen waren, nie sonderlich interessiert. Doch Karl war irgendwie anders als die Männer, die sie sonst kennen gelernt hatte.
"Ja, machen wir uns auf den Weg,", nickte Sheryll.
Auf dem Weg zum Check-in Schalter fragte sie etwas unsicher: "Sollen wir zusammen einchecken und nebeneinander sitzen?"
Karl schenkte ihr ein umwerfendes Lächeln und meinte nur: "Ja, das würde mich freuen!"
Sheryll war erleichtert, denn seltsamerweise wollte sie sich jetzt noch nicht von Karl verabschieden.
Als sie nebeneinander im Flugzeug saßen und sie langsam in Richtung Startbahn rollten, wurde Sheryll etwas nervös und Karl konnte das spüren.
"Hast du etwa Flugangst?", fragte er etwas überrascht.
"Na ja, nicht so ganz. Ich mag nur den Start nicht so besonders. Wenn wir erst einmal die Reisehöhe erreicht haben, dann geht es mir wieder gut", gab sie etwas beschämt zu.
Immerhin flog sie jedes Jahr Tausende von Meilen und da war es schon etwas peinlich Flugangst zu haben.
Karl ergriff ihre Hand und etwas überrascht stellte sie fest, dass zwar ihre Flugangst nachließ, sich aber stattdessen ein aufregendes Kribbeln in ihrem Bauch bemerkbar machte. Mein Gott, wie lange war es her, seit sie dieses Gefühl durch eine leichte kleine Berührung bekomme hatte. Es schien Ewigkeiten her zu sein. Sie wusste nicht, ob sie etwas zu Karl sagen sollte aber sie entschied sich dagegen.
Der Flug war der kurzweiligste Flug, den Sheryll je erlebt hatte. Karl und sie schauten sich die selben Filme an und lachten an den selben Stellen. Nachdem der Film zu Ende war, klappten Sie die Armlehne zwischen sich hoch und sie schmiegte sich an seine Schulter. Sie genoss seine Nähe sehr und auch Karl fühlte sich bei Sheryll sehr wohl. Sheryll hatte ihn sehr positiv überrascht, denn bis jetzt hatte er immer gedacht, dass so genannte Karrierefrauen eiskalt waren, wenn es um Gefühle ging. Doch sie schien da ganz anders. Zwar hatte sie, wie sie ihm erzählt hatte, im letzten Jahr nicht viel Zeit um sich auf Männer einzulassen, doch er konnte spüren, wie sehr sie sich danach sehnte. Und er war glücklich darüber, dass er ihr das geben konnte, was sie vermisst hatte. Sie ergänzten sich so gut, dass es ihm schon unheimlich vorkam. Wie groß war denn die Chance, dass man jemand auf dem Flughafen trifft, mit dem man fast schon seelenverwandt war. Aber das war wohl das große Geheimnis solcher Begegnungen oder vielleicht gab es doch so etwas wie Schicksal.
Er schaute sie an, wie sie sich an ihn gekuschelt hatte und schlief und musste plötzlich lächeln. Er spürte diese tiefe Zufriedenheit in sich, die er schon seit Jahren nicht mehr gespürt hatte. Karl gab ihr einen sanften Kuss auf die Stirn. Sheryll öffnete bei dieser Berührung die Augen. Sie hatte nicht schlafen können. Dafür waren die wunderbaren Gefühle die sie spürten viel zu aufregend. Sie drehte ihren Kopf und schaute ihn an. Unglaublich, was für ein Glück sie hatte, ihn getroffen zu haben. Er war so wunderbar und sie hatte das Bedürfnis ihn zu küssen. Nach wenigen Augenblicken beugte er sich zu ihr und gab ihr einen unbeschreiblich sanften Kuss auf die Lippen. Sie erwiderte seinen Kuss und vergaß alles was um sie herum geschah. Es gab nur noch Karl und sie.
Als sie zum Landeanflug ansetzen spürte Sheryll eine tiefe Traurigkeit in sich aufsteigen. Sie wollte nicht, dass dieser Flug zu Ende ging. Sie hatte endlich das gefunden, nach dem sie sich so sehr gesehnt hatte.
In der Ankunftshalle auf dem Flughafen hielten sie sich ganz lange in den Armen und beiden wollten nicht wahr haben, dass nun der Abschied gekommen war. Dann löste Sheryll abrupt aus seiner Umarmung. Sie konnte es nicht ertragen, den Abschied noch länger hinaus zu zögern.
"Tut mir leid, aber ich muss jetzt los. Ich wünsche dir viel Spaß in Australien. Es wir sicher ein tolles Erlebnis!", sagte sie hastig.
Ihr standen bereits die Tränen in den Augen und sie wollte nicht, dass er es sah.
"Ja, das denke ich auch. Ich wünschte, du könntest mit mir kommen. Wir hätten eine Menge Spaß miteinander!", meinte Karl.
"Ich weiß aber das geht nicht! Aber ruf mich an, sobald du gut in Sidney angekommen bist. Und pass auf dich auf!"
"Keine Sorge, das werde ich. Ich wünsche dir viel Erfolg bei deinem Geschäft! Ich ruf dich morgen an"
Er nahm sie noch ein Mal in den Arm und gab ihr einen innigen Kuss. Und als sie ging, spürte sie diese unglaublich Mischung aus Glück und Schmerz aber mit der Gewissheit, dass sich ihre Wege das nächste Mal nicht durch Zufall kreuzen würden.



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Eingereicht am 23. Mai 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.