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Hufnagel oder: Als Karl zum Fenster hinaus schaute

Von Bernhard Geiger


Als Karl zum Fenster hinaus schaute, konnte er nicht ahnen, in welcher Weise sich ihre Wege kreuzen würden. Sein Blick ruhte auf dem Alten Turm aus dem frühen 14. Jahrhundert. In der späten Nachmittagssonne strahlte das denkmalgeschützte Bauwerk eine besondere Ruhe aus.
Zur gleichen Zeit saß Sheryll im ICE von Köln nach Frankfurt. Seit der Fertigstellung der neuen Schnelltrasse beträgt die Fahrtzeit nur noch 77 Minuten. Aber sie achtete nicht auf die Geschwindigkeit. Ihre Gedanken kreisten um die Fertigstellung des Projekts. Auch sie konnte nicht ahnen, in welcher Weise sich ihre Wege kreuzen würden.
"Der Anfang bleibt! Die müssen sich auf alle Fälle treffen", antworte ich zum ungeduldigen Hufnagel." Doch der Hufnagel regt sich auf, zappelt auf seinem Stuhl. Er sehe nicht ein, warum ich ihn so einschnüre mit einem Anfang, der mit ihm überhaupt nichts zu tun hätte? Er sehe schon gar nicht ein, warum ein gotisches Bauwerk auftauchen solle. Die Gotik, die hat der Hufnagel noch nie gemocht, sagt er jetzt, wäre ihm immer zu aufstrebend, zu geltungssüchtig, zu hochstapelnd gewesen, ohne Demut, ja, die Gotikbauten in Köln und Ulm seien überhaupt Schuld an seiner Konfessionslosigkeit. Und dann schreit er, Ungerechtigkeit!, schreit er, Schikane!, Bevormundung! Sein Kopf verfärbt sich dann, als brenne im Innern ein pflaumenblaues Licht. Vorsicht ist dann geboten und Ruhe. Und ich bin die Ruhe selbst in diesen Momenten. Der Hufnagel war Lehrer, jetzt Pensionist. Da ist es eine Angelegenheit des Charakters Autorität abzulehnen.
"Der Anfang bleibt!", stopf ich ihm in die Ohren. Hufnagel sinkt in sich zurück und knipst das pflaumenblaue Birnchen aus. Worauf habe ich mich nur eingelassen, denke ich mir. Da will einer schreiben lernen und sucht sich mich aus. "Hufnagel, so geht das nicht, ich denk mir doch was dabei, dir einen Anfang zu geben." Und was ich mir denn dabei denke, fragt Hufnagel schmatzend, weil er sich zur Beruhigung eine Praline vom Tisch in den Mund geschoben hat. "Heinrich, sag ich, wir müssen das Autobiografische meiden, das wird sonst nichts, das zieht nicht. Das lernt man als erstes. Ein ungeübter Schreiber der sein Leben erzählt, produziert doch nur Geschwengelsoße, Heinrich, belangloses Abschildern der Welt zwischen Kopf und Kniescheibe."
"Karl", sagt Hufnagel zu mir und fährt auf, "mit dem Anfang kann ich nichts anfangen. Der Anfang, das ist doch das Wichtigste. Wieso keinen Anfang wie diesen?" Und Hufnagel zitiert mit gespitzten Lippen: "es wäre vielleicht dramaturgisch überaus wirkungsvoll, wenn ich meine Geschichte in dem Moment beginnen ließe, als mich Arnold Baffin anrief und sagte: "Bradley, kannst du bitte mal herüberkommen? Ich glaube, ich habe eben meine Frau umgebracht." Dann brüllt er: "Das ist ein Anfang!" Meine Frau stürmt mit einem frischen Tellerchen Pralinen ins Zimmer, weil ich ihr gesagt habe, wenn der Hufnagel brüllt, Frau, dann bring schnell was Süßes, das beruhigt ihn. Sie stellt den Teller aufs Arbeitstischchen und flitz wieder hinaus. "Schon gut, schon gut", sag ich und streichle dem Hufnagel sanft über den schmatzenden Kopf, "dann eben 10. Jahrhundert, Romanik. Besser?"
Der Hufnagel schaut mich treuherzig an. Seine untere Gesichtshälfte wird vom Pralinenporzellan verdeckt, das er wie ein Eichhörnchen zwischen den Fingern hält. Er schleckert mit der Zunge den Rand nach, dann verschwindet auch das Tellerchen. "Du schreibst also, sag ich: Als Karl zum Fenster hinaus schaute, konnte er nicht ahnen, in welcher Weise sich ihre Wege kreuzen würden. Sein Blick ruhte auf der alten Stadtmauer aus dem frühen 10. Jahrhundert. In der späten Nachmittagssonne strahlte das denkmalgeschützte Bauwerk eine besondere Ruhe aus. Zur gleichen Zeit saß Sheryll im ICE von Köln nach Frankfurt..." Züüüge!, stöhnt der Hufnagel, Züüüüge und Bahnfahren, nein, nein und nochmals nein! Wegen des Fahrplans der Bundesbahn sei er schon mit ganzen Schulklassen verschollen, ja, an Orten gelandet, die eigentlich nur an Schienen liegen, keinen Bahnhof hätten, wo Züge sonst niiiie hielten. Auf Grassdämmen im Niemandsland, statt auf Betonplatten in belebten Städten sei er schon ausgestiegen. Und außerdem sei das Zugfahren an seiner Heirat schuld. Das könne er so nicht hinnehmen, das liefe zwangsläufig auf eine Geschichte des Scheiterns hinaus, und die könne er nicht schreiben. "Ich scheitere ja selbst noch!" jetzt steht der Hufnagel wieder, "eine Geschichte des Scheitern muss doch scheitern, wenn man noch im Prozess des Scheiterns ist. Erst", im Kopfinneren hat er inzwischen das Pflaumenbirnchen durch ein Granatapfelleuchten ersetzt, "ERST WENN DAS SCHEITERN VORBEI IST, KANN MAN VOM SCHEITERN SCHREIBEN".
Weil uns die Pralinen ausgegangen sind, balanciert meine Frau mit zehn Tafeln Schokolade ins Zimmer. Ich versuche den Hufnagel zu beruhigen. Doch das wird so nichts, weil ich vor imaginärem Zahnschmerz das Gesicht verzerre. Der Hufnagel kaut auf der Alufolie der Verpackung herum, um die letzten Splitter zu bekommen. "Muund auch mas mächste", grunzt der Hufnagel mit Kopf im Nacken und vorgeschobener Unterlippe, damit nichts aus dem voll gestopften Mund fällt, Seit der Fertigstellung der neuen Schnelltrasse beträgt die Fahrtzeit nur noch 77 Minuten. Ich schreib das nicht. Karl, du verstehst das nicht, ich habe mein Leben nichts anderes gemacht als Fakten in Kinderköpfe gestopft und die haben nichts anderes damit gemacht, als Fantasieteppiche draus zu stricken. Karl, ich halte die Fakten nicht aus und jetzt das. Jetzt braucht da ein Zug von Köln nach Frankfurt exakt 77 Minuten. Die Fakten Karl, die Fakten!, das - pack - ich - nicht!" Meine Glasfigurensammlung hüpft im Setzkasten. Im Türrahmen erscheint meine Frau mit entsetztem Blick. Sie habe nichts mehr, die Schokoladenlade sei leer, die Pralinen längst weg, selbst die in ihrem Nachttisch, kein Trüffelgenuss mehr im Haus. "Bring Zucker!", schrei ich, "ich halt ihn so lang hin." Und zum Hufnagel: "Heinrich, die Sheryll, die kann ja auch mit dem Auto fahren, darauf kommt's mir doch nicht an", sag ich, weil mir ein Sprichwort einfällt Wer nachgibt, kommt nicht zu schaden. Andererseits schießt mir sofort durch den Kopf Weil die Klügeren nachgeben, herrschen so viel Dumme. Bevor ich mich über zwei Spruchweißheiten aufrege, die sich gegenseitig ausschließen, kommt meine Frau gerannt und findet keinen Zucker. "Raus", brüll ich, "such irgendwas". Hufnagel reißt schon die Augen auf, ich geh in Deckung, da läuft er wieder an, violett wie ein Veilchen mit Wut, beinahe ästhetisch denke ich und kauere hinterm Schreibtisch, seine Faust jagt durchs Pult und das Holz splittert durch den Raum. Und dann schreit er wieder verfluchte Fakten!", schreit er, Selbstbestimmung!, Eigenverantwortung! Dem Hufnagel schreibe man doch keinen Anfang vor. Da werde er rasend! Zum Glück kommt meine Frau. Sie kommt mit ihren Couvertürefingern, schokoladeüberzogene Gliederchen. Hufnagel schleckt am Ringfinger, hat ihn schon im Mund. Meine Frau zittert und seufzt, als bliese ich ihr sanft in den Nacken. Dann knackt es, und es klingt, als beiße man ein Stück von Blockschokolade. "Mwo sind wir jetzt" fragt der Hufnagel und zieht schon ihren Ringfinger in den Mund. Ich stehe erleichtert hinter dem Schreibtisch auf. "Am Anfang, Heinrich", und ich fasse es ihm zusammen: Als Karl zum Fenster hinaus schaute, konnte er nicht ahnen, in welcher Weise sich ihre Wege kreuzen würden. Sein Blick ruhte auf der alten Stadtmauer aus dem frühen 10. Jahrhundert. In der späten Nachmittagssonne strahlte das denkmalgeschützte Bauwerk eine besondere Ruhe aus. Zur gleichen Zeit fuhr Sheryll im Auto von Köln nach Frankfurt. Bei konstanter Geschwindigkeit würde sie die Strecke in gut zwei Stunden schaffen.



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Eingereicht am 19. Mai 2004.
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