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Spiel des Schicksals

Von C. Klinger


Als Karl zum Fenster hinaus schaute, konnte er nicht ahnen, in welcher Weise sich ihre Wege kreuzen würden. Sein Blick ruhte auf dem Alten Turm aus dem frühen 14. Jahrhundert. In der späten Nachmittagssonne strahlte das denkmalgeschützte Bauwerk eine besondere Ruhe aus.
Zur gleichen Zeit saß Sheryll im ICE von Köln nach Frankfurt. Seit der Fertigstellung der neuen Schnelltrasse beträgt die Fahrtzeit nur noch 77 Minuten. Aber sie achtete nicht auf die Geschwindigkeit. Ihre Gedanken kreisten um die Fertigstellung des Projekts. Auch sie konnte nicht ahnen, in welcher Weise sich ihre Wege kreuzen würden.
"Geh dir bitte die Hände waschen und komm essen!", rief Karls Mutter ihm aus der Küche zu. Karl wandte seinen Blick von dem alten Gemäuer ab und betrachtete seine Handflächen. Die waren eigentlich nicht schmutzig, dachte er sich, schließlich hatte er den ganzen Tag im Zimmer zugebracht. Im Freien durfte er schon seit langem nicht mehr spielen. Dennoch ging er ins Badezimmer und wusch sich die Hände mit Desinfektionslösung. Schließlich wollte er sich seiner Mutter nicht widersetzen. Dann ging er zu ihr in die Küche und setzte sich dort an den Tisch.
Als sie die aufdringlichen Blicke ihres Gegenübers bemerkte, streifte Sheryll demonstrativ ihren Rock über ihre Knie und vertiefte sich wieder in die Besprechungsunterlagen für den heutigen Nachmittag. Wenn ihr Konzept aufginge, würden ihre Chancen, als Partnerin in die Geschäftsführung aufgenommen zu werden, stark steigen. Vielleicht würde sie sogar das Büro in Frankfurt übernehmen und dort eigenverantwortlich die Geschäfte führen können. Dieses Wunschdenken wurde aber sogleich überschattet vom schlechten Gewissen ihrer Familie gegenüber. Sie fragte sich, ob ihre kleine Tochter es verstehen würde, wenn sie die ganze Woche fern von ihr in einer anderen Stadt arbeiten und leben würde. Es wäre noch einfach gewesen, hätte Kurt, ihr Mann, auch die Möglichkeit gehabt, beruflich nach Frankfurt zu wechseln. Dann hätte die gesamte Familie übersiedeln können. Doch dies schien zum gegenwärtigen Zeitpunkt ausgeschlossen. Kurt hatte eben erst das Geschäft mit seinem Partner aufgebaut, weswegen er sich sicher weigerte, jetzt schon wieder umzuziehen. Sie fühlte sich aber nicht nur wegen dieser Sorgen unsicher. Sie spürte, wie die anzüglichen Blicke dieses Mannes, der sich zuvor ihr gegenüber nieder gesetzt hatte, auf ihrem Dekolletee ruhten. Sie konnte im Geschäftsleben die harte Businessfrau markieren, zielstrebig ihre Ideen durchsetzen und ihren Weg unbeirrt fortschreiten. Aber sie wurde zu dem kleinen schüchternen Mädchen, wenn sie sich den Begehrlichkeiten eines Mannes ausgesetzt sah. Sie zupfte nervös an ihrer Bluse und knöpfte dann einen weiteren Knopf zu.
"Nimm beim Essen bitte die Kappe ab!", forderte Karls Mutter ihn auf. Karl hasste es, seinen Kopf entblößen zu müssen. Die wenigen Male, wenn sie auswärts waren, verlangte seine Mutter das zum Glück nicht von ihm. Zu Hause aber bestand sie darauf, dass er die erlernten Tischmanieren einhielt, obwohl sie wissen musste, dass er sich selbst ihr gegenüber nackt fühlte, wenn er seinen kahlen Kopf zur Schau stellte.
"Was hast du denn gespielt?", fragte ihn seine Mutter. Sie stellte ihm einen Teller Suppe hin und blickte ihn dabei lächelnd an. Wie immer merkte Karl sofort, dass es nur ein bemühtes Lächeln war. Das ungezwungene, fröhliche Lächeln aus früheren Tagen war ihr abhanden gekommen. Karl bemühte sich ebenfalls, sie ein wenig so wie früher anzustrahlen, als er sagte: "Ich habe die Anlage wieder aufgebaut."
"Hast du wieder Unglück gespielt?", fragte sie ihn jetzt mit besorgtem Blick.
"Nein", gab er ihr sofort zur Antwort, "ich habe nur die Anlage gebaut."
Karl hatte die Wahrheit gesagt. Er hatte den Gutteil des Nachmittags tatsächlich damit zugebracht, aus dem Fenster zu starren. Das Licht der Sonne hatte sich in einer kleinen Messingtafel gespiegelt und ihn bei seinem Spiel geblendet. Als er so da gestanden hatte, hatte er sich nach der Bedeutung der Tafel auf dem alten Turm gefragt. Auf die Entfernung hatte er sie nicht lesen können.
"Weißt du, was auf dem Schild steht?", fragte er jetzt seine Mutter.
"Auf welchem Schild?"
"Das auf dem alten Turm! Drüben am Hügel."
"Nein! Mir ist noch nicht einmal aufgefallen, dass dort ein Schild ist. Warum willst du das wissen?"
"Nur so."
Karl löffelte seinen Teller leer und schob ihn seiner Mutter entgegen, die ihn gegen einen anderen Teller mit dem Hauptgericht austauschte. Dabei strich sie ihm mit ihrer flachen Hand über seine Glatze. Beide konnten spüren, wie diese Berührung dem jeweils anderen unangenehm war.
"Wir können ja, wenn die Hitze etwas nachgelassen hat, einen Spaziergang dorthin unternehmen und du kannst versuchen, das Schild selbst zu lesen. Das kannst du jetzt schon", meinte Karls Mutter.
"Ja, du hast recht! Das ist eine gute Idee", sagte Karl, der letztes Jahr Lesen und Schreiben mit einem Privatlehrer gelernt hatte. Er dachte an die Schule, die er früher besuchen konnte. Seine Klassenkameraden, die er jetzt schon über vier Jahre nicht mehr gesehen hatte, gingen ihm ab. Es besuchte ihn auch noch kaum einer seiner alten Freunde. Von den Prüfungen war er ohnedies immer ausgenommen gewesen, zu lange hatte seine Krankenhausaufenthalte während des Schuljahres gedauert. So wurde ihm von der Stadt gelegentlich ein Lehrer, der zu ihnen in den Haushalt kam, zur Verfügung gestellt. Karl hatte sein Essen beendet. Er fragte seine Mutter, ob er noch ein wenig spielen gehen dürfe, bevor er wieder zu Bett musste.
"Ja, geh ruhig spielen! Aber bitte spiel normal. Nicht wieder das Unglück!"
Karl kam in sein Zimmer zurück. Seine Mutter hatte Recht gehabt. Wäre er nicht von den Sonnenstrahlen, die das Schild reflektiert gehabt hatte, abgelenkt gewesen, er hätte wieder Zugsunglück gespielt. Er stand vor der großen Modellbauanlage, die eine Modell getreue Wiedergabe der Schnelltrasse des ICE von Köln nach Frankfurt darstellte.
Sheryll hatte gehofft, dass sie der aufgeklappte Bildschirm ihres Laptops vor den neugierigen Blicken ihres ungeliebten Bewunderers schützen könnte. Sie musste sich aber eingestehen, dass sie sich in diesem Punkt getäuscht hatte. Der Verehrer nutzte vielmehr den Umstand, dass er durch die aufgebaute Barriere jeglicher Kontrolle durch Sheryll entzogen war und nach Herzenslust ungestraft gaffen konnte. Sie knallte wütend den Deckel des Computers zu und griff in ihre Tasche, um ihr Handy hervor zu holen. Sie wollte Kurt anrufen, damit der Mann gegenüber endlich mitbekommen würde, dass er hier fehl am Platz war. Als sie sich vorbeugte und aus dem Fenster blickte, bemerkte sie, dass sich der Himmel mit grauen Wolken verdunkelt hatte. Durch das Zugfenster wirkten die Wolkenberge so mächtig, als ob sich ein Turm vor ihnen aufgebaut hätte.
Obwohl Karl erst zwölf Jahre alt war, wusste er, dass er bald sterben würde. Die Ärzte hatten ihm noch eine kurze Zeit geschenkt, als sie vor zwei Jahren seine von der Chemotherapie zerfressene Niere ausgetauscht hatten. Aber aufhalten konnten sie seinen körperlichen Verfall nicht. Er griff vor sich in die Miniaturlandschaft und hob einen der Zugwaggons in die Höhe. Im Inneren des Waggons waren kleine Figuren, die Zuggäste sein sollten. An einem Fenster saß eine Frau mit Laptop. Karl nannte sie Sheryll. Wie die Frau, von der er im Fernsehen in einem Bericht gesehen hatte, dass sie bei dem Unglück auf der neuerrichteten ICE Schnelltrasse, das jetzt auch genau zwei Jahre her war, getötet worden war. Seit er davon gehört hatte, spielte er immer wieder das Unglück nach und ließ seinen Schnellzug im Gewitter entgleisen. Er ließ Menschen in seiner Fantasie sterben, damit er leben konnte. Für einige Zeit wenigstens. So wie diese junge gesunde Frau sterben musste, über deren Schicksal im Fernsehen berichtet worden war. Sheryll hatte eine kleine Tochter gehabt, die jetzt in seinem Alter sein könnte. Karl empfand, dass es gerecht wäre, würde sich seine Mutter um das kleine Mädchen kümmern können, wenn er nicht mehr wäre. Das würde ihr vielleicht auch ein wenig von der Traurigkeit und Melancholie nehmen, die er jetzt schon in ihrer Beziehung zu ihm spürte.
Er wusste, es würde nicht mehr lange dauern, dann würde er Sheryll kennen lernen. Vielleicht würde er sich bedanken. Vielleicht war sie aber auch nur ein Produkt seiner Einbildung. Das würde sich dann aber klären. Das gab ihm ein Gefühl von Ruhe und Geborgenheit.



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Eingereicht am 26. Mai 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
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