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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Wegkreuzung im Turm

Eine Kurzgeschichte Stefan Wichmann


Als Karl zum Fenster hinaus schaute, konnte er nicht ahnen, in welcher Weise sich ihre Wege kreuzen würden. Sein Blick ruhte auf dem Alten Turm aus dem frühen 14. Jahrhundert. In der späten Nachmittagssonne strahlte das denkmalgeschützte Bauwerk eine besondere Ruhe aus.
Zur gleichen Zeit saß Sheryll im ICE von Köln nach Frankfurt. Seit der Fertigstellung der neuen Schnelltrasse beträgt die Fahrtzeit nur noch 77 Minuten. Aber sie achtete nicht auf die Geschwindigkeit. Ihre Gedanken kreisten um die Fertigstellung des Projekts. Auch sie konnte nicht ahnen, in welcher Weise sich ihre Wege kreuzen würden.
Dann drehte sie sich um und suchte mit den Augen den Zug ab. Seit Wochen hatte sie ihr ehemaliger Freund verfolgt und aufgelauert. Sie sehnte sich nach Ruhe und dem Gefühl der Geborgenheit und sie sehnte sich nach jemandem mit dem sie wieder in Ruhe reden konnte. Bei dem heutigen Treffen wäre es ein Desaster, wenn Herbert sie verfolgen würde und womöglich in dem Treffen mit dem Stadtentwicklungsbeauftragten einen Nebenbuhler sehen würde. Doch sie sah Herbert nicht hinter der Frauenzeitung, die wenige Plätze hinter ihr einen schmächtigen Mann verbarg. So setzte sie sich wieder bequem hin und ging noch einmal in Gedanken die Argumente des Projektes durch, mit dem sie den Beauftragten überzeugen wollte: 'Der Auftraggeber für das Projekt hat genaue Vorstellungen. Er möchte ein Restaurant eröffnen, das durch einen besonderen Anziehungspunkt exklusive Gäste bewirten soll.' Die Zeitung einige Reihen hinter ihr raschelte. 'Ich habe lange gesucht, bis ich auf die zwei Objekte gestoßen bin, die in Frage kommen würden, um Gäste eines Restaurant anzuziehen', dachte Sheryll unterdessen. Die Geräusche in dem Zug nahm sie gar nicht mehr wahr. Als Abschluss ihrer Vorbereitungen auf das Treffen mit dem Kunden wollte sie sich heute einen alten Turm anschauen, der im Mittelalter als Fallturm genutzt worden war. In Vorgesprächen hatte sie erfahren, dass der Turm zwar unter Denkmalschutz stand, aber dass er durchaus noch als Fallturm zur Demonstration der alten Technik genutzt werden durfte. So konnte als besonderes Event der Turm in Betrieb genommen werden, um Pistolenkugeln herzustellen, die Gäste des Restaurants dann erwerben konnten. Vielleicht konnte auch ein kleiner Schießplatz eingerichtet werden, doch sie verwarf den Gedanken gleich wieder.
Einige Reihen hinter ihr raschelte die Zeitung wieder, dann senkte sich die Zeitung und zwei graue Augen lugten über den oberen Rand des Blattes. Herbert überlegte, ob er sie jetzt gleich packen und nach Hause bringen sollte, wo sie hingehörte, oder ob er beobachten sollte was sie vorhatte. Sherylls Gedanken kreisten weiter um das Projekt: 'Gebäude werden im alten Stil errichtet werden, so dass eine richtige Tafelrunde entsteht, mit Speisen und Kellnern in Gewändern aus alten Tagen.' Sie stellte sich das Restaurant herrlich vor.
Die grauen Augen blitzten auf und der Mann erhob sich.
'Das heutige Treffen mit dem Stadtbeauftragten wird die Entscheidung bringen, ob das Projekt auch von der Stadt her genehmigt werden wird. Ach was, es wird schon klappen! Sobald Touristen in eine Gegend gelockt werden, ist die erste Hürde bereits genommen.'
"Mensch passen Sie doch auf!", rief die Frau, die neben Herbert saß "Sie treten mir auf den Fuß!" Herbert setzte sich schnell wieder und hob die Zeitung. "Man! Was ist denn jetzt! Rein, oder raus?", rief die Frau.
Sheryll grinste. Sicher saß so ein schüchterner Tollpatsch neben der Frau und war jetzt ganz aufgelöst. Solche Leute taten ihr dann immer leid. Dann entdeckte sie die Ausläufer von Frankfurt, nahm ihre Tasche und ging zur Tür.
Am Bahnhof nahm sie sich ein Taxi und beobachtete gespannt die ländliche Gegend, die sie bald erreichten. Vielleicht konnte ja ein Weg für Reitbegeisterte angelegt werden. Aus dem Projekt könnte eine Ferienanlage werden! Langsam reifte ihn ihr ein verwegener Plan. Sie hatte seit Jahren jeden Euro auf die Seite gelegt. 'Was hält mich eigentlich in Köln?' Das Taxi hielt und sie wurde aus ihren Überlegungen gerissen. Mit energischen Schritten ging sie zu der Adresse, an der ein gewisser Karl Huber warten sollte. Sie würde ihn schon überzeugen! So stand sie bereits nach wenigen Minuten vor ihm.
Er sah sie bewundernd an. 'Was für eine Frau!', durchschoss es Karl, als er seine Besucherin musterte. Er packte den Schlüssel und ging mit ihr zu dem Turm hinüber. Ihr Parfüm stieg ihm in die Nase und er suchte nach einem guten Gesprächsanfang. Aber da waren sie schon an der Tür und er schloss diese auf.
"Das Fenster ist zerbrochen!", rief sie. "Na, hier muss wohl einiges in Ordnung gebracht werden!"
Karl nickte. "Ja, der Turm hat seinen besonderen Reiz, gerade für Liebespaare." Er räusperte sich und beeilte sich zu sagen: "Auch Jugendliche haben den Turm als Unterkunft entdeckt. Sie gehen in den Turm hinauf und genießen die Aussicht, reden und hinterlassen leere Flaschen!"
Er zeigte auf eine angebrochene Flasche Wein, die wohl vergessen worden war. Eine Treppe führte an der Mauer nach oben, während in der Mitte noch Überreste des alten Handwerkes zu bestaunen waren. Sie stiegen die Stufen hinauf und betraten ein Stockwerk, das als Aussichtsplattform geeignet war. Sheryll trat an das Fenster und schaute hinaus. Ein weiteres Taxi wendete gerade, verließ dann den Platz und fuhr hinter dem Taxi her, mit dem sie hergekommen war. Ihr Blick schweifte in die Ferne und der schöne Körper zeichnete sich gegen den Himmel ab. Ihre Brust hob und senkte sich unter dem dünnen Hemd und Karl atmete schwer. Er genoss den Anblick. Ein Knistern lag in der Luft. Sheryll drehte sich um und lächelte ihn an. Sie war sich ihrer Reize durchaus bewusst und genoss es diese auch einzusetzen.
"Ah, da ist ja ein Strohballen!", rief sie aus und setzte sich.
"Ja, den werden die Jugendlichen hier heraufgeschleppt haben!", sagte Karl heiser.
"Komm, setzen Sie sich zu mir!", rief sie.
Karl gefiel ihr. Er hatte eine ruhige, nette Art. Sein Körper war kräftig und sie konnte sich gut vorstellen, dass er auch durchaus zupacken konnte. Karl sah auf seine Hände. Dann drehte er an seinem Ehering.
"Ihre Frau muss sehr glücklich mit Ihnen sein!", sagte sie, als sie seinen Ring wahrnahm. Eine leichte Enttäuschung schwang in ihrer Stimme mit und sie hätte sich ohrfeigen können. 'Was ist denn nur mit mir los?', dachte sie. 'Ich baggere ihn an, das ist doch sonst nicht meine Art!' "Erzählen sie mir doch bitte von dem Turm und seiner Wirkung hier auf die Touristen" Sie wollte das Eis brechen, ehe sie ihre eigenen Vorschlägen zur Sprache bringen würde.
Karl lehnte sich an die Wand. "Wie gesagt. Der Turm zieht viele an. Wir haben schon überlegt, ob wir ihn als Aussichtsplattform öffnen sollten, doch dann müssten wir viel Geld in den Turm stecken."
Sein Blick fiel auf den Boden und er hob ein Blatt Papier auf. "Das ist ja eigenartig", sagte er.
Sheryll stand auf und stellte sich neben ihn. Er nahm den Duft ihres Parfüms wahr und atmete tief ein.
"Ein Schriftstück, das von einer Prophezeiung handelt! Bestimmt haben hier die Jugendlichen wieder diskutiert und dabei Kerzen angemacht! Dabei habe ich sie schon öfters erwischt!"
Sheryll nahm ihm das Blatt aus der Hand, während er nach Kerzenstummeln suchte um sich wieder zu beruhigen. Er konnte ihr einfach nicht widerstehen. Immer wieder tastete sein Blick ihre Rundungen ab.
"Die Prophetie: Die letzte Posaune!", las sie vor.
Wieder setzte sie sich auf den Strohballen und Karl beobachtete sie.
Verlangen stieg in ihm empor, doch er riss sich zusammen. Ihre ganze Ausstrahlung hatte es ihm angetan. Ihre Art, ja schon allein wie sie dasaß und den Bericht las hatte eine besondere Ausstrahlung auf Karl.
Sie runzelte ihre Stirn und murmelte leise: "Es gibt viel mehr zwischen Himmel und Erde, als man sich träumen lässt."
Karl setzte sich neben sie und überflog die Zeilen. Sie kamen ins Diskutieren und sprachen über das Leben und Entscheidungen, die ein jeder zu treffen hätte und sie sprachen darüber was passiert, wenn falsche Entscheidungen getroffen worden waren.
"Manchmal ärgert man sich sein ganzes restliche Leben eine Chance nicht ergriffen zu haben.", sagte Karl.
Sheryll stand auf. Sie schaute noch einmal auf das Schriftstück "Und manches versäumte kann man nie wieder nachholen.", sagte sie leise. Ihre blauen Augen funkelten im Dämmerlicht. "Manchmal sollte man sein Leben endlich ändern, als nur davon zu reden."
Karl zwang sich, den Blick von ihr abzuwenden. "Glauben Sie an den Bericht?", fragte er, doch er ließ sie gar nicht erst zu Wort kommen sondern ging zu ihr hinüber und nahm ihr das Schriftstück aus der Hand. "mediales/posaune.htm", las er vor und rief dann aus: "Vielleicht sollten Sie ein Restaurant aufmachen, in dem mystische Geschichten erzählt werden. Dazu Kerzenschein und den Turm als Kulisse. Sie sehen ja, Geschichten für einen Themenabend gibt es sogar kostenlos im Internet und wenn es etwas Mystisches sein soll, finden Sie dies sicher auch!"
Er würde Sheryll keine Steine in den Weg legen. Er mochte sie auf Anhieb und insgeheim hoffte er sie wiederzusehen. Sie wiegte den Kopf hin und her und sah zu ihm auf. "Komisch. Wir kennen uns kaum und doch habe ich mit Ihnen über ein Thema gesprochen mit dem ich mit meinem Ex-Freund nie hätte reden können. Ich habe das Gefühl, dass ich mit Ihnen über alles reden könnte...."
Karl sah zu dem Dach des Turmes hoch. "Ja, an solchen Orten werden Spukgeschichten angehört und mystische Legenden erörtert."
Sheryll schaute ihn nachdenklich an. "Ich denke, das ist der richtige Ort, um etwas daraus zu machen!"
Sie stand auf. Dann nahm sie all Ihren Mut zusammen "Würden sie den Turm auch an mich verpachten?"
Karl schaute sie irritiert an. "Aber ich dachte, da steht eine Restaurantkette hinter!", rief er aus.
Sheryll lächelte ihn an. "Es war schon lange mein Traum etwas Eigenes zu haben. Der Bericht ist wie eine Aufforderung das Leben zu überdenken und ich will mit der Umsetzung meines Lebenstraumes beginnen!"
Sie hörten ein Geräusch auf der Treppe und Karl schaute über die Brüstung. Doch in diesem Moment war Herbert schon oben angelangt und musterte Karl.
"Du!", brüllte er. "Du bist also Karl." Seine Stimme überschlug sich vor Zorn und Karl legte den Kopf schief.
Er verstand nicht, was das sollte und runzelte die Stirn. In diesem Moment aber ging Herbert schon auf Karl los. Mit den Fäusten trommelte er auf Karl ein, der sich das nur kurz gefallen ließ und dann die Störung mit einem gezielten Kinnhaken beendete.
"Was ist das denn?", fragte er. "Den kenne ich nicht."
Sheryll war aufgesprungen. "Das ist mein Exfreund. Entschuldigen Sie, ich ...", ihre Stimme brach ab. "Ich werde ihn einfach nicht los", sagte sie dann und schaute auf den Bewusstlosen.
Karl packte ihn sich über die Schulter und ging die Treppe hinunter.
"Ich würde ihn am liebsten zum Mond schießen!", rief Sheryll und Karl lachte.
"Das können wir machen!"
Sheryll lief die Treppe hinterher. "Ich verstehe nicht!", sagte sie.
Doch Karl legte Herbert in eine Schubkarre, die draußen am Weg stand. Wir lassen ihn von der Polizei anholen", sagte er und schüttete den Rest aus der Weinflasche über Herbert.
"Reden wir über das neue Projekt!", rief Karl gutgelaunt und Sheryll strahlte ihn an.
"Ich kann dieses Projekt dem Kunden ausreden und ihm etwas anderes vorschlagen. Den Turm will ich für mein eigenes Projekt!" Sie war vor Aufregung ganz außer sich. Sie setzten sich in ein Cafe am Marktplatz und Sheryll erläuterte ihm ihr Konzept.
Ein Jahr später war es dann so weit. Ein Restaurant wurde eröffnet mit zwei Ferienwohnungen im Stil des Mittelalters. Sheryll hatte die Option auf den Kauf eines angrenzenden Geländes und konnte so die Anlage ausbauen, sollte sich ihr Projekt als tragfähig erweisen. Sie und Karl verband seit dem Tag im Turm eine platonische Freundschaft, die noch viele Jahre anhielt.


Quellen: Die Geschichte, die im Turm gefunden wird und zu Sherylls Entschluss führt, ihr Leben zu ändern, ist unter anderem unter der Adresse www.menetekel.de/mediales/posaune.htm nachzulesen. Die hier erzählte Geschichte 'Wegkreuzung im Turm' ist frei erfunden, zum Wahrheitsgehalt der Prophetie 'posaune.htm' vermag ich nichts zu sagen, dieses Schriftstück hat mich jedoch inspiriert...



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Eingereicht am 25. Januar 2004.
Herzlichen Dank an den Autor.
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