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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Unverhofftes Wiedersehen

Eine Kurzgeschichte von Angela Hoffmann


Als Karl zum Fenster hinaus schaute, konnte er nicht ahnen, in welcher Weise sich ihre Wege kreuzen würden. Sein Blick ruhte auf dem Alten Turm aus dem frühen 14. Jahrhundert. In der späten Nachmittagssonne strahlte das denkmalgeschützte Bauwerk eine besondere Ruhe aus.
Zur gleichen Zeit saß Sheryll im ICE von Köln nach Frankfurt. Seit der Fertigstellung der neuen Schnelltrasse beträgt die Fahrtzeit nur noch 77 Minuten. Aber sie achtete nicht auf die Geschwindigkeit. Ihre Gedanken kreisten um die Fertigstellung des Projekts. Auch sie konnte nicht ahnen, in welcher Weise sich ihre Wege kreuzen würden.
Damals glaubte Sheryll, diese Bahnfahrt wäre für sie die Fahrt ins Paradies.
Noch ahnte sie nicht, wie schlagartig sich manche Dinge ändern können, so wie an diesem Tag, den dritten Mai.
Genau drei Monate später, wusste sie das längst, da war alles ganz anders: Sheryll saß am Wohnzimmertisch auf einem Sessel. Sie stützte die Ellenbogen auf den kleinen hölzernen Wohnzimmertisch und umklammerte fest, mit verkrampften Händen, ihren Schädel, als glaubte sie, er würde sonst in tausend Teile zerspringen:
Nie wieder!, nie, nie wieder würde ich Karl, meinen Kalle sehen! Es war endgültig! -
Mindestens ein Duzend böser Männchen saßen in meinem Kopf und schlugen mit ihren stählernen Hämmern gegen die Innenseite meines Kopfes, als wäre er ein Amboss. Doch diese dröhnenden, hämmernden Schmerzen waren noch gar nichts im Vergleich zu der Marter, die mir ihre höhnischen Stimmen zufügten, die in meinem Kopf seit drei Monaten ihr Unwesen trieben.
Wie tausend Messer bohrten sich ihre Worte zuerst in mein Hirn, dann wanderten sie weiter in den Magen, bis sich der stechende Schmerz von dort über den gesamten Körper ausdehnte:
"Schuld, schuld, schuld, Sheryll, du bist schuld!" -
"Nein, nein, das wollte ich doch nicht, glaubt mir, das wollte ich doch wirklich nicht!", schrie ich zurück. Plötzlich hielt ich ein Büschel meiner braunen Haare zwischen den Fingern. Ich musste sie mir ausgerissen haben, als ich meinen Kopf, an den Haaren gepackt, voll gegen die Tischplatte, direkt vor mir, geknallt hatte. Aber die Stimmen blieben trotzdem! Immer wenn ich mit meinen Gedanken an einem bestimmten Punkt der Szenerie angelangt war, begannen ihre boshaften Stimmen, im Chor, in meinem Kopf zu johlen.
Wieder und wieder spielten meine Gedanken diese eine Szene ab, wie eine Schallplatte, die einen Hänger hat, immer diese eine, die vor genau drei Monaten stattfand:
Ich saß am Samstag, den dritten Mai im Siebzehn-Uhr-Zug nach Frankfurt. Eiskalt erwischte mich der Gedanke an mein Projekt, das ich eigentlich bis Montagmorgen, punkt neun Uhr, fix und fertig geplant haben musste. Es ging darum, den Leuten einen profanen Müsliriegel so anzupreisen, dass sie meinten, der Körper könne nur noch dann schön und gesund bleiben, wenn man diesen einen Müsliriegel zu sich nimmt, als wäre er lebensnotwendig um weiterhin existieren zu können!
Aber so ist das in der Werbebranche: viel Wind um Nichts! - Ich verdrängte stattdessen mein schlechtes Gewissen, weil ich wieder einmal unvorbereitet am Montagmorgen die Firma betreten würde und wendete mich stattdessen den Dingen zu, die mir wirklich etwas bedeuteten: Jörg, der Mann, der mir in dunkler Nacht, tausend Sternschnuppen auffangen würde, um mir daraus mit seinen bloßen Händen eine Traumvilla aufzubauen. Für Jörg war ich die Größte! - "Meine Prinzessin, mein Engel", nannte er mich liebevoll. Ich war hingerissen, wenn er mich mit seinem träumerischen Lächeln, seinen großen, vor Freude glänzenden braunen Augen ansah. - Er würde mich auf Rosen betten!
Damals saß ich im Zug, voll froher Erwartung und es konnte mir gar nicht schnell genug gehen, endlich voll und ganz ihm zu gehören.
Dafür hatte ich Kalle verraten! -"Kalle, mein lieber Kalle!", flüsterte ich fast lautlos und betrachtete dabei ein Bild: ein Bild von Kalle! - Schon wieder merkte ich, dass mir ganz automatisch, heiß die Tränen in die Augen stiegen! - Immer muss ich jetzt weinen, wenn ich an Kalle denke, oder ein Bild von ihm sehe! Damals, während ich im Zug nach Frankfurt saß, hockte Kalle sicherlich in seinem schäbigen, grasgrünen, Opel Kadett. Er stellte sein Auto auf einem Feldweg ab, der von der Landstraße direkt abging, nur einen Minutenmarsch vom Alten Turm entfernt. Wahrscheinlich blickte er zuerst vom Auto aus, gedankenverloren hinauf, zu dem hohen Turm. Hundertfünfzig Meter hoch ist er! -
Es duftete nach frisch gemähtem Heu, denn die Wiesen um den Turm herum, gehören Bauern, die erst an diesem Vormittag gemäht hatten. Direkt am Turm dagegen, durfte sich die Wiese frei entfalten. Dort blühten die Glockenblumen in den schönsten Blautönen, die die Welt überhaupt kennt: Kein Blau auf der Wiese wirkt so kühl, wie das der wilden Glockenblumen. Es scheint, als leben sie völlig unbeschwert vor sich hin, wenn sich ihre Halme im Wind sanft hin und her wiegen und sie einem dabei ihre gelben, mit Blütenstaub besetzten Pollen entgegen recken, lachen sie einem direkt ins Gesicht!
Ich spürte, wie mir der Duft des Frühlings, widerwillig in die Nase kroch: Der herbe Geruch des frisch gemähten Grases, vermischt mit dem süßlichen Aroma der bunten Wiesenblumen und der weiß blühenden Schlehensträucher, die das ehrwürdige, alte Sandsteingemäuer umrahmten.
Der alte rötlich-gelbe Sandsteinturm wirkte noch güldener als sonst, wenn sich jetzt gegen Abend, das sanfte Licht der Sonne, wie ein Mantel um die alten Gemäuer schmiegte.
Dann war Kalle aus dem Auto gestiegen...
An dieser Stelle brach ich meinen Gedankenstrom jedes Mal ab. Noch immer saß ich bei mir zuhause im Sessel und augenblicklich fingen die bösen Männchen wieder an, in meinem Kopf zu spuken: "Schuld, schuld, schuld, Sheryll, du bist schuld!" -
Damals wollte ich nur Jörg, heute gäbe ich alles - alles gäbe ich dafür, wenn ich nur einmal Kalles sanfte, dunkle Stimme hören könnte. Ich erinnerte mich an die Zeit, als ich nur mit Kalle zusammen sein wollte: Wir lagen im Bett und Kalle griff nach dem Lexikon auf seinem Nachttisch. Er schlug einfach eine Seite auf und begann darin vorzulesen. Ich glaube es war irgendwas über Blutarmut oder Kohlebakterien, oder sonst was. Über was er redete war völlig gleichgültig, denn entscheidend ist, dass es so wunderschön klang, als erzählte er mir gerade ein Märchen, aus "Tausendundeiner Nacht"!
Was gäbe ich heute darum, wenn ich nur eine Sekunde lang, Kalles Lächeln sehen könnte! Kalles Lächeln glich der Sommersonne:
Die alles durchflutenden Strahlen der Sommersonne durchdringen selbst den düstersten und eisigsten Winkel der Erde, um ihn zu erwärmen. Sogar ein Mensch, mit einem Herzen aus Stein, egal, wie sehr er sich dagegen auch sträuben mag, kann sich dem Bann der Sonne nicht entziehen, wenn sie ihn mit ihren zauberhaften Kräften durchdringt, um in ihn Leben einzuhauchen.
Was gäbe ich darum, noch einmal diesen köstlichen Duft der Sommersonne auf Kalles Haut riechen zu können und den prickelnden, salzigen Geschmack seiner Haut auf meinen Lippen zu schmecken!
Sogar Kalles Chaos, in der Küche, wenn er wieder mal Spagetti mit Tomatensoße gekocht hatte, würde mich heute zum Jauchzen bringen. Damals versetzte mich dieser Anblick immer in rasende Wut! -
Heute wäre ich glücklich, überglücklich über alles - über alles, was mit Kalle zu tun hätte! - Aber jetzt war es zu spät, endgültig! -
Tief in mir spürte ich, dass es endlich an der Zeit war, mich den nackten Tatsachen des Lebens zu stellen. Ich musste endlich etwas tun und ich wusste auch schon was! Obwohl mir der Gedanke daran sofort das Blut in den Adern gefrieren ließ! - Ich hatte eine Entscheidung getroffen:
Wie von der Tarantel gestochen sprang ich vom Sessel auf, schnappte mir meinen Autoschlüssel, der im Flur, am hölzernen Schlüsselbrett hing, stieg in meinen feuerroten Polo und fuhr durch die Stadt, hinaus auf die Landstraße. Ich zockelte so langsam vor mich hin, dass mich sogar noch die langsamsten Sonntagsfahrer mit ihren Klorollen auf der Kofferraumabdeckung, wutschnaubend überholten. Meine Gedanken schweiften wieder ab:
Damals vor drei Monaten, am dritten Mai, schien die Sonne genauso wie heute, nur brannte sie damals noch nicht so unerbärmlich heiß auf uns herab, wie sie es jetzt im August tat: Alles leuchtete so grell. Der Löwenzahn im Straßengraben flammte wie Feuer. Die Sonne spiegelte sich selbst noch im dunklen Asphalt und blendete mich. Die kurz geschorenen, von der Sonne bräunlich versengten Wiesen dagegen, standen traurig und öde da.
Damals mit Kalle war das anders: Die Frühlingssonne mit ihren Strahlen, hatte erst kürzlich, nach dem Winter, die Bäume, die Wiesen und alle Kreaturen in Wald und Flur, sanft wach geküsst. Die Pflanzen glänzten hellgrün, frisch und unverbraucht!
Kalle und ich radelten am dritten Mai dieselbe Landstraße entlang, wie ich sie jetzt mit dem Auto abfuhr.
Zum Glück sah mir Kalle meine Nervosität nicht sofort an, denn meinen inneren Bewegungsdrang konnte ich beim Radfahren ganz gut abbauen. Was mich damals so aufwühlte, war der Gedanke daran, dass ich heute das Band, das Kalle und mich verband, endgültig durchtrennen würde, denn ich hatte mich entschieden!
Gegen elf Uhr erreichten wir dann die Wiese beim alten Sandsteinturm. Kalle liebte diesen unbeschreiblich zauberhaften Ort ganz besonders. Um uns herum, in einem Radius von ungefähr fünfzig Metern, direkt unter dem Turm, blühte und wuchs die Wiese frei, so wie sie wollte. Dann trennten die Feldhecken das Turmgelände, von den Wiesen der Bauern ab.
Die nutzten heute das schöne Wetter und mähten die Wiesen, mit ihren Traktoren, deren Motoren brummten eintönig dazu.
Als wir uns im Schatten des Turmes, auf einer Decke, niedergelassen hatten, umarmte mich Kalle stürmisch, so voll Lebensfreude, wie er es immer tat, so dass wir das Gleichgewicht verloren und miteinander auf die Decke plumpsten. "Lass das Kalle!", schnauzte ich ihn heftiger an, als ich eigentlich wollte. Normalerweise liebte ich Kalles impulsive Art, aber seine arglose Liebesbezeugung konnte ich nicht mehr ertragen, nicht jetzt, wo ich doch innerlich schon längst den Schlussstrich gezogen hatte! - Grob schubste ich ihn weg von mir. Kalle rutschte beleidigt fort und zog eine Schnute.
Es kam mir so vor, als wären es Stunden der Stille zwischen uns gewesen, aber wahrscheinlich waren es nur wenige Sekunden, die Kalle nachdachte, bis er das Schweigen brach. Verletzt blickte er mich dabei an:
"Sheryll, ich versteh die Welt nicht mehr, was ist denn nur los mit dir? Seit Tagen weichst du mir aus, wenn ich dir nahe komme. Hab ich die Pest oder Lepra, oder..." - Ich sah in seine Augen und da erkannte ich, dass er es wusste und er las aus meinem Gesicht, als wäre es ein offenes Buch, dass es stimmte: "Nein Sheryll!, es ist nicht wahr!", flehte er fast. Ich blickte auf seine schönen feinen Hände, mit den langen geraden Fingern. Sie wirkten so zart, fast wie Frauenhände. Sie zitterten. Seine sonst so glänzenden blauen Augen wirken kohlrabenschwarz und riesengroß, vor blankem Entsetzen und Schmerz.
Noch führte ich die Regie in diesem Bühnenstück, noch konnte ich mich anders entscheiden und das Ganze abbrechen. Ich hätte bei Kalle bleiben können! -
"Doch Kalle, es stimmt: Ich liebe einen anderen!" - Ich hatte das vollbracht, was ich wollte, oder?!
"Nein, das ist nicht wahr, nein, Sheryll, sag, dass das nicht wahr ist: Ich lieb dich doch und du, du liebst mich doch auch! Hast du all die schönen Augenblicke vergessen, die wir miteinander erlebt haben? Du, du bist doch auch glücklich mit mir, oder?", stotterte er vor innerer Erregung. -
"Doch", gab ich leise zu und blickte beschämt zu Boden, "wir waren glücklich, aber jetzt liebe ich einen andern mehr, als dich!", erwiderte ich eiskalt.
Seine tiefschwarzen Augen blickten mich traurig an. Die drei kleinen aufrechten Fältchen auf der Stirn, die sonst so sanft wirkten, als wären sie mit einem Federmesser hineingeritzt, verwandelten sich durch seine zusammen gekräuselte Stirn, plötzlich in tiefe Furchen. - Tränen rannen ihm übers Gesicht. Da sprang er plötzlich auf und schwang sich auf sein Rad. Den Rucksack ließ er einfach stehen. Schnell packte ich noch Kalles Sachen zusammen und fuhr hinter ihm her: "Kalle warte doch!", rief ich noch in die Ferne hinein, als er mit seinem Rad aus meinem Blickfeld verschwand. Zuhause bei ihm läutete ich Sturm. Als er nicht öffnete, trommelte ich gegen die Haustüre und schrie: "Kalle, mach doch auf!" Nach ungefähr fünf Minuten "Schrei-und-Trommel-Terror" öffnete er die Türe bloß einen Spalt, blickte mich mit verquollenen Augen an und sagte fast tonlos: "Was willst du noch hier? - Du hast dich doch eh entschieden. Wenn es Sinn hätte um dich zu kämpfen, dann würde ich es tun!" Und dann schloss er die Türe fast lautlos hinter sich. Ein Hauch von Wind erfasste mich, der sich so stark anfühlte, als wäre es ein Orkan. Sein Sog, zog mich beinahe mit davon. Ein kalter Schauer erfasste jede einzelne Faser meines Körpers, so dass er für Sekunden zitterte. Instinktiv spürte ich die Gefahr. Aber ich verdrängte sie, legte die Angst und die Gedanken, die mit Kalle zu tun hatten beiseite und fuhr mit dem Zug nach Frankfurt zu Jörg! Schlagartig riss es mich zurück in die Realität: Ohne es bewusst wahrzunehmen, hatte ich mittlerweile mein Ziel erreicht. Heiß rann mir der Schweiß über die Stirn. Meine Hände dagegen, fühlten sich kalt und leichenstarr an, als ich mein Auto auf dem Feldweg abstellte, wo Kalle damals sein Auto geparkt haben musste. Wie ferngesteuert stieg ich aus.
Unwillkürlich richtete sich mein Blick nach oben: hundertfünfzig Meter hoch, bis zum Gipfel des Turmes. Tapfer schritt ich auf das alte Gemäuer zu.
Zuerst gingen meine Beine wie von selbst, eine Runde um den Alten Turm herum. Insgeheim suchte mein Blick das Gras nach irgendwelchen Spuren ab, aber es gab keine mehr! - Direkt vorm Eingang blieb ich stehen. Der Turm hatte keine Türe, man konnte einfach nach oben gehen. Ich versuchte nicht nachzudenken, sondern schritt einfach drauflos, Stufe für Stufe. Meine Schritte hallten gespenstisch in dem hohen alten Gemäuer. Hundertdreißig Stufen zählte ich innerlich mit. Dann hatte ich mein Ziel, die Spitze des Turmes erreicht. Ich war am Ende angekommen. Ich schritt hin, bis zum Rand der Aussichtsplattform. Eine Brise des warmen Sommerwindes hüllte mich ein. Bis zur Brust reichte mir die Mauer. Da also musste Kalle gestanden haben: mit all seinem Kummer, mit all seinen Schmerzen und seiner tiefen Verzweiflung. Hatte er sich schon zuhause dafür entschieden? - Oder war er einfach noch einmal zurückgekehrt, an dem Ort, an dem vor viereinhalb Jahren alles begann? An dem Ort der tausend Küsse, der heute für Kalle zum Ort der tausend Messer geworden war! -
Er musste genau da, wo ich jetzt war, gestanden haben. Er musste, genau wie ich jetzt, über die Brüstung nach unten gestarrt haben, hundertfünfzig Meter tief. Wenn man nach unten sah, stach einem sofort der kleine, schillernde, graublaue, Tümpel, außerhalb der Hecken ins Auge. Auch Kalle musste ihn noch wahrgenommen haben, bevor er, ja, dann musste er es getan haben, dann war er gesprungen! -
"Nein Kalle, tu es nicht!", hörte ich mich plötzlich wie von Sinnen schreien: "Bitte Kalle, bitte tu's nicht!" - Meine Knie sackten zusammen, als wären sie aus Gummi. Ich betrachtete die Szene von außen, als stünde ich neben mir: zusammengekauert, zitternd und wimmernd, lag ich auf dem Steinboden. Plötzlich spürte ich einen blutigen Geschmack im Mund. Da ließen meine Zähne die Unterlippe los, in die sie sich verbissen hatten. Der ziehende Schmerz der Lippe übertönte kurz die brennenden Schmerzen, in mir drinnen. Vorsichtig tastete ich mich an der Sandsteinmauer des Turms nach oben entlang, zog mich mit aller Kraft hoch, schwankte dabei noch etwas und richtete mich auf. Mein Körper bebte noch leicht, nach dem inneren Sturm. Die Sonne strahlte wie immer. Die Vögel zwitscherten fröhlich vor sich hin, als wäre alles in bester Ordnung. Mein Blick wanderte automatisch in die Weite des Horizonts und die Augen starrten auf ein paar sich sanft erhebende Hügel, in der Ferne. Da sah ich auf einmal einen außergewöhnlich großen Schmetterling auf mich zu fliegen: Er war mindestens zwölf Zentimeter groß und schillerte hellgrün. Noch nie hatte ich einen so herrlichen Falter gesehen! Er flog direkt auf mich zu und setzte sich auf die Brüstung der Mauer, unmittelbar vor mir. Es war seltsam. Plötzlich hatte ich so ein Gefühl, Kalle wäre bei mir. Ich sah ihn nicht, aber ich spürte seine Nähe! Dann flog der Falter wieder davon. Er war schon fast wieder in der endlosen Weite des Horizonts verschwunden, da sagte ich im Geiste: "Kalle, wenn du wirklich hier bist, dann schick doch bitte den Schmetterling noch einmal zu mir!" -
Da drehte der Schmetterling auf einmal ab und flog wieder zurück, direkt auf mich zu. Wieder nahm der Falter bei mir Platz, auf der Mauer des Turmes. Ich hob ihn hoch und setzte ihn auf meine Hand. Wieder hatte ich so ein Gefühl, als ob Kalle da wäre.
Es dürften wahrscheinlich nur Sekunden gewesen sein, die der Falter auf meiner Hand geblieben war, als er wieder davon flog.
Aber plötzlich wusste ich: Es gibt Dinge, die vergehen nie!



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Eingereicht am 31. Dezember 2003.
Herzlichen Dank an die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin.