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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Whiskey kaufen

Eine Kurzgeschichte von Josi Jorigas


Als Karl zum Fenster hinaus schaute, konnte er nicht ahnen, in welcher Weise sich ihre Wege kreuzen würden. Sein Blick ruhte auf dem Alten Turm aus dem frühen 14. Jahrhundert. In der späten Nachmittagssonne strahlte das denkmalgeschützte Bauwerk eine besondere Ruhe aus.
Zur gleichen Zeit saß Sheryll im ICE von Köln nach Frankfurt. Seit der Fertigstellung der neuen Schnelltrasse beträgt die Fahrtzeit nur noch 77 Minuten. Aber sie achtete nicht auf die Geschwindigkeit. Ihre Gedanken kreisten um die Fertigstellung des Projekts. Auch sie konnte nicht ahnen, in welcher Weise sich ihre Wege kreuzen würden.
Karl wünschte sich, die Ruhe des alten Bauwerkes würde auf ihn übergehen. Der Turm stand da, seit so vielen Jahren und ließ sich durch nichts erschüttern. Kriege hatten um ihn getobt, Menschen hatten um seinen Besitz gerungen und ihn angegriffen, er stand immer noch da, wie er einst gebaut wurde und kümmerte sich nicht darum, was um ihn herum geschah. Und er, Karl, ließ sich von Kleinigkeiten so aus dem Leben werfen. In der Hand hielt er den letzten Brief von Carola, seiner Freundin. Er hatte sich diesen Brief gewünscht, hatte ihn gefordert und verfluchte sich jetzt deswegen. Carola konnte so verdammt ehrlich sein. Aber er hatte es wissen wollen. Er wollte ein "nicht zusammen passen" nicht gelten lassen. Nicht nach fast fünf Jahren. Wenn sie sich schon von ihm trennte, dann wollte er auch die Gründe wissen. Jetzt hatte er sie, schwarz auf weiß. Carola hatte schön sauber der Reihe nach aufgeschrieben, was sie an ihm gestört hatte, was sie an der Beziehung gestört hatte. Ganz beiläufig hatte sie erzählt, dass sie demnächst nach Hamburg ziehen würde, wegen dem Job, wegen Aufstiegsmöglichkeiten und weil ihr Frankfurt nicht mehr gefiel. Alles, was sie an ihm störte, er wäre bereit gewesen, es zu ändern. Auch wenn es ihn wunderte, warum es ihr erst jetzt aufgefallen war. Aber das hieß ja auch alles nichts, war alles nur vorgeschoben. Er wusste schon, warum sie nach Hamburg zog. Natürlich hatte ihr die Firma, für die sie arbeitete, da einen sehr gut bezahlten Job angeboten. Sie hätte ihn schon vor zwei Jahren haben können und wollte ihn nie. Warum waren ihm die vielen Geschäftsreisen, die sie in den letzten Monaten nach Hamburg machte, nicht schon früher aufgefallen? Er verwettete sein Leben dafür, dass es dort einen Mann gab. Einen Kollegen, der Karriere machen wollte wie sie. Es war wie im Film. Frauen verließen ihre Männer immer für Karriere-Typen, ganz plötzlich, als wäre ihnen vorher nicht aufgefallen, dass ihr Lebensgefährte keiner war, sondern jemand, der ein kleines Kiosk besaß und stolz darauf war. Jemand, dem es nichts ausmachte, dass seine Hauptkundschaft aus Pennern bestand, die bei ihm Dosenbier und Schnaps kauften. Jemand, der gar nicht reich sein wollte, sondern ein ruhiges, gemütliches Leben haben wollte, mit Frau und vielleicht ein oder zwei Kindern. Karl riss sich vom Fenster los und zerknüllte den Brief in der Hand. Er stand jetzt mitten in der beinahe leeren Wohnung. Ein Anblick, der ihn fast erdrückte. Es war Zeit, das Kiosk zu öffnen, solche Freitage brachten immer einiges an Geld, besonders Nachmittags, besonders nach Feierabend. Und es war Zeit, diese Wohnung zu verlassen.
Sheryll starrte aus dem Fenster in die wunderschöne Landschaft. Für sie verschwamm alles zu grün-braunen Flecken. 77 Minuten, das war wirklich schnell. In 77 Minuten würde sie endlich am Ziel sein. Wenn sie in Frankfurt war, gab es nicht mehr viel, was sie tun musste. Sie wusste genau, wo es stattfinden sollte. Wusste genau, wie sie dorthin kam, hatte alles geplant, bis ins letzte Detail vorbereitet, es in Gedanken durchgespielt. Die Szenerie lief vor ihr ab wie ein Film. Sie selbst spielte die Hauptrolle. Sie hatte ja gekämpft. Hatte ihr ganzes Leben lang gekämpft, aber irgendwann war es genug. Was für einen Sinn hatte es schon, es noch weiter zu probieren? Nein, das war etwas, was sie sich nicht mehr antun wollte. Was sie niemandem mehr antun wollte. Dies war das letzte Projekt, das sie sich vorgenommen hatte, das war das einzige, was sie wirklich zustande bringen würde. 77 Minuten waren vorbei, Sheryll stand auf und verließ den Zug wie alle anderen, wurde mit der Menge nach draußen getragen. Sie suchte in ihrer Tasche nach Geld, fand welches und nahm sich ein Taxi. Setzte sich nach hinten, um einem Gespräch mit dem Fahrer auszuweichen. Auf der kurzen Fahrt durch die Frankfurter City überprüfte sie noch einmal alles. Die Briefe lagen ordentlich gebündelt in ihrer Tasche. Daneben eine Tafel Schokolade, bittersüß. Bittersüß wie das Leben, bittersüß wie das Projekt, das sie nun beenden wollte. Die Zigaretten gingen zuende, gut, sie würde sich ein Kiosk oder einen kleinen Laden suchen müssen. Whiskey brauchte sie auch noch. Ja, das war perfekt. Geplant wie eine Szene für ein Theaterstück oder einen Film. So hatte sie sich das vorgestellt. Das Taxi hielt, Sheryll stieg aus und lief ein Stück die Straße hinunter. Vor ihr stand der Turm, die Kulisse für ihr Stück. Der Ort des letzten Aktes, wenn man so sagen wollte. Aber noch wollte sie nicht dorthin. Sie ging ein Stück, wollte den Kopf ein wenig frei bekommen und suchte ja auch eine Möglichkeit, Zigaretten und Whiskey zu kaufen. Natürlich kamen ihr jetzt Zweifel. Damit hatte sie gerechnet. Es fing wieder an, weh zu tun. Ein bohrendes Gefühl im Herzen, ein einengendes Gefühl. So, als würde sich ein Band aus scharfen Metall um ihre Seele legen, sie fest umschlingen, sich festziehen und dabei mit den Kanten tief in sie schneiden. Sie kannte dieses Gefühl nur zu gut, es kam seit Jahren immer wieder. Seit fast fünf Jahren schon. Aber sie wusste, was sie dagegen tun konnte. Sollte sie? So kurz vor dem Ende noch? Es wäre sowieso bald vorbei, sie konnte auf Zigaretten und Alkohol verzichten und es sofort tun. Nein. Das wollte sie nicht. Sie sah sich um. Der Himmel hatte sich zugezogen, es würde anfangen zu regnen. Die Straße war leer. Sheryll suchte sich eine Ecke, in der man sie, wenn doch jemand kommen sollte, nicht sofort sehen konnte. Sie zog ihre Jacke aus, trug, obwohl es für den Spätsommer recht kühl war, darunter nur ein T-Shirt, ihr Lieblingsshirt mit dem verwaschenem Che-Guevara Bild und dem Schriftzug "Hasta la Victoria siempre!" Immer bis zum Sieg, das hatte sie nicht geschafft. Sie hatte immer nur auf der Verliererseite gestanden. Das Abi nicht geschafft, nicht den Ausbildungsplatz bekommen, den sie wollte, nicht mal einen Freund hatte sie, so wie alle Mädchen in ihrem Alter. Weil so jemand wie sie eben niemand wollte. In ihrer Tasche fand sie das Messer, ein Cutter-Messer, das sie seit Jahren immer bei sich trug. Für Notfälle. Jetzt war so ein Notfall. Sheryll hob den linken Arm an, auf dem Unterarm waren einige Narben zusehen und auch frischere Wunden. Jetzt fügte sie noch ein paar hinzu. Es war nie jemandem aufgefallen, was sie tat. Niemand hatte sie jemals auf diese Wunden angesprochen. Und wenn es doch einmal der Fall war, hatte man ihr schnell geglaubt, dass es eine Katze gewesen war oder dass sie sich irgendwo an einer Kante gestoßen hatte. Ihr Körper lockerte sich. Sie spürte das Brennen auf ihrem Arm und es war besser als alles andere. Es tat nicht weh, es half ihr, alles was sie tun wollte in die Tat umzusetzen. Es half ihr klarer zu denken und nicht unterzugehen in Schmerz. Weil es jetzt sowieso egal war schnitt sie noch tiefer und häufiger als sonst, es machte nichts mehr, sie musste nicht mehr aufpassen, dass es niemand sah. Hier, in dieser fremden Stadt würde sich niemand darum kümmern. Sie zog sich die dünne Jacke wieder über, bemerkte erst jetzt, dass es kühl war, dass sie fror, und ging in schnellen Schritten die Straße hinunter, rauchte ihre letzte Zigarette und hielt Ausschau nach einem Kiosk.
Karl saß lustlos hinter der Theke seines Ladens. Es war nicht viel los heute, für einen späten Freitagnachmittag sehr wenig. Normalerweise kamen häufig Geschäftsleute, die nach der Arbeit schnell noch Zigaretten kauften und eine Flasche Wein oder Sekt, um sich bei der Frau für die Überstunden zu entschuldigen, Schüler, die mit falschen Schülerausweisen versuchten Alkohol und Zigaretten für das Wochenende zu kaufen. Heute schien sich alles gegen ihn verschworen zu haben. Der Laden blieb leer und in seinem Kopf sah er immer wieder, wie Carola ihm sagte, sie würde ausziehen. Er konnte an nichts anderes denken. Es fühlte sich an, als wäre sein Leben stehen geblieben, alles war mit einem mal grau und hoffnungslos. Was würde denn jetzt noch kommen? In 3 Monaten würde er 30 Jahre alt werden und er war ein einsamer Kioskbesitzer mit einer leeren, viel zu großen Wohnung, ohne große Perspektive. Er hatte nicht mal viele Freunde, hatte sie selten gebraucht, war immer mit Carola zusammen gewesen. Jetzt freute er sich, wenn einer der Penner, die bei ihm Bier kauften, mit ihm über das Dosenpfand stritt, freute sich, wenn überhaupt jemand mit ihm sprach, wenn er einmal für drei Sekunden nicht daran denken musste, dass er alles verloren hatte, was ihm etwas bedeutet hatte. Heute hatte er die wenigen Regale abgestaubt, die Zeitungen sortiert, die Einmalfeuerzeuge, die er für 50 Cent verkaufte nach Farben sortiert, hatte ein paar Teenagerzeitschriften gelesen, nur um sich abzulenken. Aber es hatte ihm nicht sonderlich viel gebracht. Es brachte alles nichts. Was die Zigaretten anging, war er heute sein bester Kunde, der Qualm sammelte sich an der kleinen Lampe an der Decke. Die Tür ging auf, ein Mädchen kam herein, ein Mädchen, das er hier noch nicht gesehen hatte. Wohl auch eine von denen, die abends auf eine private Fete gingen und versuchten, Alkohol zu kaufen, für den sie noch viel zu jung waren. Das kam fast jedes Wochenende vor. Das Mädchen war höchstens 16 Jahre alt, war sehr blass im Gesicht und wirkte irgendwie abwesend, grüßte nur sehr leise, blieb in der Mitte des Raumes stehen und sah sich schüchtern um, aber Karl fiel auf, dass ihr Blick beim Flaschenregal hängen blieb. Da hatte seine Menschenkenntnis ihn wohl nicht im Stich gelassen. Aber das Mädchen wirkte kaum so, als wolle sie heute feiern gehen. Hübsch war sie, strahlte irgendetwas aus, was sie von anderen jugendlichen Mädchen, die hier einkauften, unterschied. Ihre Augen sahen traurig aus und wirkten irgendwie leer, aber gleichzeitig zeigte sie irgendeine Art von Entschlossenheit. Ein recht interessanter Typ Mensch. Karl liebte es, seine Kunden zu beobachten, hielt Menschen überhaupt für ziemlich interessant. Manchmal spielte er mit dem Gedanken, sich Notizen zu machen über besonders interessante Kunden, und irgendwann ein Buch zu schreiben. Ein Kiosk zu besitzen brachte genug Stoff über witzige Gespräche, verrückte Typen und manchmal auch sehr traurige Erzählungen von Menschen, die sonst niemanden hatten, mit dem sie sprechen konnten. Heute allerdings fühlte sich Karl als der traurigste von allen. Sogar trauriger als das Mädchen, das aussah, als würde sie gleich auf den Boden sinken und weinen.
Aber Sheryll weinte nicht. Sie entschied sich für eine Flasche Jack Daniels. Karl lächelte schwach. "Tut mir leid, junge Frau, das gibt's erst ab 18."
Na prima, auch das noch. Eigentlich hatte sie es vermeiden wollen, hier jemandem zu sagen, wer sie war, aber jetzt blieb ihr wohl nichts anderes übrig. "Ich bin 20", sagte sie leise.
"Sicher, aber da muss ich erst den Ausweis sehen, tut mir leid, ist Vorschrift."
Karl musste jetzt trotz allem ein wenig lächeln. Es war schon ein bisschen dreist, so jung auszusehen und dann zu sagen, man wäre 20. Aber mutig. Die meisten behaupteten, sie wären gerade heute 18 geworden oder so und machten sich dann dadurch verdächtig. Die Kleine hier war ihm irgendwie sympathisch. Sheryll stellte die Flasche auf die Theke und kramte mit der linken Hand in ihrer Tasche nach dem Ausweis, fand ihn und hielt ihn dem Verkäufer hin. Sie hatte immer jünger ausgesehen als sie war, aber sie dachte für 18 könnte man sie jetzt schon halten. Karl staunte. Die Kleine hatte nicht gelogen, oder der Personalausweis war gut gefälscht. Aber so etwas machte man wohl kaum für eine Flasche Whiskey. Er lächelte. "Entschuldigung, das tut mir leid, Sie sehen wirklich jünger aus." Dann fiel sein Blick auf ein paar rote Flecken auf ihrem Arm. "Entschuldigung, bluten Sie?"
Sheryll lief augenblicklich rot an. Erst jetzt fiel ihr auf, dass sich der Ärmel ihrer Jacke rot gefärbt hatte, er wies ein paar große Flecken Blut auf. Sie versuchte zu lächeln. "Nichts Schlimmes."
Karl war immer sehr hilfsbereit gewesen. Und jetzt sah er, dass es mit Sicherheit nicht "Nichts Schlimmes" war, es musste schon eine größere Wunde sein.
Er lächelte das Mädchen an. "Okay, nichts Schlimmes, aber schade um die schöne Jacke. Kommen Sie, ich habe Pflaster hier, ich verarzte Sie kurz."
Sheryll fühlte sich zunehmend unbehaglicher. Seit Jahren lief sie mit Wunden auf dem Arm herum und nie hatte es jemand besonders interessiert. Und jetzt machte ein Fremder soviel Aufwand um ein bisschen Blut. "Nein, dass ist wirklich nicht nötig, es sind nur zwei kleine Kratzer. Lassen Sie mich bezahlen, ich habe es ein wenig eilig."
"Na, kein Wiederspruch jetzt, es dauert nicht lange."
Karl konnte sehr energisch sein und das Mädchen machte ihm Sorgen. Immerhin war sie auch etwas blass. Mit einem Schritt stand er neben ihr und half ihr aus der Jacke, ohne, dass sie etwas tun konnte. Er erschrak. "Na, das sind aber etwas mehr als zwei kleine Kratzer", stammelte er.
Ihr Arm war blutverschmiert und voll von mehr oder weniger tiefen Wunden. Alles nichts Lebensbedrohliches, aber es wirkte erschreckend.
"Eine junge Katze, wissen Sie", stammelte Sheryll.
Natürlich war ihr klar, dass man ihr das nicht glauben konnte, aber was sollte sie sagen? Der Verkäufer wirkte sehr sympathisch, er war der erste Fremde, der sie darauf ansprach, aber sie konnte ihm ja jetzt nicht die Wahrheit sagen: "Wissen Sie, das mache ich selber. Und ich bin eigentlich nur hier, weil ich mich gleich umbringen werde." Das war ja abartig.
"Na, das muss aber schon ein Tiger gewesen sein", murmelte Karl. Er ahnte etwas. Er hatte von jungen Mädchen gehört, die sich so etwas selber antaten. Aber was sollte er tun? Sie darauf ansprechen? Das würde sie erst recht in die Flucht schlagen.
"Na ja, sie ist jung und sehr verspielt." Sheryll versuchte ein Lächeln, es gelang ihr nicht. Eine Sekunde lang verspürte sie den Wunsch, alles zu erzählen, ihren Plan aufzugeben und diesem Mann hier alles zu beichten. Aber es gab jetzt kein Zurück mehr. Es würde alles noch schlimmer machen.
"Warten Sie kurz, ich hole etwas zum Verbinden."
Karl verschwand in dem kleinen Lagerraum seines Ladens. Sheryll überlegte, ob sie die Flasche nicht einfach klauen sollte und verschwinden. Aber dann würde er hinter ihr herkommen. Und einfach so gehen? Das würde sich nicht packen, sie konnte das nicht nüchtern tun. Sie wartete.
Karl hatte damit gerechnet, dass sie den Laden verlassen würde und war darauf gefasst gewesen. Er hatte ein ungutes Gefühl was diese Kleine anging. Das Gefühl, dass es an diesem miesen Tag doch noch jemanden gab, dem es schlimmer ging als ihm. Und am schlimmsten war, dass er ihr nicht helfen konnte. Sie sprachen jetzt nicht mehr, Karl verband ihr schweigend den Arm. Er hätte sie gerne danach gefragt, aber er wusste nicht, wie. Sie bedankte sich, sagte ein paar mal, es wäre nicht nötig gewesen, bezahlte die Flasche und eine Packung Zigaretten und ging.
Das miese Gefühl in Karl blieb. Er hätte sie doch darauf ansprechen sollen. Sie kam nicht von hier, das konnte man hören. Was tat ein junges Mädchen mit frischen, selbst zugefügten Wunden allein in einer fremden Stadt?
Sheryll ging recht schnell den Weg zum Turm. Eine seltsame Begegnung war das gewesen. Als sie in den Laden gegangen war hatte der Mann so abwesend gewirkt und hatte sich dann doch so nett um sie gekümmert. Hilfsbereitschaft war etwas, was Sheryll kaum kannte. Ein gutes Gefühl, dass es so etwas gab. Aber jetzt war es zu spät. Sie hatte den Turm fast erreicht. Sie wusste, dass die Tür für Besucher offen stand, sie wusste, das dort niemand sein würde, nicht um diese Uhrzeit. Es war der ideale Ort.
Karl war vor den Laden getreten und sah dem Mädchen nach. Es ging auf die Straße zu, in der er wohnte, auf den alten Turm, der plötzlich nicht mehr ruhig, sondern bedrohlich wirkte. Wo ging sie hin? Unentschlossen lief er zurück in das Kiosk.
Sheryll betrat den Turm, ging die Stufen hoch, ließ sich auf den kalten Boden fallen. Rauchte eine Zigarette, trank in großen Zügen aus der Flasche. Das war das Ende. Sie würde keine Verliererin mehr sein. Diesmal würde sie siegen. Über ihr eigenes Versagen, über diese miese Welt, über das Leben. Hasta la Victoria siempre! So hatte es Che sicher nicht gemeint. Aber so meinte sie es nun. Sie würde siegen. Sie war jetzt ganz ruhig, sah durch das kleine glaslose Fenster, wie es draußen immer dunkler wurde. Dieser Turm war ihr vor Jahren schon aufgefallen, als sie zum ersten Mal in Frankfurt war. Er stand seit Jahrhunderten hier und war der einzige von seiner Art, so wie sie unter den Menschen. Er aber kümmerte sich nicht darum, dass er so einsam war, er blieb stehen und lebte trotzdem weiter. Sie war nicht so stark. Sie aß Schokolade und wartete darauf, dass der Alkohol seine Wirkung tat. Das Messer hielt sie in der Hand, bereit, um zu schneiden. Den letzten Schnitt, das letzte Mal, dass sie sich selbst verletzte. Fünf Jahre hatte sie das getan und der Einzige, der es wusste, war ein fremder Kioskverkäufer aus Frankfurt. Sheryll legte die Briefumschläge mit den Abschiedsworten neben sich auf die Erde. Darin stand alles, für jeden auf eine andere Weise erklärt, für ihre Mutter und für ihren Vater, den sie nur noch so selten sah, für die wenigen Freunde die sie hatte und zuletzt auch für ihren Exfreund. Sie alle mussten wissen, dass sie keine Schuld daran trugen. Die Schuld lag allein bei ihr, Sheryll. Sie zog die Jacke aus und schnitt...
Karl hatte das Mädchen nicht vergessen können. Eine dunkle Vermutung hatte ihn überfallen, er hatte nach einer halben Stunde den Laden verlassen, alles so gelassen wie es war und war losgerannt. Vielleicht war der alte Turm nicht nur für ihn von solcher Bedeutung. Ihn erinnerte er an die Zeit mit Carola in der Wohnung, auf ihn strahlte er Ruhe aus, wenn er aus dem Fenster auf ihn sah. Für ihn signalisierte der Turm, das es in jedem Leben Werte gab, die fest da waren und blieben. Auch wenn sich anderes veränderte. Jetzt hatte er das ungute Gefühl, dass das Mädchen in dem Turm etwas anderes sah. Er betrat das alte Gebäude, nahm immer zwei Stufen auf einmal und hatte das dumme Gefühl, genau zu wissen, was er finden würde. Aber vielleicht war es noch nicht zu spät.
Sheryll war noch viel bleicher als bei ihrer ersten Begegnung. Sie lag auf dem Boden, der Verband, den er ihr angelegt hatte war blutdurchtränkt. Karl griff in die Innentasche seine Jacke nach seinem Handy, rief den Notdienst an, der glücklicherweise schnell kam.
Zwei Tage später erhielt Karl die Erlaubnis, das Mädchen, das Sheryll hieß, in der Klinik zu besuchen. Ihre Eltern hatten es erlaubt, als sie erfahren hatten, dass er nicht nur den Notdienst gerufen hatte, sondern auch der Letzte war, der mit ihr gesprochen hatte.
Sheryll, die am Tag vorher erwacht war, bat darum, mit ihm alleine zu sprechen. Leise bedankte sie sich. Er sagte nichts. Da war er Tage lang in Selbstmitleid ertrunken, dabei gab es Menschen, denen es mieser ging als ihm. Noch leiser erzählte Sheryll ihm von ihren Gründen.
"Ich versteh dich ein bisschen", sagte er schließlich. "Ich verstehe, wie weh es tut, sich als Verlierer zu fühlen und auch, dass man irgendwann keine Lust mehr zum Kämpfen hat. Aber das ist es nicht wert. Das Leben verändert sich, alles verändert sich, aber wenn man sich genau umsieht, findet man Dinge, die immer gleich bleiben. Dinge, auf die man zählen kann. Die Welt, das Leben, alles ist nicht so schlecht, wie es scheint."
Sheryll lächelte. "Stimmt. Aber ich hätte nicht gedacht, dass ich nichts tun brauche, als eine Flasche Whiskey zu kaufen, um das zu lernen."



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Eingereicht am 30. November 2003.
Herzlichen Dank an den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.