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Die Begegnung

Eine Kurzgeschichte von Christian Herrmann


Als Karl zum Fenster hinaus schaute, konnte er nicht ahnen, in welcher Weise sich ihre Wege kreuzen würden. Sein Blick ruhte auf dem Alten Turm aus dem frühen 14. Jahrhundert. In der späten Nachmittagssonne strahlte das denkmalgeschützte Bauwerk eine besondere Ruhe aus.
Zur gleichen Zeit saß Sheryll im ICE von Köln nach Frankfurt. Seit der Fertigstellung der neuen Schnelltrasse beträgt die Fahrtzeit nur noch 77 Minuten. Aber sie achtete nicht auf die Geschwindigkeit. Ihre Gedanken kreisten um die Fertigstellung des Projekts. Auch sie konnte nicht ahnen, in welcher Weise sich ihre Wege kreuzen würden.
Karl wandte sich traurig vom Fenster ab und schritt durch den großen Rittersaal. Wieder hatte er umsonst gewartet. Auch heute würde niemand mehr kommen.
Sheryll sah auf die Uhr. In ca. 30 Minuten würde sie in Frankfurt sein. Ihr Flug ging erst am nächsten Morgen, so würde sie noch ausreichend Zeit haben, ihre Unterlagen noch einmal durchzusehen. Vor einem Jahr noch hatte sie Menschen, die allgemein als "Geisterjäger" bezeichnet werden, ausgelacht. Doch dann hatte sie Michael kennen gelernt. Am Anfang war sie etwas irritiert und skeptisch gewesen, was den Beruf ihres neuen Freundes anging. Doch mittlerweile fand sie es faszinierend, dem Parapsychologen bei seiner Arbeit zu helfen.
Karl schlurfte niedergeschlagen durch den roten Salon. Als er den Treppenaufgang zu den Schlafgemächern erreichte, stutzte er. Hatte er die alte Kleidertruhe, ein Erbstück seiner verehrten Mutter, nicht erst am Morgen unter den Wandteppich mit der Jagdszenerie gestellt? Jetzt stand das edle Stück auf einmal neben der alten Ritterrüstung am Durchgang zur Bibliothek! Erst gestern hatte er bemerkt, dass dort einige Bücher nicht in der richtigen Reihenfolge im Regal standen und diesen Fehler sofort korrigiert. Wurde er langsam verrückt oder stimmte hier irgendetwas nicht? Kopfschüttelnd rückte Karl die alte Truhe wieder an ihren angestammten Platz und ging schließlich zufrieden nach oben in sein Schlafzimmer.
Als Sheryll den Zug verließ, war es bereits dunkel. Fröstelnd zog sie ihren Schal enger, griff nach ihrem Gepäck und machte sich auf den Weg zum Flughafen-Hotel. Nachdem sie eingecheckt hatte, saß sie nun gemütlich mit einer Tasse Tee am Schreibtisch ihres Zimmers. Vor sich hatte sei die Unterlagen über Michaels neuesten Fall ausgebreitet. Es ging um ein altes Schloss in Südengland. Schon kurz nach seinem Einzug, vor etwa einem Monat, klagte der neue Schlossbesitzer über merkwürdige Vorfälle in seinem neuen Heim. Kaminfeuer erloschen plötzlich und Türen schlugen zu. Zunächst machte der neue Hausherr den Durchzug dafür verantwortlich. Doch als schließlich Gegenstände wie von Geisterhand verrückt wurden, bekam er es mit der Angst zu tun und wandte sich an die örtliche Polizei. Die Beamten belächelten sein Anliegen und gaben dem Mann den nicht ganz ernstgemeinten Rat, sich doch an einen Geisterjäger zu wenden. Er informierte sich im Internet über Spukvorfälle und stieß dabei zufällig auf Michaels Homepage. Spontan entschloss er sich, ihn als renommierten und international tätigen Experten hinzuzuziehen. Dieser war bereits vor zwei Tagen nach England geflogen, um sich vor Ort ein Bild von der Situation zu machen. Seit Sheryll und Michael ein Paar waren, arbeiteten die beiden als Team. Michael klärte immer zuerst vor Ort mit allerlei technischem Gerät, ob es sich tatsächlich um ein paranormales Phänomen handelte und gab Sheryll dann grünes Licht für weitere Recherchen. Oft stellte sich heraus, dass es sich um rational erklärbare Vorgänge oder sogar üble Scherze handelte. Aber bei einem gewissen Prozentsatz musste Sheryll tatsächlich aktiv werden. In diesem Fall hatte Michael sie schon vorgestern Abend angerufen und gebeten, mehr über das alte Gemäuer herauszufinden, da es sich wohl tatsächlich um einen sogenannten ortsbezogenen Spuk handelte.
Karl stand in dem alten Gewächshaus, das sich mitten in dem parkähnlichen Garten befand, und war ziemlich aufgebracht. Wer hatte die Petunien gepflanzt? Er hasste Petunien! Wütend suchte er nach einer Schaufel. Als er keine fand, begann er voller Zorn die Pflanzen mit den bloßen Händen aus den Blumenkästen zu reißen.
Sheryll nippte an dem heißen Tee und ging die Unterlagen durch, die sie in den letzten Stunden über das Schloss zusammengetragen hatte. Das Gebäude wurde 1311 von einem alten Grafen gebaut. Er verstarb zwei Jahre nach der Fertigstellung an einer Schusswunde, die er sich bei einem Jagdunfall zugezogen hatte. Seine fünfzehn Jahre jüngere Frau gebar kurz nach seinem Tod einen Sohn. Sie starb 1346. Ihr damals dreiunddreißigjähriger Sohn erbte das Anwesen. Er lebte allein, was den Bewohnern der Grafschaft Grund für allerlei Spekulationen über den neuen Schlossherren gab. Ansässige Bauern hatten schon des öfteren beobachtet, wie der junge Mann bei Einbruch der Dämmerung in den Wald ritt. Dort stand die Ruine einer alten Kapelle, die von den Bewohnern des Dorfes gemieden wurde. Einer Sage nach, soll der Teufel persönlich diese einst heilige Stätte zerstört haben. Schließlich munkelten die Leute, der junge Graf sei ein Hexer und träfe sich an diesem verwunschenen Ort mit dem Höllenfürst persönlich.
Das Handy klingelte. Sheryll schreckte auf und löste sich von den Kopien der alten Texte. Sie griff nach ihrer Handtasche und kramte ihr Handy hervor.
"Hallo?"
"Hallo, Schatz, ich bin's. Wann wirst Du hier eintreffen?"
"Hi, Michael, ich werde morgen Mittag bei dir sein."
"Okay. Die Lage hier spitzt sich nämlich zu. Heute Nachmittag hat der Geist sein Unwesen in einem Gewächshaus getrieben. So starke Aktivitäten wie dort, habe ich seit Jahren nicht mehr gemessen! Aber mehr dazu, wenn wir uns morgen sehen."
"Okay, mein Flug geht um 9.30 Uhr. Ich nehme dann einen Mietwagen und wir treffen uns vor Ort."
"Alles klar, Sheryll, dann bis morgen."
Nachdem sie das Gespräch mit Michael beendet hatte, packte Sheryll die Unterlagen zusammen und ging schlafen.
Karl stand wieder am Fenster und wartete. Er wollte schon wieder enttäuscht aufgeben und sich in seine Gemächer zurückziehen, als er die aufgeregte junge Frau in der Einfahrt entdeckte.
Sheryll hatte während des Fluges noch einmal ihre Aufzeichnungen durchgesehen. Die Geschichte des jungen Grafen interessierte sie. Er hatte sich in eine Bauerstochter verliebt, was für die damalige Zeit ein Skandal war. Da das Mädchen einen sehr jähzornigen, strengen und alkoholkranken Vater hatte, traf sich das junge Liebespaar nur heimlich. Um sicherzugehen, nicht entdeckt zu werden, wählten sie die Ruine der alten Kapelle im Wald als Treffpunkt. Als die junge Frau jedoch schwanger wurde, wollte sie ihrem Vater endlich alles beichten. Sie wollte endlich zu ihrem Geliebten auf das Schloss ziehen, um dort ihr gemeinsames Kind zu gebären und großzuziehen. Doch als ihr mal wieder betrunkener Vater von der Liebschaft erfuhr, erschlug er seine Tochter mit den bloßen Händen vor Wut. Der junge Graf stand tagelang am Fenster und wartete vergebens auf die Ankunft seiner Geliebten. Als er schließlich von ihrem Tod erfuhr, stürzte er sich vor Gram vom Schlossturm in den Tod. Es war eine traurige Geschichte. Sheryll wollte gerade gerührt von dem Schicksal der Liebenden die Papiere wieder verstauen, als ihr ein Blatt in die Hände fiel, das ihr zuvor noch gar nicht aufgefallen war. Auf der Seite waren Kopien von zwei Gemälden abgebildet. Das eine zeigte den Grafen Karl in herrschaftlicher Pose vor seinem Schloss und das andere… Sheryll hielt die Luft an. Ihre Finger krallten sich so fest in das Papier, dass die Knöchel weiß hervortraten.
Die Frau auf dem Gemälde war ihr wie aus dem Gesicht geschnitten!
Karl beobachtete wie Sheryll aufgeregt den Kiesweg herauf rannte. Er lächelte. Endlich war seine Geliebte da!



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Eingereicht am 24. November 2003.
Herzlichen Dank an die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin.