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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Erbarmungsloser Hass

Eine Kurzgeschichte von Katharina Schwarz


Als Karl zum Fenster hinaus schaute, konnte er nicht ahnen, in welcher Weise sich ihre Wege kreuzen würden. Sein Blick ruhte auf dem Alten Turm aus dem frühen 14. Jahrhundert. In der späten Nachmittagssonne strahlte das denkmalgeschützte Bauwerk eine besondere Ruhe aus.
Zur gleichen Zeit saß Sheryll im ICE von Köln nach Frankfurt. Seit der Fertigstellung der neuen Schnelltrasse beträgt die Fahrtzeit nur noch 77 Minuten. Aber sie achtete nicht auf die Geschwindigkeit. Ihre Gedanken kreisten um die Fertigstellung des Projekts. Auch sie konnte nicht ahnen, in welcher Weise sich ihre Wege kreuzen würden.
Karls schmale Lippen verzogen sich zu einem zynischen Lächeln. "Ich werde Dich finden, Du Monster…", murmelte er vor sich hin. Am Nebentisch des kleinen Cafes saß eine ältere Dame, die ihn mit einem abschätzenden Blick musterte. Karl beachtete sie nicht. Es war ihm egal, was diese Frau über ihn dachte, er fühlte sich erhaben über diese einfachen Dorfleute. Ja, einfache Leute waren das hier. Karl zündete sich noch eine Zigarette an. Er hatte noch viel Zeit…
Sheryll war aufgekratzt. Zum ersten Mal konnte sie beweisen, wie fähig sie wirklich war. Ihr Vater leitete eine große Immobilienfirma, die Sheryll gerne übernehmen würde. Leider hielt ihr Vater nicht viel von ihr, nur weil sie eine Frau war. Er hatte sich immer einen Sohn gewünscht, der seine Firma übernehmen würde. Sherylls Eltern hatten jahrelang versucht Kinder zu bekommen und hatten die Hoffnung schon aufgegeben, als Sheryll endlich unterwegs war. Bei Sherylls Geburt starb ihre Mutter. Sherylls Vater vergrub sich ab diesem Tag nur noch in seine Arbeit. Für Sheryll hatte er keine Zeit. Sie wuchs bei den Eltern ihres Vaters auf, hartherzige Menschen, die nicht viel Liebe für sie übrig hatten. Von Kindesbeinen an träumte sie davon, dass ihr Vater sie endlich mal in den Arm nehmen würde… Sheryll schüttelte ärgerlich den Kopf. Sie sollte ihre Gedanken besser auf das Projekt richten und ihrem Vater beweisen, dass sie ein würdiger Nachfolger seiner Firma sein konnte. Sie hatte nur diese eine Chance! Sheryll verfiel in einen Tagtraum: Ihr Vater legte stolz seinen Arm um sie, die ganze Belegschaft der Firma stand dabei und applaudierte. "Ab sofort übernimmt meine Tochter den Posten als Geschäftsführerin…" Sheryll schreckte auf, als sie die knarrende Lautsprecherdurchsage hörte, dass der Zug in wenigen Minuten in Frankfurt ankommen würde. Sie nahm den Aktenkoffer und ihre kleine Reisetasche, zog ihren Mantel an und holte tief Luft. Sie war jetzt eine Immobilienmaklerin und nicht mehr das kleine Mädchen, das in der Schule gehänselt wurde, weil sie keine Mutter mehr hatte. Sheryll wurde mit den anderen Passagieren aus dem Zug gedrängelt. Mit festem Schritt ging sie auf den Schalter der Autovermietung zu. Sie würde es schaffen!
Karl hatte seinen Kaffee bezahlt und schlenderte zurück zu der kleinen Pension. In diesem Kuh-Kaff gab es nur eine Pension. Sehr erbärmlich! Aber genau der richtige Zufluchtsort für ein Monster. Hier würde ihn niemand vermuten. Niemand…. außer KARL!!! Jetzt war er der Jäger und nicht das Monster, das seinen Großvater und seine Mutter gejagt und umgebracht hatte. Mit entschlossenen Schritten ging er in das gemietete Zimmer und packte seine Utensilien zusammen. Bald wurde es dunkel und er konnte sich auf den Weg machen.
Sheryll parkte erleichtert den kleinen Corsa. Es dämmerte bereits und sie wusste nicht, ob sie den Weg im Dunkeln gefunden hätte. Zwar hatte sie ein Navigationssystem in dem Auto, aber ob man diesen Dingern so unbedingt immer trauen konnte? Egal! Jetzt war sie da. Die kleine Pension wirkte gemütlich. Sheryll betrat das Haus und stand zunächst unschlüssig in einer Eingangshalle. Ein jüngerer Mann, Ende 30 schätzte Sheryll, kam mit einer merkwürdigen Tasche die Treppe hinunter. "Guten Abend, wo bitte finde ich hier die Pensionswirtin?", fragte sie den Mann höflich. Der Mann sah sie nur flüchtig an. "Gehen Sie in den Frühstücksraum", antwortete er kurz und verschwand nach draußen. Sheryll schüttelte den Kopf. So etwas Unhöfliches war ihr schon lange nicht mehr begegnet. Sie ging zur erstbesten Tür und klopfte an.
Karl verschwendete keinen Gedanken mehr an die junge Frau, die ihm im Eingangsbereich begegnet war. Er dachte nur noch an seine Mission. Leichtfüßig schritt er dem Turm entgegen, der am Rande es Dorfes, kurz vor dem Wald lag. Bald… bald hatte er seine Rache.
Sheryll hatte die Pensionswirtin gefunden, bzw. hatte die Wirtin sie gefunden, als sie vergeblich an den Vorratsraum geklopft hatte. Nun saß sie in dem kleinen Zimmer und sah sich erneut die Unterlagen an. Morgen früh würde sie sich mit dem Bürgermeister treffen und über das alte Anwesen am Rande des Waldes verhandeln. Sicher würde es den Dorfbewohnern gefallen, wenn hier etwas mehr Touristengeschäft laufen würde. Sherylls Vater wollte das Anwesen kaufen, in ein modernes Kurhotel umwandeln und mit viel Gewinn verkaufen. Oder eine Zeitlang behalten und den Gewinn einstreichen. Sheryll kannte das Anwesen bis jetzt nur von zwei Fotos. Das eine zeigte das altertümliche Haus, in dem zurzeit irgendwelche Gemeindeveranstaltungen liefen. Die andere Fotografie zeigte das Anwesen aus einer anderen Perspektive, so konnte man nicht nur das Haus, sondern auch den merkwürdigen Turm sehen, der zu dem Anwesen gehörte. Gerne hätte sie sich das Anwesen mal aus der Nähe angesehen. In Sheryll wuchs ein Gedanke. Warum eigentlich nicht? Es war zwar schon etwas dunkel, aber sie konnte doch trotzdem mal dorthin fahren. Sie sprang vom Bett auf, zog bequeme Sachen an und schnappte sich den Autoschlüssel.
Karls Augen hatten sich an das Dämmerlicht des Mondes gewöhnt. Vorsichtig drückte er die Klinke der alten Tür des Turmes herunter. Nichts passierte. Nun gut! Er ging langsam um den Turm herum und fand ein Kellerfenster, das nicht vergittert war. Hier ging das Monster bestimmt immer ein und aus. Er öffnete seinen Utensilienkoffer und holte die Knoblauchkette hervor, die er sich um den Hals hängte. Dann holte er das silberne Kreuz unter seinem Hemd hervor. Er wollte für alles gewappnet sein. Karl holte noch mal tief Luft, dann stieg er in das Kellerfenster.
Das helle Vollmondlicht erleuchtete den Turm. Sheryll verschlug es fast den Atem. Der Turm war hoch, massiv und wirkte irgendwie bedrohlich. Das große Gebäude, das direkt an den Turm anschloss, sah auch nicht unbedingt einladend aus. Nachdenklich stieg Sheryll aus dem Auto. Wenn sie an die Pläne ihres Vaters dachte, der das Anwesen komplett umkrempeln wollte… Eigentlich wäre es eine Schande. Sicher hatte das Gebäude eine Renovierung nötig, aber so krass? Lediglich die Außenmauern würden stehen bleiben. Das Innere sollte komplett modernisiert werden. Sheryll spähte durch eines der Fenster. Wenn sie richtig sah, gab es eine richtig große geschwungene Treppe. "Guten Abend, kann ich Ihnen helfen?" Sheryll zuckte zusammen, dann drehte sie sich zu der angenehmen Männerstimme um…
Karl stand im Keller des Turmes. Er war erstaunt, dass nirgendwo ein Staubkrümel oder Spinnenweben zu sehen waren. Es kam ihm vor, als würde er in einer antik eingerichteten Kellerwohnung stehen. Vor einem Kamin standen zwei Stühle um einen kleinen Tisch. Auf dem Tisch stand eine Karaffe und ein Glas. Leise schlich er sich an den Tisch, nahm das Glas und steckte probeweise einen Finger hinein. Ganz unten in dem Glas war eine getrocknete Flüssigkeit. Karl befeuchtete seinen Finger und rubbelte etwas von der Flüssigkeit ab. Die Flüssigkeit roch stark eisenhaltig. Blut! Karl wollte laut Jubeln, aber er unterdrückte den Impuls. Er hatte IHN endlich gefunden. Leise schlich er zum nächsten Kellerraum.
Sheryll hatte das Gefühl, als hätte ihr jemand den Boden unter den Füßen weggezogen. Der Mann, der sie angesprochen hatte, sah verdammt gut aus. Er trug eine schwarze Lederhose, seitlich geschnürt, ein schwarzes Rüschenhemd, schwarze Stiefel und einen schwarzen Ledermantel, der offen leicht im Wind wehte. Der Mann hatte ein markantes Gesicht, braune Augen und schwarze lange Haare, die gepflegt offen über seine Schultern hingen. Durch den Luftzug wurde ihm eine kleine Haarsträhne ins Gesicht geweht. "Ähm, guten Abend, also, ich ähh...", stotterte Sheryll. Galant verbeugte sich der Fremde. "Haben Sie sich verlaufen? Kann ich Ihnen helfen?" "Nein danke. Ich wollte mir nur das Anwesen ansehen." Der Mann deutete ein Lächeln an. "Gefällt es Ihnen? Verzeihung, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Mein Name ist Jean von Ahrenock. Aber nennen Sie mich doch Jean." Dieser Mann hatte eine Ausstrahlung, die sie nicht einordnen konnte. Sheryll nannte verlegen ihren Namen: "Ich heiße Sheryll Leißler, nennen Sie mich Sheryll." Jean nahm ihre rechte Hand und hauchte einen Kuss auf den Handrücken. Sheryll wurde rot. Seine Hand fühlte sich kühl, aber nicht unbedingt kalt an. "Möchten Sie ein Stück im Mondschein spazieren gehen?" Jean sah ihr in die Augen und Sheryll konnte nicht nein sagen.
Karl hatte eigentlich erwartet, dass er in einem Raum einen Sarg vorfinden würde, aber stattdessen schien das Monster in einem Bett zu schlafen. In einem modernen Wasserbett! Karl war fassungslos. Was bildete sich diese Bestie eigentlich ein? So wie es aussah, war das Monster ausgeflogen. Enttäuscht sah sich Karl noch ein wenig um. Diese Kellerwohnung war nicht unbedingt schlecht. Modernes und Antikes waren geschmackvoll aufeinander abgestimmt. Trotzdem kroch der Hass in ihm hoch. Wie konnte dieses Monster hier unbeschwert leben? Zornig ging Karl zu dem Kellerfenster zurück. Er würde draußen auf das Biest warten und es dann kaltblütig ermorden. Eigentlich wollte er es erst zur Rede stellen, warum es seine Familie zerstört hatte, aber inzwischen wollte er das Biest nur noch sterben sehen.
Sheryll ging mit dem Mann gerade in Richtung des Waldes, als sie einen Schrei hörte. "Du Bastard! Ich bring Dich um!", erschrocken drehte sie sich um.
Karl war gerade aus dem Fenster geklettert, als er sah, wie zwei Gestalten kurz vor ihm in Richtung Wald schlenderten. Das eine schien eine Frau zu sein, aber das andere war eindeutig das Monster. Mit einem Griff holte er einen Pflock und einen Hammer aus seiner Tasche. Dann konnte er sich nicht beherrschen und schrie: "Du Bastard! Ich bringe Dich um!" Jean drehte sich langsam herum. "Sheryll, gehen Sie besser. Ich glaube nicht, dass dieser Mann besonders gute Manieren hat." Sheryll konnte jedoch keinen Schritt weiter gehen. Sie erkannte den Mann aus der kleinen Pension, der so unfreundlich war. "Was will der Mann von Ihnen?" Karl kam langsam näher. "Was ich will? Rache will ich! Dieses Monster hat meine Familie zerstört. Es hat meine Mutter grausam ermordet und weil ihm das nicht genügte, meinen Großvater dazu." Jean ballte seine Fäuste. "Was soll diese Behauptung? Woher soll ich Ihre Mutter kennen?" Karl stieß ein schrilles Lachen aus. "Meine Mutter kennst du ganz genau! Du hast sie verführt, gebissen und genüsslich Ihr Blut ausgesaugt, bis sie starb. Ha! Und dann hast du dich über meinen Großvater hergemacht. Meine Großmutter hat es mir ganz genau erzählt. Das war damals in Speyer. Und ich habe Deine Spur verfolgt, bis hierher. Ha ha! Du hast wohl geglaubt, dass du dich hier einfach so zurückziehen kannst…" "Speyer? Hieß deine Mutter Elena?" Jean wurde blass. Sheryll fiel auf, dass er jetzt richtig gespenstisch aussah. Ihre Gedanken rasten. Was war das für ein Mann, der da neben ihr stand? Und wer war dieser Typ aus der Pension? In welchen Alptraum war sie geraten? Höhnisch antwortete Karl: "Ja, sie hieß Elena und du hast sie umgebracht, du Monster!" Jean stöhnte laut auf. "Elena! Meine geliebte Elena." Jetzt wurde es Sheryll zu bunt. "Kann mich mal bitte jemand aufklären?", fragte sie schüchtern. Eigentlich wollte sie ja lieber weglaufen, aber ihre Beine waren wie angewurzelt. Karl ließ Jean nicht aus den Augen, aber trotzdem antwortete er: "Hören Sie, dieses Tier da ist kein Mensch. Es ist ein lebender Toter, ein Vampir, der Menschen Blut aus dem Hals saugt, sie umbringt und sich darüber auch noch freut." Sheryll wurde fast ohnmächtig. Was sollte das jetzt? "Ich habe Elena nicht umgebracht", schleuderte Jean Karl entgegen, "ich habe sie geliebt und sie liebte mich! Sie wollte bei mir bleiben. Ja, ich habe sie gebissen, aber sie wollte es, damit sie mit mir in die Ewigkeit gehen konnte. Aber ihr Vater ist ihr nachgegangen und fand sie in meinen Armen. Sie war kurz davor aufzuwachen, da hat dein Vater ihr einen Pflock durch das Herz gejagt." "Nein!", heulte Karl auf, "Du Lügner! Du hast sie ermordet. Sie hätte niemals ihr Kind im Stich gelassen." Jean sah betreten zu Boden. "Ich lüge nicht. Elena hat mich geliebt. Sie wollte weg von zu Hause. Weg von dem Kind, das sie immer an die schrecklichen Ereignisse erinnerte." Gequält sank er auf die Knie. Er wollte nicht wieder an Elena denken. Seit fast 40 Jahren hatte er versucht, die Geschehnisse von damals zu vergessen. Nun brachen alle Gefühle wieder hervor. "Du Lügner! Meine Mutter hat mich geliebt!" Karl zitterte vor Wut. In Sheryll erwachten gemischte Gefühle. Was sollte sie hier? Sie hatte mit all dem nichts zu tun, trotzdem war sie nicht fähig wegzulaufen. Jean kniete wie ein Häufchen Elend auf dem Waldweg, angestrahlt vom Mondlicht. Sheryll konnte sehen, dass Tränen in seinen Augen standen. Er schien diese Frau wirklich geliebt zu haben. "Hat dir deine Großmutter jemals erzählt, wer dein Vater war?" Karl zögerte. "Das ist jetzt nicht wichtig! Du hast meine Mutter und meinen Großvater getötet und dafür nehme ich jetzt Rache!" Jean sah Karl in die Augen. "Ja, ich habe deinen Großvater getötet, ich brach ihm mit einer Handbewegung das Genick. Aber nur, weil er Elena gepfählt hatte. Und er hatte nicht nur das! Er hatte ihr Leben zerstört! Er war dein Vater!" Der letzte Satz hallte noch nach, als Karl laut schreiend auf Jean zustürmte. "Lügner! Das ist nicht wahr!" Sheryll war entsetzt. Wie in Zeitlupe sah sie Karl, der mit einem Pflock auf Jean losstürmte. Jean sah ihm hilflos entgegen. Von einem inneren Impuls getrieben sprang sie zwischen die Männer. Egal was in der Vergangenheit passierte, sie wollte nicht, dass es hier ein Blutbad gab. Dann spürte sie einen stechenden Schmerz in der Magengegend und eine Wucht überkam sie, die sie nach hinten fallen ließ. Jean sprang hoch und fing sie auf. Sheryll sah an sich herunter. Irgendetwas stimmte mit ihr nicht. Sie hatte so komische Schmerzen und ihre Beine fühlten sich auf einmal taub an. In ihrem Körper steckte der Pflock. Ein dunkler Fleck breitete sich auf ihrem Pulli rund um den Pflock aus. "Was ist das?", fragte sie, dann wurde ihr schwindelig. Karl schrie: "Ist das Deine Monsterhure?" Jean knurrte. Sacht legte er Sheryll auf den Waldboden, dann nahm er sich einen großen Ast, stürmte auf Karl zu und schlug mit aller Kraft zu. Karls Kopf wurde zur Seite geschleudert. Mit einem lauten Krachen knallte sein Körper gegen einen großen Baumstamm. Dann blieb er regungslos liegen. Jean knurrte noch einmal und kniete sich neben Sheryll. "Sheryll? Hörst du mich?", fragte er besorgt und streichelte über ihre Wange. Flatternd öffnete sie kurz ihre Augenlider. "Was…?", krächzte sie. "Pst! Nicht sprechen! Sheryll, wir haben nicht viel Zeit. Ich kann keine Hilfe für dich holen. Bis jemand kommt, bist du verblutet. Es gibt nur eine Möglichkeit, wie ich dir helfen kann. Hörst du mich? Sheryll!" Jean nahm ihre Hand und fühlte nach ihrem Puls. Ganz schwach spürte er ein leichtes Pochen. "Sheryll, ich kann dir helfen. Ich kann dich zu einem Wesen wie mich machen. Wenn nicht, stirbst du!" Jean hielt sie noch immer im Arm. Er spürte, wie das Leben langsam aus ihrem Körper wich. "Sheryll, bitte gib mir irgendein Zeichen!" War das ein Nicken? Sheryll hörte seine Stimme irgendwie ganz weit weg, obwohl sie irgendwie spürte, dass Jean neben ihr kniete. Sie fühlte Dunkelheit auf sich zukommen. War sie dazu schon bereit? Wollte sie einfach loslassen? Was wollte Jean von ihr? Er würde ihr helfen? Jean schob vorsichtig ihren Kopf zur Seite und legte Sherylls Hals frei. Mit einem Finger strich er sacht über Ihre Halsschlagader. Ganz schwach pulsierte noch etwas Leben in ihr. Konnte er verantworten sie sterben zu lassen? Konnte er verantworten sie zu einem Wesen wie sich zu machen und ihr ein ewiges Leben in der Nacht schenken? War das besser als zu sterben? Sheryll wehrte sich ein letztes Mal gegen die Dunkelheit, die sie verschlingen wollte. "Hilf..", flüsterte sie mit erstickender Stimme. Dann überließ sie sich der Bewusstlosigkeit. Jean fasste das als Aufforderung auf. Mit aller Vorsicht bohrte er seine langen Eckzähne in die weiche Haut. Normalerweise sprudelte ihm das Blut entgegen, aber Sheryll hatte schon sehr viel Blut verloren. Hoffentlich war es noch nicht zu spät! Leidenschaftlich saugte er das Blut aus den beiden punktförmigen Bissstellen. Als es anfing bitter zu schmecken, hörte er sofort auf. Dies war der kritische Punkt. Jetzt musste ihr Körper sich umstellen. Ein Wolkenschleier zog vor den Mond und tauchte die Szene in Düsternis. Jean hob Sherylls leichten Körper hoch und trug sie zum Turm. Karls Körper ließ er achtlos liegen. Hoffentlich wird sie mich nicht eines Tages dafür hassen…



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Eingereicht am 22. November 2003.
Herzlichen Dank an die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin.