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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Als Karl zum Fenster hinaus schaute

Eine Kurzgeschichte von Andreas Bischoff


Als Karl zum Fenster hinaus schaute, konnte er nicht ahnen, in welcher Weise sich ihre Wege kreuzen würden. Sein Blick ruhte auf dem Alten Turm aus dem frühen 14. Jahrhundert. In der späten Nachmittagssonne strahlte das denkmalgeschützte Bauwerk eine besondere Ruhe aus.
Zur gleichen Zeit saß Sheryll im ICE von Köln nach Frankfurt. Seit der Fertigstellung der neuen Schnelltrasse beträgt die Fahrtzeit nur noch 77 Minuten. Aber sie achtete nicht auf die Geschwindigkeit. Ihre Gedanken kreisten um die Fertigstellung des Projekts. Auch sie konnte nicht ahnen, in welcher Weise sich ihre Wege kreuzen würden.
Gib mir doch etwas von deiner souveränen Ruhe ab, flehte Karl den Turm in Gedanken an. Dann könnten wir auch Freunde werden. Du stehst da, ungerührt, Jahrhundert um Jahrhundert. Lässt dich von Hunden anpinkeln und von Vögeln bekacken; und es ist dir egal. Aber morgen wirst du dich umgucken, dann ist es auch mit deiner Ruhe vorbei. Dann machst du dich lächerlich, und ich stehe dabei und lache. Haha. Aber Karls Lachen schmeckte nach Salmiak. Er hatte natürlich auch jetzt Angst, weil er immer Angst hatte. Aber sein Hass gab ihm die nötige Kraft, sein seit vierzehn Jahren geplantes Projekt endlich umzusetzen. Das Material lag bereits seit elf Monaten in der Speisekammer. Gummi. Hauchdünn. Meterweise.
Sheryll hasste ihren Namen. Seit sechsundzwanzig Jahren verging kein Tag, an dem sie sich nicht fragte, was sich ihre Mutter für einen Scherz mit ihr erlaubt hatte. Ein dickes und dummes Kind darf nicht Sheryll heißen, sondern Petra. Sherylls waren drollig und nicht mollig, beliebt und nicht beleibt. Aber morgen wird sie sich rächen. Und der Turm würde bezahlen müssen, für all den Tort, der ihr in ihrem galligen Leben angetan wurde. Sie hatte die nötigen Utensilien in dem schweren Koffer, der für andere Frauen nicht tragbar gewesen wäre. Mett. Speckigfett. Kiloweise.
Auch am nächsten Morgen konnten Karl und Sheryll nicht wissen, in welcher legendenbildenden Weise sich ihre Wege bald kreuzen würden. Und der arme aufrechte Turm ahnte nicht, dass er vor Erreichen des von ihm so verehrten Abendrots vor Scham am liebsten im Boden versinken würde. In der Stadt jedoch konnte sich jeder auch noch sechzehn Jahre später an diesen denkwürdigen Tag erinnern, an dem sich Sherylls und Karls Wege gekreuzt hatten. Und auch du kannst dich an das Ende der Geschichte erinnern.



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Eingereicht am 15. November 2003.
Herzlichen Dank an den Autor.
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