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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Als Karl zum Fenster hinaus schaute

Eine Kurzgeschichte von Marlies Aurig


Als Karl zum Fenster hinaus schaute, konnte er nicht ahnen, in welcher Weise sich ihre Wege kreuzen würden. Sein Blick ruhte auf dem Alten Turm aus dem frühen 14. Jahrhundert. In der späten Nachmittagssonne strahlte das denkmalgeschützte Bauwerk eine besondere Ruhe aus.
Zur gleichen Zeit saß Sheryll im ICE von Köln nach Frankfurt. Seit der Fertigstellung der neuen Schnelltrasse beträgt die Fahrtzeit nur noch 77 Minuten. Aber sie achtete nicht auf die Geschwindigkeit. Ihre Gedanken kreisten um die Fertigstellung des Projekts. Auch sie konnte nicht ahnen, in welcher Weise sich ihre Wege kreuzen würden.
Das Projekt, ja. Sheryll stieß unwillkürlich einen langen Seufzer aus. Sie war von Anfang an mit dabei gewesen, sie hatte die letzten drei Jahre ihres Lebens nur dem einen Ziel gewidmet. Sheryll hatte keine Freizeit, keinen Feierabend und erst recht keinen Urlaub gehabt. Ihre Beziehung zu Karl war gleich im ersten Jahr der Forschungen in die Brüche gegangen. Weniger wegen des Enthusiasmus, den sie ihrer Arbeit entgegen brachte, sondern wegen des Projektes selbst. Karl hatte immer wieder versucht, sie davon zu überzeugen, dass man mit ihrem Projekt völlig andere Ziele verfolgen würde, als Sheryll glaubte. Besonders, als sich das Militär für ihre Forschungsarbeit zu interessieren begann, wurden die allabendlichen Streitereien mit Karl unerträglich. Dabei konnten sie durch die Gelder des Militärs erst richtig mit der Arbeit beginnen, denn die Kosten des Projekts überschritten bei weitem das Budget ihrer Universität. Außerdem, was sollten die Militärs schon mit ihrer Entdeckung anfangen, jedenfalls konnte Sheryll sich nicht vorstellen, dass man ihr Projekt für kriegerische Zwecke missbrauchen könnte. Ihre Forschungen hatten einzig und allein nur etwas mit dem Wetter zu tun. Karl, ein arrangierter, um nicht zu sagen ereifernder Umweltschützer, sah hinter jedem Angebot eine Verschwörung. Er beschimpfte Sheryll, sie würde nicht über ihren eigenen Tellerrand hinaus schauen und nur das sehen, was ihr zu ihrem eigenen Vorteil gereiche. Ein Wissenschaftler, hielt er ihr vor, müsse sich über die Konsequenzen seiner Forschungen im Klaren sein und manchmal wäre es eben besser, wenn etwas nicht erfunden würde.
Sheryll konnte dieses ewige Gezeter nicht mehr ertragen. Sie zog aus ihrer gemeinsamen Wohnung aus und bezog einen der kleinen Bungalows, die das Militär den leitenden Mitarbeitern auf dem Forschungsgelände zur Verfügung gestellt hatten.
Seit dieser Zeit hatte sie kaum noch an Karl gedacht, hatte auch kaum die Zeit dazu gehabt. Nur den alten Turm, den man aus ihrem Schlafzimmerfenster sah und dessen Dach bei Sonnenaufgang in allen Farben schimmerte, den vermisste Sheryll, wenn sie früh morgens aufstand. Hier sah man nur auf die Mauer, die den Forschungskomplex umgab und im Hintergrund die Labors.
Jetzt war Sheryll auf dem Weg nach Frankfurt. Sie hatte alle wichtigen Unterlagen bei sich und nach der heutigen Besprechung würden sie den letzten, alles entscheidenden Versuch machen. Sheryll war über sich selbst erstaunt, dass sie so ruhig und gelassen diesem letzten Schritt entgegen sah. Drei Jahre Arbeit würde sich an einem einzigen Tag ihrem Ende nähern. Was wäre, wenn das Experiment nicht gelang? Würden sie weitere Gelder bekommen? Sie wurde jäh aus ihren Gedanken gerissen, als eine Stimme aus dem Lautsprecher verkündete, dass sie in wenigen Minuten im Frankfurter Hauptbahnhof einfahren würden. Sheryll zog ihre Jacke an da der Sommer langsam und unmerklich in einen freundlichen Herbst über ging und griff nach ihrer Aktentasche. Heute Abend, wenn sie mit dem Zug zurück nach Köln fuhr, war alles entschieden, hatte sie jede Verantwortung aus den Händen gegeben. Alles würde dann auch ohne ihr Zutun geschehen, was auch immer geschehen würde. Aber hatte sie das nicht schon längst getan? Noch vor zwei Jahren, vielleicht auch noch vor einem Jahr hätte sie die Entwicklung stoppen können. Doch sobald die Forschung in die entscheidende Phase eingetreten war, ging alles wie von selbst und sie hätte sich nur sinnlos geopfert, das Projekt wäre dann von einem Mitarbeiter zu Ende geführt worden und sie hätte nur noch zusehen können, wenn überhaupt. Sheryll hatte ihre Entscheidung getroffen und als der Zug im Bahnhof einfuhr und mit kreischenden Bremsen hielt sah man eine junge Frau, die eine schwere Aktenmappe mit sich trug, energischen Schrittes den Bahnsteig entlang eilen.
*
Karl sah immer noch aus dem Fenster, aber die Ruhe des Turmes war trügerisch, eine Ruhe vor dem Sturm. Vor einer halben Stunde hatte Karl in den Nachrichten gehört, dass sich eine dicke Wolke, die hinter sich eine Nebelbank herzog, von Köln auf ihren kleinen Vorort zu bewegte. Da niemand sagen konnte, wo diese Wolke plötzlich herkam und vor Allem, was sie enthielt, hatte der Nachrichtensprecher der Bevölkerung empfohlen, Türen und Fenster geschlossen zu halten, und wer nicht unbedingt hinaus musste, sollte bis nach Abzug dieser mysteriösen Wolke zu Hause bleiben. Karl sah die Wolke kommen. Sie war noch weit entfernt, aber der Abstand zu dem Alten Turm verringerte sich merklich. Doch er hatte eine Verabredung, eine wichtige, die Karl unbedingt einhalten wollte. Außerdem lag sein Ziel außerhalb dieser Wolke wenn sich der Wind nicht drehte. Karl nahm seinen Autoschlüssel und lief die Treppen hinunter auf die Straße. Als Karl mit seinem Auto die Straße entlang fuhr, sah er vor seinen Augen plötzlich noch eine andere Wolke, die frontal auf die erste Wolke zu kam. Karl fuhr langsamer und rieb sich die Augen, was er sah war unmöglich. Wolken werden vom Wind getrieben und der kann in gleicher Höhe nicht in verschiedene Richtungen wehen. Nicht gegen sich selbst, aber genau das sah Karl jetzt ganz deutlich vor sich. Die beiden Wolken verwandelten sich, je näher sie auf Kollision kamen, in eine dichte schwarze Masse, die von einem rotleuchtenden Ring umgeben war. Karl hatte noch nie zuvor in seinem Leben etwas Derartiges gesehen. Dieses unheimliche Gebilde war noch ein ganzes Stück von der Straße entfernt, auf der Karl mit seinem Auto unterwegs war, aber es kam eindeutig näher. Wie zwei Kreaturen, die soeben aus der Hölle entsprungen waren, steuerten die dunklen Massen aufeinander zu. Karl lenkte sein Auto auf einen kleinen Parkplatz, von dem man einen guten Ausblick auf die darunterliegende Stadt hatte und stieg aus. Das beklemmende Gefühl, welches er schon die ganze Fahrt über verspürt hatte, steigerte sich jetzt ins unermessliche. Der sonnige Tag hatte sich in kürzester Zeit in eine dunkle Arena verwandelt. Karl sah, wie in einigen Straßen die Laternen angingen. Plötzlich schreckte er zusammen, ein riesiger feuerroter Blitz war zwischen den beiden Kolossen aufgezuckt. Karl erwartete einen lauten Donnerschlag, doch nichts geschah, alles blieb ruhig. Das da ist auch kein normales Gewitter, wurde Karl urplötzlich klar. Die zwei Wolken standen sich jetzt wie Kriegsschiffe in Schlachtposition gegenüber und jeden Moment mussten sie sich rammen. Karl sah gebannt in den Himmel. Als die zwei dunklen Massen aufeinander stießen, glaubte er, die Hölle hätte ihre Pforten geöffnet und die Erde schien zu explodieren. Im selben Moment stürzten ungeheure Wassermassen aus dem Himmel, der sämtliche Schleusen geöffnet hatte. Karl lief Schutz suchend zu seinem Auto. Er war höchstens fünf Meter von ihm entfernt gewesen, doch als er die Tür hinter sich zu schlug, war er bis auf die Haut durchnässt. Karl hielt sich die Ohren zu, er konnte das Getöse des herab prasselnden Regens nicht mehr ertragen. Es kam ihm vor, als würde dieses Inferno nie wieder aufhören. Als es dann doch vorbei war, konnte Karl es kaum glauben. Dieser ganze Spuk hatte nicht länger als zehn Minuten gedauert. Doch ihm war es wie mehrere Stunden vorgekommen. Und die Regenmassen waren nicht etwa in normalen Regen und dann in leichtes Nieseln übergegangen, nein. Gerade noch ein orkanartiges Rauschen und dann plötzliche Stille. Vorsichtig öffnete Karl die Autotür und fand sich inmitten eines Sees wieder, in den sich der Platz verwandelt hatte. Aber das Wasser war schon am abfließen und er stieg aus, nasse Füße waren jetzt im Moment seine wenigste Sorge. Was konnte das nur gewesen sein und wo waren die Wolken ab geblieben?
Karl lief zu der Aussicht, wo er vorhin alles beobachtet hatte. Die Wolken waren verschwunden, Gott sei dank. Doch als er nach unten auf die Stadt sah, musste Karl sich Hilfe suchend am Geländer festkrallen. Was war mit seiner Stadt geschehen? Das musste eine Halluzination sein, ausgelöst durch dieses schreckliche Erlebnis. Er atmete tief durch und hob langsam den Kopf, um nochmals in aller Ruhe in die Richtung zu schauen. Nichts. Absolut nichts. Fast ganz Köln war verschwunden. Karl wurde langsam klar, was dieser Anblick wirklich zu bedeuten hatte. Köln war nicht überflutet worden, keine Häuser waren mitgerissen worden, was durchaus möglich gewesen wäre bei den ungeheuren Wassermassen, die da eben herunter gestürzt waren. Dort, wo eben noch vor kurzer Zeit Häuser, Straßen, Autos und Menschen gewesen waren, dort war absolut nichts mehr. Nichts Eingestürztes, kein Chaos, wie Karl es eigentlich erwartet hatte, sondern absolute Leere, über die vereinzelte Rauchschwaden hinweg zogen. Köln war dematerialisiert worden, das war das Einzige, was Karl dazu einfiel. Unter ihm befand sich nichts als ein eisiges schwarzes Loch. Er wusste nicht mehr, wie lange er so da gestanden hatte und auf die Trümmer (welche Trümmer?) seiner Heimatstadt hinab gesehen hatte. Nach einer Ewigkeit, so kam es Karl jedenfalls vor, löste er sich von dem Geländer und stieg in sein Auto. Er musste vorsichtig fahren, das war ihm klar, aber es gab noch eine Verbindung zur Bundesstraße, die ihn aus dem Ort heraus brachte. Er brauchte jetzt dringend eine Erklärung, irgendeine Erklärung dafür, was soeben hier geschehen war.
*
Sheryll rannte zu ihrem Auto, sie musste in die Stadt, musste sehen ob in Köln noch alles in Ordnung war. Der General konnte sie nicht mehr aufhalten, er war tot. Er war in dem Labor gewesen mit noch zehn Mitarbeitern, als das Experiment anfing, aus dem Ruder zu laufen. Er hatte geglaubt, etwas stoppen zu können, was zu diesem Zeitpunkt niemand mehr stoppen konnte. Sie hatten Antimaterie frei gesetzt, das Labor war explodiert und eine riesige Wolke hatte sich danach in Richtung Stadt bewegt. Die restlichen Laborgehilfen waren so schnell sie konnten hier verschwunden, Sheryll wusste nicht, was aus ihnen geworden war. Sie war die Einzige gewesen, die zu dem Zeitpunkt, als das Unglück geschah, sich in der gepanzerten Kabine aufgehalten hatte. Als sie nach der Explosion nach den Anderen sehen wollte, war nichts mehr da gewesen, wonach sie hätte suchen können. Sie hatten wie Zauberlehrlinge mit etwas herum gespielt, was keiner von ihnen richtig verstanden hatte, und es war kein Zaubermeister erschienen, um alles wieder zu richten. Sheryll trat aufs Gas, niemand in der Stadt wusste, mit was er es da zu tun bekam. Sie musste etwas tun, die Stadt musste möglicherweise evakuiert werden.
Mit quietschenden Bremsen kam Karl zum Stehen, als ein Wagen plötzlich aus entgegengesetzter Richtung ihm den Weg abschnitt. Das andere Fahrzeug war ebenfalls ins Schleudern geraten, der Fahrer war zu hastig auf die Bremse getreten und es kreiste nun um seine eigene Achse. Karl stieg aus und lief zu dem Auto, das soeben aufgehört hatte, sich zu drehen. Er riss die Tür auf, um zu sehen, ob der Fahrer verletzt war und dann sah er sie.
"Sheryll, du?"
"Karl, was machst du denn hier?"
"Etwas furchtbares ist geschehen, Sheryll. Du kannst hier nicht in diese Richtung weiterfahren. Denk bitte nicht, dass ich verrückt bin, aber ich glaube, Köln gibt es nicht mehr. Da ist einfach nichts mehr."
"Ich denke ganz bestimmt nicht, dass du verrückt bist, Karl. Leider weiß ich nur zu gut, was du meinst."
Karl sah sie erstaunt an, aber dann ging ihm ein Licht auf.
"Dein Projekt, Sheryll? Ich hatte damals also wirklich recht. Ihr habt ganz Köln aus gelöscht, ist dir das klar, Sheryll?"
"Oh mein Gott, was ist passiert, Karl? Ich wollte in die Stadt."
"Dort kannst du nicht hin, niemand sollte jetzt dort hin fahren. Komm, steig mit in mein Auto, wir müssen Hilfe holen, damit nicht noch mehr passiert."
Sheryll stieg zu ihm ein. Sie war froh, dass sie jetzt nicht mehr alleine war. Als sie ein paar Kilometer auf der Bundesstraße gefahren waren, kam es Karl eigenartig vor, dass sie noch kein weiteres Fahrzeug gesehen hatten. Normalerweise war hier immer reger Betrieb. Karl schaltete das Autoradio ein, wahrscheinlich wusste man doch schon Bescheid, was hier geschehen war und man hatte die Straße nach Köln bereits gesperrt. Aus seinem Radio kamen nur Störungen, das hing bestimmt noch mit den Wolken zusammen, dachte Karl.
"Suchst du bitte mal einen Sender?", sagte er zu Sheryll.
Sie startete den Suchlauf und beugte sich nach vorn, bis sie eine deutliche Stimme aus dem Radio vernahm.
Hier ist der Hessische Rundfunk mit seinen Nachrichten. Wie wir soeben erfuhren, bewegt sich eine riesige Wolkenbank auf Wiesbaden zu. Vorsicht, Autofahrer. Es besteht Unwettergefahr. Wir haben hier auch einige atmosphärische Störungen und leider keine Verbindung zu den Gebieten, aus deren Richtung das Unwetter kommt. Und jetzt weiter mit den Nachrichten...
Karl sah verstört zu Sheryll. Die Wolken waren nicht verschwunden gewesen, sie waren schon weiter gezogen. Und niemand ahnte, dass das keine gewöhnliche Unwetterfront war.
"Schwächt sich diese Wolke ab, Sheryll? Oder hat dieses Ding noch mehr Städte zerstört?"
"Ich weiß es nicht", antwortete sie. "Ich habe nicht die leiseste Ahnung."
Karl drosselte die Geschwindigkeit. Es könnte sein, dass sie plötzlich keine Straße mehr vor sich haben würden sondern nur noch ein schwarzes Nichts. Es war sogar höchst denkbar, denn sie hatten immer noch kein anderes Fahrzeug getroffen.
"Hol doch mal aus dem Handschuhfach den Autoatlas", sagte er zu Sheryll.
Höchstwahrscheinlich mussten sie bald auf Nebenstraßen weiterfahren oder Feldwege benutzen. Weiter wollte Karl nicht denken.
"Wir sollten auch den Wetterbericht verfolgen und die Richtung markieren, in der die Wolke weiter zieht", sagte Sheryll.
Sie hatte ihn verstanden. Wusste, dass sie um ihr Leben fuhren. Aber wie lange noch?



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Eingereicht am 08. November 2003.
Herzlichen Dank an die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin.