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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Verloren und wiedergefunden

Eine Kurzgeschichte von Casiopaya


Als Karl zum Fenster hinaus schaute, konnte er nicht ahnen, in welcher Weise sich ihre Wege kreuzen würden. Sein Blick ruhte auf dem Alten Turm aus dem frühen 14. Jahrhundert. In der späten Nachmittagssonne strahlte das denkmalgeschützte Bauwerk eine besondere Ruhe aus.
Zur gleichen Zeit saß Sheryll im ICE von Köln nach Frankfurt. Seit der Fertigstellung der neuen Schnelltrasse beträgt die Fahrtzeit nur noch 77 Minuten. Aber sie achtete nicht auf die Geschwindigkeit. Ihre Gedanken kreisten um die Fertigstellung des Projekts. Auch sie konnte nicht ahnen, in welcher Weise sich ihre Wege kreuzen würden.
Schwach schien die Sonne in Sherylls Fenster, als jene den Westerwald durchfuhren.
Für einen Moment verharrte sie dort, den Blick aus dem Fenster gerichtet, gar schien für jenen Moment die Welt still zu stehen, nein, in Zeitlupe an ihr vorbei zu schlendern.
Ein Lächeln der Kindheit legte sich auf ihre Lippen, erinnerte sie sich an ihren Opa, der ebenso, an solchen Tagen mit dem reich verzierten Wanderstock die kleine Straße zu ihrem Hofe entlang spazierte.
Hatte sie tatsächlich all jenes vergessen…
Karl, der wie gefesselt, das doch alt bekannte Bauwerk betrachtete, griff nach seinem Mantel und entsprang seinem sonst so strikten Tagesablauf, um einfach die wohl letzten Sonnenstrahlen des Jahres einzufangen.
Einst war ich mal Künstler, doch heute, da male ich, da zeichne ich, da entwerfe ich Kunstwerke, nur ein Künstler bin ich nicht. Karls Gedanken schienen von der frischen klaren Luft, aus dem Gemisch aus Herbst und Winter, wieder klar zu werden. Zu viele Farben hatten seinen Verstand eingebunden und nicht mehr frei werden lassen.
Hatte er tatsächlich all jenes vergessen…
Ohne Pause, voller Eile preschte der Zug, wie eine alte Kutsche, deren Pferde vom Kutscher zu Tode getrieben wurden.
Sheryll versank in ihrem Sitz, beschämt, wie ein Kind, hatte sie denn wahrlich vergessen, wie wunderschön die Welt da draußen war. Hatte sie wahrlich vergessen, wie sehr ihre Großeltern ihre Liebe verdienten. Aufgezogen, aufgewachsen, zu einem besonderen Menschen gemacht, und nun… abgeschoben.
Sie hatte sie abgeschoben für Ruhm, Geld und Karriere!
Seine Füße hatten ihn getragen, nicht wissend wohin, stand er plötzlich vor einem dieser gläsernen Hochhäuser, die er kannte wie seine Westentasche.
Im Innern sah er das gekrönte Werk seines Kopfes, seiner Hände stehen.
Viele Menschen gingen in der Eingangshalle daran vorbei, und es schien zu verblassen. Karls Werk, Karls Projekt, welches ihn zwei Jahre einspannte, zwei Jahre sein Privatleben nahm, wurde ignoriert.
Nicht dass es ein schier kränkender Schmerz war, der ihn ereilte, nein, Karl brach in sich zusammen, denn er wusste, er hatte die Magie in seinen Händen verloren.
Langsam rollte der Zug in den Bahnhof ein, und Sherylls plötzliche Angst vor der Hektik, machte sie gar panisch. Sie liebte doch Hektik, na ja, zumindest nahm sie sie einfach immer so hin.
Doch der Strom der vielen Menschen nahm sie wieder mit, ließ sie vergessen, was sie eben noch empfand.
Draußen atmete sie tief ein, nicht ob der Hektik, die sie eben noch befürchtete, nein, weil sie den Kampf der Grosstädter gewonnen hatte. Sieg!
Karl wandelte wie betäubt durch die Straßen, in Träumen in einer kleinen italienischen Stadt, deren Sommerwind ihn sanft umschmeichelte.
Dort hatte er seine Magie gefunden, in diesem verschlafenen Ort irgendwo in Italien. Ein Seminar zog ihn nach Florence, doch die große Stadt hatte ihm Unbehagen bereitet, und trotz ihrer phänomenalen Schönheit, die jedem Künstler wohl den Atem raubte, suchte er ein schlichtes Zimmer in einer Familienpension, morgens von dem Geschrei der koordinierenden Chefin des Hauses geweckt werdend.
Mit dem Taxi fuhr Sheryll zum Hause ihres Zieles. Ein Geschäftshaus, zwischen all den Hochhäusern, welches sie etwas enttäuscht blicken ließ, hatte sie an etwas Größeres gedacht.
Aber nun gut, ihr Projekt hatte sie nun so weit gebracht, sollte sie die Größe eines Hauses nicht aus den Bahnen werfen.
Architekten sind Künstler, hatte ihr Großvater immer gesagt, doch sie hatte jene Kunst nie gesehen. Nein nein, hatte sie immer gesagt, Architekten sind Wissenschaftler.
Pünktlich wie immer meldete sie sich bei der perfekt gestylte Dame der Rezeption.
"Hat man Sie denn noch informiert?"
"Informiert? Worüber informiert?"
Und so schallten die Worte der Dame in ihrem Kopf. Für jemanden anderen entschieden… kurzfristig… nicht persönlich nehmen… gute Arbeit… aber nicht das, was sie sich vorstellten…
Stillschweigend trat Sheryll auf die Strasse, beinahe ohrenbetäubend war die Geräuschkulisse.
Karl war noch in seinen Träumen, und als er an Italien dachte, kamen ihm die Bilder, die Fotos wieder in Erinnerung. Ja, war er denn nicht mal Fotograf gewesen. Die Fotos hatten ihm die Liebe zur Kunst gegeben. Doch wo waren all die Fotos hin…
Krach! .. Der Kaffeebecher, der eben noch in seinen Händen weilte, zart wärmend, landete auf der weißen Bluse einer jungen Dame.
Beide hatten wohl nicht aufgepasst, und an der großen Kreuzung, wo das alte Museum an der Ecke stand, trafen ihre Körper aufeinander.
Beide haspelten aufgeregt ihre Entschuldigungen hinunter, Karl griff nach einem Tuch, führte es an die Bluse der Dame, hielt doch aber inne, wäre das Abtupfen ihres Busens wohl sichtlich unangebracht gewesen.
Sie griff hastig nach dem Tuch, eine schier beschämende Situation, wischte sich über die Bluse, völlig ruiniert.
Erst nach einer Weile sahen die beiden hoch verlegenen Menschen sich an.
Karl nahm seinen Mantel gerade ab, um ihn ihr umzulegen, als er ihr Gesicht vernahm.
Verlegen ob seines Blickes, senkte Sheryll den Kopf leicht.
"Verzeihen Sie", stotterte Karl nur hervor.
"Schon gut, es ist ja nichts passiert."
"Nein, ich meinte gar nicht mehr den Kaffee, ich… Ich wollte Sie.. nicht so… anstarren."
Sheryll brachte nur ein nun zu tiefst beschämtes Lächeln zum Vorschein.
"Und verzeihen Sie nun noch mehr, wenn ich Sie bitte, mir meine Magie wieder zu geben!"
Eigentlich fuhr in einer Stunde Sherylls Zug, und diese Sätze des Mannes, der ihre Aufmerksamkeit erregte, drangen nur schwammig an ihr Ohr.
Doch sie nickte nur, ohne zu wissen, was sie da tat, nur zu wissen, dass es richtig ist, was sie tun wird.
Karl war mehr oder minder überrascht, hatte er niemals mit dieser Antwort gerechnet. Doch aber auch ihm schien jene Begegnung kein Zufall zu sein.
Karl nahm sie mit in sein Atelier, auf dem Weg dorthin redeten sie ununterbrochen und es schien, als würden sie sich seit einer Ewigkeit kennen.
Karl verschoss 4 Filme, in unprofessionellen Posen, als plötzlich Sherylls Mobiltelefon klingelte.
"Ein Versehen? Ihre Sekretärin hat mich verwechselt? Haben Sie ein Glück, dass ich diesen Mann… dass ich noch in der Stadt bin, eigentlich wäre mein Zug vor drei Stunden gefahren! … Ja ja, sicher, ich bin schon unterwegs, ich komme gleich!"
Karl nickte nur, reichte ihr ein Hemd, ging wortlos nach unten, ließ seinen Wagen an…
Hastig stieg Sheryll ein, band sich während der Fahrt noch das Haar.
Wortlos dirigierte sie Karl durch die Straßen, stieg dann an der Kreuzung aus, keine Zeit zum Halten, lauter Hupen.
"Ich melde mich!", sagte sie noch, als sie ausstieg und in den großen Flügeltüren verschwand.
Karl musste weiter fahren, doch schaute er noch lange in den Rückspiegel, bis er das Haus nicht mehr sehen konnte.
Zu Hause entwickelte er die Fotos, und betrachtete die Schönheit dieser Frau, deren Namen er nicht mal kannte, geschweige denn sie den seinen.
Ob sie sich melden würde oder nicht, er hatte seine Magie wieder gefunden, und sie ihre Kunst.
Da klingelte die Tür….



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Eingereicht am 31. Oktober 2003.
Herzlichen Dank an die Autorin.
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