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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Der Sonnenstrahl

Eine Kurzgeschichte von Joséphine Moser


Als Karl zum Fenster hinaus schaute, konnte er nicht ahnen, in welcher Weise sich ihre Wege kreuzen würden. Sein Blick ruhte auf dem Alten Turm aus dem frühen 14. Jahrhundert. In der späten Nachmittagssonne strahlte das denkmalgeschützte Bauwerk eine besondere Ruhe aus.
Zur gleichen Zeit saß Sheryll im ICE von Köln nach Frankfurt. Seit der Fertigstellung der neuen Schnelltrasse beträgt die Fahrtzeit nur noch 77 Minuten. Aber sie achtete nicht auf die Geschwindigkeit. Ihre Gedanken kreisten um die Fertigstellung des Projekts. Auch sie konnte nicht ahnen, in welcher Weise sich ihre Wege kreuzen würden.
"Der Träumer" oder "Philosoph", so wurde Karl oft genannt. Er konnte stundenlang am Fenster stehen und über Dinge, die ihn beschäftigten, nachdenken. So war er gewesen. Bis zu diesem verhängnisvollen Dienstagnachmittag, an dem er einen schweren Autounfall hatte. Und nun befand er sich in der Rehabilitationsklinik, mit zwei gebrochenen Beinen und einem eingegipsten Arm. Karl schaute auf die Uhr und seufzte. War die Zeit noch nicht um? Nein. Der Zeiger tickte langsam, langsam und immer langsamer. Karl bemerkte die Sonne nicht, deren Strahlen warm sein Gesicht streichelten und er bemerkte nicht, wie die Vögel pfiffen - ein Geräusch, das er in der Stadt immer vermisste. Er wartete ungeduldig. Auf wen? Ja, auf seine Freundin.
Seine Freundin aus Köln, die ihn besuchen kommen würde. Seit dem Autounfall hatte er sie nicht mehr gesehen. Anna. Seit zwei Jahren und einigen Monaten waren sie ein Paar. Das glücklichste Paar, wie es ihnen schien. Doch der Unfall hatte vieles verändert. Anna hatte inzwischen so vieles erlebt. Ohne ihn. Sie war hinausgetreten, hinaus in die Welt, hatte endlich getan was sie immer gewollt hatte. Sie studierte Architektur. Hatte sich der Meinung ihres Vaters widersetzt, Sekretärin zu werden. Hatte sich an der Uni angemeldet, und nun mit dem Studium begonnen.
Und Karl? Karl war Gärtner. Nicht, weil es ihm gefiel, nein, er hatte keine Stelle gefunden und schlussendlich das genommen, was noch übrig blieb. Gärtner.
Karl seufzte.
Ein plötzlicher Einfall zauberte ein Lächeln auf Sherylls Gesicht.
"Ja! Jetzt hab ichs!", sagte sie laut, schlug sich jedoch sofort die Hand vor den Mund und wurde rot. Eine junge Frau, die etwa in ihrem Alter war und ihr gegenüber saß, lächelte. Verlegen suchte Sheryll ein Blatt Papier, fand es, zückte einen Kugelschreiber und zeichnete mit kräftigen Strichen den Turm. Ja, genau so würde er aussehen.
Und nun, die Idee.
Stolz betrachtete Sheryll die Zeichnung. Der Chef würde stolz sein. "Sheryll", hatte er vor ihrer Abreise gesagt, "Sheryll, hauen Sie rein. Sie haben das Zeug dazu, das weiß ich schon lange. Und nun zeigen Sie, was sie können! Geben Sie ihr bestes!"
Sheryll hatte genickt, obwohl sich in ihrem Kopf die Gedanken überschlugen. Sie, Sheryll, allein in diesem Kuhkaff, zusammen mit dem feuchten Gemäuer eines alten Turms? Gedankenverloren kritzelte Sheryll nochmals eine Skizze vom Turm. In Frankfurt würde sie umsteigen müssen. Der Bus würde sie bis in das Kuhkaff chauffieren, in dem sie die nächsten zwei Wochen verbringen würde.
Sheryll seufzte.
Karls Finger trommelten auf das Fensterbrett. Nervosität. Bald würde er Anna sehen. Bald. In - er schaute auf die Uhr - seufzte, drei Stunden. Er konnte gar nicht begreifen, wie er es ausgehalten hatte ohne sie. Fünf Wochen lang. Er vermisste ihr kastanienbraunes Haar, ihr schüchternes Lächeln und ihr liebevolles Gesicht.
"Karl?", ein Pfleger klopfte an die Zimmertür.
"Ja?"
"Karl, deine Trainingsstunde! Komm, wir gehen raus, es ist herrliches Wetter!"
Mühsam setzte Karl sich in Bewegung, bis ihn der Pfleger sanft am Arm nahm und ihn stützte.
"Na, aufgeregt?", er grinste.
"Nö", antwortete Karl, obwohl sein Herz raste vor Nervosität. Noch zweieinhalb Stunden.
Frankfurt, Bahnhof. Sheryll suchte nach dem Bus. Ja, er stand genau dort, wo der Chef gesagt hatte, dass er stehen würde. Aufatmend ließ sich Sheryll auf einen der abgewetzten Sitze fallen.
"Ach, wir wollen wohl zum selben Ort hin!", meinte da eine Stimme hinter ihr.
Nach einem kurzen Blick über die Schulter merkte Sheryll, dass es dieselbe Frau war, die ihr schon im Zug gegenübergesessen hatte.
"Ja. Machen Sie Ferien?", fragte Sheryll interessiert.
"Nein. Ich besuchen jemanden."
"Sie kennen Leute dort?"
"Na ja, eigentlich nicht. Aber mein Freund... Neeiin!", ein gellender Schrei.
Verwirrt schaute Sheryll nach vorn, hätte es besser nicht getan, sah den Abgrund, hörte das Knirschen des Metalls, fiel, sah nichts mehr, hörte einen lauten Knall.
Und dann nichts mehr.
"Hach ist das schönes Wetter heute! Gerade richtig für einen Spaziergang, findest du nicht auch?"
"Ja, wirklich, wunderschönes Wetter!", sagte Karl und dachte "nun schweig doch endlich, lass mich in Ruhe!"
"Gehen wir zurück?", fragte der Pfleger, der merkte, dass Karl keine Lust und keine Kraft mehr hatte.
"Ja."
Sie drehten sich um, und sahen den Bus nicht. Sahen nicht, wie er ins Schlittern kam, wie er schließlich auf die Seite kippte und den steilen Abgrund abrollte. Hinter einem Felsen blieb er liegen.
Nur noch eine Viertelstunde! dachte Karl.
Irgend etwas fing Feuer. Sheryll roch es, hustete, rappelte sich auf und wankte nach draußen. Dann sah sie ihn. Der Busfahrer war durch die Windschutzscheibe aus dem Bus geschleudert worden und lag im Gras. Blut rann ihm über das Gesicht.
Sheryll beugte sich zu ihm, ja, er atmete. Aber wo war die Frau?
Der hintere Teil des Busses hatte Feuer gefangen, doch der vordere Teil war noch vom Feuer unberührt. Sheryll stolperte in das Innere des Busses, presste sich ein Taschentuch auf den Mund und kämpfte sich zu der Sitzbank, auf der sie noch vor einigen Minuten gesessen hatte. Eine Bank weiter hinten sah sie die Frau. Sie lag auf dem Boden, gab kein Lebenszeichen von sich. Das Feuer kam näher. Sheryll spürte die Wärme, die sich auf ihrem Gesicht ausbreitete.
Ohne nachzudenken packte sie den schlaffen Körper und schleppte ihn nach draußen. Schweiß rann ihr in Strömen über das Gesicht. Sie kamen nur langsam vorwärts, und das Feuer breitete sich immer weiter aus. Ein unterdrückter Laut stieg aus Sherylls Kehle.
"Ich schaff' es, ich schaff' es, ich schaff' es!", flüsterte sie heiser.
Endlich. Sie hatte es geschafft, legte den Körper sanft auf den Boden. In diesem Augenblick brach hinter ihr eine ohrenbetäubende Explosion aus. Die Überreste des Busses explodierten.
Karl hörte einen Knall, der leise herüberwehte. Er blickte sich um, sah den Rauch. Der Pfleger hatte es auch gesehen.
"Immer müssen alle ihren Müll verbrennen!", schimpfte er.
"Komm Karl, wir müssen dich doch noch ein wenig schön machen für deine Freundin!"
Ja, dachte Karl. Ich muss mich schön machen. Für Anna.
Noch fünf Minuten.
Ein Bauer hatte das Spektakel beobachtet und sofort zum Telefon gegriffen. Krankenwagen, Polizei, alle hatte er alarmiert. Nun stieg er in seine Stiefel, packte den Erste-Hilfe-Koffer und rannte den Hügel hinunter. Als erstes sah er den blutüberströmten Busfahrer. Er beugte sich zu ihm, untersuchte die klaffende Wunde.
"Er ist durch die Windschutzscheibe geschleudert worden.", sagte Sheryll, die den Bauern gesehen hatte.
Dieser drehte sich erstaunt um.
"Sie waren auch in dem Bus?"
"Ja, und ich glaube, diese Frau braucht unbedingt Hilfe."
Im selben Moment hörte man ein leises Wimmern. Es war die Frau.
"Sie sagt etwas!", Sheryll beugte sich zu ihr. "Was haben Sie gesagt?"
"Karl...", murmelte die Frau. "ich liebe... dich."
"Karl?", Sheryll schüttelte den Kopf. "Ich glaube, sie hat Halluzinationen. Kommt bald ein Krankenwagen?"
"Ja, er ist schon unterwegs."
Und tatsächlich. Aus der Ferne hörte man ihn. Rasch kam er näher, bis er schließlich am Unfallort stehen blieb.
Die Frau wurde sofort untersucht. Die Sanitäter sagten nicht viel, schüttelten nur traurig den Kopf.
Anna war tot.
Unruhig saß Karl auf dem Bett. Sie hatte schon fünfzehn Minuten Verspätung! Aus Langeweile stellte er das Radio an, das auf dem Nachtisch stand. "...ein schwerer Busunfall passiert, bei dem eine Frau ums Leben kam und eine weitere Person schwer verletzt ist. Die Ursache des Unfalls ist noch unklar. Die Strecke von Frankfurt in das betreffende Dorf ist bis heute Abend 22 Uhr gesperrt. Sachdienliche Hinweise bitte an die nächste Polizeistation..." Während Karl zuhörte, klingelte das Telefon. Anna? Hatte sie den Zug verpasst?
"Ja, hallo?"
"Guten Tag, ist dort ein gewisser Karl?"
"Ja, das bin ich.", sagte Karl und dachte: "Schade. Es ist nicht Anna."
"Hier ist Sheryll. Hören Sie..."
"Ja?"
"Es ist so schwierig. Karl, setzen Sie sich."
"Ich sitze bereits. Hören Sie, wollen Sie mich eigentlich für dumm verkaufen?"
"Nein, keinesfalls. Karl, Sie haben eine Freundin, Anna, richtig?"
"Ja. Wir sind seit zweieinhalb Jahren zusammen. Sie kommt mich heute besuchen, weil ich in der Rehabilitationsklinik..."
"Karl. Ihre Freundin, Anna, ist vor knapp einer halben Stunde bei einem Busunfall ums Leben gekommen. Es tut mir leid."
"Hören Sie, verarschen kann ich mich selber!", wütend legte Karl auf. Ha! Versuchte DIE ihn zu veräppeln!
Erneut klingelte das Telefon.
"Ja?", grunzte Karl unhöflich.
"Guten Tag. Hier Schwester Inge vom Elisabethen-Krankenhaus. Der Anruf vorhin war kein Scherz. Es tut mir sehr leid. Wir konnten nichts mehr für Ihre Freundin tun."
"Aber..."
"Setzen Sie sich hin und beruhigen Sie sich erst mal. Wir können nachher einen Arzt vorbeischicken, der Ihnen etwas zur Beruhigung gibt. In Ordnung?"
"Aber ich bin hier in der Rehabilitationsklinik, da hat es genug Ärzte...", murmelte Karl.
"Ach so ist das! Also. Wir machen es so: Sie holen mir jetzt Ihren zuständigen Arzt oder Pfleger ans Telefon, damit ich ihm Anweisungen geben kann."
"Ja.", verwirrt ging Karl hinaus auf den Flur. Ein Arzt kam ihm entgegen.
"Herr Doktor! Telefon für Sie. In meinem Zimmer."
"Ja. Aber Karl! Du bist ja leichenblass!"
Doch Karl hörte nichts mehr. Er war ohnmächtig zusammengebrochen.
Wie ein Löwe in seinem Käfig ging Sheryll in dem langen Krankenhausflur auf und ab. Wie würde die Operation verlaufen? Der Busfahrer hatte eine starke Blutung am Kopf und innere Verletzungen, die nun operiert wurden. Sheryll seufzte. Es war bereits halb zehn. Würde sie heute noch eine Unterkunft finden? Oder würde man sie im Krankenhaus übernachten lassen?
Drei Wochen später
Sheryll klopfte das alte Gemäuer des Turms ab. War es wirklich sicher genug? Sie maß, rechnete aus. Während sie in ihre Arbeit vertieft war, bemerkte sie den jungen Mann nicht, der auf der Mauer saß und wütend Steine in den nahegelegenen Bach warf.
"Ich hasse sie!", rief er plötzlich laut.
Erschrocken drehte sich Sheryll um. Da sah sie ihn. Er sah alt aus. Mit krummem Rücken saß er da, sein Haar war unordentlich und seine Kleidung schmuddelig. Und trotzdem fühlte sie sich auf seltsame Weise zu dem Mann hingezogen. Leise setzte sie sich neben ihn.
"Wen hassen Sie?", fragte sie sanft.
"Anna."
"Anna?"
"Sie... sie hat mich verlassen!", brach es aus ihm heraus.
Sein Gesicht sah mit einem Mal so verletzlich aus. Sheryll bemerkte, dass er überhaupt nicht alt war. Er war jung.
Und der junge Mann war Karl.
Seit drei Wochen war Karl jeden Tag hierher gekommen. Hatte sich auf die Mauer gesetzt. Und er hatte seiner Wut, seiner Trauer Luft gemacht. Seit drei Wochen stand er unter psychologischen Betreuung. Man hatte ihn in der Rehabilitationsklinik behalten, um ihm weiterzuhelfen.
Er kam über die Trauer nicht hinweg. Anna, seine Freundin, die alles von ihm wusste, die ihn kannte wie niemand anderes, war tot. Er konnte es nicht fassen, nicht begreifen. Er lief blind durch den Tag, hatte keine Augen für die Sonnenstrahlen, kein Gehör für das Gezwitscher der Vögel. Sein Herz war kalt. Und nun saß er neben einer - wie er dachte - wildfremden Person und erzählte ihr die ganze Geschichte.
... "Und ich dachte, diese Frau wolle mich für dumm verkaufen, als sie sagte, Anna sei tot. Ich habe sie angeschnauzt, obwohl sie es eigentlich gut gemeint hat.", erzählte Karl.
Sheryll hatte schon lange gemerkt, dass dies Karl war. Karl, von dem Anna erzählt hatte.
"Sie heißen Karl, nicht?"
"Ja! Woher wissen Sie das?"
"Karl... ich war die Frau am Telefon."
"SIE?"
"Ja. Ich. Ich befand mich auch in dem Bus, als das Unglück passierte."
"Aber..."
"Karl, ihre Freundin sagte noch etwas, bevor sie starb."
"Und zwar?"
"Sie sagte: Karl... ich liebe dich."
"Wirklich?"
"Ja, wirklich."
Ein leises Lächeln huschte über Karl Gesicht.
Sheryll bemerkte das Bedürfnis des Mannes zu reden. Reden über das, was geschehen war. Sie hörte ihm zu. Manchmal zeigte sie ihm mit einer kleinen Bemerkung, dass sie zuhörte.
Eine ganze Woche lang trafen sie sich jeden Tag. Sheryll berichtete von ihrem Job im Denkmalschutz. Erzählte von den Plänen mit dem Turm. Und Karl erzählte von Anna. Von ihren Träumen, ihren Hoffnungen und ihren Ängsten.
Durch all dieses Erzählen merkten die beiden immer mehr, wie ähnlich sie sich waren. Beide waren interessiert an alten Bauten, an Geschichte und historischen Ereignissen.
Es war ein schöner Tag, wie es schon seit Wochen schön war. Die Sonne schien warm, der Sommer begann.
Karl und Sheryll saßen auf ihrer Mauer und erzählten.
"Karl?"
"Ja?"
"Hörst du die Vögel?"
"Ja." Und er hörte sie wirklich. Die ganze Zeit hatten sie gesungen, doch Karl hatte sie nicht gehört. Doch jetzt hörte er sie.
Und in diesem Augenblick sah er, dass ein einzelner Sonnenstrahl direkt auf Sherylls lachendes Gesicht schien. Und er spürte, wie die Wärme in seinen Körper zurückkehrte.



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Eingereicht am 18. Oktober 2003.
Herzlichen Dank an die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin.