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Eine Kurzgeschichte von Clarissa Singer


Als Karl zum Fenster hinaus schaute, konnte er nicht ahnen, in welcher Weise sich ihre Wege kreuzen würden. Sein Blick ruhte auf dem Alten Turm aus dem frühen 14. Jahrhundert. In der späten Nachmittagssonne strahlte das denkmalgeschützte Bauwerk eine besondere Ruhe aus.
Zur gleichen Zeit saß Sheryll im ICE von Köln nach Frankfurt. Seit der Fertigstellung der neuen Schnelltrasse beträgt die Fahrtzeit nur noch 77 Minuten. Aber sie achtete nicht auf die Geschwindigkeit. Ihre Gedanken kreisten um die Fertigstellung des Projekts. Auch sie konnte nicht ahnen, in welcher Weise sich ihre Wege kreuzen würden.
Nervös blätterte sie in ihren Unterlagen. Gab es irgendetwas, das sie übersehen hatte? Sie lehnte sich zurück und atmete erleichtert auf. Nein, diesmal war alles perfekt. Dem Bau des Kinderheimes stand nun nichts mehr im Weg. Vor rund zehn Jahren war sie nach Deutschland zurückgekehrt, und sie hatte den Entschluss, endgültig hier zu leben, nie bereut. Ihre Mutter war in den Staaten geblieben und der Kontakt war seitdem zunehmend brüchiger geworden. Vor zwei Jahren schließlich, kurz vor Mutters Tod, hatte sie nochmals versucht, Vaters Namen herauszufinden. Das Einzige, was sie wusste, war, dass er Deutscher war. Vergebens, die Mutter hatte nur abgeblockt. "Als er von meiner Schwangerschaft erfuhr, hat er uns einfach sitzen lassen", sagte sie, "er ist es nicht wert, dass du ihn suchst." "Mutter", versuchte sie einzulenken, "du bist zu verbittert, er hatte sicher seine Gründe. Es war sicher auch für ihn nicht einfach." Doch es war nichts zu machen, Mutter gab den Namen nicht preis.
Mittlerweile hatte sie mit diesem Kapitel abgeschlossen. Abgeschlossen, nun gut, sie redete es sich zumindest ein. Sie stand nun selbst kurz davor, eine Familie zu gründen. Sie kannten sich noch nicht lange, doch diesmal war sie sich sicher, mit ihm, Fabian, würde sie den Rest ihres Lebens verbringen. Er war der Fels in der Brandung und sie verstanden sich auf eine nahezu unheimliche Art. Sie brauchte einen Satz nur anzufangen und er vervollständigte ihn. Umgekehrt war es ebenso, fast, als könnte sie seine Gedanken lesen und zu Ende bringen. Sie lächelte unbewusst, wenn sie nur an ihn dachte, und sie freute sich unbändig, dass nun in Frankfurt ihr gemeinsames Leben beginnen würde. Während sie das Kinderheim-Projekt zum Abschluss gebracht hatte, hatte er ein Haus für sie beide gesucht und gefunden. Warum denn gleich ein ganzes Haus, wir sind doch nur zu zweit, hatte sie ihn scherzhaft gefragt. Für unsere Kinder, die wir bald haben werden, hatte er mit einem schalkhaften Lächeln geantwortet. Ich sehe unsere Familie schon leibhaftig vor mir. Wir zwei und mindestens vier Rangen. Als sie ihn erschrocken anschaute, lachte er lauthals. Also gut, dann belassen wir es bei zwei, zumindest für den Anfang. Sie erwachte aus ihren Tagträumen und schaute auf. Gleich bin ich da, dachte sie zufrieden.
In Frankfurt angekommen, schaute sie sich suchend um. Sie sollte sich hier mit einem Herrn Karl Schrader treffen, dem Leiter des Projekts. Seltsam, diese Namensgleichheit, dachte sie, auch Fabian hieß Schrader. Ob vielleicht eine weitläufige Verwandtschaft besteht? Andererseits, Frankfurt war so groß, sicher reiner Zufall.
"Miss Crow?"
Sie zuckte zusammen. "Ja, das bin ich."
Sie schaute auf. Ein grauhaariger älterer Herr, sie schätzte ihn auf Anfang sechzig, reichte ihr die Hand. Er musterte sie eindringlich. "Mein Name ist Schrader, ich freue mich, Sie kennen zu lernen."
Etwas in ihr sagte ihr, dass die Freude zwiespältig war.
"Sie sind sicher etwas müde von der Reise, ich schlage vor, wir trinken gleich hier an Ort und Stelle noch einen Kaffee, bevor wir ins Büro fahren."
Sie fand es ungewöhnlich, willigte aber ein. So saßen sie sich nun in diesem Bistro gegenüber und der alte Herr schien nach Worten zu suchen. Endlich hatte er sich gefasst. "Miss Crow, halten Sie mich nicht für indiskret, aber ich muss Sie etwas fragen. Wie ist der Vorname Ihrer Mutter?"
Nun verstand Sheryll überhaupt nichts mehr. Was hatte ihre Mutter mit diesem Projekt zu tun?
"Meine Mutter hieß Kathrin, können wir nun endlich zu unserem Projekt kommen?"
Sie war etwas schnippisch geworden. Der alte Mann wurde plötzlich sehr bleich.
"Oh Gott, ich ahnte es, ich ahnte es gleich, als ich zum ersten Mal Ihren Namen hörte, Miss Crow."
Er stöhnte und rang um Fassung.
"Was haben Sie denn", fragte Sheryll, "ist Ihnen nicht gut?"
"Miss Crow, was ich Ihnen jetzt erzähle, wird Ihnen nicht gefallen. Aber glauben Sie mir bitte, auch für mich wird es nicht leicht werden. Ich versuche, mich kurz zu fassen. Als Fabian mir von ihnen erzählte und ich Ihren Namen das erste Mal hörte, beschlich mich gleich eine böse Ahnung, nun habe ich leider die Gewissheit. Es tut mir so unendlich leid, glauben Sie mir bitte, aber Sie können ..." er stockte.
"Was kann ich?", fragte Sheryll ungeduldig.
"Sie können Fabian nicht heiraten."
Sheryll wusste nicht mehr, was sie davon halten sollte.
"Warum sollte ich ihn nicht heiraten können, und was geht Sie das überhaupt an?"
Und dann kamen die Worte aus Herrn Schraders Mund, die Worte an die sie sich für den Rest ihres Lebens erinnern würde.
"Ich bin Fabians Vater - und auch ihrer..."
Mit diesem einen Satz hatte sich ihr ganzes Leben geändert. All die Jahre hatte sie sich nichts sehnlicher gewünscht, als eines Tages ihren Vater kennen zu lernen. Was hatte sie nicht alles versucht, um ihn ausfindig zu machen. Wie sehr hatte sie manchmal ihre Mutter verwünscht, weil sie ihr nicht weiterhelfen wollte. Nun hatte sie ihn gefunden, endlich, aber um welchen Preis?



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Eingereicht am 14. Oktober 2003.
Herzlichen Dank an die Autorin.
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