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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Als Karl zum Fenster hinaus schaute

Eine Kurzgeschichte von Vera Leski


Als Karl zum Fenster hinaus schaute, konnte er nicht ahnen, in welcher Weise sich ihre Wege kreuzen würden. Sein Blick ruhte auf dem Alten Turm aus dem frühen 14. Jahrhundert. In der späten Nachmittagssonne strahlte das denkmalgeschützte Bauwerk eine besondere Ruhe aus.
Zur gleichen Zeit saß Sheryll im ICE von Köln nach Frankfurt. Seit der Fertigstellung der neuen Schnelltrasse beträgt die Fahrtzeit nur noch 77 Minuten. Aber sie achtete nicht auf die Geschwindigkeit. Ihre Gedanken kreisten um die Fertigstellung des Projekts. Auch sie konnte nicht ahnen, in welcher Weise sich ihre Wege kreuzen würden.
Langsam wurde es Zeit. Karl schaute auf das feine Zifferblatt seiner goldenen Armbanduhr, ein Weihnachtsgeschenk von Luciane. Er atmete einmal tief durch und erhob sich aus seinem tannengrünen Kordsessel. Ein unruhiges Gefühl begleitete ihn. Ein anstrengender Flug stand ihm bevor und eine lange Zeit würde er nicht wieder zurück kehren, zu seinem beliebten Platz am Fenster. Noch einen kurzen Blick gestattete er sich in die von ihm so vertraute Landschaft. Diese Momente, in denen er, geschützt in seiner Wohnung, der Außenwelt und dem Geschehen der belebten Straße zuschauen konnte, würde er vermissen. Während er sich noch einmal gründlich in seinen vier Wänden umschaute, schritt er vorsichtig zur Eingangstüre, an der seine abgegriffenen, weltgewandten Lederkoffer auf ihn warteten.
Eine Durchsage riss Sheryll aus ihren Gedanken an ein anderes Land. In fünfzehn Minuten würde sie Frankfurt erreicht haben. Sie bemerkte die Aufregung, die langsam und gründlich wieder in ihrem Magen aufstieg. Eine solche Reise würde sie ihr Leben lang nicht vergessen, sie würde und sollte sie prägen. Wie lang Sheryll darauf gespart hatte, konnte sie schon nicht mehr nachvollziehen. Auch die Vorbereitungen, die sie getroffen hatte, nahmen einige Wochen in Anspruch. Alles würde sich mit ihrem Projekt bezahlt machen, da war sie sich sicher und immerhin war ihre Reise somit kein Luxus- oder Erlebnisurlaub mehr, sondern hatte einen Zweck zu erfüllen. Sheryll schlug ihren Reiseführer zu und steckte ihn zurück in den Rucksack.
Menschenmengen durchströmten den riesigen Flughafen. Familien rannten, mit ihren Kindern an der Hand, hastig durch die Hallen. Familienangehörige empfingen sehnsüchtig ihre Verwandten. Paare hielten sich erwartungsvoll an den Händen. Und wieder andere fielen sich mit Freudentränen in die Arme. Sheryll blieb nicht viel Zeit, sich umzusehen. Sie hatte Mühe, sich in den Hallen des Flughafengebäudes zurechtzufinden. Den Flughafen von Köln kannte sie gut genug, um dort jeden einzelnen Terminal beschreiben zu können, doch der Flughafen von Frankfurt war für sie eine ganz neue Erfahrung. Für Sheryll wäre es leichter gewesen einen Flug von Köln zu nehmen, doch erwies sich ein Flug von Frankfurt schließlich als überschaubarer.
Auch Karl erging es nicht anders als, er am Flughafengelände aus dem Taxi stieg. Der Trubel und die vielen Menschen machten ihn nervös. Obwohl er in den letzten fünf Jahren ständig in den Lüften war, wurde er noch immer nicht mit sogenannten Stresssituationen fertig.
Als Sheryll sich schließlich, hinter einem jungen Ehepaar, an einen Schalter anschloss, bemerkte sie Karl nicht, der sich in einer Menschentraube den Weg zum Schalter bahnte. Warum auch? Sie waren sich nie begegnet und in diesem Auflauf, der sich in den Hallen drängte, hätte Sheryll sogar einen ihrer engsten Verwandten nicht erkannt, wenn er neben ihr gestanden hätte. Zudem waren Sheryll und Karl an diesem Tag und in dem Getümmel, des Öfteren aneinander vorbei gelaufen, ohne nur den geringsten Funken Ahnung zu haben, von dem, was noch auf sie zu kam, und auf welch ungewöhnliche Weise sie sich begegnen sollten.
Einige Stunden waren vergangen. Der Flug hatte sich wegen zu schlechten Wetterverhältnissen verschoben. Sheryll, die mittlerweile ihren Platz im Flugzeug eingenommen hatte, war erleichtert darüber, dem schrecklichen Novemberwetter Deutschlands entfliehen zu können. Sie liebte die Sonne und die Wärme und dort, wo ihre Reise enden sollte, würde sie sich vor Sonne und Hitze kaum retten können. Allerdings ließ sie die Durchsage des Piloten doch etwas unruhig werden. Sie hatte einen langen Flug vor sich und schlechte Wetterverhältnisse gefielen ihr genauso wenig, wie langes Warten vor dem Flug. Um die Zeit etwas zu vergessen nahm sie sich ihren Reiseführer, sowie einen Notizblock zur Hand. Sollte sie auf etwas Auffälliges treffen, stand ihr, zum Notieren von Stichpunkten, sofort das nötige Material zur Verfügung.
Karl, der nur durch den Mittelgang und eine alte Dame von Sheryll getrennt wurde, hatte sich bereits einem seiner historischen Romane gewidmet. Unwettermeldungen und Verspätungen gehörten bei ihm zum Flugalltag. Auch drängte ihn der Abflug nicht, solche Gelegenheiten packte er stets beim Schopfe und schlug eines seiner geliebten Bücher auf. Zu gern entfloh er der Zeit und ließ sich vom Autor in eine völlig andere Welt versetzen. Fern von all dem Stress, der heutzutage auf den Straßen herrschte, fern von all seinen Sorgen.
Das Rumoren des Flugzeuges und die Schreie der Kinder verursachten eine gespannte Unruhe unter den Passagieren. Die Getränke, sowie das Essen wurden schon vor einer Weile von den Stewardessen abgeräumt. Eine Warnung, die betonte, dass sich jeder anschnallen, und auf seinem Platz Ruhe bewahren sollte, hallte durch die Lautsprecher. Einige, nicht enden wollende Minuten wurde das Flugzeug bereits von einem Sturm erschüttert. Den meisten Passagieren war die Angst oder zumindest die Ungewissheit in die bleichen Gesichter geschrieben. Karl hielt seinen Roman in den verschwitzten Händen und beharrte mit geschlossenen Augen in einer angespannten Körperhaltung.
Sheryll starrte mit ineinandergefalteten Händen auf das, an der Rückwand angebrachte Netz, ihres gegenüberliegenden Sitzes. Noch immer legte sich der Sturm nicht und das Flugzeug kämpfte sich durch das Unwetter. Einige Menschen begannen zu weinen, andere zu beten. Ein furchterregender Eindruck überkam Sheryll, als sie sich umschaute und in die, von Angst erfüllten Gesichter sah. Sheryll selbst konnte nicht glauben, dass dies hier Wirklichkeit war, sie konnte nicht glauben, wie schnell ihr Traum, samt ihres Lebens dahinfließen sollte.
Auch Karl hatte jetzt im Stillen mit Gebeten seiner Kindheit begonnen. Er wunderte sich selbst, dass ihm diese nach so langer Zeit, leicht wie Seide, über die Lippen gingen. Niemals hatte er das Beten dermaßen ernst genommen, wie in der jetzigen Situation. Niemals war ihm bewusst geworden, von welch einer Bedeutung ein einfaches Gebet sein konnte. Gleichzeitig schämte er sich, den Glauben an Gott so sehr vernachlässigt zu haben. Er wusste jetzt, wie nah ihm Gott in diesem Moment war und er hoffte, er möge ihm seine Nachlässigkeit verzeihen.
Sheryll dachte an ihre Mutter, die von der Planung, bis zum Antritt der Reise gegen diese Unternehmung war. Sie wusste genau, dass sie sich daheim große Sorgen machte. Wenn sie wüsste, in welcher Situation ihre Tochter in diesem Moment steckte, würde sie vor Schreck bewusstlos werden. Dann sah Sheryll ihren Vater vor Augen, wie er mit ihr alle Vorbereitungen, sowie alle erdenklichen Sicherheiten getroffen hatte. Er hatte ihr immer wieder ans Herz gelegt, in Engpässen nie den Glauben an sich selbst zu verlieren, immer stark zu bleiben und immer auf das Gute zu hoffen. An diese Worte erinnerte sie sich und ihr stiegen salzige Tränen in die Augen, die kitzelnd ihre Wange herunterliefen. Sie verspürte die Sehnsucht nach ihren Eltern, ihrer kleinen Schwester und ihrer sicheren Wohnung, in der ihr Kater Leonard bestimmt auf sie wartete. Doch auch wenn es ihr schwer fiel, hatte Sheryll nun einmal diesen Schritt getan und so würde sie es auch durchstehen. Sie riss sich zusammen und versuchte, nicht der Vergangenheit oder ihrer Heimat nachzuhängen, immerhin würde sie wieder zurück kommen. Gerade als Sheryll aufrechter und selbstsicherer auf ihrem Sitz zurecht rückte, begann das Flugzeug ruhiger zu werden. Die Menge lauschte gespannt dem Motorengeräusch und ließ ein erleichtertes Ausatmen hören, als die Maschine tatsächlich wieder in ihren Normalzustand zurück kehrte. Sie waren wahrhaftig außer Gefahr, sie hatten wirklich überlebt und schwebten in Sicherheit. Wie auch der Pilot im nachhinein bekannt gab, hatte es sich in der Tat um ein schwerwiegenderes Problem gehandelt. Er brachte vor den Passagieren zum Ausdruck, dass man in diesem Fall von übernatürlichem Glück reden konnte.
Karl wusste nach den Aussagen des Piloten sehr genau, dass es sich um ein Wunder gehandelt haben muss. Er hatte sämtliche Zeitungsberichte gelesen, in denen ein Flugzeugabsturz die selben Merkmale aufwies, wie dieser selbst er- und überlebte Vorfall.
Die etlichen Stunden Flug und die Aufregung hatten Karl müde gemacht. Er beschloss, bevor er die weitere Reise über das Land zu Luciane beging, vorerst eine Nacht in einem Hotelzimmer zu übernachten. Außerdem hatte er somit noch ein wenig Zeit, sich Gedanken zu machen, wie er Luciane eine schonende Erklärung geben konnte. Das schlechte Gewissen hatte ihn jetzt schon lange genug geplagt und er konnte es nicht erwarten, endlich von seinem Kummer befreit zu werden. Er wusste, dass Luciane eine verständnisvolle Frau war, doch wusste er auch, wie sensibel sie war. Er hatte Angst sie zu verletzen, auf keinen Fall wollte er ihr weh tun. Karl hatte sie sehr geliebt und die Zeit mit ihr würde ihm immer in Erinnerung bleiben. Allerdings wusste er, dass die Gefühle, die er jetzt für sie empfand, zu schwach waren. Noch hatte er sie nicht gesehen und war auf die Begegnung mit ihr gespannt, doch wusste er genau, dass sein ganzes Herz nun nicht mehr Luciane gehörte.
Mit der Fernbedienung in der Hand zappte Sheryll die verschiedenen fremdsprachigen Kanäle ab. Sie konnte nur Bruchstücke verstehen, trotzdem versuchte sie, sich einiges aus den Nachrichten ihres Heimatlandes zusammenzureimen oder gar einen deutschsprachigen Kanal zu finden. Ihr Hotelzimmer war sehr hell und im Gegensatz zu den Temperaturen an der freien Luft, durch die Klimaanlage schön kühl. Es brauchte erst seine Zeit, bis sie sich an die Hitze gewöhnen konnte und gerade dazu war ihr die Klimaanlage sehr hilfreich.
Als sie nach einer Weile erfolglos den Fernseher ausschaltete, entschied sie sich, nach einer ausgiebigen Dusche, direkt schlafen zu legen. Morgen früh würde sie von einem Typen Namens Logan abgeholt, der sie zur Hilfe ihrer Berichte durch das Land führen sollte. Es ging schon um sechs Uhr in der Früh los und Sheryll ahnte, dass es kein Leichtes sein würde, mit dem Jeep durch die Landschaft zu fahren. Darum wäre es nicht falsch, wenn sie ausgeschlafen und fit den neuen Tag anging.
Das lange honigfarbene Engelshaar und die abwechselnd hell- und dunkelblau leuchtenden Augen Lucianes, ließen Karl für einen Moment stocken und seine Gedanken durcheinander wirbeln. Er hatte vergessen, wie schön sie war. Sie lief ihm, als sie ihn entdeckte, schnellen Schrittes entgegen und ihre Locken wehten im Wind ihrer Geschwindigkeit. Herzlich schloss sie ihn in die Arme, doch war es nicht die Begrüßung eines Paares. Karl war sich sicher, dass es nicht an ihm allein liegen konnte, weshalb zwischen ihnen eine unsichtbare Mauer entstand. Irgendetwas hatte sich auch an Luciane verändert. Leicht schob Karl sie von sich weg, um sie anzuschauen. Ihre Augen strahlten ihn an, doch nicht so, wie sie es damals taten. Auch hatte Luciane etwas zugenommen stellte Karl fest, aber es stand ihr sehr gut.
Lange hielten sie sich nicht vor dem Hoteleingang auf und legten mit dem Auto ungewöhnlich schweigsam den zweistündigen Weg zu Lucianes Haus zurück. Dort angekommen, war es für Karl unausweichlich, direkt mit Luciane zu reden. Sie konnte ihn noch immer vor die Türe setzen und er würde es verstehen. Erst wollte er klare Verhältnisse schaffen, bevor er sich bei ihr einquartierte.
Der junge braungebrannte Mann, der locker von seinem Jeep sprang und auf den Hoteleingang zusteuerte, stellte sich als Sherylls Führer Logan heraus. Dass er gut aussah, war Sheryll nicht entgangen und die Erleichterung die sie empfand, als sich herausstellte, dass er obendrein noch sehr nett war und etwas Deutsch sprechen konnte, gaben ihr neue Energie. Nun hatte sie wirklich Lust, das Land kennen zu lernen und ein gutes Buch darüber zu schreiben. Wenn alles nach ihren Plänen verlief, hätte sie sich mit dieser Reise gleich zwei Träume erfüllt. Zum einen die Reise nach Australien, von der sie seit ihrer Kindheit träumte und zum anderen hätte sie genügend Material, um eine wunderbare Geschichte über ihre Erlebnisse in diesem Land zu schreiben.
Bei einer Flasche Wein und entspannter Atmosphäre saßen Karl und Luciane auf der langen, mit weißem Zaun und Ranken verzierten Veranda beieinander. Karl hatte Luciane von seiner neuen Bekanntschaft durch das Internet erzählt. Auch hatte er ihr gestanden, dass er mehr für diese Frau empfand, als er sich je hätte vorstellen können. Ihm selbst war nie klar geworden, wie sich jemand verlieben konnte, den er nie im Leben zu Gesicht bekam. Dass er sich selbst einmal in dieser Situation wiederfinden würde, daran hätte er niemals geglaubt. Er erzählte Luciane alles haarklein und sie hörte ihm begeistert zu. Was ihn allerdings am meisten verblüffte, war, als Luciane von ihrer Begegnung mit einem anderen Mann erzählte. Auch sie hatte sich in jemand anderes verliebt und hatte Karl einiges darüber zu erzählen. Luciane, wie auch Karl waren sehr glücklich darüber, wie einfach ihre Probleme zu lösen waren und nahmen sich vor, einen schönen letzten Urlaub miteinander zu verbringen. Luciane erzählte begeistert von den Entwicklungen, die im letzten halben Jahr in ihrer Umgebung statt gefunden hatten und freute sich darauf, ihm alles zu zeigen. Sie versicherte Karl, dass sie genügend Zeit habe, ihm alle neuen Sehenswürdigkeiten zu zeigen, denn auch ihr Freund sei zu einer Rundführung von Touristen im Land unterwegs.
Allmählich lernten Sheryll und Logan sich einander besser kennen. Sheryll erzählte sehr viel von ihrem Leben in Deutschland und wie anders doch hier in Australien alles war. Sie war hingerissen von der wunderbaren Landschaft, die sich ihr bot. Von den Tieren, die sie bisher nur aus dem Fernsehen oder aus Büchern kannte. Alles, aber auch alles begeisterte Sheryll an diesem Land. Logan erklärte sehr viel vom Ursprung des Landes, von den Aborigines und den Goldgräbern. Auch erzählte er ihr von seiner Freundin und dass sie bald ein Baby erwarte. Er schien sehr glücklich zu sein, konnte Sheryll während er erzählte an seinen strahlenden Augen feststellen und wünschte sich auch einmal das Gefühl zu haben, für jemanden sorgen zu können. Sie liebte die Freiheit, aber genauso gut sehnte sie sich nach einer Beziehung, einem Menschen, für den sie da sein konnte und der sie brauchte. Sicher gab es da jemanden, der vielleicht der Richtige war und in den sie verliebt zu sein glaubte, doch war ihr dieses Verhältnis noch zu wackelig, um daran festzuhalten. Erst einmal musste sie diesen Menschen richtig kennen lernen, um ihn bedingungslos lieben zu können.
Die Wochen vergingen und der Tag der Abreise rückte näher. Karl und Luciane hatten aneinander gute Freunde gefunden und gaben sich das Wort, in Kontakt zu bleiben. Keinem von beiden kam es in den Wochen, in denen sie fast ununterbrochen beieinander waren so vor, als läge etwas zwischen ihnen. Noch nicht einmal konnte sich einer der beiden vorstellen, jemals etwas anderes als Freundschaft für den Gegenüber empfunden zu haben. Es mochte sein, dass die Beziehung, die sie damals führten mehr noch eine Kumpelschaft, als eine Liebe war. Vielleicht war es niemals Liebe gewesen, die sie für einander verspürt hatten. Jedenfalls waren sie glücklich über die unkomplizierte Einigung und ihre bestehende Freundschaft.
Luciane erzählte davon, dass sie sich am Flughafen nach seiner Abreise mit Logan treffen wolle. Sie bot Karl an, ihn kennen zu lernen, doch rechnete sie nicht wirklich damit, dass Karl dies wolle. Zu ihrem Erstaunen war Karl völlig gespannt darauf, Logan kennen zu lernen. Den Vater, des in Lucianes Bauch heranwachsenden Babys. Luciane verabredete rasch einen früheren Zeitpunkt, zu dem sie sich am Flughafen mit Logen traf, und so konnten sie sich vor Karls Abflug noch in Ruhe einen Drink genehmigen.
Für Sheryll verging die Reise viel zu schnell. Wie gern wäre sie in diesem warmen Land geblieben. Sie hatte kaum genügend Zeit, um sich all die schönen Dinge dieses Landes anzuschauen. Am liebsten, so dachte sie, würde sie für immer in diesem wunderschönen Land bleiben. Ihr graute vor dem kalten Winterwetter Deutschlands. Aber das ging nun einmal nicht, sie konnte nicht mutterseelenallein auf diesem fremden Erdteil bleiben, ohne Arbeit, ohne Wohnung. Außerdem wartete daheim in Deutschland ihre Familie. Zwar hatte Sheryll eine eigene Wohnung und führte ein eigenes Leben zusammen mit Kater Leonard, doch liebte sie ihre Eltern und ihre Schwester sehr und freute sich auf ihr Wiedersehen. So ganz allein, das würde sie nicht durchstehen, sie brauchte einfach die Familie.
Genau wie Sheryll sich auf das Wiedersehen in Deutschland freute, freute sich Logan auf das Treffen mit seiner zukünftigen Ehefrau und dem Baby, das sie in sich trug. Sie sollten am Flughafen aufeinander treffen und Logan konnte es kaum erwarten, Sheryll seine neue Familie vorzustellen. Auch Sheryll war durch Logans Schwärmereien neugierig geworden, sie freute sich darauf, die Bekanntschaft mit einer weiteren Australierin zu machen. Zwar hatte Sheryll auf ihrer Reise genügend Einwohner dieses Landes kennen gelernt, doch war sie über jede neue Bekanntschaft sehr erfreut. Immerhin wollte sie ein gutes Buch schreiben und je mehr Leute sie dazu befragte, desto mehr erfuhr sie über das Land und das Leben auf diesem Kontinent. Es war Sheryll gerade recht, dass Logan mit seiner zukünftigen Frau einen früheren Termin abgemacht hatte, als vorerst geplant, somit hatten sie noch genügend Zeit zum Quatschen.
Der Tag der Abreise war gekommen und die kleine, im Landhausstil errichtete Kneipe, in der Nähe des Flughafens konnte keinen krönenderen Abschied von diesem atemberaubenden Land geben. Die Schritte hallten auf den Holzdielen wider, als Sheryll mit Logan das Lokal betrat. Sie waren scheinbar die Ersten, die zum Treffpunkt erschienen und so hatte Sheryll die glückliche Wahl, sich für einen gemütlichen Sitzplatz zu entscheiden. Die Eckbank am Fenster mit einer wunderbaren Aussicht auf die Landschaft kam für Sheryll sehr gelegen. So hatte sie noch einmal die Möglichkeit, sich einige Bilder des australischen Lebens in ihr Gedächtnis einzuprägen.
Als schließlich eine junge, gesund aussehende Frau mit einem Mann etwa gleichen Alters das Lokal betrat und mit einem herzlichen Lächeln auf ihren Tisch zustrebte, traute Sheryll ihren Augen kaum. Der junge Mann, in Begleitung dieser Frau, kam ihr sehr bekannt vor. An der Erheiterung Logans konnte Sheryll schnell erahnen, dass es sich bei der Frau um Luciane handeln musste, doch zu mehr war Sheryll nicht imstande. Sie saß starr wie ein Stein auf der Eckbank und richtete ihre Blicke nur auf den Mann, der nun unmittelbar vor ihr stand.
Karl fühlte sich, wie von einem Schlag getroffen. Es konnte doch nicht sein, dass sie hier in Australien ist, sagte er sich. Während sich Luciane, und wie er vermutete Logan, mit Freudentränen umarmten, stand er nur da und schaute sie an. Auch sie schien durch diese Begegnung erstaunt zu sein, denn sie ließ ihre Augen nicht eine Sekunde von ihm. Monatelang hatte er sich mit ihr E-Mails zugeschickt und nie hatte es bisher zu einem Treffen gereicht. Als sie ihm mitteilte, für eine Weile ins Ausland zu reisen, hatte er die Gelegenheit beim Schopfe gepackt, um seine Reise zu Luciane anzutreten und mit ihr zu reden. Wie hätte er ahnen können, dass sie das selbe Ziel vor Augen hatte? Jetzt saß sie, so wie er sie von Bildern kannte, nein, viel schöner auf dieser gemütlichen kleinen Eckbank in einer australischen Kneipe.
Sheryll konnte es nicht fassen. Wie konnte es sein, dass sie sich am anderen Ende der Welt trafen? In Deutschland, wo sie einander nur eine Stunde Autofahrt entfernt waren, hatten sie es nie dazu gebracht. Jetzt stand er tatsächlich auf einem anderen Kontinent direkt vor ihr. Langsam stand Sheryll auf um Karl zu begrüßen. Noch immer schauten sich die Beiden tief in die Augen. Sie wusste es in jenem Moment, in dem er mit Luciane zur Tür herein kam, dass er es ist. Es war der reinste Wahnsinn, sagte sich Sheryll, denn er sah in Wirklichkeit viel besser und männlicher aus, als auf den von ihm geschickten Bildern.
Sie standen sich sehr nah gegenüber, als Karl schließlich Sherylls Hände ergriff und sie zärtlich in seinen hielt. "Sheryll?", flüsterte er, mit einer atemberaubenden Stimme in ihr Ohr, indem sein Atem zärtlich an ihrem Hals entlang strich und Sheryll wären dabei fast die Knie ineinander gegangen. Dieses umwerfende Gefühl hatte sie in ihrem Leben niemals gespürt, sonst hätte sie sich daran erinnern müssen. Sie fühlte sich freier noch, als über den Wolken, sie fühlte sich, wie in einem wahnsinnigen Rausch. "Karl?", flüsterte sie leise und mit zittriger Stimme zurück und wandte noch immer nicht den Blick von ihm ab.
Langsam führte er seine zärtlichen großen Hände über ihr Gesicht und kam mit seinem Kopf sehr nah an sie heran. Auch Sheryll kam ihm mit einem sehnsüchtigen Verlangen entgegen. Sie wusste, dass er der Mann war, den sie hingebungsvoll lieben konnte und auch Karl wusste in dem Moment, in dem er seine Lippen auf ihre legte, dass es für ihn keine andere Frau mehr geben konnte.
Nach einem wunderbaren Abschied von Luciane und Logan saßen Sheryll und Karl im Flugzeug nebeneinander und schauten auf das ferne Land zurück. Eng aneinandergekuschelt ließen sie sich über die Wolken tragen und träumten von ihrer gemeinsamen Zukunft, sowie von ihrer nächsten gemeinsame Reise auf den fünften Kontinent.



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Eingereicht am 13. Oktober 2003.
Herzlichen Dank an die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin.