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Als Karl zum Fenster hinaus schaute

Eine Kurzgeschichte von Petra Lehr


Als Karl zum Fenster hinaus schaute, konnte er nicht ahnen, in welcher Weise sich ihre Wege kreuzen würden. Sein Blick ruhte auf dem Alten Turm aus dem frühen 14. Jahrhundert. In der späten Nachmittagssonne strahlte das denkmalgeschützte Bauwerk eine besondere Ruhe aus.
Zur gleichen Zeit saß Sheryll im ICE von Köln nach Frankfurt. Seit der Fertigstellung der neuen Schnelltrasse beträgt die Fahrtzeit nur noch 77 Minuten. Aber sie achtete nicht auf die Geschwindigkeit. Ihre Gedanken kreisten um die Fertigstellung des Projekts. Auch sie konnte nicht ahnen, in welcher Weise sich ihre Wege kreuzen würden.
Karl hatte seit ein paar Monaten den Job eines Taxifahrers angenommen um sich ein Zubrot zu verdienen. Als Medienstudent ist das Einkommen nicht so hoch, als dass er sich mit Leichtigkeit seine kühnsten Träume hätte erfüllen können. Er wünschte sich ein eigenes Haus mit Garten und er würde gerne viel auf Reisen gehen um Recherchen für seine Medienarbeit zu sammeln. Er fuhr mit seinem Taxi zum Flughafen, um seinen Arbeitstag zu beginnen. So saß er nun im Taxi und wartete auf seinen nächsten Fahrgast.
Sheryll schaute auf die Uhr, es würde ihr spielend reichen pünktlich zu ihrem Meeting zu kommen. Sie saß in ihrem klimatisierten Abteil und schaute aus dem Fenster. Es fing an zu regnen. Der Regen war bitter nötig, die Sommerhitze der letzten Wochen hatte alles ausgetrocknet. Sie wollte ihr neues Projekt einer Immobiliengesellschaft vorstellen, wie man besser und schneller die Immobilien per Internet präsentieren konnte. Mittels Webcams sollte es dem Kunden möglich sein, die Objekte in 3-D von zu Hause aus zu begutachten ohne großen Reiseaufwand. Jeder Raum würde einzeln begehbar sein mit Rundumblick. Der Kunde müsste nur einen Zugangscode erhalten und hätte somit freie Bahn und könnte auch sofort sein Erstgebot abgeben. Sie war überzeugt von ihrer Idee und musste sie nur noch wie ein Profi präsentieren. Sie schaute wieder aus dem Fenster und es blitzte und donnerte.
Der Zug wurde plötzlich langsamer gefolgt von einer Durchsage: "Auf Grund eines Blitzeinschlages in die Signalanlage der Fahrtstrecke muss der Zug anhalten, bis das Signal repariert ist. Die Ankunftszeit in Frankfurt ist bis auf Weiteres nicht absehbar". Das durfte nun wirklich nicht wahr sein, dachte sich Sheryll. Die Zeit hätte ihr spielend gereicht, dann mit dem Taxi zur Hauptstelle und sogar noch 15 Minuten Luft, die sie in der Bahnhofstoilette genutzt hätte, um ihr Make-up zu überprüfen und um sich frisch zu machen. 25 Minuten waren vergangen als sich der Zug wieder in Bewegung setzte. Mit großer Erleichterung stieg Sheryll dann endlich in Frankfurt aus dem Zug. Sie eilte den Bahnsteig entlang zur Rolltreppe und plötzlich, sie wusste nicht wie ihr geschah, lag sie auf der Rolltreppe. Ihr Absatz hatte sich in dem kleinen Spalt zwischen den einzelnen Stufen verfangen und sie zu Fall gebracht. Sie richtete sich mit schmerzverzerrtem Gesicht auf, ihr ganzes Bein war verschrammt, die Strumpfhose zerrissen, ganz zu schweigen von dem abgebrochenen Absatz ihrer Pumps. Was sollte sie denn nun tun, so konnte sie doch nicht zu ihrem Termin erscheinen. Tränen liefen ihr über das Gesicht. Natürlich konnte man alles am Flughafen kaufen, aber dazu fehlte ihr einfach die Zeit. Sie konnte sich nicht lange damit aufhalten, quer durch den ganzen Flughafen zu rasen, in der Hoffnung, ein paar neue Strümpfe und Schuhe zu finden.
Karl saß gerade mal wieder verträumt in seinem Taxi als sein Blick auf eine hübsche blonde Frau fiel, in etwa in seinem Alter, die tränenüberströmt aus der Ankunftshalle kam. Was ihr wohl passiert war? Er setzte sein Fahrzeug in Bewegung, ließ das Fenster herunter - "Taxi gefällig?" "Ich muss in 20 Minuten bei einem Meeting sein und bin gerade auf der Rolltreppe gestürzt, meine Strümpfe und Schuhe sind kaputt. Ich kann doch unmöglich so zu meinem Termin erscheinen. Was soll ich denn nur tun?" Karl war fasziniert von ihr. Ihr trauriger Blick, der doch zugleich eine Wärme ausstrahlte. Er hatte die rettende Idee. Er machte ihr den Vorschlag zuerst in das Taxi einzusteigen, er reichte ihr den Verbandskasten, damit sie die Wunde säubern konnte und fuhr los. Wenn sie sich beeilen würden, könnten sie es rechtzeitig zu dem Termin schaffen und vorher Strümpfe und Schuhe kaufen, sie dürfte nur nicht so wählerisch sein und sich schnell entschließen müssen. Sheryll war einverstanden, ihr ganzes Projekt stand auf dem Spiel, sie begab sich vertrauensvoll in die Hand von Karl. Während sie ihr Bein verarztete hielt das Auto auch schon wieder an und sie standen vor einem Schuhgeschäft. Karl erklärte ihr, dass er die Inhaberin des Ladens kennen würde und dass es wohl kein Problem sei, so von Frau zu Frau, sich ein paar Strümpfe zu leihen. Sheryll nahm die erstbesten Schuhe, die farblich zu ihrem Outfit passten und war fünf Minuten später wieder im Taxi. Sie hatten nun noch 10 Minuten. Karl überschritt jedes Tempolimit, benutze Schleichwege und setzte Sheryll rechtzeitig vor dem riesigen Gebäude ab. "Bitte sehr die Dame, ich halte, was ich verspreche" und Karl grinste breit. Sheryll war das Glück im Gesicht anzusehen, sie bedankte sich herzlich bei Karl "Sie sind mein Held" und gab ihm ein großzügiges Trinkgeld und rannte zur Eingangstür. Karl blickte ihr noch hinterher und fuhr los. Was für ein Abenteuer, was für eine Frau. Doch leider war die Zeit zu kurz, wo sich ihre Wege gekreuzt hatten, er würde sie wohl nie wieder sehen.
Karl wartete wieder am Flughafen auf den nächsten Fahrgast, als sein Funkgerät meldete "Karl, hast du heute eine Dame zum Immobiliencenter gefahren? Wenn ja, sie möchte nur von dir abgeholt werden"!... und sein Herz fing an zu pochen.



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Eingereicht am 12. Oktober 2003.
Herzlichen Dank an die Autorin.
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