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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Julia und Romeo

Eine Kurzgeschichte von Conny Thorjussen


Als Karl zum Fenster hinaus schaute, konnte er nicht ahnen, in welcher Weise sich ihre Wege kreuzen würden. Sein Blick ruhte auf dem Alten Turm aus dem frühen 14. Jahrhundert. In der späten Nachmittagssonne strahlte das denkmalgeschützte Bauwerk eine besondere Ruhe aus.
Zur gleichen Zeit saß Sheryll im ICE von Köln nach Frankfurt. Seit der Fertigstellung der neuen Schnelltrasse beträgt die Fahrtzeit nur noch 77 Minuten. Aber sie achtete nicht auf die Geschwindigkeit. Ihre Gedanken kreisten um die Fertigstellung des Projekts. Auch sie konnte nicht ahnen, in welcher Weise sich ihre Wege kreuzen würden.
Genau dort hatte sie gestanden, dachte Karl wehmütig ohne den Blick von diesem Turm abzuwenden. Er hatte ihr atemberaubendes Lächeln vor Augen als sie da stand, in ihrem himmelblauen langen Kleid, das ein wenig durchsichtig war und ihren wunderschönen Körper abzeichnete. Sie hatte die Arme erhoben als wollte sie die ganze Welt umarmen.
Sheryll blickte auf die Uhr. Noch 33 Minuten bis zur Ankunft. Noch einmal überflog sie das überarbeitete Konzept für den Bau der neuen Supermarktkette "Brothers & Co". Es waren Niederlassungen in München, Frankfurt, Düsseldorf, Berlin und Hamburg geplant. Beim Lesen lächelte Sheryll und war von sich selbst und ihren Ideen überzeugt. Sie malte sich jetzt schon aus mit welcher Begeisterung ihr neues Konzept in Frankfurt aufgenommen werden würde.
"Ich möchte fliegen!" - schrie sie vom Turm herunter, beugte sich ein wenig vor und lachte. "Bist Du verrückt geworden? Komm da runter!" rief er ihr zu. Aber sie lachte nur, ging einen Schritt zurück und blickte in den Himmel. "Dieses Leben gehört uns allein, Romeo!" rief sie, als er sich ihr gerade nähern wollte. "Nein, bleib wo Du bist, bitte!" rief sie ihm zu.
Sheryll blickte aus dem Fenster. Gleich bin ich in Frankfurt, dachte sie und seufzte ein wenig. Bei ihren Erinnerungen wurde ihr warm ums Herz, und eine enorme Sehnsucht stieg in ihr auf. Es schien sich kaum etwas verändert zu haben. Alles kam ihr noch so bekannt vor, obwohl alles schon so lange her war. Sheryll schloss die Augen und träumte noch ein wenig vor sich hin.
Karl wurde von einem vorbeifahrenden Zug aus seinen Gedanken gerissen. Sein Blick ruhte noch immer auf dem Alten Turm. "Verlasse mich niemals, Romeo!" bat sie ihn als er sich ihr dann doch näherte und sie liebevoll in den Arm nahm. Schweigend streichelte er seiner Julia über ihr blondes, lockiges Haar, das in der Sonne glitzerte. Sie hatte ihn angesehen wie ein kleines Mädchen, das Schutz suchte.
Wie verliebt er sie doch immer angesehen hatte, als sie Hand in Hand den Weg entlang geschritten waren. Sie hatten sich an den Händen gehalten und sich die ewige Liebe geschworen. Ein zarter Kuss auf ihre vor Sehnsucht glühenden Lippen folgte. Sheryll lächelte und ihre Augen wurden feucht bei diesen Erinnerungen.
Sie schlug ihre Arme um seinen Hals, legte ihren Kopf an seine Schulter und schluchzte. "Bitte verlasse mich nicht!" - flehte sie ihn an. Romeo drückte seine Julia an sich und fühlte sich ein wenig hilflos. Sie hatten nur noch wenige Tage zusammen bis er seinen Grundwehrdienst bei der Marine absolvieren würde. Damals war die Einberufung selbstverständlich und die Kriegsdienstverweigerung noch unüblich gewesen.
Es hatte sie damals wie ein Schlag getroffen, als sie von der Schule nach Hause kam und ihre Eltern ihr mitteilten, dass sie in die Vereinigten Staaten zurückkehren würden, da ihr Großvater sehr krank war. "Ich kann doch nicht einfach abreisen, ohne mich zu verabschieden!" hatte sie damals zu ihren Eltern gesagt. Doch die Koffer waren bereits gepackt und ein Taxi wartete draußen. Wie in Trance hatte sie damals die Wohnung verlassen und war mit ihren Eltern in das Taxi gestiegen.
Karl zündete sich eine Zigarette an und blies den Rauch langsam in die Luft. Er erinnerte sich genau daran, wie er damals am Tag der Abreise am Kai stand und sich suchend nach ihr umsah. "Ich habe gehört, dass sie mit ihrer Familie spontan abgereist ist" sagte seine Mutter.
Für ihn war damals eine Welt zusammen gebrochen. Ohne ein Wort zu sagen war sie abgereist? Er konnte es nicht fassen. Nicht einmal eine Adresse oder einen Brief hatte sie ihm hinterlassen. Karl erinnerte sich gut daran, dass es damals Jahre dauerte bis er sich von seinem Schmerz erholt hatte. Doch vergessen konnte er sie niemals.
Sheryll blätterte in ihrem Terminkalender. Zwischen der Ankunft in Frankfurt und dem Termin lagen noch gut zwei Stunden. Ein Abstecher wäre noch drin, stellte sie erleichtert fest.
Karl näherte sich langsam dem Turm, auf den sie immer gestanden hatten. Als er an seine Julia dachte waren die Jahre, die bereits vergangen waren, wie weggeblasen. Er sah sie genau vor sich. Selbst an den Duft ihrer zarten Haut erinnerte er sich noch genau.
Ankunft in Frankfurt. Sheryll stieg aus dem Zug und sah sich ein wenig um, bevor sie mit schnellen Schritten in Richtung Ausgang eilte.
"Romeo, Liebster! Hör gut zu! Wenn Du mich verlässt, wird ein Teil von mir gehen. Wie soll ich ohne Dich nur leben?" hatte sie immer wieder gefragt.
Sheryll stieg in ein Taxi und lies sich direkt an den Zielort ihrer Gedanken bringen. Als sie angekommen war und aus dem Taxi stieg, spürte sie eine innere Unruhe aufsteigen.
Karl zündete sich eine zweite Zigarette an und blickte vom Turm herunter. Die noch vom Regen nassen Dächer der Häuser glitzerten ein wenig in der Sonne.
Sheryll schritt langsam einen Weg entlang, den sie zuvor allein noch nie gegangen war.
Karl schloss die Augen und sah sie wieder vor sich, in ihrem himmelblauen Kleid. "Ich liebe Dich!" hatte er ihr immer wieder ins Ohr geflüstert.
Sheryll blieb wie angewurzelt stehen. Ihr Körper zitterte.
"Der Schmerz wird unerträglich sein! Ich sehne mich jetzt schon nach dem Tod." hatte sie ihm entgegnet, worauf hin er ihr einen Finger auf die Lippen gelegt und verständnislos mit dem Kopf geschüttelt hatte.
"Der Schmerz hat niemals aufgehört" vernahm er plötzlich eine Stimme synchron zu seinen Gedanken. Erschrocken drehte er sich um und blickte direkt in die klaren und hoffnungsvollen Augen seiner Julia. Als Romeo ihr die Hand reichen wollte spürte er einen brennenden Schmerz in der Herzgegend und krümmte sich. Er brach in ihren Armen zusammen.
"Oh Gott nein, Romeo" schrie Julia und beugte sich über ihn und legte ihren Kopf auf seine Brust. "Wo warst Du nur?" flüsterte Romeo kaum hörbar - und übertönt von den läutenden Glocken der gegenüberliegenden Kirche - bevor er seine Augen für immer schloss.



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Eingereicht am 12. Oktober 2003.
Herzlichen Dank an die Autorin.
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