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Als Karl zum Fenster hinaus schaute

Eine Kurzgeschichte von Nicole Schnatmann


Als Karl zum Fenster hinaus schaute, konnte er nicht ahnen, in welcher Weise sich ihre Wege kreuzen würden. Sein Blick ruhte auf dem Alten Turm aus dem frühen 14. Jahrhundert. In der späten Nachmittagssonne strahlte das denkmalgeschützte Bauwerk eine besondere Ruhe aus.
Zur gleichen Zeit saß Sheryll im ICE von Köln nach Frankfurt. Seit der Fertigstellung der neuen Schnelltrasse beträgt die Fahrtzeit nur noch 77 Minuten. Aber sie achtete nicht auf die Geschwindigkeit. Ihre Gedanken kreisten um die Fertigstellung des Projekts. Auch sie konnte nicht ahnen, in welcher Weise sich ihre Wege kreuzen würden.
Sie kramte ihren Walkman heraus und schaute von da an die meiste Zeit aus dem Fenster. Ihr Blick streifte über die Felder, Straßen, Häuser und Bäume, an denen sie vorbeifuhren hinweg, hinweg hoch zum Himmel, denn allein die weißen Wolken schienen ihr noch Trost zu geben. Die Sonne strahlte und eigentlich war es ein schöner Tag, doch sie fühlte sich so, als würde es seit Tagen in Strömen regnen.
Karl hingegen hatte einen richtig guten Tag. Er freute sich auf die Arbeit in seiner neuen Kanzlei, auf die neuen Kollegen, einfach auf alles was damit zusammen hing. Er war nicht nervös, dafür wusste er zu gut, dass er nichts zu befürchten hatte, schließlich beherrschte er seinen Beruf. Er hatte bei der anderen Kanzlei nur auf Grund des neuen Chefs gekündigt.
Die Zeit danach, war hart für ihn, zwar war es schön jeden Tag bei der Familie zu sein, doch war er der Meinung, auch etwas für den Familienunterhalt zusteuern zu müssen. Bei diesen Gedanken schaute er sich ein wenig im Abteil um und entdeckte eine blonde Frau mit zwei kleinen Kindern. Die Kinder, ein kleiner Junge und ein Mädchen, quengelten: "Wie weit ist es denn noch, wann sind wir endlich bei Papa?" Die Frau blieb dabei ganz ruhig und lieferte den Kindern geduldig die Antworten. Karl musste automatisch an seine eigenen zwei Sprösslinge und natürlich an seine Frau denken und lächelte dabei still in sich hinein.
Sherylls Gedanken kreisten auch um eine Familie, bloß gab es diese nicht und würde sie wohl auch nie geben. Tom hatte es beendet, bevor es soweit gekommen war. Sie verstand nicht warum und er war nicht bereit, mit ihr darüber zu reden. Stattdessen hatte er nur gemeint es sei das Beste so, für sie Beide! Zudem war sie die ganzen gut gemeinten Ratschläge von Allen so leid "Das wird schon wieder, andere Mütter haben auch noch schöne Söhne und so weiter". Sie wusste, das sie es nur gut mit ihr meinten, doch leider war ihr dadurch gar nicht geholfen. Ganz im Gegenteil sogar, dadurch hatte sie sich nämlich immer mehr in eine Scheinwelt, mit dem Namen "Es geht mir gut, ich bin drüber hinweg", zurück gezogen. Daraus war dann ihr ganz privates Projekt entstanden, eine letzte Zugfahrt, in Toms Heimatstadt, Frankfurt und niemand wusste etwas davon.
Karl wusste darüber auch nichts, woher sollte er auch, er kannte Sheryll ja nicht einmal und als er in Frankfurt angekommen war, schweifte sein Blick nur zufällig auf das gegenüberliegende Gleis und somit auf sie, das Mädchen mit dem traurigen Blick.
Sheryll hatte ihr Projekt jetzt fast vollendet, sie war in Frankfurt und somit Tom so nah es ging, so wie sie es wollte.
Erst im letzten Moment, bevor der nächste Zug einfuhr berührten sich die Blicke von Karl und Sheryll, nur einen winzigen Augenblick lang.
Am nächsten Tag in der Zeitung stand von den Blicken und alledem nichts, nur ganz oberflächlich:
Ein tragischer Vorfall ereignete sich gestern morgen in Frankfurt. Ein zweiundzwanzig jähriges Mädchen warf sich vor einen Zug und verlor so ihr Leben.



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Eingereicht am 25. September 2003.
Herzlichen Dank an die Autorin.
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