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Als Karl zum Fenster hinaus schaute

Eine Kurzgeschichte von Susanne Miller


Als Karl zum Fenster hinaus schaute, konnte er nicht ahnen, in welcher Weise sich ihre Wege kreuzen würden. Sein Blick ruhte auf dem Alten Turm aus dem frühen 14. Jahrhundert. In der späten Nachmittagssonne strahlte das denkmalgeschützte Bauwerk eine besondere Ruhe aus.
Zur gleichen Zeit saß Sheryll im ICE von Köln nach Frankfurt. Seit der Fertigstellung der neuen Schnelltrasse beträgt die Fahrtzeit nur noch 77 Minuten. Aber sie achtete nicht auf die Geschwindigkeit. Ihre Gedanken kreisten um die Fertigstellung des Projekts. Auch sie konnte nicht ahnen, in welcher Weise sich ihre Wege kreuzen würden.
Ein Lächeln huschte über Ihre Lippen als sie gedankenverloren aus dem Fenster sah. Sie hatte es wirklich geschafft. In nur wenigen Tagen würde sie im Flugzeug nach Miami sitzen. Mit einem Koffer voll Geld. Seinem Geld, mit dem sie, da es bald vorbei war, ein neues Leben beginnen konnte. Mitleid hatte sie keines. Ihr Mann hatte sie so lange betrogen und hintergangen. Er hatte den Tod verdient. Er konnte froh sein, dass sie gnädig war und ihm noch ein paar Tage Zeit gab, ehe er sich von seinem Leben verabschieden konnte. Wie sie hoffte, auf dem direkten Weg in die Hölle.
Es war doch alles so einfach. Ein paar Kräuter jeden Abend in den Tee. Ein sorgenvolles Gesicht beim Auftreten seiner plötzlichen Beschwerden. Und heute Abend einen filmreifen Nervenzusammenbruch neben ihrem sterbenden Mann. Sie hatte diese Szene schon Hunderte Male im Kopf abgespielt. Sie sah sich vor sich, Sheryll Lynch als trauernde Witwe am Grab ihres Mannes. Tapfer würde sie alle Beileidsbekundungen entgegen nehmen und nebenbei eine nette kleine Lebensversicherung kassieren und sein Anteil aus der Firma erben. Bei diesem Gedanken wurde ihr ganz heiß. Endlich wäre sie der Boss bei International Hotel. Nun wäre sie an der Reihe sich zu nehmen was sie wollte. Männer würden ihr zu Füßen liegen. Sie würde sie vernaschen. Alle. Sie würde sich Genugtuung verschaffen. Affären führen wie andere Leute ihr Hobby pflegten und ihm zeigen, dass sie es genauso konnte wie einst er. Mit quietschenden Reifen würde sie den Ferrari vor dem Eingang des Hotels zum Stehen bringen. Vorbeilaufende Passanten würden mit offenen Mündern stehen bleiben und wie gebannt auf die sich öffnende Fahrertür starren. Zwei rote Pumps an endlos lang wirkenden schlanken Beinen werden sich galant aus der Tür schwingen. Gefolgt von einem makellosen Körper, der Mann wie Frau gleichermaßen den Atem nimmt. Oh sie liebte diese Vorstellung, immer und immer wieder konnte sie diesen Film vor ihrem inneren Auge abspielen. Nur ungern unterbrach sie ihren Tagtraum. Doch das Quietschen des Zuges und die Durchsagen der Lautsprecher am Frankfurter Hauptbahnhof zwangen sie wieder in die Realität zurück zu kehren. Der Zug war gut besetzt und erfüllte den Waggon mit einer schwülen Hitze, es roch nach Menschen und deren Ausdünstungen, sie musste hier raus. Sie schob sich den Massen vorbei, entschuldigte sich flüchtig als sie einen Passanten fast umstieß und stürmte wie eine Erstickende ins Freie.
Endlich ausgestiegen peitschte ihr der eisige Wind entgegen. Es war ein klirrend kalter Novembertag. Es war bereits nachmittags und die Sonne war gerade am Untergehen. Sie zog den Kragen ihres Mantels höher und vergrub ihre Hände in den Tiefen ihres Mantels um sie vor der Kälte zu schützen. Es waren nur ein paar Minuten Fußmarsch durch den Wald bis zu ihrem Haus. Gleich hinter dem alten Turm hatten sie sich vor einigen Jahren eine Villa gekauft. Die frische Luft tat ihr gut und verlieh ihr fast eine Art Trance als sie die Einfahrt hoch lief. Fröhlich rief sie nach Karl als sie den Schlüssel in die Wohnungstür steckte. Ohne eine Antwort von ihm abzuwarten ging sie ins Wohnzimmer. Seit es ihm schlechter geht war er schon zu schwach um sich allein aus seinem Sessel zu erheben. Meist saß er vor dem Fenster, seinen Blick starr auf den Turm gerichtet. Langsam beugt sie sich ihm entgegen um ihn in die Arme zu schließen. Er roch bereits nach Tod, sie spürte den kalten Schweiß auf seinem Hals. Sein Körper bebte im Kampf mit dem tödlichen Gift. Übelkeit stieg in ihr auf, sie wollte sich von seiner Umarmung befreien doch mit unerwarteter Kraft hielt er sie fest an sich gedrückt. Er hatte sie erwartet. Plötzlich spürte sie etwas Hartes zwischen ihren Schulterblättern, gefolgt von einem dumpfen Knall und ehe sie etwas erwidern konnte sank sie zu Boden. Blutüberströmt lag sie zu seinen Füßen. Das Leben lief unaufhaltsam aus ihrem Körper und bildete einen kleinen See.
Sein Blick wanderte wieder zum Turm, wie ein Fels in der Brandung seit Jahrhunderten. Aber das Leben außen rum, das ändert sich. Neue Wege entstehen, kreuzen sich und laufen wieder zusammen.



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Eingereicht am 24. September 2003.
Herzlichen Dank an die Autorin.
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