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Als Karl zum Fenster hinaus schaute

© Kris Mund


Als Karl zum Fenster hinaus schaute, konnte er nicht ahnen, in welcher Weise sich ihre Wege kreuzen würden. Sein Blick ruhte auf dem Alten Turm aus dem frühen 14. Jahrhundert. In der späten Nachmittagssonne strahlte das denkmalgeschützte Bauwerk eine besondere Ruhe aus.
Zur gleichen Zeit saß Sheryll im ICE von Köln nach Frankfurt. Seit der Fertigstellung der neuen Schnelltrasse beträgt die Fahrtzeit nur noch 77 Minuten. Aber sie achtete nicht auf die Geschwindigkeit. Ihre Gedanken kreisten um die Fertigstellung des Projekts. Auch sie konnte nicht ahnen, in welcher Weise sich ihre Wege kreuzen würden.
Sheryll arbeitete für ein Studio, das Schwarz-Weiß-Fotografien von Museumsstücken anfertigte. Sie interessierte sich auch sehr für Kunst und Geschichte, und war manchmal von ihrer Arbeit derart gepackt, dass sie die fertigen Vergrößerungen lange wie gebannt ansah.
Karl fühlte sich gleichermaßen von Geschichtlichem angezogen, was nicht zuletzt darauf beruhte, dass er in einer so historischen Stadt lebte. Er wusste alles über die ältesten und schönsten Häuser, und hatte gar kein Verlangen, andere und größere Städte - etwa Metropolen - kennen zu lernen.
Sheryll war von Frankfurt nach Aschaffenburg gefahren, hatte dort in einem kleinen Hotel übernachtet, und erkundete nun neugierig das idyllische Städtchen. Eingebettet in grüne Hügel, durchzogen von Apfelbäumen, die den Stadtrand säumten, floss der Main durch die Stadt. Auf einer alten Brücke stand ein junger Mann, der gedankenverloren ins Wasser blickte. ¨¨Ein verträumtes Bild¨¨, dachte Sheryll. Sie näherte sich der Brücke, und hatte die Frage auf der Zunge, ob sie ihn fotografieren dürfe. Da bemerkte sie, dass er weinte. Von ihr beobachtet, wischte er sich verlegen die Tränen vom Gesicht und schaute zur Seite. Er war wohl etwas jünger als sie, etwa Anfang zwanzig. "Hey, was ist mit Dir? Ich heiße Sheryll, kann ich Dich irgendwie trösten oder Dir helfen?"
Karl sah ihr direkt ins Gesicht. Sie hatte blaue Augen und ein Lächeln, das ihm Vertrauen einflösste. "Ich weiß nicht", murmelte er, "hast Du etwas Zeit?"
"Ja", sagte sie einfach.
"Ich brauche jemanden zum Reden, der nicht für alles einen billigen, blöden Trost hat, der sowieso nichts wert ist", grummelte er. "Ich habe keine Arbeit, niemand braucht mich. Ich fühle mich sehr unnütz auf dieser Welt."
Sie hörte ihm zu und verstand schnell den Kummer, der ihn bedrückte. "Ja", sagte sie, "manchmal braucht man etwas Glück, um Arbeit zu finden. Ich, zum Beispiel, habe in meinem Studio ein Praktikum gemacht, und meine Arbeit hat den Leuten gefallen. Sie haben mich dann schließlich übernommen."
Als sie ein bisschen ins Reden gekommen waren, erfuhr sie, dass er sich sehr für Geschichte und Architektur interessierte. "Weißt Du was? Ich habe heute einen Phototermin im Heimatmuseum im Michelbacher Schlösschen. Wenn Du willst, dann begleite mich doch."
Karl schaute sie erstaunt an. "Meinst Du wirklich", zögerte er. "Störe ich auch nicht?"
"Ach was, ich freue mich über Deine Gesellschaft. Aber vorher lass´ mich noch ein Foto von Dir auf dieser alten Brücke machen. Es wirkt wie aus einer anderen Zeit."
Dann schlenderten sie gemeinsam in Richtung Museum. Es gab Geschichtliches und Kunsthistorisches über die Stadt und die Region zu erfahren. Sheryll staunte über das Wissen, das Karl hatte, und war dankbar für die kleine Führung, die er mit ihr machte.
"Sag nie wieder, dass Du unnütz bist, sonst komme ich an jedem Tag der nächsten Wochen, und Du machst Führungen, bis Du Fusseln am Mund bekommst." Er lächelte glücklich.
Sheryll schoss ihre Photos und wusste, sie hatte nicht mehr viel Zeit. Sie musste zurück nach Köln. Beim Abschied drückte sie Karl warm und herzlich an sich, gab ihm ihre Telefonnummer, und meinte: " Ich hätte gerne einen Freund wie Dich!" Sie drehte sich um und entschwand langsam seinem Blick.



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Eingereicht am 18. September 2003.
Herzlichen Dank an die Autorin.
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